„Vöcklabruck gegen Rechts“ – Antifaschismus bleibt Landarbeit

Oberösterreich hat ein Rechtsextremismus-Problem. Dem setzt das Bündnis „Vöcklabruck gegen Rechts“ seit 2017 etwas entgegen. Was mit vereinzelten Aktionen und Infomaterial begann, mündete in feste Strukturen. Lest im Auftakt der mosaik-Sommerreihe Kein ruhiges Hinterland“ über Gespräche im lokalen Stadtpark und antifaschistische Bürgermeister.

Frühjahr 2024: In Attnang-Puchheim wird ein Firmengebäude in Frakturschrift mit „Berghof“ beschriftet. Name und Schrift spielen auf Hitlers Quartier am Obersalzberg an. Die Eigentümer werden dem Milieu des rechtsextremen Rockerclubs „Bandidos“ zugerechnet.

August 2025: Die neofaschistischen Identitären veranstalten am Laudachsee bei Gmunden ihr sogenanntes „Bundeslager“. Rechtsextreme aus Österreich, Deutschland und der Schweiz treffen sich für Kampfübungen und den Austausch zu „Remigrations“-Plänen.

Februar 2026: Vor einem Gasthaus in Redl-Zipf weht eine Flagge mit der Lebensrune – ein beliebtes Symbol der SS. Bei einer Hausdurchsuchung stellt die Polizei rechtsextreme Bilder und Zeitschriften sicher. Auf eine Anklage wegen Wiederbetätigung erfolgt ein Freispruch.

Attnang-Puchheim, der Laudachsee und Redl-Zipf liegen alle in Oberösterreich – innerhalb eines Umkreises von rund 30 Kilometern. Sie sind Teil des Alpenvorlands bzw. des Salzkammerguts. Im Rest Österreichs ist diese Region vor allem für ihre Idylle bekannt. Nicht wenige haben sich wahrscheinlich schon einmal an heißen Sommertagen im Attersee oder Traunsee abgekühlt. Doch wie so oft trügt die Idylle. Denn wie die Beispiele zeigen: Die Region hat ein Problem mit Rechtsextremismus.

Vöcklabruck gegen Rechts

Der Laudachsee liegt in Gmunden. Attnang-Puchheim und Redl-Zipf gehören zum Bezirk Vöcklabruck. Von der gleichnamigen Bezirkshauptstadt trennen sie nur wenige Kilometer. Hier sind wir aktiv – das überparteiliche Bündnis „Vöcklabruck gegen Rechts“. Rund 14.000 Menschen leben in Vöcklabruck. Die Kleinstadt befindet sich an der Weststrecke zwischen Linz und Salzburg. Mit Blick auf die nahe gelegene Seen- und Bergregion wird sie gern auch als Tor zum Salzkammergut bezeichnet.

Für die „Identitäre Bewegung“ (IB) sollte Vöcklabruck im Jahr 2017 hingegen zum Tor ihrer rechtsextremistischen Aktivitäten werden. Die IB plante, eine Ortsgruppe zu gründen. Doch es formierte sich aktiver Widerstand gegen diese Pläne. Zum ersten Mal kamen wir als „Vöcklabruck gegen Rechts“ zusammen. Durch Informationskampagnen am Stadtplatz, in Wirtshäusern und Lokalen konnten wir die Gründung der IB-Ortsgruppe verhindern. Der Erfolg sollte der Startschuss unserer politischen Arbeit sein.

Menschen halten ein Banner am Stadtplatz Vöcklabruck hoch "Offenheit & Toleranz statt Identitäre Ignoranz"
Die erste Aktion 2017: Proteste gegen die IB am Stadtplatz Vöcklabruck | (c) Vöcklabruck gegen Rechts

Allianzen mit wenig Kompromissen

Als Bündnis „Vöcklabruck gegen Rechts“ setzen wir uns für eine weltoffene, friedliche und antifaschistische Gesellschaft ein. Wir sind eine kleine Gruppe von Aktivist*innen – im Kern meist 8-10 Personen mit einer Altersspanne von Anfang 20 bis Mitte 70. In den vergangenen neun Jahre haben wir erfolgreiche und weniger erfolgreiche Aktionen durchgeführt. Wir sind mit vielen Menschen ins Gespräch gekommen und haben unsere Arbeit immer neu gedacht. Was uns besonders auszeichnet: Wir sind dran geblieben. Denn unsere Überzeugung hat sich über die Jahre nicht verändert: Antifaschismus bleibt Landarbeit!

