Kisten mit Gemüse, aus der Vogelperspektive.

Schweiß- und Gedankentropfen: Aus dem Alltag einer Gemüsebäuerin

Die österreichische Boulevardpresse beklagt den Ausverkauf des Kult-Eis „Brickerl“. Dabei geraten die eigentlichen Folgen der Hitzewelle aus dem Blick. Für die Landwirtschaft ist die anhaltende Trockenheit Existenz bedrohend. Gemüsebäuerin Moni berichtet von den Herausforderungen des Gemüsebaus bei bis zu 38 Grad – und von solidarischen Formen der Landwirtschaft als wichtigen Baustein für eine zukunftsfähige Versorgung.

Sonntag, 3. Juli, Leonding, Oberösterreich. 38°C meldet die Wetterapp. Seit Wochen schauen wir mehrmals täglich auf den Bildschirm unseres Smartphones. Wir öffnen zunächst die eine, dann die andere und nochmal die andere Wetterapp. „Bei mir sagt es Gewitter ab 14:00 Uhr.“ – „Bei mir ab fünf und auch nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 40%.“ Und immer noch kein Regen.

Der Winter brachte schon kaum Niederschlag. Auch der Frühling war trocken. Omega-Hoch nennen sie die Wetterlage, die uns zwingt, viele Stunden unserer Arbeitszeit in die Bewässerung zu stecken. Im ein bis zwei Stunden-Rhythmus stecken wir vormittags die Bewässerung von den einen Beeten zu den anderen und dann auch wieder zurück. Zum Glück können wir bewässern.

Trotz alledem Gemüse anbauen

Wir sind ein kleiner Gemüsebetrieb in Bergham, fünf Kilometer von Linz entfernt. Wir sind drei Frauen: Sandra, Vroni und Moni. Bei Vroni wuchs zwischen den Hochbeeten der Kunstuniversität die Begeisterung für den Gemüseanbau. Sie war Teil des Gründungsteams, das sich recht zufällig über das plötzliche Vorhandensein eines Gewächshauses zusammenfand. Mit dem viel zu großen Gewächshaus für den privaten Bedarf formte sich vor acht Jahren die Idee unserer Solidarischen Landwirtschaft „GMIAS“. Sandra erwirbt zunächst theoretische Grundlagen in ihrem Studium an der Universität für Bodenkultur in Wien, bevor sie sich in mehreren Betrieben weltweit praktisches Wissen aneignet. Schließlich kommt sie zu GMIAS. Bei mir – Moni – ist es die große Faszination für die Pflanzenwelt, die mich neben dem Studium motiviert hat, einen Ausgleich auf den Feldflächen unseres Verpächters zu finden.

Statt nur für den eigenen Bedarf bauen wir heute für eine Gruppe von 75 Haushalten Gemüse an. Unsere Mitglieder, die wir Ernteteiler*innen nennen, entscheiden sich vor Saisonbeginn, unseren Betrieb für die gesamte Saison zu unterstützen – in erster Linie durch einen jährlichen finanziellen Beitrag. Im Gegenzug erhalten sie das Gemüse, das wir für sie anbauen. Von April bis Dezember ernten wir 60 verschiedene Gemüsekulturen. Wöchentlich liefern wir die frisch gefüllten Kisten nach Linz und Leonding.

Landwirtschaftliche Zukunft braucht Solidarität

Seit 1995 hat Österreich fast 40 Prozent seiner landwirtschaftlichen Betriebe verloren. Im Durchschnitt müssen täglich fünf Bauernhöfe für immer schließen. Knapp die Hälfte der über 50-jährigen Betriebsführer*innen hat keine gesicherte Hofnachfolge. Das hängt unter anderem mit den Arbeitsbedingungen und der schlechten Entlohnung zusammen. Zudem ist es für Quereinsteiger*innen in die Landwirtschaft eine große Hürde, dass ihnen der Zugang zu Land fehlt. Ohne geerbtes Land oder Höfe ist der Einstieg mit hohen Investitionen verbunden. Eine Zukunftsperspektive für die Landwirtschaft braucht deshalb Solidaritätsstrukturen, die landwirtschaftliche Produkte nicht als Ware, sondern als Form der Fürsorge gegenüber Gesellschaft und Natur verstehen.

