llustration einer roten Fahne die, neben Flucht- und Sammelpunktschildern, an einer Wand lehnt.

„Handbuch für Unerschrockene“ – Reale Macht und Klassenkampf gegen die ökologische Krise

In ihrem neuen Buch spricht sich Filmemacherin und Autorin Johanna Schellhagen für eine strategische Neuausrichtung der radikalen Linken aus – weg von symbolischer Politik hin zum Aufbau realer Macht. Lina Gisler und Bich Ngoc Nguyen mit einer Rezension.

Eine Hitzewelle nach der nächsten überrollt Europa. Gleichzeitig wird der Ausbau von energieintensiven Datenzentren vorangetrieben. Im imperialen Wetteifer überbieten sich Regierungen in ihren Rüstungsausgaben und eine rechte internationale Allianz formiert sich, um linke Bewegungen niederzuschlagen. Als europäische radikale Linke tun wir uns immer schwerer, diesen rasanten Entwicklungen etwas entgegenzuhalten. Desillusionierung, Orientierungslosigkeit und Ohnmacht sind zu spüren. Wir wissen: So, wie wir bisher linke Politik gemacht haben, können wir nicht weitermachen. Doch was ist zu tun und wie können wir als Linke wieder eine Schlagkraft entwickeln?

Inmitten dieser gegenwärtigen Suchbewegung rückt Johanna Schellhagen mit ihrem Buch „Wie wir uns eine Zukunft auf diesem Planeten erkämpfen. Ein Handbuch für Unerschrockene“ den Fokus auf materialistische Handlungsansätze. Schellhagen hat die letzten zwanzig Jahre betriebliche Arbeitskämpfe und soziale Bewegungen auf der Straße filmisch begleitet. Jetzt zieht sie ihre Schlüsse und ruft dazu auf, sich wieder verstärkt dem Kampf am Arbeitsplatz zuzuwenden.

Ein Beitrag gegen die Orientierungslosigkeit

Schellhagen richtet sich dabei explizit an die Klimabewegung. Sie zeige als aktuelles Beispiel, wie sich eine breite Massenbewegung in liberale Appelle an die Politik verloren hätte und am Ende mit ihrem Potenzial keine reale Macht aufbauen konnte. Um materielle Veränderungen zu erzielen, ist genau diese aber notwendig. Dass ein Teil der Klimabewegung sich nun auf den Kollaps mit solidarischem Preppen einstellt, hält Schellhagen für fatal. Diese Strategie fokussiert sich darauf, sich in kleinem Kreise vor Krisen zu schützen und lässt damit systematisch einen großen Teil der Gesellschaft außen vor. Stattdessen setzt sie darauf, dass die Linke ihre Handlungsmacht real in der Wirtschaftsproduktion aufbauen soll.

Schellhagens Überlegungen sind jedoch nicht nur für die Klimabewegung relevant. Ihr „Handbuch für Unerschrockene“ ist auch für andere Teile der Linken im deutschsprachigen Raum lesenswert. In fünf Abschnitten widmet sich das Buch Fragen von Strategie, Praxis, Organisation, Übergang und Zukunft. Schellhagen beginnt unter anderem damit, die Rolle des Staates zu beleuchten, und unterstreicht, dass wir zurück zur Klassengesellschaft als Ausgangspunkt unserer Kämpfe kommen müssen.

„Strategisch arbeiten gehen“ statt Demonstrationen

Dementsprechend argumentiert die Autorin dafür, dass die Linke sich wieder stärker in Betrieben betätigen solle. Dies stellt sie der in ihrem Worten aktuell praktizierten, ‚symbolischen Politik‘ gegenüber. Damit bezieht sie sich insbesondere auf Bewegungen und Mobilisierungen auf der Straße. Menschen drückten durch Demonstrationen in erster Linie ihre eigene Ohnmacht aus, so Schellhagen. Die Zusammenkünfte auf der Straße allein seien in der Vergangenheit nicht wirkungsvoll gewesen. Demonstrierende hätten als solche auch keine materielle Macht – im Gegensatz zu Arbeiter*innen in der Produktion.

Deswegen brauche es statt symbolischer Politik den Aufbau organisierter Belegschaften, die sich untereinander vernetzen. Schellhagen schwankt bei ihrer Vorstellung des revolutionären Subjektes zwischen einem orthodox-marxistischen Verständnis – Lohnarbeiter*innen besitzen die entscheidende strukturelle Macht durch ihre Stellung im Produktionsprozess – und dem einer pluralen und diversen revolutionären Klasse, bewegt durch verschiedene Unterdrückungsverhältnisse. Während sie teilweise nur von Produktion spricht, und damit reproduktive Arbeit ausklammert, befürwortet sie andernorts auch Stadtteilgewerkschaften – wie es sie beispielsweise bereits in Deutschland gibt – im Sinne einer breiteren, gesellschaftlichen Organisierung.

