Vier Personen machen eine Performance

Unruhe im Ländle – Die freie Kulturszene Vorarlbergs

Das kleine Vorarlberg hat einiges: Die weltgrößte Seebühne, hübsche Berge, eine rechtskonservative Regierung. Und sonst? Jenseits der Klischees und trotz aller Kürzungen agiert eine freie Kulturszene zwischen Punk, Subversion und politischem Theater. In der mosaik-Sommerreihe „Kein ruhiges Hinterland“ lernt ihr sie kennen, mitsamt ihren Stärken und Widersprüchen.

Die Ereignisse überschlagen sich. Gerade eben war Stadtrat Keller noch der stärkste Mann im Ort, als Vorsitz der mächtigsten Volkspartei, die alle Asylwerbenden an der Grenze zurückweist. Jetzt sind seine schiefen Geschäfte aufgeflogen. Wegen Amtsmissbrauch muss er Sozialstunden am Blasenberglift leisten. Doch schon naht die Rettung: Ein Großinvestor zeigt sich bereit, die Lage zu drehen. Eine neue Chance für den geschassten Politiker und für den klimageplagten Skiort ohne Schnee?

„Klar, es ist nicht schwer, in Keller einen FPÖler zu sehen“, erzählt Tobias Fend, der den Politiker spielt und zusammen mit Danielle Fend-Strahm die Vorarlberger Theatergruppe Café Fuerte leitet. Diesen Sommer läuft bereits der zweite Teil ihrer bissigen „Blasenheim Soap“. Es wird in alle Richtungen geschossen, wobei der Rechtspopulismus, der auch im von ÖVP und FPÖ regierten Vorarlberg virulent ist, sicher eines der prominentesten Ziele darstellt. Neben dem klimaheizenden Kapitalismus.

Café Fuerte: „Blasenheim Soap“ | (c) Laurenz Feinig

Alles also beim Alten? Engagierte Theatermachende gegen den Verbund aus geldgeilen Politiker*innen und Großindustrie? Ja – und doch anders als erwartet: Café Fuerte agieren auf kleiner Bühne und nicht unbedingt da, wo man kritisches Theater erwartet: Im Schwimmbad, in einer Seilbahngondel oder, wie im Falle der „Blasenheim Soap“, beim Skilift. Theater für die Leute, bei den Leuten. Oder nach eigener Beschreibung: „Theater woanders.“

Aber geht es in Vorarlberg überhaupt anders? Dem zweitkleinsten und westlichsten Bundesland Österreichs, liebevoll „Ländle“ genannt und im Ausland bekannt für seine altherrliche Bregenzer Opernbühne? In dieser Folge der mosaik-Sommerreihe „Kein ruhiges Hinterland“ besuchen wir drei freie Kulturinitiativen: Die Offene Kultur Feldkirch, das Kollektiv WGN aus Bregenz und das Café Fuerte in Hittisau. Zwischen Metal, antikapitalistischer Installationskunst und politischem Theater fragen wir ganz dreist: Ist das hier Gegenkultur? Und wie funktioniert sowas in Vorarlberg?

Feldkirch: DIY im Pulverturm

Stefanie Oswald lacht – ein bisschen nachsichtig – über die Frage. Nein, Gegenkultur machen sie beim OKFK (Offene Kultur Feldkirch) nicht. Vor der Kulisse des mit mittelalterlichen Bauten gespickten Feldkirch veranstaltet der Verein Konzerte, Ausstellungen, manchmal auch einen Flohmarkt. Ehrenamtlich, ganz Do It Yourself und mit niedrigen Preisen. Auf Anti hat sich der OKFK nicht spezialisiert, auch wenn die Plakate der veranstalteten Konzerte so aussehen: Feministische Wurmpunkbands, monströse Insektenkreaturen; über der verzerrten Typo der finnischen Metalband Galvanizer steht bedrohlich: „Europe Shrouded in Chaos Tour“.

Stefanie Oswald, stellvertretende Vorsitzende des OKFK, freut sich, dass viele Musiker*innen auf ihren Europatouren auch im Vierländereck Deutschland, Österreich, Schweiz, Liechtenstein vorbeischauen: „Wir fangen viele Bands ab, die zwischen den Ländern auf Durchreise sind.“ Sind Feldkirch und das ebenfalls vom OKFK bespielte Dornbirn also ein idealer europäischer Knotenpunkt?

