In „Die noch unbekannten Tage“ erzählt die Regisseurin Jola Wieczorek von der Migration ihrer Familie von Polen nach Österreich im Jahr 1989 – und davon, was zwischen Flucht, Ankommen und Zugehörigkeit liegt. mosaik-Redakteur Dejan Aleksić hat sie für ein Gespräch getroffen.
mosaik: Wie bist du überhaupt zum Dokumentarfilm gekommen? War es zuerst das Interesse an gesellschaftlichen Themen, an Menschen und ihren Geschichten oder an der filmischen Arbeit selbst?
Jola Wieczorek: Ich glaube tatsächlich, dass das Interesse an den Menschen und ihren Geschichten zuerst da war, wobei mich Film auch schon immer fasziniert hat. Als Jugendliche bin ich oft ins Kino gegangen. Aber die Vorstellung, dass man im Film arbeiten und diesen Berufsweg wählen kann, war für mich – als Kind mit Migrationshintergrund, das am Land aufgewachsen ist – etwas komplett Abstraktes. Ich wusste nicht, was eine Synopsis oder ein Exposé sind und wie man sowas schreibt. Am Ende bin ich doch über Umwege beim Film gelandet.
Zuerst habe ich mich auf fiktionale Filme konzentriert und lange im Casting gearbeitet. Dort habe ich gemeinsam mit der Castingregisseurin und der Regie Figuren entwickelt und so auch das Drehbuch mitgestaltet. Ich habe aber gemerkt, dass ich lieber über das Leben der Schauspieler*innen reden wollte als über das, was im Drehbuch steht – das hat mich dazu gebracht, über Dokumentarfilme nachzudenken. Ich habe mich dann für DocNomads, den internationalen Master für Dokumentarfilmregie beworben und wurde aufgenommen. Die Erfahrung, an verschiedenen Orten mit Menschen aus vielen verschiedenen Ländern zu studieren, war besonders bereichernd.
mosaik: Du hast dich schon 2015 in deinem Kurzfilm „List do Polski“ mit deiner eigenen Familiengeschichte, der Migration von Polen nach Österreich und dem Gefühl des Dazwischenstehens beschäftigt. In „Die noch unbekannten Tage“ kehrst du mehr als zehn Jahre später zu dieser Geschichte zurück und machst daraus einen Langfilm. Was hat sich in dieser Zeit verändert und was war der Moment, in dem du gemerkt hast: Jetzt ist die Zeit gekommen, diese Geschichte noch einmal und ausführlicher zu erzählen?
JW: „List do Polski“ ist das Spiegelbild von dem Film jetzt. Dort habe ich mir überlegt, was gewesen wäre, wenn ich nie ausgewandert und in Polen geblieben wäre. Im Film schreibe ich einen Brief an mein Alter Ego, etwas, was nicht existiert. Damals habe ich begonnen, mit meinen Eltern über die Geschehnisse von 1989 zu sprechen.
Ich hatte das Gefühl, dass da eine längere Geschichte möglich ist, denn der Kurzfilm war nur als Übung und für maximal sieben bis acht Minuten angedacht. Ich habe mir Notizen gemacht und überlegt, wie daraus eine lange Version entstehen kann. Aber es so richtig anzugehen und die Filmidee ernst zu nehmen, begann ich erst, als klar war, dass meine Mutter erkrankt ist. Also, als ich das Gefühl hatte, ich verliere eine Zeugin, wenn ich diese Geschichte nicht schnell genug erzähle.
mosaik: Der Film beginnt mit zwei Bewegungen: Du wirst selbst Mutter, während deine eigene Mutter Erinnerungen verliert. Wie haben diese beiden Erfahrungen deinen Blick auf die Familiengeschichte beeinflusst?
JW: Der Film wäre sicher anders geworden, wenn ich selbst nicht auch Mutter geworden wäre. Das hat bei mir eine andere Empathieebene eröffnet. Ich habe gemerkt, was es bedeutet, ein Kind in eine unbekannte Welt mitzunehmen – und was für eine Verantwortung das damals für meine Eltern war.