Solidarität auf vielen Ebenen

Solidarische Landwirtschaft heißt in unserem Betrieb zunächst, das Risiko zu teilen. Dieses ist aufgrund von Wetterereignissen und Schädlingsdruck in der Landwirtschaft höher als in anderen Betriebsfeldern. Mit einem jährlichen Kostenbeitrag unserer Mitglieder decken wir die Kosten des laufenden Betriebs. Dazu gehören Pacht, Saatgut, Versicherung oder unsere Löhne. Die Zahl der Mitglieder steht zu Beginn der Saison fest und hängt unmittelbar mit der Fläche, die wir bewirtschaften, zusammen. Dadurch sind unsere Einnahmen nicht kurzfristig von schwankenden Marktpreisen oder Produktionsmengen abhängig. Stattdessen können wir langfristig das Jahr planen und uns auch bei Hitzeausfällen Löhne auszahlen.

Zukunftsfähige Landwirtschaft darf seine wichtigsten Grundlagen – die Natur und den Boden – nicht zerstören. Solidarisch sein bedeutet für uns auch, den Boden so zu bewirtschaften, dass er auch nach vielen Jahren noch zur Lebensmittelversorgung späterer Generationen dienen kann. Deshalb setzen wir uns auch für Artenschutz, Biodiversität und eine unabhängige Saatgutpolitik ein.

Durch Vielfalt zur Nachhaltigkeit

In unserem Betriebskonzept erfahren wir dabei Sicherheit. Die Vielfalt an unterschiedlicher Pflanzenkulturen und Sorten bringt nicht nur eine geschmackliche Abwechslung ins Gemüsekisterl. Sie macht uns auch stabiler. Sollte es zu Ernteeinbußen oder einem Totalausfall einer Kultur kommen, haben wir dennoch eine Vielzahl anderes Gemüse. Während die derzeitig anhaltende Trockenheit die Salate nur kümmerlich wachsen lässt, lieben unsere Tomaten und Gurken die Hitze und füllen die Kisten üppig.

Wir sind auch solidarisch im Umgang mit unseren Ernteteiler*innen. Wir informieren sie ehrlich und transparent und lassen sie an aktuellen Problemen sowie unseren Ideen und Visionen teilhaben. Ihr Feedback zu integrieren, ist Teil der kleinen Gemeinschaft, die durch das Vertrauen in unsere Arbeit entsteht. Auch unsere eigenen Erfahrungen und der Austausch mit anderen solidarischen Landwirtschaften (sogenannten Solawis) und Gemüsebetrieben aus der Umgebung lassen uns von Jahr zu Jahr routinierter werden.

Gutes Gemüse für alle

Routinierter werden wir auch in unseren Reaktionen auf unvorhergesehene Ereignisse. Und auch auf Vorhersehbare: Denn in Trockenheit und Hitze als Auswirkungen der Klimakatastrophe sehen wir in der Landwirtschaft aktuell eine große Herausforderung. Vielleicht klingt es naiv, aber wir wollen trotz dieser Herausforderungen nicht versteinern und aufgeben. So wie andere auf anderern Ebenen kämpfen und nicht aufhören zu träumen, so versuchen auch wir, diese Herausforderung als Auftrag zu begreifen. Deswegen arbeiten wir an resilienten Lösungen. Lösungen, die den Traum von einer Landwirtschaft, die gutes Gemüse für alle liefert, zur Selbstverständlichkeit machen.

Wir träumen von guten Lebensmitteln für alle. Wir finden, dass jede Person in ihrem Leben einmal Erdäpfel aus dem Boden gegraben und die süßesten und geschmackvollsten Paradeiser gekostet haben soll. Wir träumen davon, dass jedes Dorf eine gemeinsam getragene Landwirtschaft hat, die eine Nahversorgung mit Lebensmitteln sicherstellt. Und wir träumen davon, dass sich noch mehr Menschen finden, die diesen Job gerne machen, und dass sie sich vernetzen. Weil es ist der Austausch, der so fruchtbar ist. Und wir träumen von einer gesellschaftlichen Wertschätzung für die Lebensmittel und die Produktion, die dahintersteht.

Salat im Gewächshaus.

