Ein Plakat von Marlene Svazek, Kandidatin als Salzburger Landeshauptfrau, mit linken Aufklebern auf den Augen

Salzburg – Weitermachen in der Festspielstadt

Nach über zehn Jahren verlässt David Mehlhart Salzburg und zieht nach Wien. Zum Abschied lässt er die Gedanken schweifen und stellt am Beispiel der Festspielstadt grundsätzliche Fragen politischer Organisierung – ein reflexiver Beitrag zur mosaik-Sommerreihe.

Zwei Dinge vorweg. Inhaltlich wird dieser Text nicht von einer konkreten Initiative handeln. Nicht von einem spezifischen Projekt. Nicht von einem politischen Kampf, der aufgrund seiner Entfernung zu Wien nicht die Aufmerksamkeit bekommt, die er verdient hätte. Das haben andere Texte der diesjährigen mosaik-Sommerreihe in hervorragender Weise getan. Dieser Text nimmt es sich heraus, am Beispiel Salzburgs prinzipielleren Fragen hinsichtlich politischer Organisation nachzugehen.

Zweitens zur Form: Dieser Text ist kein ausschließlich subjektiver Erfahrungsbericht. Viele Überlegungen, die ich darin anstelle, sind im intensiven Austausch entstanden. Mit Freund*innen, mit Wegbegleiter*innen, mit Menschen, mit denen ich auch uneins bin. Uneins in Detailfragen, uneins in ganz grundlegenden Fragen. Sie alle haben aber mit ihrer Kritik, ihren Einwürfen, Polemiken, aber genauso Bestärkungen zu einem besseren Verständnis der Welt beigetragen. Das Ich, das ich in diesem Text verwende, darf also gerne als kollaboratives, mosaikartiges Ich verstanden werden.

Gelegenheit macht Autor*innen

Kurt Tucholsky, einer der zentralen linken Publizisten der Weimarer Republik, meinte einmal, eine schlechte Rede zeichnet sich dadurch aus, dass sie nicht einfach am Anfang anfängt, sondern drei Meilen davor. Ich bin mir also der Gefahr bewusst und hole trotzdem etwas aus – sorry Kurt. Es ist Mitte Juli. Ich räume gerade meine Wohnung in Salzburg aus. Ich bin drauf und dran, meine Zelte in der Festspielstadt abzubrechen und – wenig kreativ – nach Wien zu ziehen. Da erreicht mich eine E-Mail der mosaik-Redaktion mit der Anfrage für einen Text. Auf der Suche nach einem Sommerreihen-Beitrag aus Salzburg hatte sich ein Redaktionsmitglied an einen gemeinsamen Bekannten gewandt, lese ich darin. Mit einem konkreten Projekt, einer Initiative oder einem akuten politischen Kampf konnte dieser Bekannte nicht dienen. Vielmehr teilte er die Beobachtung, dass sich in Salzburg in den letzten Jahren etwas verschoben hätte.

Zentraler Befund dieser thesenhaften Vorüberlegungen war, dass Salzburg eine autonome(re) Linke bzw. eine Linke, die sich jenseits von Wahlkabine und Mandat organisiert, abhanden gekommen ist. Quintessenz des Gesprächs war mangels „Anschauungsmaterial“ daher, eine eher analytisch-theoretische Reflexion zu verfassen, warum das so gekommen ist. Die Autor*innensuche führte schließlich zu mir. Ohne nun zu wissen, dass ich nach über zehn Jahren in Salzburg die vage Idee hatte, diese Zeit in Textform Revue passieren zu lassen, flatterte besagte E-Mail in mein Postfach. Die ganzen zehn Jahre hier darzustellen, würde freilich den Platz sprengen. Man darf aber die Überlegungen, die ich in den folgenden Zeilen anstelle, als eine Art Extrakt, das ich für mich herausgezogen habe, verstehen.

„Up To Nothing“ – Aufbegehren in den 1980ern

So begann ich im Kopf das Material vorläufig zu sortieren und nahm erste virtuelle Arrangements vor. Was gehört in so einen Text? Welche Beispiele sind besonders eindrücklich? Was kann in die Fußnoten. Gelandet bin ich bei einem Film, der für mich persönlich eine Welt öffnete. Gleichzeitig bietet seine jüngere Rezeptions- und Aufführungsgeschichte einen aufschlussreichen Einblick in Salzburgische Eigenheiten.