Konzert, veranstaltet von der OKFK | (c) OKFK

Rosig sieht es trotzdem nicht aus, vor allem nicht finanziell, lässt Stefanie durchblicken. Der Verein ist auf Kooperationen angewiesen. Die Unterstützung durch die IG Kultur in Vorarlberg ist Gold wert, sie helfen bei der Förderakquise. Geld hingegen kommt vor allem von der Stadt Feldkirch und dem Land, wobei die harsche Kürzungspolitik deutliche Spuren hinterlässt.

Umso mehr freut sich das Team um Stefanie über jedes Entgegenkommen: „Die Stadt Feldkirch macht uns immer wieder gute Angebote. Im September kriegen wir den Pulverturm einen Monat gratis zur Verfügung gestellt.“ Das 1460 erbaute Wahrzeichen der Stadt bietet dann Platz für Ausstellungen und Konzerte. Hier scheint sich das Versprechen zu erfüllen, das die von der ÖVP regierte Stadt ihrer Kulturszene gibt: „Der Pulverturm dient als vielseitiger Raum für Arbeit und Präsentation, fördert eine kollaborative Umgebung ohne Hierarchien.“ Man kann nachvollziehen, warum die Offene Kultur Feldkirch nicht auf Gegenkultur macht. Es bleibt prekär, aber noch läuft es ganz gut im kooperativen DIY-Style.

Bregenz: Verdi sabotieren

Die brutale Sommerhitze lähmt ganz Österreich, trotzdem grinst Manuel Menghin in seine Handykamera. Der Handwerker, der gerne „hinter Kunst und Kultur“ auf der Bühne werkelt, kommt gerade vom Schwimmen im See. Sein Kollege, der portugiesische Künstler José Oliveira ist von zuhause zugeschalten. Er schaut etwas kritischer als Manuel in die Kamera: Klar würde José für die Arbeit von WGN den Begriff Gegenkultur verwenden. Anders als in seiner Heimatstadt Porto sei die Gegenkultur in Bregenz noch nicht von der Stadtpolitik vereinnahmt und vermarktet worden.

Tatsächlich: Die Bodenseestadt setzt weiterhin auf glänzende Hochkultur und Tourismus. Die größte Seebühne weltweit zog letztes Jahr eine Viertelmillionen Zuschauer*innen in die beschauliche Vorarlberger Landeshauptstadt. Während bei den Festspielen heuer Guiseppe Verdi, Molière und die Wiener Symphoniker vor einem zahlkräftigen Publikum zelebriert werden, fährt das vier Menschen starke Team von WGN mit seinem titelgebenden Wagen durch Bregenz, um den Touristentraum zu dekonstruieren. Mit einem Fake-Shop bringt die Kunstinitiative T-Shirts, Flipflops, Handtücher und Postkarten unter die Leute. Unter dem Titel „I hate vacactions“ treffen Urlaubsmotive auf die Themen Arbeit, Tourismus und Gentrifizierung.

Das Team vom WGN: Wagen – Association for Art & Culture | (c) WGN

Wie auch die Offene Kultur in Feldkirch wird WGN von der Stadt und dem Land finanziert. Die Beträge seien allerdings „gar nichts“ im Vergleich zu dem Geld, das jährlich in die Festspiele gepumpt werde, so José: „Das hier ist eine konservative Region mit einer sehr einseitigen Kultur.“ Hinzu kommen die österreichweiten drastischen Kulturkürzungen. Manuel, der aus der Skatekultur kommt und wie Stefanie vom OKFK auf DIY-Moral setzt, bleibt trotzdem gut gelaunt: „Man findet auch mit wenig Budget sein Publikum.“ José hingegen ist für mehr öffentliches Geld für Kunst und Kultur: „Ansonsten geht es an Dinge, die weniger cool sind. Wenn es öffentliches Geld gibt, dann nimm es dir.“

Hittisau und Appenzell: Kameraden am Skilift

Zurück zur „Blasenheim Soap“ und zum Café Fuerte. Bisher steht es 1/1 mit der Frage nach der Gegenkultur-Identität. Feldkirch sagt klar nein, Bregenz ist voll dafür. Bei der Theatergruppe glaubt man sich eines weiteren Jas sicher. Schließlich spielt der im Vorarlberger Hittisau und dem schweizerischen Appenzell beheimatete Theaterverein seine Produktionen an „Nicht-Theaterorten“, mitten in der von Voralpen und idyllischen Waldabschnitten geprägten Landschaft. Trotz all dem verneint die Leitung, bestehend aus Danielle Fend-Strahm und Tobias Fend, die Frage nach der Gegenkultur.

