Welche Perspektiven finden in Redaktionen statt und wie wirkt sich das auf die Berichterstattung und somit auch auf gesellschaftlichen Diskurs aus? Lucy Perera Krawczyk schreibt in unserer Kolumne über die Zusammensetzungen von Redaktionen und welchen Einfluss diese auf unsere Inhalte hat.
Wenn ich während unserer Redaktionssitzung in die Runde gucke, schaue ich in unterschiedliche Gesichter: weibliche, männliche, junge und weniger junge. Nichtsdestotrotz haben wir aber vieles gemeinsam. Fast alle sind in deutschsprachigen Ländern aufgewachsen, haben studiert und können es sich leisten, mehrheitlich unbezahlt zusammen journalistisch zu arbeiten. Diese Zusammensetzung ähnelt wahrscheinlich vielen anderen Redaktionen in Österreich. Gerade deshalb würde ich mir wünschen, dass wir bei mosaik einen stärkeren Gegenpool zu anderen Redaktionen bilden sollten, damit nicht auch wir zur mangelnden Diversität im österreichischen Journalismus beitragen.
Während Journalist*innen mit Migrationshintergrund in österreichischen Medienhäusern unterrepräsentiert sind, sind Personen mit einem akademischen Abschluss deutlich überproportional vertreten, obwohl es so einen per se nicht braucht. Das fehlende Diversität ein Problem darstellt, ist nicht neu. Seit vielen Jahren kämpfen Menschen und Projekte gegen diese Zustände an, wie etwa die Redaktion der inklusiven Plattform „Anderseits“ oder „biber“, eine Zeitung, die sich von Menschen mit Migrationshintergrund an Menschen mit Migrationshintergrund richtet.
Plakative Inklusion
Viele Medienhäuser wollen über Stellenausschreibungen die Zusammensetzung ihrer Redaktionen verändern. Der Hinweis, man solle sich mit „vielfältigem Hintergrund“ bewerben und so zur Diversität des Unternehmens beitragen, ist dabei zur Standardfloskel geworden – oft flankiert mit einer Auflistung von Merkmalen wie soziale Herkunft, Geschlecht, Religion, Alter, Behinderung oder Sexualität. Merkmale, die vorher zu Benachteiligung geführt haben, werden plötzlich bewusst in den Vordergrund gestellt.
Natürlich ist dieses Problembewusstsein ein Fortschritt, für den Betroffene lange gekämpft haben. Trotzdem möchte niemand aufgrund des Geschlechts, der Sexualität oder des eigenen Migrationshintergundes zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen werden. Wie diese Merkmale niemandem Praktika, Volontariate oder Jobs verwehren sollten, dürfen sie auch nicht das ausschlaggebende Einstellungsargument sein. Zugleich bleibt ein Kernproblem ungelöst: Wenn das Traumpraktikum un- oder schlecht bezahlt ist, stellt sich die Frage, wer sich das leisten kann. Viele lehnen ab – oder schuften doppelt, nur um eine Quote zu füllen.
Vielfalt reicht alleine nicht aus
Vielfältigkeit in Redaktionen kann zu einer ausgewogeneren Berichterstattung führen, zur Pluralität von Perspektiven beitragen, so dass nicht nur dominante Stimmen mittelalter, weißer Durchschnittsredakteure zu Wort kommen. Denn Menschen mit unterschiedlichen Lebensbiografien haben unterschiedliche Blicke auf die Welt und sind anders vernetzt, dies kann letztlich zu einer ausgewogeneren Berichterstattung führen. Nichtsdestotrotz wird Vielfältigkeit allein auch nicht alle strukturellen Probleme des Journalismus lösen. Schließlich sorgt eine Betroffenheit nicht automatisch für eine Parteilichkeit gegenüber einer diskriminierten Gruppe.
Natürlich haben auch wir bei unserer letzten Redaktionsvergrößerung darüber nachgedacht, wie wir mehr unterschiedliche Menschen für unsere Redaktion gewinnen können und festgestellt, dass wir Hürden abbauen müssen, um das zu erreichen. Aber egal wie viele Räume für mehr Diversität geschaffen werden, bleibt der strukturelle kapitalistische Charakter des Mediensystems und die damit verbundenen Interessen ein Problem, dass überwunden werden muss, um faire Berichterstattung möglich zu machen.
Illustration: Hannah Krause