„Hört uns zu!“ – Frankreichs Schüler*innen auf der Straße

Marode Gebäude, überfüllte Klassen, geplante Kürzungen: Frankreichs Schüler*innen reicht es. An mehr als 1000 weiterführenden Schulen kommt es zu Protesten, wird demonstriert, viele werden blockiert. Anna Rosa Prasser war für mosaik vor Ort und hat mit Protestierenden gesprochen.

„Wir blockieren aus Solidarität mit den Schulen im 93 und in den Banlieues in ganz Frankreich, denen es an Mitteln fehlt“, sagt eine 17-jährige Schülerin aus dem Lycée Balzac. Das „93“ steht für das Département Seine-Saint-Denis im Nordosten der Metropolregion Paris. Es gilt als eine der ärmsten Regionen Frankreichs. Mit „Banlieues“ sind hier vor allem jene Vorstädte gemeint, die von Armut, Rassismus und öffentlicher Unterfinanzierung geprägt sind.

Ihre eigene Schule sei vergleichsweise gut ausgestattet, betont sie: „Uns geht es darum, dass im Bildungswesen insgesamt mehr Geld gebraucht wird.“ Die Schüler*innen protestieren also nicht nur gegen ihre eigenen Lebensbedingungen. Sie wenden sich gegen die enorme Ungleichheit im französischen Bildungssystem.

Ohne Türen, ohne Vertretung, unter Dauerdruck

Aus vielen Lycées wird von fehlendem Trinkwasser, Toilettenpapier und kaputten Sanitäranalgen berichtet. In manchen Klassenräumen funktioniere im Winter die Heizung nicht, während die Temperaturen im Sommer auf bis zu 40 Grad steigen. Mit bis zu 35 Schüler*innen pro Klasse gehört Frankreich zu den OECD-Ländern mit den größten Klassen.

Auch bei Lehrkräften wird seit Jahren gespart: Für 2027 sind weitere 1.588 Stellen zur Streichung vorgesehen. Gleichzeitig sind die Gehälter vieler Lehrkärfte eingefroren. Die Folge: Unterricht fällt aus, Vertretungen bleiben aus und gerade Schüler*innen aus sozial benachteiligten Gegenden sind hiervor am meisten betroffen.

Ein 18-jähriger Schüler beschreibt, was die Kürzungen für den Schulalltag bedeuten: „Unsere Gebäude sind oft heruntergekommen, in den Toiletten fehlen Türen. Manchmal gibt es Ratten. Ich habe letztens welche in unserem Schulgebäude gesehen. Das ist unzumutbar!“

Dazu kämen Ausfälle: „Es gibt Lehrkräfte, die mehrere Wochen fehlen, wir bekommen keine Vertretungslehrkraft, obwohl wir am Ende des Jahres unsere Abschlussprüfungen schreiben müssen.“ Die Ungleichheit macht ihn wütend: „Manche Pariser Lycées haben diese Probleme nicht. Sie sind gut instand gehalten, und Lehrkräfte werden sofort ersetzt. Das empört uns. Auch wir wollen später eine Zukunft haben.“

Schon in der Schule erleben viele Jugendliche soziale Ungleichheit und enormen Leistungsdruck. Beim Übergang zur Hochschule verschärft sich dieser Konkurrenzdruck weiter. 2018 führt Präsident Emanuel Macron die Bewerbungsplattform Parcoursup ein. Über sie bewerben sich Schüler*innen um Studienplätze. Die Reform sollte eigentlich für mehr Chancengleichheit sorgen. Viele Jugendliche empfinden sie jedoch vor allem als zusätzliche Hürde. „Das macht sehr viel Druck, wir müssen permanent Leistung erbringen“, sagt eine Schülerin. Der Ökonom David Cayla sieht in Parcoursup weniger ein Instrument für mehr Chancengleichheit als eine Reaktion auf den Platzmangel an den Universitäten: „Diese Reform wurde gemacht, um den Platzmangel erträglich zu machen, der aus der Unterfinanzierung der Universitäten und dem Eintritt der geburtenstarken Jahrgänge des Babybooms um das Jahr 2000 resultiert.“

Von unten statt von oben

Die Mobilisierung kam aus den Schulen selbst. Auf die Frage, wie am Lycée Balzac mobilisiert wurde, berichtet eine Schülerin: „Das geschah irgendwie ganz von selbst. Ein paar politisch organisierte Schüler*innen wollten eine Vollversammlung organisieren, um zu besprechen, ob und wie wir uns mit den Protesten solidarisieren können. Doch noch bevor sie angesetzt war, begann ein Großteil unserer Mitschüler*innen zu blockieren.“

Unterstützung kommt von vielen Seiten. Die Gewerkschaften solidarisierten sich schnell, schlossen sich den Streiks an und kündigten weitere Aktionen an. Videos in den sozialen Medien zeigen Lehrer*innen, die Menschenketten zwischen Polizei und Schüler*innen bilden, um diese zu schützen. Eine Lehrerin sagte: „Na ja, was sollen wir denn allein im Klassenzimmer stehen, wenn unsere Schüler*innen auf der Straße sind?“

An mehreren Orten beteiligten sich Feuerwehrleute an den Streiks und stellten sich teilweise dem repressiven Polizeiapparat entgegen. Auch der Bürgermeister von Seine-Saint-Denis, Bally Bagayoko, der Linkspartei La France insoumis stellte sich zwischen Polizei und Schüler*innen. Am Donnerstag, dem 1. Oktober, schlossen sich auch die Studierenden den Schüler*innen an und blockierten zahlreiche Universitäten im Land. 62 Prozent der Befragten halten die Mobilisierung inzwischen für gerechtfertigt, bei den unter 35-Jährigen sind es sogar 73 Prozent.

