Hunger.Macht.Profite: Zwei Jahrzehnte Filme gegen Ungleichheit

Seit 20 Jahren bringen die Filmtage „Hunger.Macht.Profite” Dokumentarfilme in österreichische Kinos, Pfarrsäle und Kulturorte am Land. Mit dem diesjährigen Start am 15. Oktober in Wien blicken die Filmtage auf zwei Jahrzehnte Diskussionen und Vernetzung rund um das Recht auf Nahrung zurück. Agnes Sieben schaut auf die Anfänge der Filmtage und gibt einen Ausblick auf die Ausgabe 2026.

In Österreich gibt es einige bekannte Filmfestivals. Aber nur wenige erreichen mit ihren Filmvorführungen so dezentral die verschiedensten Ecken des Landes wie die Filmtage „Hunger.Macht.Profite”. Bis Ende November werden an 22 Spieltagen in fast allen Bundesländern Dokumentarfilme gezeigt. Sie befassen sich mit Landwirtschaft und dem globalen Ernährungssystem. Im Anschluss finden Diskussionen mit den Filmemachenden, Aktivist*innen oder Betroffenen statt. Im Fokus steht seit jeher die Kritik an anhaltendem Hunger, Ungleichheit sowie der Verdrängung kleinbäuerlicher Landwirtschaft durch die Ausbeutung von Ressourcen und profitorientierte Landwirtschaft.

Die Anfänge

Die Filmtage haben ihren Ursprung in der österreichischen Ausgabe des Europäischen Sozialforums im Jahr 2003, das ganz in der Tradition des ersten Weltsozialforums in Porto Alegre, Brasilien, stand. Es stellte einen Gegengipfel zum Weltwirtschaftsforum in Davos dar und wurde von Stimmen des Globalen Südens getragen. Während einer Filmvorführung beim österreichischen Sozialforum entstand der Wunsch von normale.at, einem Verein für gesellschafts- und wirtschaftspolitische Filmvorführungen, und FIAN Österreich, der Menschenrechtsorganisation für das Recht auf Nahrung, ihre Kräfte und Kenntnisse zu bündeln. Eine Veränderung der Welt zu etwas Besserem schien greifbar. Sie sollte durch die Sichtbarmachung kritischer Dokumentarfilme über globale Ungerechtigkeiten im Ernährungssystem – verursacht durch Kapitalismus und Ausbeutung – nach Österreich getragen werden.

Voraussetzung dafür war die aufgekommene Kinotauglichkeit von Dokumentarfilmen. Während das Format einige Jahre zuvor noch als fad empfunden wurde, änderte sich das in den 2000er Jahren grundlegend, erzählt Barbara Waschman. Sie ist Obfrau des Vereins normale.at und Mitgründerin der Filmtage. Für den Aufstieg des Dokumentarfilms waren in Österreich bekannte Produktionen wie „We feed the world“ von Erwin Wagenhofer entscheidend. Der Film thematisiert die Massenproduktion in der Nahrungsmittelindustrie und wird als der erfolgreichste österreichische Dokumentarfilm gewertet.

Zudem spricht Barbara Waschmann von der sogenannten Camcorder-Revolution Ende der 1990er Jahre. Diese ermöglichte es den Betroffenen, die Kamera zu nehmen und eine Situation, die sie unmittelbar betrifft, zu filmen. Dadurch haben sich die Menschen selbst ermächtigt, die Situation und die Belastungen, denen sie gegenüberstehen, filmisch festzuhalten.

Übers Land am Land

Der starke Fokus der Filmtage auf die Landwirtschaft drängte darauf, die Inhalte der Dokumentarfilme nicht nur in Wien bzw. im urbanen Raum zu diskutieren. Man wollte mit Menschen in ganz Österreich ins Gespräch kommen, vor allem in ländlicheren Regionen. Barbara Waschmann betont, dass es nach der ersten Ausgabe im Jahr 2006 schnell klar war, dass „Hunger.Macht.Profite” kein rein Wienerisches Projekt bleiben dürfe. Es war nur folgerichtig, die Filmtage geografisch auszudehnen.

