Julia kämpft seit 2023 mit dem Bündnis Pro Choice Innsbruck für das Recht auf Selbstbestimmung und den freien Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen. Seit diesem Jahr sind Abtreibungen in einer öffentlichen Klinik in Tirol möglich – das ändert nichts daran, dass konservative Kräfte dieses Recht weiterhin öffentlich aberkennen. Julia spricht in einem Gespräch mit mosaik-Redakteurin Lucy Perera Krawczyk über die aktuelle Situation in Tirol und ihre Arbeit für Pro Choice.
Hallo Julia, Magst du dich einmal vorstellen und erzählen, wie du zu Pro Choice Innsbruck gekommen bist?
Julia: Ich bin Julia. Ich bin 2023 wieder nach Innsbruck gezogen. Ich habe davor schon da studiert und nur zwischendurch in Wien gewohnt. Eigentlich habe ich mich schon immer für das Thema Schwangerschaftsabbruch interessiert. Und als es dann 2023 diese Neuigkeit gab, dass es in Vorarlberg jetzt ein öffentliches Angebot gibt, ist mir dann nochmal bewusst geworden, dass dieses Angebot in Innsbruck fehlt. So habe ich Lust bekommen, mich zu engagieren. Pro Choice ist eingebettet in die Frauen*vernetzung und ist aus der Organisierung des Safe Abortion Day am 28. September entstanden.
Welche Hauptforderung stehen bei euch aktuell im Fokus?
Julia: Unsere Hauptforderungen sind die Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen, die Kostenübernahme und die Sicherstellung eines sicheren Zugangs dazu. Außerdem haben wir das Ziel, dass die reproduktive Gerechtigkeit kein gesellschaftliches Tabu mehr ist, sondern im Vordergrund steht.
Wieso ist die Situation in Tirol bezüglich Schwangerschaftsabbrüche so besonders, obwohl die Gesetzeslage für alle Bundesländer gleich ist?
Julia: Trotz gleicher Gesetzeslage in Österreich, habe ich die Situation in Wien viel zugänglicher erlebt als in Innsbruck. Ich wusste zwar, dass es einen Arzt gibt, der Abtreibungen durchführt, aber dass es im Vergleich in Bundesländern wie Vorarlberg ein Angebot durch eine öffentliche Stelle gibt, hat mich überrascht. In Tirol merkt man einerseits, dass die konservativen Kräfte rund um die ÖVP noch immer enorm viel Einfluss haben. Auch die Kirche ist hier deutlich präsenter und einflussreicher als in anderen Bundesländern. Ich glaube, dass das in ganz Österreich ein großes Thema ist, aber Tirol meiner Wahrnehmung nach noch stärker zurückliegt als Vorarlberg, das ja ebenfalls als sehr konservatives Bundesland gilt. Das hat mir noch einmal einen Schub gegeben und mich denken lassen: Hey, das kann nicht sein. Da muss man etwas tun.
Wie erlebst du die gesellschaftliche Auseinandersetzung zu dem Thema?
Julia: Ich finde, dass man bei dem Thema – und das war für mich persönlich eine spannende Erfahrung – sehr gut mit Menschen ins Gespräch kommt. Man muss sich dabei natürlich auch vieles anhören, mit dem man nicht übereinstimmt. Gleichzeitig erlebe ich viel Unwissenheit über das Thema, beispielsweise darüber, wie Schwangerschaftsabbrüche im Strafgesetzbuch verankert sind. Besonders eindrücklich finde ich immer wieder die Argumentation, dass Schwangerschaftsabbrüche nach einer Vergewaltigung erlaubt sein sollten. Ich finde es krass, dass dabei eine andere Straftat vorausgesetzt wird, damit ein Schwangerschaftsabbruch überhaupt möglich ist.
Das Argument, dass Abtreibungen nur nach Vergewaltigungen erlaubt sein sollen, kommt ja oft von männlicher Seite. Wie erlebst du männliche Einstellungen zu dem Thema, unterscheiden sich der Gegenwind zwischen Geschlechtern?
Julia: Ich würde schon sagen, dass es eher Männer sind, die im Gespräch kritisch reagieren oder sich gegen das Thema positionieren. Gleichzeitig sind bei Gegendemonstrationen, etwa von Jugend für das Leben auch viele Frauen dabei. Zuletzt waren darunter sehr viele junge Frauen, was mich durchaus überrascht hat. Das lässt sich aber mit einem allgemeinen konservativen Trend erklären.
In Wien gab es dieses Jahr die erste Demonstration von Männern, in der Männer öffentlich Haltung und Verantwortung gegen Männergewalt, Partnergewalt und Femizide übernehmen wollen. Merkt ihr bei euch auch eine steigende männliche Verantwortungsübernahme für den Schutz von Frauen?
