Lebensraum Pannonia – Kampf um Wasser und Teilhabe im Burgenland

Im Nordburgenland soll ein Wasserstoffwerk gebaut werden. Schon jetzt handelt es sich um eine der wasserärmsten Regionen in ganz Österreich. 

„Auf dem Land sind wir hier schon, aber hinter den Bergen wahrlich nicht“, stellt Christine Sommer fest. Nachdem sie mich vom Bahnhof abgeholt hat, fahren wir mit dem Auto durch das nördliche Burgenland Richtung Zurndorf. Um uns herum dehnen sich weite Felder aus, kaum ein Baum schützt vor den 38 Grad Außentemperatur. Die meisten Flächen sind vertrocknet, es ist ein dystopischer Anblick. Die Landschaft wird von den hohen Windrädern gesprenkelt, die einem in jeder Blickrichtung entgegenragen.

Wir machen Halt. Sommer deutet auf eine von der Straße leicht abgesenkte Fläche. Auf dieser soll ein Wasserstoffwerk errichtet werden, es soll eines der größten Wasserstoffprojekte Europas werden. Nach Ende unserer Ortsbefahrung stellt mich meine Begleitung Gundula Neumann und Magdalena Garnitschnig-Picker, zwei weiteren Mitgliedern von „Lebensraum Pannonia“, vor. Der Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Bauprojekt an diesem Standort zu verhindern, das mit den Anwohnern und der Landwirtschaft um das kaum vorhandene Wasser konkurriert.

Auf die Finger schauen

Von dem Projekt haben die drei Frauen aus der Zeitung erfahren, erzählen sie bei einem Kaffee im Friedrichshof. Sie alle wohnen auf dem Gelände eines ehemaligen Gutshofs, der bis 1990 von einer Kommune¹ belebt wurde und dann in eine Genossenschaft überging. Unseren Kaffeetisch und das Areal, auf dem gebaut werden soll, trennen nur etwa 400 Meter. Neben der Wasserstofffabrik sollen auch ein Speicher, ein Lagerplatz für die Gastanks, sowie Wasserrohre, Gas- und Stromleitungen entstehen.

Das Kernteam von Lebensraum Pannonia besteht aus fünf Personen, insgesamt zählt der Verein rund 20 Mitglieder. Seit 2024 sind sie damit beschäftigt, kritische Fragen zu stellen und den Behörden auf die Nerven zu gehen, wie sie selbst schmunzelnd sagen. Denn Informationen, so die Bewohnerinnen, bekommt man hier immer nur, wenn man hartnäckig danach fragt. Und selbst dann: Zuletzt wurden die fünf mit der Aussage abgespeist, sie bräuchten sich keine Sorgen zu machen, denn momentan würde nichts gebaut werden. Auch der Presse ist zu entnehmen, dass das Projekt derzeit „on hold“ ist, da ein neues Gaswirtschaftsgesetz des Bundes aussteht. In EU-Unterlagen ist es ebenfalls nach wie vor mit Baubeginn im Jahr 2030 vermerkt, betont Sommer.

Aufwändiges Verfahren

Eine Wasserstofffabrik darf nicht mit einem Wasserkraftwerk verwechselt werden, das die Bewegungsenergie fließenden Wassers nutzt. Bei der Technologie, die Einzug in das Burgenland halten soll, wird Wasser durch die Zufuhr von Strom in seine Bestandteile Sauerstoff und Wasserstoff zerlegt. Dieser chemische Prozess nennt sich Elektrolyse. Der hochexplosive Wasserstoff wird in einem sehr komplexen Verfahren gespeichert, später kann aus ihm Energie gewonnen werden, indem er wieder verstromt wird.

Wasserstoff wird nach verschiedenen Farben benannt, die auf seine Herstellungsweise und insbesondere die verwendete Energiequelle hinweisen. So suggeriert „Grüner Wasserstoff“ oder auch „Green Hydrogen“ Umweltfreundlichkeit, da für die Gewinnung erneuerbarer Strom eingesetzt wird. Die Organisation Corporate Europe Observatory, deren Ziel es ist, Lobbying in der EU sichtbar zu machen, spricht jedoch von einem „Trojanischen Pferd für fossile Brennstoffe“.

