Inhaltswarnung: In diesem Artikel geht es um Femizide und sexualisierte Gewalt.
8 Jahre lang wird die 21-jährige Jenni vermisst. Dezember 2025 gesteht der Täter den Mord. Wie in nahezu jedem Fall eines Femizids in Österreich ist er der Ex-Partner. Bianca Boros war beim Gerichtsprozess Ende August und berichtet, wie über getötete Frauen gesprochen und Täter als Opfer inszeniert werden.
Während sich im Gang vor dem Gerichtssaal zwischen Kameras und Ellbogen um einen Platz im Saal gestritten wird, findet vor dem Wiener Landesgericht eine Kundgebung für Jenni statt. Feministische Initiativen bemühen sich um ein Gedenken für Jenni, eine Mahnwache für die Angehörigen und für alle getöteten Frauen, die man in Österreich mittlerweile ein- bis zweimal pro Monat verzeichnet. Erst wenige Wochen zuvor schockierte die Betäubung, Vergewaltigung und Tötung einer Frau in Marchtrenk, ebenso wie die Ermordung einer Studentin in Graz. All diese Femizide sind Resultate patriarchaler, männlicher Gewalt. Wie sich bei der Beobachtung des Prozesses gegen Jennis Mörder herausstellen wird, deklarieren Justiz, Presse und Politik Frauenmorde in Österreich aber als monströse, gleichzeitig krankhafte Einzelfälle.
Nach einer langwierigen medialen Fotosession des Täters verliest die Staatsanwältin die Anklageschrift. Sie erklärt bereits zu Beginn: Dieser Mord ist kein Einzelfall, es ist ein Femizid: das Ergebnis eines absoluten, gewalttätigen, männlichen Besitzdenkens. Statt diesen Frauenmord aber als die Spitze des Eisbergs misogyner Gewalt zu deklarieren, wird in diesem Gerichtsverfahren sofort klar: Es geht nicht um die getötete Frau. Es geht hier nicht um Jenni. Es geht über 3 Stunden um den Täter. Es geht um seine Kindheit, seine Beziehungsmuster, seine Eifersucht, seinen Narzissmus, sein “Klammern”, seine Impulsivität. Es geht um seine Befindlichkeiten und um seine nach 8 Jahren vermeintlich mutig eingestandene Schuld. Der Mann erhält eine Bühne, die Frau ist tot.
Die Trennung: die gefährlichste Entscheidung einer Frau
Jenni hat den Täter, ihren Ex-Partner, 2017 kennengelernt. Die beiden sind rasch zusammengezogen. Er installiert Überwachungskameras in Jennis Wohnung und rechtfertigt das mit sexuellen Reizen. Bereits 2017 hat sich Jenni schon einmal von ihm getrennt. Kurz danach beginnt er nach K.O.-Tropfen zu recherchieren. Sie finden wieder zusammen. Als ein auf seiner Eifersucht basierender Streit am 22.01.2018 dazu führt, dass Jenni sich trennen möchte, erwürgt er sie. Er schleppt ihre Leiche in ein Waldstück, bringt sie später an einen anderen Ort und vergräbt ihre Knochen erneut. Fast 8 Jahre lang führt der unscheinbare Landschaftsgärtner ein Leben wie jeder andere.
Das ist relevant, weil er im Gerichtsprozess wie ein sanfter, gekränkter, „durchschnittlicher“ Mann wirkt. Es ist der selbe Mann, der kurz nach dem Mord an Jenni neben ihrer Leiche sitzt und auf Instagram in Chats mit Frauen flirtet. Ein Mann, der wegen eines Waffenverbots bereits polizeilich bekannt war und auch schon wegen Gewalt an anderen Ex-Partnerinnen angezeigt, aber nicht angeklagt wurde. In einer Sprachnachricht spricht er sogar 2025 (sieben Jahre nach dem Mord) darüber wie er Leichen verschwinden lassen würde.