Julia: Ich und auch viele andere Frauen haben diese Aktionen als sehr positiv wahrgenommen. Bei uns merke ich aber nicht so viel Veränderung. Vielleicht liegt das nur daran, dass wir eine Frauenvernetzung sind und daher nicht der richtige Ort dafür sind. Generell kommt mir schon Innsbruck und Tirol insgesamt politisch weniger aktiv vor. Ich habe das Gefühl, dass manche Entwicklungen hier etwas später ankommen. Trotzdem bin ich auf jeden Fall hoffnungsvoll, weil ich glaube, dass es schön wäre, ein breiteres Bündnis zu haben.
Wie vernetzt ihr euch mit anderen Bundesländern?
Julia: Ja, es gibt zum Beispiel das Bündnis für den 28. September, für das bereits viel Vernetzungsarbeit stattfindet. Wir stimmen uns bei den Aktionen ab und arbeiten auch visuell zusammen. Auch am 7. März haben wir uns vernetzt: An diesem Tag haben wieder Abtreibungsgegner*innen demonstriert, und wir hatten Besuch aus Wien von jemandem von Pro Choice Austria. Generell gibt es sehr viel Austausch und Solidarität und auch gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit.


Seit Mai dieses Jahres gibt es in Tirol jetzt die Möglichkeit in einer öffentlichen Klinik einen Schwangerschaftsabbruch durchzuführen. Vorher war das nur bei einem privaten Arzt möglich. Trotz vielen Protesten von Pro Life Gruppen, wie Jugend für das Leben konnte dieses Angebot mit vereinten Kräften geschaffen werden. Ein großer Erfolg für eure Arbeit oder erst der Anfang?
Julia: Ich würde aufjedenfall sagen, dass es ein sehr großer Erfolg ist, gerade wenn ich mir den Kampf anschaue, der dahinter steht. Zum Beispiel hat man schon länger nach Ärzt*innen gesucht, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen. Dann hat man mitbekommen, dass sich zwar Ärztinnen gefunden haben, es aber an den Räumlichkeiten gescheitert ist, da Schwangerschaftsabbrüche nicht in öffentlichen Kliniken durchgeführt werden sollten. Das erschien mir alles so absurd. Umso größer ist der Erfolg, dass es nun endlich in einer öffentlichen Institution im Land Tirol diese Möglichkeit gibt.
Trotzdem bleiben Probleme wie die Kosten, oder die Gehsteigbelästigungen weiterhin bestehen. Auch die Stimmen der Konservativen bleiben präsent. Die Proteste von Jugend für das Leben und anderen Gruppen nehmen in diesem Zusammenhang sogar zu, weil das Angebot in einer öffentlichen Klinik offenbar noch mehr Anlass für Gegenproteste bietet. Trotzdem bin ich sehr froh und bekräftigt in meiner Arbeit, dass dadurch eine Möglichkeit für Schwangerschaftsabbrüche in Tirol geschaffen wurde und man nicht extra nach Vorarlberg fahren muss.
Wie merkst du, dass die Proteste von Pro Life Aktivist*innen mehr werden?
Julia: Ich merke, dass sie sich immer besser Vernetzen. Vor kurzem habe ich in einem Artikel gelesen, dass ein AfD Abgeordneter jetzt auch die Jugend für das Leben in Innsbruck unterstützt. Man merkt, dass sich rechte Kräfte zusammentun und auch Geld investieren. Bei den Protesten mobilisieren sie auch Menschen aus verschiedenen Regionen. Dass sie die Ressourcen und die Energie für diese wöchentliche Gehsteigbelästigung haben, zeigt für mich, dass sie ihre Kräfte bündeln. Die Änderung in der Klinik ist für sie natürlich ein weiterer Anlass, noch aktiver zu werden.
Gerade werden ja wieder Schutzzonen rund um Abtreibungskliniken diskutiert. Ministerin Holzleitner möchte Frauen damit eine medizinische Versorgung bieten, ohne dabei belästigt zu werden. Glaubst du, dass diese Schutzzonen ein richtiger Lösungsansatz sind?
Julia: Ich finde es schockierend, dass es solche Schutzzonen noch immer nicht gibt und wir darüber noch diskutieren müssen. Im ersten Moment geht es einfach darum, die Schwangeren und das Personal zu schützen. Für manche kann der Abbruch eine schwierige Entscheidung sein, aber auch wenn es keine schwierige Entscheidung ist, ist es eine Entscheidung. Gleichzeitig ist das Thema gesellschaftlich extrem aufgeladen und die Betroffenen müssen sich zusätzlich mit Menschen auseinandersetzen, die vor den Einrichtungen beten und ihnen dadurch ein schlechtes Gefühl vermitteln wollen. Schließlich werden ja auch keine alternativen Lösungen für die Schwangeren angeboten.