Von Grün bis Braun

Das Problem: Die Gewinnung von Grünem Wasserstoff ist äußerst energieintensiv. Wandelt man den Wasserstoff wieder in Energie um, geht ein großer Teil der ursprünglichen Energie verloren, genauso wie beim Transport. Die direkte Nutzung des Stroms ist deutlich effizienter. Im Burgenland, wie auch anderswo, steht aber nur eine begrenzte sowie schwankende Menge an erneuerbarer Energie zur Verfügung. Solange der zusätzliche Strombedarf nicht vollständig aus erneuerbaren Energien gedeckt werden kann, ist davon auszugehen, dass auch fossile Energieträger zum Einsatz kommen. Dadurch verliert der erzeugte Wasserstoff seine Eigenschaft als vollständig grüner beziehungsweise CO₂-armer Energieträger.

Neben grünem Wasserstoff gibt es unter anderem grauen, blauen, türkisen und braunen Wasserstoff. Die Farbbezeichnungen unterscheiden sich nach der Herstellungsweise, Energiequelle und der Klimabilanz; brauner Wasserstoff wird aus Braun- oder Steinkohle gewonnen und verursacht besonders hohe CO₂-Emissionen.

Auch Zulieferer wie die chinesische Firma CATL, die die benötigten Batteriespeicher liefern soll, sind für die Frauen von Lebensraum Pannonia von Bedeutung. Diese steht im Verdacht, uigurische Zwangsarbeiter*innen zu beschäftigen. Der schwedische Konkurrent sei zu teuer. „Wie immer nehmen wir in Kauf, dass Menschen anderswo ausgebeutet werden, um unseren Lebensstil hier zu ermöglichen, auch den grünen Lebensstil, auch den hohen moralischen Anspruch, der hier gehegt wird“, urteilen sie.

Wasserstoff ohne Wasser

Es sind aber auch direkte Auswirkungen, die den drei Frauen Sorgen bereiten. Insbesondere auf das Thema Wasser kommt das Gespräch immer wieder zurück. Obwohl im Namen enthalten, wird bei Diskussionen oder Informationsmaterialien zu Wasserstoff nie das Wasser in Betrag gestellt, meint Sommer. Egal mit wem sie geredet hätten, sei es die SPÖ-Politik vor Ort oder Bundespolitiker*innen wie Leonore Gewessler von den Grünen, es sei lediglich darauf hingewiesen worden, dass es genug Strom gäbe. Doch die Herstellung von 1 Tonne Wasserstoff erfordert laut den Aktivistinnen 20.000 bis 35.000 Liter Wasser (je nach Reinheitsgrad des Wassers). Wo genau dieses herkommen soll, ist nicht bekannt – zuerst sei von einem, dann von 246 Brunnen, dann von der allgemeinen Wasserleitung die Rede gewesen.

Wie man dem Bewilligungsbescheid des Landes Burgenland für das Wasserstoffwerk entnehmen kann, sollen an dem geplanten Standort im Burgenland eines Tages rund 45.000 Tonnen Wasserstoff pro Jahr produziert werden. Dafür würden ab 2030 900 bis 1,575 Millionen Liter Wasser pro Jahr benötigt. Schon jetzt ist das Burgenland eines der trockensten Gebiet Österreichs. Im Umkreis von fünf Kilometern findet sich kein Wasser, erzählen meine Gesprächspartnerinnen und deuten um sich. Grundwasser gibt es hier ohnehin fast keines, dafür ein seltenes Mikro-Klima.

Auch diesen Sommer wird die Parndorfer Platte, in der sich auch Zurndorf befindet, nicht mehr bewässert, auf unserer Autofahrt passieren wir besorgniserregende Mengen an totem Mais. Deshalb stellen die Frauen in ihrer Petition auch die Frage, wem dieses lebenswichtige Gut Wasser dann zustehen wird, wenn eine Entscheidung getroffen werden muss: Der Landwirtschaft, der Wirtschaft oder der Bevölkerung? Anstelle neuer Bauprojekte fordern sie ein Wasserschongebiet und Projekte, die dazu beitragen, den Wasserhaushalt zu stabilisieren.

Unsichtbare Grenzen

Dass das Gebiet, in dem die Bagger anrollen sollen, geschont werden muss, ist an sich bekannt. Entlang der Straße, die wir mit dem Auto entlangfahren, verläuft ein Vogelschutzkorridor. Dieser soll den Vögeln eine sichere Passage zwischen den Windrädern bieten, und reicht bis in die Karpaten. Links und rechts auf den Feldern sind Großtrappen unterwegs, die vom Aussterben bedroht sind. Wie die Frauen berichten, sollen innerhalb des Korridors nun Photovoltaikanlagen gebaut werden. Direkt durch den geplanten Standort verläuft zudem ein Grünkorridor für bodennahe Tiere.

