In Kronstorf südlich von Linz wird derzeit ein Rechenzentrum von Google errichtet. Schon das Ausmaß der bisherigen Pläne waren enorm, nun hat der Konzern Anträge für die zweite Ausbaustufe eingereicht. Weltweit machen Bewegungen derzeit auf den enormen Energie- und Wasserbedarf, sowie die polizeiliche und militärische Nutzung der in diesen Anlagen trainierten Künstlichen Intelligenz aufmerksam. Die Initiative „Rechenzentren? Nein, danke!“ fordert einen sofortigen Baustopp in Kronstorf sowie für weitere geplante Rechenzentren in Österreich. Ihr Sprecher Rafael Eisler berichtet im mosaik-Interview von ihren Beweggründen und nächsten Schritten.
mosaik: Ihr habt letzte Woche das Rechenzentrum in Kronstorf besetzt. Wieso?
Raphael Eisler: In erster Linie ging es darum, die mediale Aufmerksamkeit für das Thema nicht zu verlieren. Die letzten Wochen wurde sehr viel über Proteste gegen das Rechenzentrum berichtet. Diese Berichterstattung ist jetzt abgeflacht. Dabei gibt es nach wie vor Aktionen – etwa durch die Initiativen vor Ort. Zum anderen ist es nach wie vor machbar, etwas gegen das Rechenzentrum zu unternehmen, genauso wie gegen weitere Zentren in der Größe.
Das wichtigste ist aber zu zeigen, dass man mit ein paar Aktivist*innen allein etwas Großes meistens nicht verhindern wird. Das hat die Letzte Generation, denke ich, ganz gut aufgezeigt – auch wenn dieser Sommer gezeigt hat, dass sie mit ihren Forderungen recht hatten. Wir brauchen eine gesammelte Zivilgesellschaft, die aufsteht, für ihre Rechte kämpft und sich einsetzt. Wir haben viele Leute, die bereit sind zu kämpfen; je mehr Leute in den Widerstand gehen, desto geringer fallen die einzelnen Repressionen aus und desto höher ist der politische Druck. Rechenzentren sind ein Thema, aus dem die breite Zivilgesellschaft keinen Nutzen zieht – und das wissen die meisten auch.
mosaik: Euer Slogan lautet, Rechenzentren rechnen sich nicht. Weshalb?
RE: Was wir nicht meinen, sind Rechenzentren, die für in Österreich ansässige Firmenbetriebe notwendig sind; für Rechenoperationen und Datenverteilungen, die hier stattfinden müssen. Die es ja seit Jahrzehnten gibt.
Wir meinen konkret den global immer stärker werdenden Trend von riesengroßen Hyperscaling- oder KI-Rechenzentren – wie es auch in Kronstorf der Fall ist. Wir beobachten da einen enormen Anstieg: 2018 gab es weltweit circa 400 Hyperscaler, Ende 2025 waren es 1300. Es ist ja nicht so, das wir auf einmal das Internet viel mehr brauchen. Das passiert, weil KI-Technologie, sowie Cloud-Technologie, die für KI verwendet wird, am Boomen ist. Und das liegt in erster Linie an Krieg und Überwachung.
In den USA sieht man bereits die Umweltverschmutzung durch das Grundwasser, was entnommen und verunreinigt wieder zurückgeleitet wird. Den Einfluss auf die Strompreise, wo die Rechenzentrums-Konzerne Kartelle mit den Energiekonzernen bilden, und dann die Erhöhung der Stromkosten auf die Endverbraucher*innen in der Umgebung abwälzen. Dort gibt es Berichte, wo sich die Strompreise rund um Rechenzentren verdrei- oder sogar vierfacht haben. Das ist Realität und wird bei uns auch passieren, wenn wir nichts dagegen unternehmen.
mosaik: Wie reagieren Anwohner*innen auf euren Aktivismus? Findet ein Austausch statt?