Zwar beendet die Schutzzone den Widerstand nicht, nimmt ihm aber etwas den Wind aus den Segeln. Schließlich können die Gegner*innen immer noch Kundgebungen organisieren oder an anderen Orten ihre Meinung kundtun. Vor einer Gesundheitseinrichtung ist es einfach Belästigung, die nicht akzeptiert werden sollte.
In Wien sind Schutzzonen schon seit 2005 möglich. Das könnte ein Anfang sein, Menschen einen ruhigen Zugang zu einer Gesundheitseinrichtung zu ermöglichen ohne dabei belästigt zu werden.
Auch wenn das neue Klinikangebot vieles erleichtern soll, müssen die Kosten trotzdem von den Schwangeren getragen werden. Macht dies dann das Angebot überhaupt für alle zugänglicher?
Julia: Der Schwangerschaftsabbruch bleibt trotz des neuen Angebots mit hohem finanziellen Aufwand verbunden. In Tirol gibt es dabei auch einen Unterschied zwischen den medikamentösen (550 Euro) und dem operativen (870 Euro). In Wien hingegen kosten die beiden Optionen fast gleichviel, aber beide weniger als in Tirol (zwischen 490 Euro und 660 Euro). Dass es so große Unterschiede gibt, finde ich problematisch, gerade weil es für viele einen Unterschied macht, 150 oder 200 Euro mehr zu zahlen. Dies kann durchaus Auswirkungen auf die Entscheidungsfindung haben.
Für mich war diesbezüglich besonders erschreckend zu sehen, dass Verhütung in Österreich – im Gegensatz zu Deutschland – gar nicht übernommen wird, auch für junge Menschen nicht. Gerade wenn in diesem Zusammenhang viel über Prävention gesprochen wird, macht das für mich keinen Sinn. So habe ich auf einer Demonstration mit einer Person gesprochen, deren Einkommen nicht für gute Verhütung ausreicht, was Prävention schlichtweg nicht für alle möglich macht.
Was wünscht du dir für die Zukunft?
Julia: Als allererstes würde ich mir die Entkriminalisierung der Schwangerschaftsabbrüche wünschen. Ich finde das immer noch unglaublich, dass das im Strafgesetzbuch geregelt wird, sowohl in Deutschland als auch in Österreich. Die Fristenlösung ist schon 50 Jahre alt und das ist für mich unbegreiflich. Eine Änderung würde eine gesellschaftliche Normalisierung und Entstigmatisierung bewirken. Mein zweiter Wunsch wäre, dass unterschiedliche Formen der Verhütung gesellschaftlich gleichermaßen akzeptiert sind – unabhängig davon, ob man mit einem Kondom eine Schwangerschaft verhindern möchte oder die Pille nimmt, um danach eine Schwangerschaft zu verhindern. Das ist für mich einfach das Gleiche. Es geht darum, selbstbestimmt über seinen Körper zu entscheiden. Es geht um die reproduktive Gerechtigkeit und dann natürlich als dritten Schritt würde ich mir wünschen, dass die Kosten übernommen werden, sodass die Frage nach Kindern eine persönliche und keine finanzielle Entscheidung ist.
Wie geht es weiter bei euch?
Julia: Am 28. September ist wieder der Safe Abortion Day. Letztes Jahr haben wir mit viel Programm dem Thema an dem Tag aber auch in den Tagen darum mit Film Screenings, einem Pub Quiz und weiteren Veranstaltungen für Aufmerksamkeit sorgen können. Ich hoffe, dass wir dieses Jahr auch wieder viele Leute motivieren und bewegen können. Wir wollen auf der Straße Präsenz zeigen um die Meinung der Pro Life Aktivist*innen nicht unwidersprochen in der Öffentlichkeit stehen zu lassen.
Magst du noch was loswerden?
Julia: Ja, eine Sache wollte noch loswerden: Ich hab diesen Film gesehen, über Schwangerschaftsabbrüche im deutschen Kontext. Da kam zum Beispiel vor, dass die Anzahl an Ärzt*innen, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen, insgesamt einfach stetig sinkt. Also sowohl in Deutschland als in Österreich. Nur weil Abbrüche mittlerweile möglich sind, braucht es weiterhin eine gesellschaftliche Präsenz und Debatte. So wünsche ich mir, dass Leute über das Thema ins Gespräch kommen, sich informieren, aufklären und hinschauen, da es uns alle betrifft.
Also informier dich, tausch dich aus und geh auf die Straße! Wir sehen uns mit Pro Choice am 28. September zum Safe Abortion Day.
Fotos: Privat
Dieser Artikel ist Teil unser aktuellen Sommerreihe „Es gibt kein ruhiges Hinterland“. Hier kommst Du zu den bisherigen Teilen:
1. Kein ruhiges Hinterland – mosaik Sommerreihe 2026
2. „Vöcklabruck gegen Rechts“ – Antifaschismus bleibt Landarbeit
3. Und dann steht alles still – FRAUEN*streiken im Weinviertel