In den folgenden Jahren legten die Initiator*innen einen starken Fokus auf die Dezentralität der Spielorte. Bereits 2008 liefen Filme in Gleisdorf in der Steiermark und Kirchdorf an der Krems in Oberösterreich. Seitdem wächst die Anzahl der Spielorte jedes Jahr. Julia Kocher ist für die Öffentlichkeitsarbeit der Filmtage zuständig. Fragt man sie, in wie vielen Städten und Gemeinden dieses Jahr Filme gezeigt werden, kramt sie ihre Unterlagen heraus, zählt und addiert. Schließlich kommt sie auf 19 Stationen. Die kleinste ist die Kärntner Gemeinde Hattendorf bei Wolfsberg mit 448 Einwohner*innen. Ihr folgen Stumm in Tirol und Hittisau in Vorarlberg.

Thumbnail aus dem Film "Milch ins Feuer"
Dieses Jahr im Programm „Milch ins Feuer“ | © Bauer, Carnicer, Filmperlen

Vernetzen und zusammendenken

Die wachsende Reichweite wurde 2008 vor allem durch die enge Kooperation mit der Österreichischen Berg- und Kleinbäuer*innenvereinigung (ÖBV) sowie Attac Österreich ermöglicht. Seitdem veranstalten die beiden Organisationen die Filmtage gemeinsam mit FIAN Österreich und normale.at. Dadurch konnte auf die ehrenamtliche Basis der ÖBV in ländlichen Regionen zurückgegriffen werden. Zudem ging es, wie Barbara Waschmann zurückdenkt, darum, während der Filmtage einen Ort des Austauschs zu schaffen. Dieser sollte sowohl politisch Interessierte als auch Engagierte, die an den Themen Landwirtschaft und Ernährungssystem arbeiten, umfassen und so breite Bereiche der österreichischen Zivilgesellschaft zusammenbringen.

Von Beginn an waren die Filme der Aufhänger. Diese stehen aber nie für sich allein. Nicht nur am Eröffnungsabend, sondern nach jedem Filmabend folgt ein Filmgespräch. Dabei kommen Aktivist*innen und Expert*innen als Impulsgeber*innen zusammen. Von Bäuer*innen über Mitglieder von FoodCoops oder Gewerkschaftsvertreter*innen. „Die Alternativen werden eingeladen und sprechen für sich”, wie Julia Kocher sagt. Dabei soll das Publikum mit den teilweise emotionalen Inhalten von Vertreibung, Ausbeutung und Hunger zum einen nicht allein gelassen werden. Zum anderen erlauben die Gespräche den Bezug zur eigenen Realität in Österreich.

Es öffnet sich hier eine Plattform für Feedback an die Bewegung für Ernährungssouveränität selbst: Wo bewegen wir uns derzeit? Und wo müssen wir uns stärker zusammenschließen? Dieses Jahr ist beispielweise „Perspektive Landwirtschaft” bei vielen Spielterminen dabei. Der Verein setzt sich für Bewusstsein für die Auswirkungen und Maßnahmen gegen das Höfesterben in Österreich ein und fördert außerfamiliäre Hofnachfolge.

Thumbnail aus "Toxic Harvest"
Eröffnungsfilm 2026 „Toxic Harvest“ | © Rosa Luxemburg Stiftung

Alte Themen, neue Herausforderungen

Ein Blick auf das Archiv macht schnell sichtbar, dass sich die Themen der Filme in den letzten 20 Jahren nur minimal verändert haben. 2006 eröffnete „Septemberweizen” von Peter Krieg die Filmtage. Der Film aus dem Jahr 1980 thematisiert die Spekulation mit Weizen und den daraus resultierenden Hunger. Seitdem ist die Zahl der weltweit Hungernden nur um knapp drei Prozent gesunken. Neue Krisen und Kriege lassen die Weltmarktpreise von Grundnahrungsmitteln steigen. Das betrifft besonders Länder mit niedrigem Einkommen.

Der diesjährige Eröffnungsfilm „Toxic Harvest“ von Andréa Gema zeigt die verheerenden Auswirkungen von Pestiziden auf die Umwelt und die Gesundheit der Menschen. Pestizide werden in der Bewegung für Ernährungssouveränität als Agrotoxine bezeichnet. Der Begriff macht sichtbar, dass es sich letztlich um den Einsatz hochgiftiger Chemikalien handelt. Im Fokus des Films stehen die Lebensgeschichten von Landarbeiter*innen in Südafrika, die täglich diesen giftigen Stoffen ausgesetzt sind. Europäische Unternehmen profitieren davon. Regulatorische Schlupflöcher ermöglichen es ihnen, in der EU verbotene Pestizide in den Globalen Süden zu exportieren. Auf Basis dieser globalen Ungleichheiten erzielen sie gigantische Gewinne.