Diese Landarbeit muss Allianzen eingehen. Dabei ist unser Motto klar: So viel Zusammenarbeit wie möglich – so wenige Kompromisse wie nötig. Manche Zusammenschlüsse fallen uns dabei leichter. Über die Jahre haben wir gemeinsam mit verschiedensten Organisationen Aktionen durchgeführt: Mit der SOS-Balkanroute sammeln wir seit Jahren Kleidung für Menschen auf der Flucht. Mit Salzkammerqueer organisieren wir Veranstaltungen zum Pride-Month. Und Organisationen wie die lokale Seebrücke, das örtliche Mauthausen Komitee und das Offene Kunst- und Kulturhaus Vöcklabruck (OKH) sind seit vielen Jahren in den unterschiedlichsten Belangen verlässliche Partner*innen.

Sammelaktion von Sachspenden mit der SOS Balkanroute | (c) Vöcklabruck gegen Rechts

Wir gehen aber auch auf die Politik zu. Um hier etwas zu erreichen, scheuen wir auch Gespräche mit Vertreter*innen von Parteien nicht, die uns auf den ersten Blick nicht so nahestehen. Auch geben wir oft den ersten Anstoß aktiv zu werden und konnten dann in weiterer Folge gemeinsam mit Gemeindepolitiker*innen handeln. So etwa geschehen, nachdem es im Jahr 2023 im Bezirk zu Razzien bei Rechtsextrem gekommen war.

Niederlagen und unverhoffte Mitstreiter*innen

Natürlich funktioniert nicht jede Allianz reibungslos. In der Coronazeit marschierten am Stadtplatz in Vöcklabruck 1.500 Schwurbler*innen, Esoteriker*innen und Rechtsextreme auf. Wir konnten dem nicht wirklich etwas entgegensetzen. Die geplante Gegenaktion wurde von mehreren Seiten so lange verwässert, bis schließlich 200 Leute mit Kerzen am Sportplatz standen – wobei nicht ganz wirklich klar war, wofür oder wogegen. Es fühlte sich an wie eine Niederlage. Diese Erfahrung hat uns bewusst gemacht, dass es manchmal besser ist, im Alleingang zu handeln, und dafür den eigenen Prinzipien treu zu bleiben.

Immer wieder finden wir aber auch unverhoffte Mitstreiter*innen. Etwa, wenn eine Klosterschwester gemeinsam mit uns gegen islamfeindliche Angriffe von Rechtsextremen auf die Straße geht; ein ÖVP-Bürgermeister sich unserer Antifaschismus-Kampagne anschließt; oder der Wirt von „Bergi’s Himmelreich“ die Reservierung der Identitären storniert, nachdem wir ihn auf die Problematik hingewiesen haben. Immer wieder gilt es abzuwägen, welche Grundsätze nicht verhandelbar sind – und wo man dennoch am selben Strang ziehen kann. Das merken wir in unserer Arbeit am Land immer wieder.

Identitären Bundeslager als Zäsur

2017 konnten wir die Gründung einer IB-Ortsgruppe, die sich offen und regelmäßig in Vöcklabruck trifft, verhindern. Die allgemeinen Umtriebe der Identitären und ihrer Tarnorganisationen fielen in unserer Region dennoch auf fruchtbaren Boden. Das machten uns die erschreckenden Bildern ihres Bundeslagers im Sommer 2025 am Laudachsee schmerzlich bewusst. Uns war klar: Der Kampf, den wir gegen Rechtsextremismus führen, ist noch nicht wirksam genug.

Das Bundeslager war Anlass, unsere Strategie noch einmal stärker zu überdenken. Wir fragten uns, was wir als kleine Gruppe von acht bis zehn Leuten erreichen könnten. Wir haben durchaus Verbündete im Bezirk und darüber hinaus. Sie sind politisch aktiv und handlungsbereit. Doch was ist eigentlich mit allen anderen? Auch in einer Kleinstadt wie Vöcklabruck fehlt der breite Austausch. Meist sprechen die miteinander, die sich ohnehin schon einig sind.