RE: Ich stand bei der angemeldeten Kundgebung vor der Baustelle und jede einzelne Person, die vorbeigekommen ist – egal ob im Auto, mit dem Motorrad, spazierend oder mit dem Rad – alle haben uns entweder applaudiert, einen Daumen hoch gezeigt oder gehupt und gewinkt. Manche sind auch ins Gespräch mit uns gegangen und meinten, sie finden super, was wir machen. Die Unterhaltungen mit den Leuten vor Ort sind in so viele verschiedene Richtungen gegangen. Jeder hatte andere Sorgen, ob es die Energie, die Versiegelung des Bodens, das Grundwasser oder der Lärm ist.
Die einzig negativen Interaktionen waren eine Person, die uns aus dem Auto den Mittelfinger gezeigt hat und ein Auto, das an uns vorbeigerast ist, um uns einzustauben. Das ist dann in die Baustelle hineingefahren. Wahrscheinlich waren es also Menschen, die dort arbeiten.
mosaik: Es gibt vor Ort auch eine Bürger*inneninitiative, die zum Beispiel kürzlich eine Demonstration organisiert hat. Wie ist das Verhältnis hier?
RE: Also meines Wissens nach war von der Bürgerinitiative niemand Teil von der Aktion. Wir unterstützten aber natürlich was sie machen und was ich so gehört habe, fanden sie unsere Aktion auch nicht blöd. Ich glaube sowieso, dadurch dass sie direkt betroffen sind, nehmen sie jede Aktion, die in ihrem Sinne handelt, positiv auf.
mosaik: In euren Zielen unterscheidet ihr euch. Die BI fordert maßgeblich Transparenz und eine Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) für das Rechenzentrum. Ihr auch?
RE: Wir stellen ja deutlich härtere Forderungen, die schließen das ein wenig aus. Also eine UVP wäre das Bare Minimum, würde ich sagen, aber das schafft viele andere Probleme nicht aus dem Raum. Etwa, wie viel Grundwasser oder Wasser aus der Enns entnommen werden darf. Das ist nicht transparent geregelt. Dann geht es um grüne Energie: Google behauptet immer, dass sie grünen Strom verwenden. Aber sie bauen ja keine neuen Energiequellen, sondern werden grünen Strom zukaufen, den eigentlich jemand anders gekauft hätte. Zudem haben sie Notstromgeneratoren vor Ort, die mit Öl laufen und eine enorme Umweltbelastung darstellen.
Es gibt so viele Punkte, die auch durch eine nachträgliche UVP nicht abgedeckt werden würden. Deshalb sind wir mit unseren Forderungen deutlich härter und pochen auf einen Baustopp, bis alle diese Fragen geklärt sind. Auch, wie es überhaupt dazu gekommen ist, dass immer wieder Dinge bewilligt wurden, die nicht hätten bewilligt werden sollen, dass keine UVP gemacht wurde.
Auch der Zweck des Rechenzentrums. Hier knüpfen unsere weiteren Forderungen an: Wir wollen in Österreich keine Technik zur Verfügung stellen für Besatzung, Apartheid und Völkermord und auch keine für polizeiliche, staatliche oder militärische Überwachung. Alles Dinge, für die Google weltweit Verträge unterhält. Project Nimbus etwa, wo es um die Überwachung von Palästinenser*innen in der Westbank oder in Gaza geht. Bei so einem großen Konzern wird man den Zweck und die Einhaltung nicht überwachen können. Wir sind ja jetzt schon auf Biegen und Brechen überfordert damit, was wir überhaupt mit KI machen sollen. Und dann soll eine oberösterreichische Landesregierung überwachen, was Google dann in diesem Rechenzentrum macht, wovon die wahrscheinlich Bahnhof verstehen. Nein, danke.
mosaik: „Wir fordern: sofortigen Baustopp in Kronstorf und für weitere geplante Rechenzentren in Österreich“ – kann es nicht auch Vorteile haben, Infrastruktur vor Ort zu haben, statt von Infrastruktur in den USA abhängig zu sein?