Alleine auszuwandern wäre etwas anderes, aber mit zwei Kindern – das eine schon schulpflichtig und das andere noch im Kindergarten – ist das Risiko zu scheitern ein ganz anderes. Deswegen finde ich es auch extrem mutig von meinen Eltern. Dessen war ich mir nicht bewusst, bevor ich selbst Mutter geworden bin. Durch meine eigene Rolle als werdende Mutter konnte ich mich definitiv besser in meine Mutter hineinversetzen.
mosaik: Für den Film musstest du die Vergangenheit aus Briefen, Bildern, Erzählungen und Orten zusammensetzen. Was hast du dabei über die Grenzen dessen gelernt, was sich überhaupt rekonstruieren lässt?
JW: Grenzen sind in diesem Film ein wichtiges Thema. Ich habe mich ständig gefragt, wie weit darf ich mit meiner Mutter gehen. Mir war es extrem wichtig, dass sie weiß, was passiert – dass wir einen Film machen. Dass ihr Einverständnis, das ich am Anfang bekommen habe, bis zum Ende gültig blieb. Deswegen war es ein Wettlauf gegen die Zeit.
Aber es gab auch Grenzen in Bezug auf das, was erzählt werden soll. Es ist bewusst eine Szene drinnen, in der mein Vater sagt, darüber möchte er nicht reden. Mir war es wichtig klarzumachen, dass meine Eltern bestimmte Sachen auch für sich behalten dürfen. In bestimmte Ecken wollte ich mit Absicht nicht gehen, weil das zu persönlich gewesen wäre. Ich glaube aber, dass trotzdem genug da war, um die Geschichte zu erzählen.
Es war also ein ständiges Abwägen von Grenzen – wie weit darf ich und wie weit wollen meine Eltern gehen.
mosaik: Die Flucht deiner Familie fand 1989 statt, in einer historischen Situation, die sich von heutigen Fluchtbewegungen unterscheidet. Was hat sich durch die Recherche an deinem Blick auf Migration verändert und was erscheint dir heute, trotz aller Unterschiede, vertraut?
JW: Viele Menschen sprechen nur von der Flucht und dann der Integration, die passieren muss, da wird aber ganz viel dazwischen ausgelassen. Ich musste sogar als Kind, das in Österreich sozialisiert war, unterschiedliche Phasen durchmachen. Zuerst habe ich mich eine Zeit lang für meine Herkunft geschämt. Dann kam eine Phase, in der ich stolz war, dass ich einen ausländischen Hintergrund habe und gerne von Polen erzählt habe. Aber was man eben aufgeben muss und um welchen Preis – darüber wird zu wenig gesprochen.
Ich glaube, dass Sprache ein großer Schlüssel ist. Der Spracherwerb ist extrem wichtig, aber auch extrem schwierig. Jeder Anruf und jeder Termin kosten am Anfang viel Überwindung und Energie – man wird müde vom Fremdsein. Ich glaube, dass es noch immer so ist, wie es damals war. Auch wenn Informationen zugänglicher sind, können sie auch schnell überfordern. Und auch wenn wir damals aus Polen geflohen sind, war für uns der Westen sehr weit entfernt. Der Spalt zwischen Ost und West war enorm, es kam uns vor wie eine andere Welt. Vor diesem Hintergrund glaube ich, dass es heutzutage mehr Ähnlichkeiten als Unterschiede zu damals gibt.
mosaik: Was erzählt die Geschichte deiner Familie über Österreich als Aufnahmeland und wie hat sich dein Blick auf Österreich verändert?
JW: Es ist nicht das einfachste Pflaster. Eine richtige Willkommenskultur herrscht hier nicht. Wien empfinde ich immer noch als eine sehr unfreundliche Stadt. Es ist oft eine Distanz spürbar und es ist schwierig, das Eis zu durchbrechen. Wenn es einmal gelingt, dann hat man wahrscheinlich Freundschaften für das Leben, aber es braucht viel Geduld und Durchhaltevermögen.
Durch die Arbeit am Film und die vielen Gespräche mit anderen Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, habe ich zusätzlich gemerkt, dass es uns allen auf der emotionalen Ebene sehr ähnlich ging. Auch für jene, die in andere Länder ausgewandert sind, war es am Anfang schwierig. Alle haben diesen Rucksack, den man mit sich schleppt und den man nicht einfach so ablegen kann. Das begleitet einen das ganze Leben lang. Im Laufe der Recherche bin ich mir mehr dessen bewusst geworden, dass auch ich diesen Rucksack trage.
mosaik: Am Ende des Films sagst du: Wir sind endlich angekommen – im Dazwischen. Was bedeutet Ankommen für dich heute, kann das ein abgeschlossener Zustand sein?