Es handelt sich um den Film „Up To Nothing – Aufruhr in der Mozartstadt“ aus dem Jahr 2011. Wann ich ihn genau zum ersten Mal gesehen habe, kann ich nicht mehr sagen. Es muss aber 2014 oder 2015 gewesen sein. Im Zentrum des Films steht das mit knapp 15 Jahren Verspätung in Salzburg eintreffende Aufbegehren der Studierenden gegen jegliche Form von Obrigkeit und Autorität in den 1980er-Jahren. Die Manifestation dieser sonst nur wenig greifbaren Entitäten: die Salzburger Festspiele. Alles, was am grauen Nachkriegsösterreich scheußlich war, spitzte sich dort zu: Die leidliche Entnazifizierung, Stichwort Karajan. Ein reaktionäres Bild davon, was hofierenswerte Kultur ist und was nicht. Politiker [sic!], die auf jegliche Kritik und jeden Wunsch nach Veränderung mit der Angegriffenheit absoluter Herrscher reagierten. Dabei waren die Ziele des studentischen Aufbegehrens – zumindest in der Rückschau – recht harmlos. Sie forderten Rahmenbedingungen für (Sub-)Kultur jenseits der Hochkultur.

Dass zeitgleich die Krankenakte des Weltkommunismus, der bis dahin einen universalen Emanzipationsanspruch gepachtet hatte, länger und länger wurde und ein baldiges Ableben absehbar war, war für viele Protestierende ein zu verkraftender Umstand. War der Parteikommunismus sowjetischer Prägung doch mindestens so bieder und dröge wie die Festspiele – mit dem Unterschied, dass dort Hammer und Sichel den Pelzmantel zierten. Salzburg und Kommunismus? Dass die KPÖ einst der politischen Unterwelt entsteigen und zur Regierungspartei werden wird, konnte damals wohl niemand erahnen.

Folklore statt Trampolin

In unseren politischen Kämpfen stehen wir auf den Schultern von Ries*innen. Das zu vernachlässigen, wäre vermessen. Schön ist es ebenfalls, von Zeit zu Zeit einen Blick nach hinten zu werfen. So können wir betrachten, was geklappt hat, was erstritten und erkämpft werden konnte. Ein wenig Nostalgie darf schon sein. Das Problem ist nur: Zu langes Stehen auf den Schultern mündet in Folklore. Eigentlich müssten die Schultern als Trampolin fungieren, auf dem wie wild Saltos geschlagen werden.

Die Erfolge der 1980er bestanden – neben dem Mentalitätswandel – vor allem in der Etablierung konkreter Veranstaltungsräume. Fixsterne der freien Kulturszene, wie die ARGE, das Jazzit oder das Schauspielhaus haben in diesen Protesten ihre Wurzeln. Der ironische Salto der Geschichte ist nun, dass diese Räume selbst eine Festspielisierung erfuhren. Vom Verve der Anfangszeit ist heute nur noch wenig vorhanden. Junge Veranstalter*innen können ein lautes Lied davon singen. Die musealisierende Kraft der Stadt an der Salzach hat weite Teile der freien Szene in sich inkorporiert. Abseitiges und Herausforderndes ist aus den Veranstaltungskalendern getilgt worden. Man setzt auf Sicherheit und Erwartbarkeit. Der ironische Salto Mortale – die Kür quasi – ist, dass es pro Jahr mindestens zwei Screenings von „Up To Nothing“ in Salzburg gibt.

Ankommen und gleichzeitig aufbrechen? Endet wohl im Stillstand / (c) Patrick Bohn

Gefangen in der Hyperpolitik

Damit sich nicht der Verdacht ergibt, ich würde nur polemisch gegen die liebgewonnene Neotradition des regelmäßigen „Up To Nothing“-Schauens ätzen, will ich eine kleine theoretische Grundierung anbieten. Vor rund drei Jahren veröffentlichte der belgische Ideenhistoriker Anton Jäger seinen Essay „Hyperpolitik“ bei Suhrkamp. Er unternahm darin den Versuch, die Eigenheiten unserer Gegenwart auf den Begriff zu bringen. Jene Gegenwart, die man nicht so recht zum Greifen bekommt, weil es scheint, als rattere sie an einem vorbei – wie jene Kurzvideos, vor denen es kein Entrinnen gibt, lebt man nicht einen digitalen Straight-Edge-Lifestyle. Jene Videos, die zu so etwas wie dem popkulturellen Herz des durchkommerzialisierten Internets geworden sind, das im Takt der Algorithmen schlägt.