Aus der Komfortzone ins Gespräch

Deswegen hatten wir bereits vor den EU- und Nationalsratswahlen 2024 auf einen Strategiewechsel gesetzt. Mit Plakaten und Fragen wie „Haben wir ein Problem mit Rechtsextremismus?“, „Gibt es den Klimawandel wirklich?“, „Willst du eine Blume oder ein Leben ohne Gewalt?“ sind wir zu verschiedenen Anlässen auf die Straße und in den Vöcklabrucker Stadtpark gegangen.

Dort halten sich rund um Spielplatz, Frei- und Hallenbad sowie Sportplätze Menschen jeden Alters und verschiedenster Hintergründe auf: Kleinkinder mit ihren Eltern, Schüler*innen oder Senior*innen. Wir kamen mit Menschen ins Gespräch, die normalerweise nicht zu unseren Veranstaltungen kommen. Menschen, die nicht wählen, weil sie sich von der Politik nicht ernst genommen fühlen. Menschen, die die FPÖ wählen, weil sie Ängste haben. Menschen, mit denen wir in Gesprächen aber eigentlich immer zum selben Schluss kamen: Wir alle wollen ein Leben in Frieden und Freiheit. Wir alle wollen eine Gesellschaft, in der wir uns auf Augenhöhe und mit Respekt begegnen.

Gespräche zum feministischen Kampftag im März 2025 | (c) Vöcklabruck gegen Rechts

Diese Gespräche sind wahrscheinlich mit das Wertvollste, was wir in den letzten Jahren gemacht haben. So banal es klingt: Durch das gegenseitige Zuhören haben wir mit allen Gesprächspartner*innen Gemeinsamkeiten gefunden – trotz teils großer Differenzen. Wir von „Vöcklabruck gegen Rechts“ haben gelernt, dass viele Leute, die politikverdrossen sind oder rechte Parteien wählen, dafür ihre Gründe haben. Sie sind aber durchaus bereit, zuzuhören und nachzudenken. Vorausgesetzt, ihnen hört auch umgekehrt jemand zu. In diesen Gesprächen konnten wir ganz nebenbei auch mit diversen Vorurteilen uns gegenüber und allgemein linke Gruppen aufräumen.

Antifaschistische Bürgermeister*innen

Das Treffen am Laudachsee konnten wir auf diese Weise allerdings nicht verhindern. Die bereits aufgelisteten Vorfälle zeigen, dass das Treffen kein Einzelfall war. Rechtsextreme in Oberösterreich haben sich nie groß versteckt. Angesichts der Wahlerfolge der FPÖ steigt ihr Selbstbewusstsein weiter. So wichtig es auch ist: Das Sprechen mit Menschen reicht nicht aus, um diesen Aufstieg zu verhindern. Während wir Zuhören müssen wir gleichzeitig offensiv für Antifaschismus eintreten.

Spätestens seit dem Laudachsee-Treffen war uns klar, dass wir dazu auch die Lokalpolitik in die Verantwortung nehmen müssen. Erst kürzlich hat der Verfassungsexperte Heinz Mayer in einem Gutachten festgestellt, dass die österreichische Verfassung dem Staat einen klaren antifaschistischen Auftrag gibt. Bürgermeister*innen aller demokratischen Parteien sollten ihre Vorbildwirkung nutzen und sich zu diesem Auftrag bekennen. Deswegen klopften wir an einige Rathaus-Türen. Das Ziel: Ab Herbst 2026 eine Plakat-Kampagne inklusive Pressekonferenz, die einfach erklärt, warum Antifaschismus eine wesentliche Grundlage unseres Zusammenlebens ist und sein muss.

2021 zeigen Aktivist*innen Gesicht. Ab Herbst 2026 sollen das auch Bürgermeister*innen im Bezirk Vöcklabruck tun | (c) Vöcklabruck gegen Rechts

Bei unseren Gesprächen mit den Bürgermeister*innen agierten wir dabei nicht als Bittsteller*innen. Wir fragten nicht um einen Gefallen. Nach vielen Jahren konsequenter, politischer Arbeit waren wir selbstbewusst genug, um die Gemeinde-Politiker*innen aktiv an ihre Verantwortung zu erinnern: Wer eine führende, politische Position innehat, muss sich unumwunden und öffentlich als Antifaschist*in bezeichnen und zu den Werten der Verfassung bekennen können.