JW: Ich glaube nicht. Das bleibt für immer etwas Fluides. Ich assoziiere es immer mit einem Wasser mit zwei Ufern. Manchmal sieht man sich zu einem Ufer hingezogen, manchmal zum anderen, aber man hat gelernt, zwischen den Ufern zu schwimmen und sich dort eingenistet, vielleicht auf einer Insel, die aber ständig in Bewegung ist. Ich habe das jetzt für mich akzeptiert und es ist gut so. Die filmische Arbeit hat mir geholfen, dieses Dazwischen auch mehr zu genießen. Aber es bleibt trotzdem weiterhin ein Prozess.
Vielleicht gibt es Menschen, die ihre Heimat komplett hinter sich lassen, aber ich empfinde das als eine Art Verweigerung zurückzusehen. Der Ort, an dem man geboren und aufgewachsen ist, die Sprache, die zu Hause gesprochen wird, das Essen, das auf den Tisch kommt – das bleibt Teil von einem. Man kann es nicht einfach hinter sich lassen. Und es darf sich auch vieles vermischen.
mosaik: Der Film beschäftigt sich mit Erinnerungen, die nicht vollständig verfügbar sind, und mit dem Versuch, sie durch Bilder und Erzählungen festzuhalten. Inwiefern nimmst du das als politisch wahr?
JW: Ich wollte durch diesen Film in gewisser Weise auch Sprecherin für Geschichten und Menschen sein, die vielleicht noch nicht ihre Sprache gefunden haben oder die keine Möglichkeit haben, zu erzählen. Ich verspüre aber auch die Verantwortung, die damit einhergeht, diese Themen in die Welt hinauszutragen. Zum Beispiel im Falle meiner Eltern: Sie hatten nicht den Raum, die Tools und die Sprache, um ihre Geschichte zu erzählen. Vor kurzem hat mich der Chef meiner Mutter angerufen – sie hat 25 Jahre in einer Apotheke gearbeitet – er hatte keine Ahnung, was meine Mutter durchgemacht hat. Und er war extrem dankbar, dass ich ihm so die Geschichte meiner Mutter nähergebracht habe.
Natürlich stellt sich auch ständig die Frage, wer erzählt und wer Geschichten in die Welt hinaustragen darf. Wer darf schreiben, wer darf Filme machen? Wer bekommt Gehör, bei wem werden Fragen gestellt und bei wem nicht? Das ist etwas durchaus Politisches.
mosaik: Du rekonstruierst Erinnerungsorte, lässt Vergangenes neu entstehen und arbeitest mit unterschiedlichen Bildformaten. Warum war es dir wichtig, die Familiengeschichte nicht nur durch Interviews und Archivmaterial zu erzählen, sondern sie auch filmisch nachzustellen?
JW: Meine Mama war schon dabei, Dinge zu vergessen und wir wissen mittlerweile, dass sich die Erinnerung nicht nur im Gehirn manifestiert, sondern im ganzen Körper. Durch dieses Zurückgehen an die Orte und durch das Lesen der Briefe wollte ich bei meiner Mutter diese Körpererinnerung wecken. Und auch wenn sie sich vielleicht nicht mehr artikulieren oder nicht ganz aussprechen konnte, hat man doch gemerkt, dass ihr Körper eine Art von Präsenz zeigt und eine Reaktion auf das Erlebte. Das waren alles Elemente, um meine Mutter zu unterstützen und sie dadurch besser zu begleiten.
Aber es war auch eine künstlerische Entscheidung, die beiden Dimensionen haben sich verflochten. Ich habe mir auch überlegt – wie kann ich etwas zeigen und zum Leben erwecken, was über das rein hörbare Erzählen hinausgeht. Wenn es nur gehört wird, ist es zu wenig, also es ist es auch ein visueller erzählerischer Vorschlag, der gleichzeitig meine Mama in ihrem Erinnern unterstützt hat.
mosaik: Wie verändert sich die Beziehung zwischen Mutter und Tochter, wenn aus einem gemeinsamen Erinnern zugleich ein filmischer Prozess wird?
JW: Die Kamera hat uns in diesem Fall geholfen, uns näher zu kommen. Der Dokumentarfilm kann wie ein Katalysator wirken, der auf einmal Türen öffnet, die sonst verschlossen geblieben wären. Ohne Kamera wären wir vielleicht nicht so weit gegangen und hätten nicht so offen über die Vergangenheit gesprochen. Aber so, im Rahmen der Filmarbeit, hat man sich einfach fallen lassen. Ich hatte das Glück, dass meine Eltern mir so vertraut haben und dass sie sehr offen damit umgegangen sind.
