Illustration von zwei Zeitungsboxen mit Armen und Beinen

Rechtspopulismus auf Schritt und Tritt

Wien ist voll von Ständern mit Gratiszeitungen, die rechtspopulistische Sprache und Desinformation verbreiten. mosaik-Redakteurin Hannah Krause erzählt in dieser Ausgabe unserer Kolumne von ihrem Verhältnis zu diesen Zeitungen.

Ich habe ein zwiegespaltenes Gefühl zu den roten Metallkästen, die überall in Wien herumstehen. Die handlichen, dünnen Gratiszeitungen versüßen mir an guten Tagen den Weg zur Arbeit, indem sie mich belustigen; die Schlacht an Superlativen bringt mich immmer wieder zum schmunzelnden Kopfschütteln. An schlechten Tagen machen sie mich wütend. Dann betrachte ich meine Mitmenschen, wie sie – auf ihrer Pendelstrecke, auf dem Weg zum Sport – die Schlagzeilen studieren. Denn der nächste Kasten ist dank Verträgen mit der Stadt nie weit entfernt. Gerichtsurteile sorgen für die Ausgeglichenheit zwischen den Dichands und den Fellners. Mit Sicherheit ist der Eine ohnehin noch zu verschlafen, um sich ernsthaft mit Inhalten auseinanderzusetzen. Der Anderen ist sowieso klar, dass sie da kein seriöses Medium in der Hand hält. Die rechtspopulistischen Schlagwörter ziehen dennoch ein in den Kanon der Stadt.

Kampf um Platz Eins

Die Heute hatte 2025 laut Österreichischer Auflagenkontrolle eine Auflage von 456.828 Stück. Alleine in Wien wurden täglich 253.344 geklammerte Hefte ausgeliefert, sie ist die reichweitenstärkste Zeitung in der Hauptstadt. Nicht weit abgeschlagen folgt die OE24 mit einer Gesamtauflage von 307.485 Stück. Das ist wichtig, denn: Vor einigen Jahren wagte sie es, damit zu werben, die „Nummer eins in Wien“ zu sein. Heute klagte dagegen und bekam vom Handelsgericht Wien recht. Seitdem ist auch per einstweiliger Verfügung festgelegt, wer der Platzhirsch ist. Zum Glück ist das geklärt. Wichtiger ist jedoch, dass die beiden zusammengenommen eine Reichweite von 13,6 Prozent aller Österreicher*innen erreichen.

Die Causa Österreich

Und was liest jeder fünfte Bewohner der Stadt hier so? In Ausgabe 5300 jedenfalls erfahre ich, dass Sebastian Kurz durch die Ermittlungen der WKStA gegen seine Person das Objektivitätsgebot der Behörde verletzt sieht. Bei den Untersuchungen geht es um die – wie die Heute schreibt „angeblichen“ – Inseraten-Causa. Dabei soll die Heute-Geschäftsführung Kurz eine wohlwollende Berichterstattung im Gegenzug für eine höhere Inseratenvergabe versprochen haben. Wohlwollende Berichterstattung kann ich hier nicht verorten. Außer, dass in den restlichen zwei Dritteln des Artikels aufgezählt wird, weshalb die Grünen eh viel schlimmer sind, ganz gemäß Kurz Anwalt. Dass sämtliche Zeitungshäuser Österreichs jeglicher politischer Couleur stark von Regierungsinseraten abhängig sind, ist Stoff für eine andere Kolumne. 

Es geht weiter. Auf Seite 6 erfahre ich, dass Saif al-Gadaffi getötet wurde – ein „Freund Österreichs“ und „exotischer Aufputz des Gesellschaftslebens“ im Wien der Achtziger. Dass der Sohn des ehemaligen libyschen Diktators Muammar al-Gaddafi den Protestierenden des Arabischen Fühling „Ströme von Blut“ androhte, scheint eher eine Randnotiz zu sein. Wichtiger ist scheinbar seine Freundschaft mit Jörg Haider. Ein Apotheker, der einen versuchten Femizid an seiner Frau begangen hat, sei ein „angenehmer Anwohner“ – so Seite 8. Darunter ein Beitrag zum Reizdarm-Syndrom – ah nein, das ist lediglich Werbung in Artikelform. Dafür lerne ich in der OE24 zur Causa Lueger-Denkmal, dass man „große Männer und Frauen der Vergangenheit nicht aus populistischen Gründen vom Sockel stoßen, sondern ihre Fehler zum Anlass nehmen sollte, kritisch zu hinterfragen, wo wir heute irren“ – Seite 13. Fairerweise ein Zitat eines ÖVPlers, eingeordnet wird es selbstredend nicht.

Friedliche Koexistenz

All diese verschwendete Druckertinte springt einem in tausenden Entnahmeboxen entgegen. In Fußgängerzonen, vor Universitäten, selbst beim Besorgen der morgendlichen Semmeln drängt sich einem in über 400 Bäckereifilialen Wiens besagtes Gut auf. Dreh- und Angelpunkt bleibt jedoch das Öffi-Netz. Nach einem jahrelangen Rechtsstreit wurde geklärt, dass OE24 und Heute gleich viele Kästen in den Bereichen der Wiener Linien aufstellen dürfen – zur Sicherstellung „eines gleichwertigen Entnahmepotenzials vorzugsweise nebeneinander“. Welch ein Glück, so hat der Konsument die Wahlfreiheit, das eine oder das andere Blatt zu lesen.

An diesem Punkt hätte ich ja gerne „Scheißblatt“ geschreiben, hüte mich jedoch, um nicht dem Schicksal des Pensionisten Günter R. zu folgen. Dieser entschied sich 2024 für ebenjene Wortwahl in einem Post auf X – nach unterirdischer Berichterstattung zu Sozialkürzungen, die auch seinen Sohn betrafen. Daraufhin wurde er von Eva Dichand und Konsorten wegen „Ehrenbeleidigung“ vor Gericht gezogen. Außerdem sagt mir mein Horoskop – Seite 14 -, ich solle Konflikten aus dem Weg gehen.

Illustration: Hannah Krause

Weitere Beiträge aus „Medienrauschen. Die Kolumne“ findet ihr hier.

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