Solidarisch Landwirtschaften im Kapitalismus

Da wir keinen landwirtschaftlichen familiären Hintergrund haben, starten wir recht unvoreingenommen in das Berufsfeld. Dadurch sind wir in der Lage, konventionelle und etablierte Strukturen zu hinterfragen und unseren eigenen Zugang zu formulieren. Dabei holt uns aber auch immer wieder die Welt um uns herum ein.

Wir betreiben Landwirtschaft in Handarbeit. Wir zupfen mit unseren Fingern das Unkraut zwischen kleinsten Karottensämlingen. Wir ernten nur die reifen Melonen und fangen die Mäuse mit Schnappfallen aus ihren Gängen. Wir arbeiten ohne Herbizide und Pestizide und das macht unser Gemüse auch ein Stück weit exklusiv. So gerne möchten wir uns dem Kapitalismus widersetzen. Und dann finden wir uns mittendrin wieder. Zum Beispiel, wenn es darum geht, Menschen zu finden, die gemeinsam unseren Betrieb durch eine weitere Saison tragen. Für viele ist Gemüse ein Luxusgut und sein Preis zu hoch. Nur in kleinen Schritten und manchmal auch mit Schritten zurück, nähern und erhoffen wir uns kleine Ziele. So freuen wir uns wie frisch gebackene Sellerieschnitzel, wenn wir am Erntetag die Kisterl prall füllen können, sich Investitionen ausgehen, die uns den Arbeitsalltag erleichtern, und auch, wenn Menschen neugierig und offen für unsere Ideen sind.

Kollektiv zwischen harter Arbeit

Doch natürlich sind wir nicht allein. In Österreich arbeiten bereits einige Dutzend Betriebe als Solidarische Landwirtschaft. Dadurch entstehen Netzwerke und geteilte Erfahrungen. Zudem ist für uns der Austausch mit anderen Landwirt*innen in der Region elementar. Wir lernen von ihren Erfahrungen und tauschen teilweise mit unseren direkten Nachbarn Kartoffeln gegen Arbeitskraft, oder Gurken gegen Salate, damit sich das eine im Kisterl für alle ausgeht. Und wenn die Mäuse oder die Eisheiligen die frühen jungen Kürbispflanzen vernichtet haben, helfen wir uns nachbarschaftlich mit Ersatzpflanzen aus. Denn ein bisschen ‚Extra‘ planen wir alle.

In Plattformen, in denen unser kollektives Wissen gespeichert ist, sehen wir jedoch noch Potenzial. Ein kleines Angebot an Büchern und Kursen sowie große Chatgruppen von Bäuer*innen sind bereits ein Schritt in die richtige Richtung. Sie ermöglichen einen schnellen Austausch. Wenn jedoch mehr Menschen in die Landwirtschaft kommen sollen, braucht es einen einfachen Zugang zu Wissen. Denn für lange wissenschaftliche Forschungsberichte – seien sie noch so interessant – fehlt uns in der Hochsaison oft die Zeit. Und die Vielzahl von Hobbygärtner*innen-Seiten verfehlt unsere Situation. Denn „Umtopfen und die Erde tauschen” ist für uns keine Option, wenn die Pastinaken in ihren Beeten von Wurzelläusen befallen sind.

Solidarische Arbeitsteilung

Später am Tag knien wir schwitzend zwischen den Beeten. Wir bohren mit einem Holzstab ein Loch in die Erde. Wir lassen das zarte Lauchpflänzchen schnell hinein fallen, bevor es wieder von den trockenen Erdklumpfen verschüttet wird. Manchmal lässt uns die Hitze keine klaren Gedanken fassen. Stupide arbeiten wir unsere wöchentliche To-do Liste ab. Mit Staub zwischen Zähnen und Zehen fühlen wir uns anderen sozialen Bewegung oft fern. Doch mit gedanklichem Abstand von den täglichen Herausforderungen und bei der Diskussion in der abendlichen Kühle kommen wir wieder auf die Relevanz von Beiträgen aller Art zurück. Denn letztlich bleibt die Notwendigkeit, in allen Strukturen etwas zu verändern.

Fotos: Monika Reddemann

  • Monika Reddemann ist für ihren Master der Architektur nach Linz gekommen und dann im Quereinstieg im Gemüsebau gelandet. Seit 2025 ist sie Gesellschafterin der Solawi GMIAS.

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