„Wir machen keine Gegenkultur. Wenn dann machen wir eher Kultur für etwas“, meint Tobias. Danielle ergänzt: „Wir sind nicht gegen die etablierte Kultur, sondern sehen uns als Ergänzung. Wir versuchen, mit unserer Kultur die Menschen zu berühren.“ Tobias: „Das Café-Fuerte-Gefühl: Zusammenkommen wie im Café.“

Und wie geht das mit den bissigen Satiren gegen korrupte Populist*innen und den Kapitalismus zusammen? „Na ja, wir teilen eigentlich in alle Richtungen aus. Wobei wir versuchen, niemals arrogant von oben auf irgendwen zu zeigen. Jede*r soll bei uns erschüttert werden und angehalten sein, die eigene Position zu hinterfragen.“ Das vereint das „kräftige“ Café mit den anderen Vorarlberger Initiativen: Elitär will man nicht sein. Wie weit man bei der Annäherung in ungewohnte Richtungen gehen will, bleibt dennoch ein heikles Thema.

Das beweist auch das Beispiel mit dem Kameradschaftsbund: „Während unserer Blasenheim Soap bewirten Leute vom Kameradschaftsbund unsere Zuschauenden“, erzählt Tobias. Der Österreichische Kameradschaftsbund (ÖKB) entstand aus dem Soldatengedenken und hat sich, laut eigener Website, den „christlichen Werte des Abendlandes“ verschrieben. Von der Zusammenarbeit zeigt sich Tobias selbst überrascht: „Als wir beim mittlerweile stillgelegten Skilift unsere Produktion vorbereiteten, trafen wir plötzlich auf die Leute vom Kameradschaftsbund. Wir kannten die vorher gar nicht. Erst hatten wir natürlich Bedenken. Schließlich haben sich die Mitglieder des Bunds aber sehr offen und kooperativ gegenüber unserer Produktion gezeigt.“

Vorarlberg: Bestens vernetzt

Natürlich merke man, dass es einen Rechtsruck im von ÖVP und FPÖ regierten Vorarlberg gebe, fügt Danielle hinzu, etwa im Sozialen, aber auch in der Infrastruktur, bei den „idiotischen Straßenbauprojekten“. Die freie Kulturszene immerhin sei nicht betroffen. „Bei den Freien ist eh kaum Geld, das man ihnen wegnehmen kann.“ Tobias fügt grinsend hinzu: „Wir sind so klein, dass die FPÖ uns gar nicht auf dem Schirm hat.“ Das teilt das Café Fuerte mit der OKFK in Feldkirch und WGN in Bregenz – alle drei scheinen unter dem Radar zu agieren und der Kürzungskeule so ausweichen zu können.

Trotzdem wendet Tobias warnend ein: „In ganz Österreich ziehen sich Städte und Gemeinden immer mehr aus der Förderung raus.“ Ganze Produktionen kriegt das Café Fuerte längst nicht mehr gefördert. Verzweiflung ist trotzdem nicht angesagt, nicht hier in Vorarlberg. Das umtriebige Café Fuerte wird nicht nur von Bund, Land sowie den Städten Feldkirch, Dornbirn und Hittisau gefördert, sondern auch vom Schweizer Kanton Appenzell Ausserrhoden und privaten Stiftungen in der Schweiz. Danielle, die aus Appenzell kommt und der Vorarlberger Tobias sind dankbar über dieses besondere Plus an Resilienz.

Überhaupt scheint sich keine der besuchten Initiativen unwohl in Vorarlberg zu fühlen. Der WGN sympathisiert zwar mit dem Etikett „Gegenkultur“, fährt aber trotzdem gerne durch die Bregenzer Straßen und stört so die touristische Idylle. Vielleicht sind es gerade diese kleinen Störungen im Betriebsablauf, die am Ende den Unterschied und Vorarlberg zu einer – für ahnungslose Wiener*innen – unerwarteten Kulturoase machen.

Titelfoto: Café Fuerte – „Die rote Zora“ | (c) Laurenz Feinig

Dieser Artikel ist Teil unser aktuellen Sommerreihe „Es gibt kein ruhiges Hinterland“. Hier kommst Du zu den bisherigen Teilen:

1.  Kein ruhiges Hinterland – mosaik Sommerreihe 2026

2. „Vöcklabruck gegen Rechts“ – Antifaschismus bleibt Landarbeit

3. Und dann steht alles still – FRAUEN*streiken im Weinviertel

4. Ein Haus gehört allen: Zu Besuch in der GemSe

  • Fabian Lutz ist seit 2025 Teil der Redaktion von mosaik, arbeitet im freien Kulturjournalismus und interessiert sich besonders für queerfeministische Interventionen und Utopien.

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