Wir sind auf unterschiedliche Reaktionen gestoßen. Manche Bürgermeister*innen wären lieber mit Begriffen wie Demokratie und Zivilcourage an die Öffentlichkeit gegangen. Aber wir sind nicht von unserer Forderung abgerückt. Die Bürgermeister*innen haben uns zugehört. Wir haben diskutiert und uns schlussendlich auf ein gemeinsames Vorgehen verständigt.

Antifaschismus als Land- und Beziehungsarbeit

Mittlerweile sind wir dabei, die Kampagne gemeinsam mit dem Mauthausen Komitee Vöcklabruck und mit Bürgermeister*innen von ÖVP und SPÖ umzusetzen. Unsere Gespräche haben bewiesen, dass eine diplomatische Gesprächsbasis auf Augenhöhe auch mit einem radikalen Anspruch funktionieren kann. Die Bürgermeister*innen und „Vöcklabruck gegen Rechts“ sind sich sicherlich nicht in allen Punkten einig. Aber wir haben uns darauf geeinigt, dass Antifaschismus in Österreich selbstverständlich sein muss und dass dieses Bewusstsein in unseren Gemeinden beginnen und wachsen kann.

Ein weiteres Mal bleibt Antifaschismus Landarbeit. Welche Wirkung unsere Kampagne entfalten und welche Diskussionen sie anregen wird, bleibt abzuwarten. Dass sie von der Idee in die Umsetzung geht, ist für uns bereits ein Erfolg. Das Rezept dafür hat sich über die letzten neun Jahre bewährt: Wir leisten unentwegte antifaschistische Arbeit und sind immer bereit, andere Menschen dafür ins Boot zu holen. Es geht darum, Beziehungen aufzubauen und Gemeinsamkeiten mit möglichst vielen Menschen zu finden.

Hoffnungsvoll und kämpferisch

Natürlich ist politischer Aktivismus anstrengend. Er kann frustrieren und fühlt sich mitunter oft ergebnislos an. Wenn wir dann aber einen Schritt zurück treten, merken wir schnell, dass es auch sehr viele lohnenswerte Momente gibt. Auch hätten wir als Gruppe ohne diese politische Arbeit nie zusammengefunden. All die Gespräche, die wir geführt haben, waren sowohl für uns als auch für unsere Gegenüber eine Bereicherung. Wir machen das, weil es notwendig ist. Weil es keine Alternative dazu gibt, rechtsextreme und faschistische Strömungen zu bekämpfen. Aber wir machen es auch, weil wir es wollen, weil es uns Freude bereitet und wir daran glauben, das Leben in unserer Stadt und darüber hinaus verändern zu können.

Bis heute begründen viele Politiker*innen ihre Untätigkeit immer wieder mit den Einschränkungen der „Realpolitik“. Wir beweisen das Gegenteil. Real ist nämlich immer das, was wir real werden lassen. Dass die kleine, widerständige Gruppe „Vöcklabruck gegen Rechts“ real ist – genauso wie unzählige andere Gruppen, Organisationen und Menschen real sind, die großartige Arbeit in der Regin leisten – sollte uns alle hoffnungsvoll und kämpferisch in die Zukunft blicken lassen.

Titelbild: privat

Dieser Artikel ist Teil unser aktuellen Sommerreihe „Es gibt kein ruhiges Hinterland“. Hier kommst Du zu den bisherigen Teilen:

1. Kein ruhiges Hinterland – mosaik Sommerreihe 2026

  • Nicolas Lang ist Mitbegründer des Bündnis „Vöcklabruck gegen Rechts“. Ansonsten ist er politisch vor allem beim Verein GEDENKDIENST aktiv. Er ist Musiker in den Bereichen Austropop und Klassik und arbeitet in einem Senior*innenheim in Wien.

    Alle Artikel

Weitere Beiträge

Teilen & Helfen

Spenden & Helfen

Lorem ipsum dolor sit amet, consectetur adipiscing elit. Ut elit tellus, luctus nec ullamcorper mattis, pulvinar dapibus leo.