Ich kann jetzt besser verstehen, was das alles für sie damals bedeutet hat. Als Kind und Jugendliche habe ich meine Mutter anders kennengelernt. Es war einfach noch ein Geschenk an mich und an unsere Beziehung. Ich habe letztens mit einer Filmemacherin aus der Schweiz gesprochen und sie hat gesagt: „Jeder sollte einmal einen Film über seine Mutter machen, weil man die eigene Mutter so ganz anders kennenlernt.“

mosaik: Bei einem Film über die eigene Familie gibt es ja immer die Gefahr, dass die persönliche Geschichte entweder zu einem privaten Erinnerungsalbum oder zu einer Stellvertretergeschichte für die Migration wird. Wie bist du mit dieser Spannung umgegangen?
JW: Es war von Anfang an klar, dass wir diese Universalität, diese kollektive Geschichte, in unserer Geschichte miterzählen möchten. Es ist nur ein Beispiel für viele andere Geschichten, die auf ähnliche Art und Weise passiert sind. Und in der Tat haben wir auch andere Menschen eingeladen, die zur gleichen Zeit mit uns in Traiskirchen (Erstaufnahmestelle des Bundesasylamts – Anm. d. Red.) waren, um gemeinsam Rundgänge durch die Erinnerungsräume zu machen. Das ist dann im Schnitt rausgefallen, weil es zu überladen gewesen wäre – ich habe später gemerkt, dass wir bei unserer Familiengeschichte bleiben müssen.
Wir haben uns auch im Schnitt stets gefragt: Ist das jetzt etwas Persönliches, was keine Rückschlüsse auf die Allgemeinheit erlaubt? Es gibt natürlich Sachen, die rein persönlich sind. Aber zum Beispiel die Faszination von den Produkten im Westen, das war damals ein Schock für alle. Volle Läden, so viele Spielsachen oder diese Auswahl an Broten oder Käsesorten. Auch die Staus an der Grenze, der Stress, wenn man jedes Mal vor einem Grenzposten gestanden ist und aufgehalten wurde. Die Ungewissheit: Darf man jetzt durch, wie lange wird man aufgehalten, was wird alles durchsucht? Das sind alles Dinge, die viele Menschen erlebt haben, die zwischen Ost und West mobil waren. Wir wollten eben diese kollektive Erzählung hervorbringen.
mosaik: Gerade weil Migration gesellschaftspolitisch ein brisantes Thema ist, kann so eine Geschichte unterschiedlich gedeutet werden. Was möchtest du mit dem Film gerade nicht behaupten? Gibt es eine Lesart deiner Familiengeschichte, gegen die du dich wehren würdest?
JW: Es kann sein, dass jemand als Reaktion sagt: „Na ja, meine Familie hätte ja zurückkommen können. Die Heimat war ja wieder offen.“ Aber die 90er Jahre waren in Polen auch nicht viel besser, ein Systemwechsel passiert nicht so schnell. Erst in den 2000er Jahren hat sich Polen langsam stabilisiert. Vielleicht hätte man sich durchkämpfen können, aber wer weiß, wie es sich auf uns als Familie ausgewirkt hätte. Mein Vater hat immer gesagt, vielleicht wären wir nicht zusammengeblieben.
Wir waren sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge. Wir wurden nicht vertrieben, das stimmt auch. Wir wären wahrscheinlich in Polen nicht verhungert. Aber gleichzeitig träumen alle von einer besseren Zukunft, vor allem für die eigenen Kinder, und das ist nichts Falsches. Jeder Mensch will das Beste für die eigenen Kinder und das haben auch meine Eltern gewollt. Sie wussten, dass sie in einen sauren Apfel beißen müssen.
Es gab wahrscheinlich viele mögliche Wege die wir beschreiten hätten können, aber schließlich haben wir dann unseren Platz gefunden, meine Eltern haben sich in Österreich durchgeschlagen. Und das ist weder falsch noch richtig.
„Die noch unbekannten Tage“ startet am 25. September um 20 Uhr im Stadtkino im Künstlerhaus Wien. Weitere Termine und Sonderveranstaltungen finden sich hier.
Fotos: Fahrenheit Films