Mit dem Untertitel „Extreme Politisierung ohne politische Folgen“ teaserte Jäger verheißungsvoll seine Argumentation an. Diese lässt sich knapp wiedergeben: Im Verlauf des 20. Jahrhunderts verbrachten Menschen vielfach ihr Leben in und um scheinbar für die Ewigkeit erschaffene Institutionen (Gewerkschaften, Parteien, Kirche, usw.) und artikulierten über diese ihre politischen Interessen. Heute eröffnet sich ein grundlegend anderes Bild. Volksparteien gibt es keine mehr. Vertrauensverlust ist in Hinblick auf die Kirche eine Untertreibung der Untertreibung. Das Leben vieler Menschen erfuhr durch die voranschreitende Nutzbarmachung im Dienste des Kapitalismus eine massive Zersplitterung. Freizeit und Arbeit können nicht mehr sauber getrennt werden. Hobbys nehmen die Form von Arbeit an. Arbeit solle – so ein Credo des Neoliberalismus – zum positiven Identitätsanker avancieren.

Lohnarbeit statt Organisation

Dieser Strukturverlust, gepaart mit Zurückgeworfenheit auf den Einzelnen, zeichnet die gegenwärtige Form der Vergesellschaftung aus. Politik, der wir vielfach digital vermittelt begegnen, verkommt zum kurzen, persönlichen Erregungsmoment. Leidenschaft, Wut, Hass, aber auch Liebe und der Wunsch nach Solidarität stehen im besten Fall am Beginn des politischen Engagements. Im Zeitalter der Hyperpolitik bleibt es aber beim Aufflammen dieser Emotionen, noch ehe sie in organisatorisch-konstruktive Bahnen gelenkt werden können. Spitz gesagt: Eine Petition ist schnell unterschrieben; ein kritischer Kommentar schnell gepostet.

Ausgehend von Jägers Befunden können wir eine Spurensuche unternehmen. Man muss im Zuge dieser kein*e strenge*r Marxist*in sein, um anzuerkennen, dass auch das eigene Privatleben und damit die Möglichkeiten der politischen Betätigung vom kapitalistischen Unterbau kompromittiert sind. Wie viel Zeit, Energie und Nerven wir in Projekte jenseits der Lohnarbeit stecken wollen und können, hängt ganz originär von dieser ab. Dass, um ein Beispiel anzuführen, die persönliche Verbindlichkeit – ein zentrales Moment politischer Arbeit – abnimmt, ist also nicht das moralische Versagen der einzelnen Menschen. Die momentane Verfasstheit der Gesellschaft bedingt diese Abnahme maßgeblich. Wenn wir bei steigenden Mieten, einer galoppierenden Inflation und anderen, nackten ökonomischen Unwirtlichkeiten nicht mehr wissen, wo uns der Kopf steht, bleiben kaum noch Kapazitäten für Plenum, fürs Flyer kleben oder für aufwändige Orga-Arbeit.

Raumprobleme

„Wer zahlt, schafft an!“, ließ Thomas Schmid Sebastian Kurz einst in einem seiner berühmt gewordenen Chats wissen. Diesem Satz wohnt mehr Welterkenntnis inne, als man dem ehemaligen Staatsmanager zutrauen würde. Am trivial anmutenden, aber doch vertrackten Beispiel des Raumes wird das ersichtlich.

Für Salzburg ergibt sich in diesem Zusammenhang eine schon fast kitschige Fügung, wenn man einen Blick auf die Geschichte der altehrwürdigen Kommunistischen Partei in Salzburg wirft. In den Nachwehen der 1980er-Jahre-Proteste erblickte der Kunst|Fehler das Licht der Welt. In dieser Publikation der Salzburger Gegenöffentlichkeit regte ein Autor 1998 unter dem Titel „Bau auf, Bau auf …“ an, dass man schleunigst eine Lösung für das vor sich hin modernde Parteiheim der KPÖ – das Volksheim – finden müsse. Bevor der Studierendenprotest sich Ende der 1980er vollends zerstreute und in fixen Kultureinrichtungen mündete, machte man sich regelmäßig im Volksheim breit und sorgte für kulturelles Leben in der dunkelroten Burg. Als sich das verlief und zeitgleich die Sowjetunion in sich kollabierte, „setzte sich die Lethargie (auch) in den Mauern des Volksheimes fest.“