Ihr zentraler Punkt bleibt jedoch der Aufruf an Linke, sich wieder mehr in Betrieben zu verankern. Ihr konkreter Vorschlag dafür ist es, „strategisch arbeiten zu gehen.“ Statt in der Freizeit Kundgebungen zu organisieren, sollen Aktivist*innen ihre Arbeit – gemeint ist die Lohnarbeit – so wählen, dass sie Hebelwirkung auf die kapitalistische Maschinerie haben und dadurch politisch wirksam werden. Damit könnten Aktivist*innen wieder eine Nähe zur Arbeiter*innenklasse aufbauen und sich selbst als Teil von ihr verstehen. Vor allem solle dabei aber das Entstehen von kämpferischen Kernen in der Belegschaft relevanter Schlüsselsektoren vorangebracht werden. In einer Situation des Umbruchs können die Belegschaften diese dann versuchen zu übernehmen.

Leerstellen und offene Fragen

Schellhagen knüpft mit dem Konzept „strategisch Arbeiten gehen“ an die Tradition der Student*innen- und Arbeiter*innenbewegung der 1968er in Westdeutschland und die Arbeit der Angry Workers in den 2010er Jahren an. Durch „revolutionäres Mapping“ sollen die richtigen Sektoren identifiziert werden. Wie danach die konkrete betriebliche Organisierung aussehen soll, bleibt jedoch vage.

Auch, dass die vielen Streiks in den letzten Jahrzehnten in Europa nicht zur Revolution geführt haben; und, dass die Bewegung in den 1968ern aufgrund von politischer Isolation, Erschöpfung und Repression zusammengebrochen ist, wird in ihrem Vorschlag zu wenig beleuchtet. Es ist fraglich, ob die Arbeiter*innenbewegung tatsächlich dadurch effektiv gestärkt wird, dass einige Linke strategisch arbeiten gehen.

Besonders vor dem Hintergrund des zunehmenden Rechtsextremismus und der Verbreitung rechten Gedankenguts bleiben hier viele Fragen offen. Schellhagen beschreibt, dass Arbeiter*innen in aller Regel eine Abneigung gegen jene hegen, die sie ausbeuten. Was aber tun, wenn sie in erster Linie die Frustration gegen Migrant*innen, FLINTAs, und andere marginalisierte Person richten? Schellhagen setzt auf Kontakt und Beziehungsaufbau, durch welche Arbeiter*innen wieder für progressive Ideen und kollektive Organisierung gewonnen werden können.

Doch wie genau führt der Weg von der konkreten Organisierung im Betrieb zu einer umfassenden gesellschaftlichen Veränderung? Wie wird aus dem konkreten Kampf um bessere Arbeitsbedingungen ein gemeinsames Verständnis davon, welche Gesellschaft wir eigentlich erkämpfen wollen? Gerade hier bleibt eine Leerstelle: Es reicht nicht, Menschen zu organisieren – wir müssen auch Antworten darauf finden, wie wir eine gemeinsame, emanzipatorische Zukunft vorstellbar und erfahrbar machen können. Das ist umso dringlicher, wenn rechte Kräfte gerade so erfolgreich rückwärtsgewandte Bilder verbreiten.

Revolutionäre Organisation, aber wie?

Neben der Frage nach der politischen Strategie und Taktik widmet sich Schellhagen auch der Organisationsform. Die Organisierung in Betrieben soll nicht lose geschehen, sondern ausgehend von einer Organisation. Nach Schellhagen soll eine revolutionäre Organisation zwei zentrale Aufgaben erfüllen. Einerseits soll sie für alle noch nicht organisierten Menschen eine Anlaufstelle sein. Andererseits soll sie bereits existierende politische Gruppen verbinden. Schellhagen betont hier die Wichtigkeit des ‚Webens‘. Sie meint damit, die konstruktive Kritik mit- und untereinander, die das Ziel verfolgt, zusammenzuwachsen.