Unmittelbar an das designierte Gebiet grenzt eine weitere Wiese an, auf der vor einigen Jahren ein Hubschrauberlandeplatz errichtet werden sollte. Ein vom Verein angestoßenes Verfahren endete mit einem Naturschutzgutachten, das größere Bautätigkeiten ablehnt. Rechtlich betrifft das den Wasserstoffabrik-Baugrund freilich nicht. Blickt man jedoch von der Landstraße auf das leicht tiefer gelegene Gebiet hinab, ist nicht ersichtlich, was wo hineinzählt. An die Grenzen des Vogelschutzgebietes halten sich weder der Kaiseradler noch der Marder. „Grüne Energie, das sagt man so leicht, wenn man nicht da wohnt“, resümieren die Aktivistinnen.

Stetig Tropfen höhlt den Stein

Die fünf Frauen investieren viele Stunden in der Woche, um gegen das „geschlossene System“ anzukämpfen, wie sie den Klüngel aus Landesregierung, Bezirkspolitik und örtlicher Industrie nennen. Auch die Burgenland Energie, die das Werk weiterhin bauen lassen will, ist Teil einer Landes-Holding. Es gebe durchaus Personen, die ihnen unter der Hand zustimmen würden, dies jedoch öffentlich nicht äußerten, berichten die Drei. Mehr noch als anderswo in Österreich sehen sie in dem mehrheitlich SPÖ-geführten Bundesland Anlassgesetzgebung vonstatten gehen. Die Grünen als kleiner Koalitionspartner pochen auf das Grün im Grünen Wasserstoff und sind nicht froh, wenn Gundula Neumann, die Mitglied der Partei ist, dies öffentlich infrage stellt.

Wöchentlich treffen sich die Mitglieder des Vereins, um zu „recherchieren, schreiben, schauen, zusammenfassen, Informationsblätter erstellen, reden, Infos einholen, überlegen, was zu tun ist“. Draufschauen verstehen die Frauen als politische Praxis; viele Mini-Schritte als Weg. Besonders auf dem Land sei Vernetzung entscheidend. Dazu gehörten regelmäßige Gänge zu verschiedenen Behörden, wo man sich durchaus freundlich unterhalte. Mehr noch als bisher wollen sie im Herbst durch Informationsveranstaltungen in der direkten Umgebung auf ihren Kampf aufmerksam machen und „erzählen, was nicht erzählt wird“. Dadurch, dass das Wasser ohnehin so knapp ist, sei unter den Menschen durchaus ein Bewusstsein entstanden. Die Anwohner*innen würden sich sorgen und ihre Arbeit auf Zuspruch stoßen. Hier und dort arbeiten ihnen auch Menschen zu, am Ende des Tages sind sie jedoch schlicht zu fünft. „Eindeutig zu wenig, es ist mühsam“, befinden die drei Anwesenden.

Kein isoliertes Problem

Auch, weil immer wieder neue Themen auf den Tisch kommen. Ende Juli wurde bekannt, dass im sieben Kilometer entfernten Nickelsdorf an der ungarischen Grenze ein gigantisches Rechenzentrum errichtet werden soll. Es würde enorme Mengen an Kühlwasser benötigen, das hier nicht vorhanden ist. Zudem solle dieses als Abwasser abgeleitet werden. Künftig wollen sie sich also auch diesem Thema widmen. Ihre Eingabe bezüglich des Wasserstoffwerks beim Verwaltungsgericht wurde unterdessen zurückgewiesen. Doch davon lassen sich die Fünf nicht entmutigen – auch in Absagen steht immer etwas drin, worauf man wieder aufbauen kann, erklären sie lächelnd.

¹ Die Aktionsanalytische Kommune, die zwischenzeitlich bis zu 600 Mitglieder umfasste, wurde 1970 vom Aktionskünstler Otto Mühl gegründet, der später als Sexualstraftäter verurteilt wurde.

Dieser Artikel ist Teil unser aktuellen Sommerreihe „Es gibt kein ruhiges Hinterland“. Hier kommst Du zu den bisherigen Teilen:

1.  Kein ruhiges Hinterland – mosaik Sommerreihe 2026

2. „Vöcklabruck gegen Rechts“ – Antifaschismus bleibt Landarbeit

3. Und dann steht alles still – FRAUEN*streiken im Weinviertel

4. Ein Haus gehört allen: Zu Besuch in der GemSe

5. Unruhe im Ländle – Die freie Kulturszene Vorarlbergs

6. Selbstbestimmung möglich machen – Pro Choice Innsbruck setzt sich ein

7. Salzburg – Weitermachen in der Festspielstadt

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