Misstrauen statt Zuhören

Aus Regierung und konservativem Lager kommt vor allem Misstrauen. Valérie Pécresse, Präsidentin der Region Île-de-France, bezeichnet die Mobilisierung als „politischen Manipulation“, die von der Linkspartei La France insoumise (LFI) ausgehe, und bezeichnet diese als „Pyromanen“. Auch Bruno Retailleau wirft der Partei vor, „den Aufstand im Land“ zu organisieren: Die Schüler*innen seien „instrumentalisiert und manipuliert“, das Ganze eine „Generalprobe für die Präsidentschaftswahlen 2027“.

Retailleau schlägt deshalb vor, „das Strafmündigkeitsalter auf 15 Jahre herabzusetzen“, und sagt: „Vor allem müssen bereits ab dem ersten schweren Delikt Haftstrafen in geeigneten Einrichtungen verhängt werden.“ Ministerin Aurore Bergé betonte vor allem das „unerträgliche Risiko für unsere Polizisten und Gendarmen“. Justizminister Gérald Darmanin rief die Generalstaatsanwälte zusammen und verlangte „große Härte“ bei der strafrechtlichen Antwort. Außerdem forderte er, Eltern für Sachschäden an Schulen aufkommen zu lassen.

Auffällig ist, woher diese Stimmen kommen: Alle vier besuchten selbst katholische Privatschulen.

Die Schüler*innen weisen die Anschuldigungen gegen die Linkspartei zurück. Sie dienen schlicht dazu, die Bewegung zu diskreditieren, und infantilisieren die Jugendlichen ein weiteres Mal. Weder LFI noch irgendeine andere Partei könnte eine solche Bewegung unter Jugendlichen anstoßen. Was Frankreich gerade erlebt, ist die Explosion einer Generation, die unter den Folgen von fast zehn Jahren neoliberaler Politik und drastischen Kürzungen leidet. Die Amtszeit von Präsident Macron war von zahlreichen sozialen Bewegungen geprägt. Dazu gehörten die Gelbwesten, die Proteste gegen die Pensionsreform, die Proteste nach der Erschießung des 17-jährigen Nahel durch einen Polizisten, Bloquons tout. Diese Generation hat gelernt, was Volkssouveränität bedeutet, und macht nun selbst davon Gebrauch.

Die 16-jährige Schülerin des Lycée Balzac hat eine Botschaft an die Regierung: „Hört auf, uns zu infantilisieren, und hört uns endlich zu! Hört auf mit leeren Worten und setzt endlich Taten!“

19 von 25 Minuten über brennende Mistkübel

Wie die Medienkritik-Organisation Acrimed ausgewertet hat, werden die Anliegen der Bewegung in den Fernsehnachrichten des öffentlich-rechtlichen Senders France 2 kaum aufgegriffen . Zwischen dem 28. September und dem 1. Oktober berichtete der Sender in elf Beiträgen über die Schüler*innenproteste. Zusammen dauerten sie knapp 25 Minuten. Rund 19 Minuten davon entfielen auf Berichte über „Gewalt“: Brandstiftung, brennende Mistkübel oder Auseinandersetzungen zwischen Schüler*innen und Polizei. Nur 47 Sekunden widmeten drei Beiträge einer möglichen Überreaktion der Polizei. Für die Forderungen der Schüler*innen blieben insgesamt weniger als zwei Minuten, für die Vorwürfe der Regierung gegen LFI dagegen fast drei. Acrimed fasst die Gewichtung so zusammen: Die „Gewalttaten“ am Rande der Bewegung waren für France 2 rechnerisch neunmal so wichtig wie deren Ursachen und Forderungen. Die Bildungsmisere gerät so aus dem Blick, während die Debatte um „öffentliche Sicherheit“ dominiert.

Der brasilianische Befreiungstheologe Hélder Câmara unterscheidet drei Formen von Gewalt:

Es gibt drei Arten von Gewalt. Die Erste, Mutter aller anderen, ist die institutionelle Gewalt, welche Herrschaft, Unterdrückung und Ausbeutung legalisiert und perpetuiert und Millionen von Menschen zwischen ihren lautlosen, gut geölten Rädern zermalmt. Die Zweite ist die revolutionäre Gewalt, geboren aus dem Willen, die Erste abzuschaffen. Die Dritte ist repressive Gewalt, deren Ziel es ist, die Zweite zu ersticken, indem sie sich zur Gehilfin und Komplizin der Ersten Gewalt macht, die alle anderen erzeugt. Es gibt keine schlimmere Heuchelei, als nur die Zweite Gewalt als solche zu bezeichnen, und so zu tun, als vergesse man die Erste, die sie gebiert, und die Dritte, die sie tötet.

