Europa lässt diejenigen im Stich, die gegen den Islamischen Staat gekämpft haben. Ein Kommentar von Arî Milan, Vertreter der Demokratischen Selbstverwaltung der Region Nord- und Ostsyrien in Wien.
Was sich derzeit in Nord- und Ostsyrien abspielt, ist mehr als eine regionale Eskalation. Es ist ein Testfall dafür, wie ernst es Europa mit Demokratie, Minderheitenschutz und politischer Verantwortung meint. Während die kurdische Selbstverwaltung von Rojava unter massivem Druck steht, setzt die Europäische Union auf pragmatische Annäherung an ein Regime, dessen Legitimität und Menschenrechtsbilanz mehr als fragwürdig sind – und unterstützt es zugleich finanziell. Dabei lässt die EU diejenigen im Stich, die in den letzten Jahren heldenhaft gegen den sogenannten Islamischen Staat (IS) gekämpft hatten. Und trägt gleichzeitig dazu bei, dass beim Vorstoß der jihadistischen Milizen, die der syrischen Regierung unterstehen, IS-Kämpfer aus den Gefängnissen befreit werden.
Angriff auf ein pluralistisches Modell
Die Demokratische Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien (DAANES) gehört zu den wenigen funktionierenden demokratischen politischen Modellen im Nahen Osten. Entstanden aus dem arabischen Frühling, dem Frühling der Völker und dem Kampf gegen den IS, baut sie auf lokaler Selbstverwaltung, Gleichberechtigung der Geschlechter und dem Zusammenleben unterschiedlicher ethnischer und religiöser Gruppen auf. Dass gerade dieses pluralistische Modell nun unter Beschuss kommt, ist kein Zufall. Demokratische Strukturen und kurdische Autonomie passen weder in das reaktionäre Machtverständnis der neuen syrischen Führung noch in die sicherheitspolitische Logik der Türkei.
Besonders irritierend ist der Zeitpunkt der Eskalation. Während die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) – das kurdisch geführte Militärbündnis der Region – den politischen Dialog suchten und sich auf einen Verhandlungsrahmen für einen gemeinsamen Übergang einließen, reagierte Damaskus mit Gewalt. Die aggressive Außenpolitik der Türkei hat einen erheblichen Beitrag zur erneuten Eskalation beigetragen. Ein großer Teil der jihadistischen Milizen wird vom türkischen Staat militärisch unterstützt. Die Angriffe auf kurdische Stadtteile in Aleppo, die Vertreibung tausender Menschen und Berichte über Entführungen markieren eine klare Botschaft: Macht soll militärisch durchgesetzt werden, nicht politisch geteilt.

Die EU mittendrin
Europas Rolle in diesem Konflikt ist dabei alles andere als passiv. Die Zusage von rund 620 Millionen Euro an finanzieller Unterstützung für Damaskus, die Aufhebung von Sanktionen und die diplomatische Annäherung an die Übergangsregierung unter Ahmed al-Sharaa senden ein fatales Signal. Wer ein Regime finanziell stabilisiert, während es zivile Wohngebiete angreift, nimmt weitere Gewalt billigend in Kauf. Stabilität lässt sich nicht erkaufen, wenn sie auf Repression beruht. Besonders bedenklich: EU-Kommissionspräsidenten Ursula von der Leyen war während der Angriffswelle auf Aleppo zu Gast in Damaskus. Kurz nach ihrem Besuch begann dann der Großangriff auf Rojava.
Hinzu kommt eine sicherheitspolitische Dimension, die in Europa zunehmend ausgeblendet wird: Die militärische Schwächung der SDF und der DAANES begünstigt die Rückkehr jihadistischer Akteure. In den vergangenen Monaten mehren sich Berichte über Aktivitäten des IS und anderer extremistischer Milizen, die das entstandene Machtvakuum gezielt ausnutzen. Rojava war bislang eine der wichtigsten Barrieren gegen eine erneute Ausbreitung des Terrorismus in Syrien – ihr Zusammenbruch hätte weitreichende Folgen, auch für Europa.
Rojava als Alternative
Das Argument der „Alternativlosigkeit“ greift zu kurz. Rojava zeigt, dass es andere Wege gibt: Dezentralisierung statt Autoritarismus, politische Teilhabe statt ethnischer Ausgrenzung. Eine politische Anerkennung der DAANES wäre kein Schritt zur Spaltung Syriens, sondern eine Investition in dessen demokratische und sicherheitspolitische Zukunft.
Europa steht vor einer Entscheidung. Es kann weiterhin auf kurzfristige Ruhe setzen und autoritäre sowie islamistische Akteure hofieren. Oder es kann jene Kräfte unterstützen, die – unter schwierigsten Bedingungen – Demokratie und Stabilität verteidigen. Rojava ist nicht nur ein kurdisches Anliegen. Es ist ein Prüfstein europäischer Glaubwürdigkeit.
In Wien demonstriert die kurdische Gemeinschaft aktuell täglich in Solidarität mit Rojava und ruft zur Teilnahme auf:
Donnerstag, 22.01.2026, 18.00 Uhr – Treffpunkt Karlsplatz/Oper zur türkischen Botschaft
Freitag, 23.01.2026, 18.00 Uhr – Treffpunkt Karlsplatz/Oper zur syrischen Botschaft
Samstag, 24.01.2026, 16.00 Uhr – Großdemo Treffpunkt Votivpark
Demonstrationen gibt es am Freitag, 23.01.2026 u.a. auch in Graz (Griesplatz, 17.00 Uhr) und Innsbruck (Annasäule, 18.00 Uhr)
Instagram-Kanäle:
Feykom – Rat der kurdischen Gesellschaft in Österreich
RiseUp4Rojava Wien
Bilder: RiseUp4Rojava Wien