Während die Themen geblieben sind, hat sich die Stimmung der Besucher*innen über die Jahre geändert. Sie äußern eine starke Ermüdung und Erschöpfung angesichts des permanenten Zeigens von Leid und Ungerechtigkeit. Die Veranstalter*innen berichten von vielen treuen Kinobesucher*innen, die seit 20 Jahren zu den Filmtagen kommen und viel von dem wissen, was schiefläuft. Vielleicht ist es aber auch die allgemeine Stimmung, die eine immer größere Ermüdung gegenüber anhaltender Krisen schafft. Immer deutlicher wird in den letzten Jahren das Bedürfnis, positive Alternativen auf die Leinwand zu bringen und sie dadurch vorstellbar zu machen.

Thumbnail von "TiAN – Generation Farmfluencer"
Neue Wege: „TiAN – Generation Farmfluencer“ | © taktfilm

Alternativen imaginieren

Die Last wie auch die Alternativen werden von den jungen, nachrückenden Generationen in der Landwirtschaft getragen. Dieser Fokus spiegelt sich auch zunehmend in der Filmauswahl wieder. Im diesjährigen Programm sticht in dieser Hinsicht vor allem der Film „TiAN – Generation Farmfluencer“ heraus. Eine ermutigende Dokumentation von Thomas Schäfer und Meike Hollnaicher über junge Südtiroler*innen in der Landwirtschaft und ihre Ideen, Landwirtschaft trotz Klimakrise und ökonomischem Druck zukunftsfähig zu machen.

Das Team der ÖBV erlebt den Mut junger Bäuer*innen täglich durch ihre Mitglieder*innen. Isabella Lang, ehemalige Geschäftsleitung der ÖBV beschreibt im Gespräch über den Film, dass „junge Menschen Landwirtschaft gestalten und weiterentwickeln wollen. Dafür brauchen sie aber Zugang zu Land, faire wirtschaftliche Rahmenbedingungen und gesellschaftliche Anerkennung.“ Eine zukunftsfähige bäuerliche Landwirtschaft brauche daher „nicht nur individuelle Kreativität und Engagement, sondern auch politische Rahmenbedingungen, die es jungen Menschen ermöglichen, ihre Vorstellungen tatsächlich umzusetzen.“

Von der Leinwand zum Widerstand

Landreformen – nicht nur im Globalen Süden, sondern auch in Österreich –, Regulierungen für Pestizidexporte, Menschenrechtsstandards in Lieferketten, Klimaschutz, das Ende des Patriarchats und des Krieges: Die Filme und die anschließenden Gespräche machen eindrücklich deutlich, wie vernetzt politische Kämpfe und Lösungen sein müssen, um Hunger weltweit zu beenden und Menschen Selbstbestimmung über ihre Ernährung zu ermöglichen. Die Filmtage „Hunger.Macht.Profite“ waren und sind daher zugleich Weiterbildung, Vernetzung und politischer Impuls für die Bewegung. Mit ihrer Filmauswahl machen sie beharrlich Unsichtbares sichtbar – und halten den Blick auf die Strukturen gerichtet, die Hunger und Ungleichheit hervorbringen.

Titelfoto: Hunger.Macht.Profite

Die Filmtage „Hunger.Macht.Profite“ starten vom 15.-18. Oktober 2026 im Admiralkino Wien. Das gesamte Programm aller Spielorte in Österreich findet sich auf www.HungerMachtProfite.at.

  • Agnes Sieben ist Politökonomin und Redakteurin bei mosaik und der Sendereihe "Women on Air - Globale Dialoge" auf ORANGE 94.0.

    Alle Artikel

Weitere Beiträge

Teilen & Helfen

Spenden & Helfen

Lorem ipsum dolor sit amet, consectetur adipiscing elit. Ut elit tellus, luctus nec ullamcorper mattis, pulvinar dapibus leo.