RE: Die Rückfrage wäre: Welche Vorteile? Hyperscaler und KI-Rechenzentren werden ja nicht dafür genutzt, um irgendwelche für uns relevanten Daten dort zu speichern. Vor allem KI-Rechenzentren haben kaum Storage Capacity, die haben großteils Computing Units. Das heißt, sie werden für Berechnungen eingesetzt, da wird nichts gespeichert. Wir hören immer wieder, die Instagram-Videos, die wir posten, werden doch auch dort gespeichert – das stimmt nicht.
Und auch bei den Hyperscalern wird der Großteil der Cloud Infrastruktur B2B (Business to Business, Anm.) verwendet. Also von großen Unternehmenskunden und eben Militärkonzernen.
Was sind außerdem europäische oder österreichische oder US-amerikanische Daten im Endeffekt? Wer kontrolliert oder überwacht das? Wir sind da meilenweit hinterher, was die Gesetzgebung angeht. Über einige Detailfragen kann man sich sicher unterhalten, aber im Endeffekt überwiegen, denke ich, die Nachteile klar.
mosaik: Vergangenen Sommer hat Microsoft eine ganze „Rechenzentrumsregion“ rund um Wien eröffnet, die als „zehntes Bundesland“ beworben wird. Wieso gab/gibt es hier keine Proteste?
RE: Relevant ist auf jeden Fall, dass Kronstorf medial sehr stark aufgegriffen wurde. Durch die Berichterstattung ist sehr schnell klar geworden, dass da vieles nicht so gelaufen ist, wie es hätte sollen. Es fehlt immer noch an Transparenz. Und es befindet sich noch im Bau, das heißt man kann immer noch etwas dagegen tun, Forderungen stellen und sich engagieren.
Dazu kommt natürlich, dass Kronstorf in der vollen Ausbaustufe, also wenn Google seine komplette Fläche nutzt, eines der größten Rechenzentren in ganz Europa wird.
Und ehrlicherweise glaube ich auch, dass wir in Österreich für diese Debatte noch gar nicht so wirklich gewappnet waren, was Rechenzentren eigentlich sind. Wenn man in den USA schaut, die waren wahrscheinlich vor 2 Jahren oder vor 2,5 Jahren an dem Punkt, wo wir jetzt gerade sind. Aber das heißt auch, dass wir daraus lernen können, was dort passiert ist. Zudem hat unsere Initiative ja gerade erst begonnen.
mosaik: In den USA werden Rechenzentren gerade zu einem entscheidenden Thema im Midterm-Wahlkampf, im ganzen Land formieren sich Proteste. Kann das Thema auch hier strategisch weitergedacht werden?
RE: Unser Plan ist auf jeden Fall, von reiner Aktionsstruktur auf eine Kampagnenstruktur zu wechseln. Und dementsprechend auch zu versuchen, uns international zu vernetzen und zu informieren, was gut funktioniert und nicht funktioniert. Und wie man das in Österreich umsetzten kann.
Denn ich denke, was bei uns sicher nicht der Fall sein wird, ist, dass Rechenzentren so ein relevantes Thema im Wahlkampf oder im Allgemeinen werden. In den USA gibt es ja keinerlei Regularien. Die können dort ohne Bewilligung fünf Kronstorf-Rechenzentren auf einen Fleck stellen, das Grundwasser leer saugen und die Anwohnerschaft vergiften. Und weil sie Energie brauchen, stellen sie noch ein Atomkraftwerk daneben. Da sind wir ja schon ein bisschen besser reguliert – wenn auch nicht gut genug, wie man jetzt sieht. Ganz so skandalös wird es also denke ich nicht.