Übertragen auf Frankreichs Schulen heißt das: institutionelle Gewalt steckt in der strukturellen Benachteiligung der Schüler*innen aus den prekären Vorstädten, in ungeheizten und überhitzten Klassenzimmern und in Abschlussprüfungen unter diesen Bedingungen. Repressive Gewalt zeigt dort, wo die Polizei mit Tränengas und Gummigeschossen auf Blockaden reagiert. Die Regierungsparteien und die Medien sehen jedoch nur die Gewalt, die von den Protestierenden ausgeht: die brennenden Mistkübel. Der Großteil der Blockaden verläuft jedoch friedlich; es sind einzelne Unruhestifter, die mediale Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Tränengas, Gummigeschosse, Würgegriff

Videos und Berichte aus dem ganzen Land dokumentieren gewaltsame Polizeieinsätze gegen Schüler*innen, die für bessere Bedingungen an ihren Schulen protestieren. Bei einer Schulblockade in Troyes fuhren Polizist*innen in einem Wagen durch die Menge und sprühten im Vorbeifahren Tränengas aus dem Fenster. In Tours wurde ein Schüler von einem Gummigeschoss der Polizei am Auge getroffen und schwer verletzt. In Saint-Ouen erlitt ein 14-Jähriger einen doppelten Kieferbruch und verlor Zähne, nachdem ihn ein Geschoss im Gesicht getroffen hatte. Ein weiteres Video zeigt ein 14-jähriges Mädchen, das in Tränen aufgelöst ist, nachdem ein Polizist es vor dem Lycée Marguerite de Navarre in Alençon mehrere Minuten lang im Würgegriff gehalten hatte. Innerhalb einer Woche wurden 65 Lehrkräfte und 170 Schüler*innen verletzt. Zudem kam es zu 5000 Festnahmen – mehr als während der Gelbwestenbewegung oder im Mai 68.

Die Ligue des droits de l’homme (LDH, Menschenrechtsliga) prangerte am Montag, dem 5. Oktober, eine „generelle Abkehr vom Rechtsstaat und die Missachtung des gesetzlichen Rahmens“ an. Die Vorwürfe beziehen sich auf die Einsätze der Sicherheitskräfte gegen die seit mehreren Tagen mobilisierten Schüler*innen. Ihre Präsidentin Nathalie Tehio zeigte sich bei einer Pressekonferenz mit anderen Organisationen und Gewerkschaften zur Unterstützung der Bewegung „sehr besorgt“ über diese „Fehlentwicklung“. Sie erklärte, im Umgang mit den Jugendlichen werde „das Völkerrecht nicht nur nicht eingehalten, es wird völlig mit Füßen getreten“.

Für die Schülerin aus dem Balzac sagt schon die Präsenz der Polizei viel : „Dass bei jeder Blockade 50 bewaffnete Polizisten auffahren, heißt, ihr habt einfach Angst vor uns, Angst vor einer Rebellion. Man redet jeden Tag von Meritokratie und Chancengleichheit, und wenn wir sagen, dass das nicht funktioniert, will man uns durch Prügel zum Schweigen bringen. Ich find das widerlich.“

Nelson Mandela erinnerte bereits 1995 in einer Rede daran: „Es gibt keine schärfere Offenbarung der Seele einer Gesellschaft als die Art und Weise, wie sie ihre Kinder behandelt.“

Wie geht es weiter?

Ein erstes Treffen mit Bildungsminister Édouard Geffray am Freitag, dem 2. Oktober, brachte keine Annäherung. Nach Angaben der Schüler*innenorganisationen und Gewerkschaften ging es dem Minister vor allem darum, die Stimmung und die Kräfteverhältnisse innerhalb der Protestbewegung zu sondieren. Auf ihre Forderungen habe er mit keinem konkreten Vorschlag reagiert.

Die Schüler*innen wollen weitermachen, mindestens bis zur großen Demonstration am 17. Oktober. „Wir blockieren, solange sich nichts ändert, und wenn wir gehört werden, hören wir vielleicht auf“, sagt die16-Jährige. Ein 17-jähriger Schüler gibt sich kämpferisch: „Ich möchte eine Botschaft der Hoffnung von der Jugend überbringen, denn nichts ist verloren. Wir haben eine politische Kraft, und das darf man nicht vergessen. Man neigt dazu, uns zu unterschätzen und zu infantilisieren, aber das ist falsch. Wir haben echtes Gewicht, schließlich konnten wir 600 Lycées in Frankreich blockieren.“

Fotos: Anna Rosa Prasser

  • Anna Rosa Prasser studiert politische Theorie auf der Sciences Po in Paris. Sie beschäftigt sich unter anderem mit Sozialen Bewegungen. Seit Juni 2026 ist sie Teil der mosaik-Redaktion.

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