In der Analyse vergangener Organisationen – insbesondere von Parteien – unterstreicht Schellhagen: Das, was die Revolution ausmacht, soll nicht für sie geopfert werden. Eine revolutionäre Organisation soll klar definierte politische Inhalte in sich tragen, die nicht aufgegeben werden, nur weil sich die Lage zuspitzt. Das betrifft etwa demokratische Prinzipien, die nicht plötzlich ‚für die Revolution‘ aufgegeben werden sollen. Dagegen sieht sie zwei Mittel: Einerseits sollen bereits erprobte Instrumente zur gleichberechtigten Partizipation wie quotierte Redner*innenlisten dienen. Das hilft, interne Machtstrukturen abzubauen. Andererseits sieht sie perspektivisch die Notwendigkeit, Teilhabe nicht auf die politische Ebene zu beschränken, sondern sie auch in den Betrieben zu verankern. Demokratische Mitbestimmung soll dabei insbesondere auch die Gestaltung des Produktionsprozesses umfassen.

Wie jedoch im Hier und Jetzt – wo wir weit davon entfernt sind, dass Produktionsmittel in gesellschaftlichem Besitz sind – eine emanzipatorische Organisation aussehen könnte, bleibt im Buch hypothetisch. Die Leser*innen seien ermuntert, dies für sich und ihre eigenen Gruppen oder Nachbarschaften zu überlegen. Dabei sieht Schellhagen die Schwierigkeit ein, dass wir revolutionäre Organisationen aufbauen müssen, während wir selber noch den kapitalistischen Zwängen untergeordnet sind. Ihre Überlegungen bieten dahingegend Ansatzpunkte und Referenzen, die uns in den Diskussionen unterstützen.

Nicht verzweifeln, tun!

Für Schellhagen ist klar: Erst das Abschütteln des Kapitals bringt die Freiheit, mit der wir die Klimakrise auch effektiv angehen können. Daran anschließend skizziert sie im letzten Teil ihres Buches eine Zukunft, wie sie sein könnte: Wenn nur das gesellschaftlich Notwendige produziert wird, wenn demokratisch über die Produktion entschieden wird, wenn die wirtschaftliche Planung die Endlichkeit der natürlichen Ressourcen berücksichtigt. Das Szenario lässt die Leser*in spüren, wie weit entfernt wir von einer solchen Welt noch sind – doch es macht auch Hoffnung. In ihrem Epilog schreibt Schellhagen:

„Anstatt zu verzweifeln oder zu versuchen, in einem System Karriere zu machen, das die Welt verbrennt, können wir eine vereinte revolutionäre Bewegung aufbauen, die strategisch vorgeht und dem Spuk der Kapitalverwertung ein Ende macht. Es gibt viel zu tun.“ (S. 151)

Es ist diese Zuversicht und der Nachdruck, mit dem die Leser*innen zum Weiterkämpfen animiert werden und die das Buch so stark machen. Trotz der widrigen Umstände gibt es noch immer eine Welt zu gewinnen. Aufgeben ist also keine Option. Stattdessen gilt es, neue Strategien zu entwickeln, Organisationsformen auszuprobieren, und emanzipatorische Zukünfte zu skizzieren. Auf erstaunlich wenig Seiten schneidet Schellhagen erstaunlich viele zentrale Fragen an. Teilweise geht dies auf Kosten der Tiefe und Komplexität der Auseinandersetzung. Gleichzeitig ist es die Kürze und Klarheit, die das Buch so ansprechend und leserlich machen. Schellhagens „Wie wir uns eine Zukunft auf diesem Planeten erkämpfen. Handbuch für Unerschrockene“ ist eine ideale Diskussionsgrundlage. Und Diskussionen und Auseinandersetzungen braucht es auf jeden Fall. So schaffen wir die Grundlage, um Kämpfe zu führen, die uns in eine bessere Zukunft bringen.

Titelbild: Büchner Verlag

Johanna Schellhagen, Karl Heinz Roth (Nachwort): „Wie wir uns eine Zukunft auf diesem Planeten erkämpfen. Ein Handbuch für Unerschrockene.“ Erhältlich beim Büchner Verlag: https://www.buechner-verlag.de/buch/wie-wir-uns-eine-zukunft-auf-diesem-planeten-erkaempfen/

  • war bereits in unterschiedlichen politischen Kontexten aktiv, unter anderem in der Klimabewegung und feministischen Kämpfen. Aktuell arbeitet sie daran, die betriebliche Vernetzung und kollektive Organisierung in Krankenhäusern zu stärken.

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  • ist Anthropologin und hat sich mehrere Jahre lang im Sozialbereich basisgewerkschaftlich organisiert. Nun baut sie gemeinsam mit anderen Mala Zêrîn in Wien auf – ein Zentrum, das Soziale Bewegungen, Grätzlorganisierung und Communities miteinander verwebt.

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