Aber du hast vollkommen recht. In den USA ist das für die Midterms wahrscheinlich das größte politische Diskussionsthema in beiden Lagern. Das ist bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass die USA gerade einen Handelskrieg gegen Kanada führen, einen heißen Krieg mit Israel gegen den Iran, der Präsident ein gesuchter Krimineller ist, und die Epstein-Files immer noch dastehen. Und trotzdem ist das ein einflussreiches Thema. Das zeigt die Relevanz der Thematik, die den Leuten hierzulande vielleicht noch gar nicht klar ist. Da ist noch viel Sensibilisierung nötig und die Berichterstattung ist bislang noch nicht ins Detail gegangen.
mosaik: Welche Details fehlen dir beispielsweise?
RE: Zum Thema Wasser etwa: Es heißt, sie nehmen Wasser aus der Enns, ein Teil verdampft und ein Teil wird als Warmwasser dann wieder zurückgeleitet. Das sei kein Problem, weil dort 200 Kubikmeter Wasser in der Sekunde durchfließen. Jetzt wo ich vor Ort war habe ich gesehen, dass dieses Gebiet der Enns direkt bei einem Stausee ist, da fließt kaum Wasser. Der Wert mit den 200 Kubik ist anscheinend ein paar Jahrzehnte alt. Die Enns hat diesen Wasserstand gar nicht mehr.
Außerdem ist die State-of-the-Art Kühlung für ein solches Rechenzentrum eigentlich Direct-to-Chip mit einem geschlossenen Wasserzyklus. Das heißt, du brauchst gar kein Wasser, das du zusätzlich entnimmst.
mosaik: Überhaupt entwickelt sich der Bereich gerade rasant.
RE: Ja, wenn man daran denkt, was war mit KI vor fünf Jahren und wie wird es in fünf Jahren sein. Wird es dann nicht einfach Chips, Storage-Möglichkeiten und Computing-Units geben, die gar nicht mehr so viel Platz brauchen? Warum müssen wir jetzt gerade so viel davon bauen, wenn wir diese Größe in ein paar Jahren vielleicht gar nicht mehr brauchen werden?
Was macht man mit so einem Rechenzentrum wie in Kronstorf, wenn das kein Rechenzentrum mehr ist? Die Dinger sind ja so konstruiert, dass sie eigentlich keine Weiterverwendungs-Eignung haben, das ist auch ein großer Kritikpunkt. Man sollte also erst einmal abwarten, wie sich das entwickelt.
mosaik: Dass das Google-Rechenzentrum gebaut wird, gilt als gesetzt. Was sind weitere Ziele eurer Initiative?
RE: Selbst wenn das Ganze im Bau ist, oder in Betrieb genommen werden soll, ist es meistens nicht zu spät, nochmal an das anzuknüpfen, wie es davor war. Unseren Namen haben wir bewusst gewählt: „Rechenzentren? Nein danke!“ erinnert an „Atomkraft? Nein danke“, also Zwentendorf. Wir hatten ein fertiges Atomkraftwerk in Österreich, und letztendlich wurde es nicht in Betrieb genommen. Wir machen das, weil wir glauben, dass die Leute irgendwann verstehen, dass sie für ihre Rechte kämpfen müssen.
Ansonsten ist es wichtig, dass wir über dieses Thema aufklären. Zu der Initiative sind Aktivist*innen aus den verschiedensten Bereichen gestoßen, sei es gegen Militarisierung, Imperialismus oder Rüstung, aus der Klimabewegung oder Palästinaaktivismus. Ich glaube also, dass diese Initiative noch mehr aufzeigen kann, dass all diese Kämpfe miteinander verbunden sind. Dass wir im Prinzip alle im selben Widerstandscamp sitzen sollten, und zwar gegen den Kapitalismus, der Profit über alles andere stellt. Die Zerstörung unserer Planetens, Menschenleben, einer erstrebenswerten Zukunft. Dafür ist das eine sehr geeignete Kampagne, weil es diese Dinge von Natur aus zusammenbringt.
Foto: Initiative Rechenzentren? Nein danke!