Die Entscheidung, sich von ihrem Partner zu trennen, wird für Jenni zum größten Sicherheitsrisiko. Das zeigt, dass Trennungen die mitunter gefährlichsten Entscheidungen für Frauen sind. In der Verhandlung spricht die Verteidigung von „ungesundem Klammern“ – als hätte man sich vorab überlegt, welches Wort einen Mord am ehesten verharmlost. Er wisse nicht, was Liebe sei, die Gefühle seien mit ihm durchgegangen, seine Welt sei zusammengebrochen. Man müsse seine Reue anerkennen, ihm Respekt für das späte Schuldgeständnis zollen. Auch die Richterin hängt an der Unbescholtenheit des Täters: Er habe sich vor und nach dem Mord juristisch nichts zuschulden kommen lassen. Die Einvernahme der Ex-Partnerinnen als Zeuginnen wird verweigert – obwohl bekannt ist, dass er mindestens einer von ihnen gegenüber gewalttätig war. Das stützt die Einzelfall-Rhetorik der Verteidigung.
Ein System, das Männer schützt
Die misogyne Tat macht den qualitativen Unterschied im Vergleich zu einem anderen Mord: Der Femizid, in vielen Staaten längst eigener Straftatbestand, findet in Österreich weiterhin keine gesetzliche Verankerung. Die Legislative macht Jennis Körper zu einem Objekt über das verhandelt wird, blendet die patriarchale Systematik einer Gewaltspirale und der schlussendlichen Tötung aus – Jenni wird zur Randnotiz.
Der Täter wird über den gesamten Prozess hinweg pathologisiert. Er wird zum Patienten und zum Opfer seiner eigenen Tat. Das psychiatrische Gutachten bringt das I-Tüpfelchen: Der Täter sei zurechnungsfähig, aber „zutiefst narzisstisch gestört“. Er wollte Jenni angeblich „so lange festgehalten, bis sie sich beruhige“. 8 „unauffällige“ Jahre habe er ein normales Leben geführt. Es wird das Bild eines Mannes gezeichnet, der sich nicht anders zu helfen wusste, als seine Partnerin aufgrund ihrer Trennungsabsicht zu töten.
Wenn Frauenmörder als impulsiv, eifersüchtig, von schwerer Kindheit gezeichnet beschrieben werden, ist das das Problem. Der Täter wird durchgehend pathologisiert, die Medien machen ihn zum Monster, das Gericht zum kranken Narzissten. Die Tat ist krank, aber nicht zwangsläufig der Täter. Benennen wir ihn stattdessen politisch klar: als Mann, der sich ermächtigt fühlt, eine Frau zu töten, weil er „nein“ nicht akzeptiert – weil er ein Anrecht auf seine Partnerin zu haben glaubt.
Es tut ihm leid, dass ihm das passiert ist
Am Ende des Prozesses wurde der Täter zu lebenslanger Haft verurteilt, die Verteidigung legte Berufung ein. Den Angehörigen ist es nach 8 Jahren zumindest möglich, um Jenni zu trauern. Was bleibt, ist die Wut auf ein System: eine Legislative, die die Systematik von Femiziden ausblendet, versagende Polizei-Behörden, tatenlose Politiker*innen, kaputt gekürzte Gewaltschutzeinrichtungen und hetzerische Medien, die patriarchale Gewalt strukturell verharmlosen und sich nur auf die Täter beziehen. Statt Empathie mit dem Opfer, wird sich schaulustig über den Täter das Maul zerrissen.
Die Scham muss nicht nur die Seite wechseln, Täter sind als Täter zu behandeln. Denn diese Täter sind keine „abnormen“ Männer. Der Täter ist kein Monster, das verdeckt unter uns lebt. Er ist auch nicht der kranke Wahnsinnige, als den man ihn in den Medien maskiert. Er ist ein für uns vollkommen unscheinbarer, durchschnittlicher Mann, dessen Ego es nicht aushält, dass seinem Besitzanspruch widersprochen wird. Wir leben in einem patriarchalen System, in dem soziales Leben durch Besitz definiert wird – ein Haus, ein Auto und seit Jahrhunderten auch die Partnerin. Besitz und Kontrolle sind der Normalzustand. Sie machen es möglich, dass der Mörder von Jenni vor Gericht das größte Einfühlungsvermögen erhält, wenn er im Schlussplädoyer sagt: „Es tut mir leid, dass mir das passiert ist.“
Foto: Vernetzung gegen Feminizide Wien