Zumindest vorne neu. Das Volksheim der KPÖ | (c) Christian Veichtlbauer

Den „Bau auf, Bau auf…“-Urheber dürfte es wohl freuen zu sehen, dass die KPÖ in Salzburg und mit ihr das Volksheim wieder zum Leben erwacht sind. Unbestreitbar ist das auch für Salzburg als Stadt wichtig und begrüßenswert. Ohne aber auf die Partei als solche einzugehen, können wir sehen, wie elementar wichtig Ressourcen in Form von Räumen für konsequente und vor allem nachhaltige politische Arbeit sind. Mit einer abbezahlten Bude im Rücken lässt sich der Hyperpolitik von Zeit zu Zeit ein Schnippchen schlagen. Polemisch ausgedrückt: Für die KPÖ gilt also das, was auf personeller Ebene auch gilt. Mit einem ordentlichen Erbe lässt sich den Unabwägbarkeiten, die das Leben so für einen bereithält, gelassener entgegentreten.

Linke Festspielisierung?

Und – wie auf individueller Ebene – hapert es daran andernorts. Räume werden in Städten wie Salzburg rarer. Nicht, weil es an Willen oder Ideen fehlt, sondern weil sie entweder gar nicht mehr existieren oder preislich außer Reichweite geraten sind. Der Immobilienmarkt kennt keine Nostalgie für Gegenöffentlichkeit. Jedes Plenum, das heute irgendwo Unterschlupf sucht, verhandelt implizit mit genau jenem ökonomischen Unterbau, von dem vorhin die Rede war. Wer nicht die Mittel hat, sich irgendwo einzumieten, ist vom good will von Besitzer*innen abhängig. Oder anders gesagt: Wer zahlt, schafft an.

Wer Salzburg besser verstehen will, sucht im Internet nach „Kaigasse 28“ / (c) David Mehlhart

Ob das Ausdünnen der autonomen Szene in Salzburg in diesen Entwicklungen seinen Ursprung hat und welche Rolle die KPÖ hier genau spielt, müsste untersucht werden. Eine Stadt mit knapp 150.000 Einwohner*innen hat jedenfalls nur eine bestimmte kritische Masse an Menschen, die sich – ganz generell gesprochen – für linke Politik interessieren. Wenn aber hier die attraktiven Alternativen schwinden, führt das zu monopolartigen Zuständen. Und Monopole sind in der Regel alles andere als dynamisch und agil. Anders formuliert: Auch eine Partei ist nicht vor einer Festspielisierung gefeit.

Was tun?

Der Text neigt sich nun dem Ende zu und kann mit keinem eindeutig hoffnungsfrohen Fazit aufwarten. Keine Lehre, schon gar keine Moral. Keine Take-aways oder Best-Practice-Beispiele. Das ist nicht zwingend schlecht. Eher das Gegenteil ist der Fall. Das soll aber nicht als zynisch-abgeklärte Pose missverstanden werden, in die ich mich genüsslich und selbstzufrieden begebe. Nicht als der biedermeierliche Rückzug, der als vermeintlich bequemer, aber auf keinen Fall nachhaltiger Ausweg dient – aus einer Welt, in der rechtsextreme Parteien solide jenseits der 30% stehen, ganze Landstriche zusehends unbewohnbar werden und die letzten Errungenschaften des Sozialstaates unter freudigem Jubel geschliffen werden.

In solchen Momenten der Überforderung und Erschlagenheit denke ich oft an den kämpferisch schlichten und gleichzeitig tröstend zarten Grabstein des Theoretikers Herbert Marcuse. Dieser wendet sich den Betrachter*innen direkt zu und fordert: „Weitermachen!“ Etwas anderes bleibt fast nicht über.

Titelfoto: David Mehlhart

Dieser Artikel ist Teil unser aktuellen Sommerreihe „Es gibt kein ruhiges Hinterland“. Hier kommst Du zu den bisherigen Teilen:

1.  Kein ruhiges Hinterland – mosaik Sommerreihe 2026

2. „Vöcklabruck gegen Rechts“ – Antifaschismus bleibt Landarbeit

3. Und dann steht alles still – FRAUEN*streiken im Weinviertel

4. Ein Haus gehört allen: Zu Besuch in der GemSe

5. Unruhe im Ländle – Die freie Kulturszene Vorarlbergs

6. Selbstbestimmung möglich machen – Pro Choice Innsbruck setzt sich ein

  • David Mehlhart hat über 10 Jahre lang in Salzburg gelebt und dort mit Freund*innen und Mitstreiter*innen Lesekreise und politische Vorträge organisiert. Daneben war er als Journalist für Print und Radio im Einsatz. Abseits davon meist lesend auf einer Parkbank anzutreffen. Seit Sommer 2026 steht diese an der Donau und nicht mehr an der Salzach.

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