Die Demonstration der Identitären am 25. Juli in Wien scheint abgesagt bzw. verboten. Ungeachtet dessen wird weiterhin zu Gegenprotesten aufgerufen. Solche fanden zuletzt auch in Sachsen-Anhalt in Schnellroda statt. Dort feierte der völkische Antaios-Verlag sein jährliches „Sommerfest“. Das „Kollektiv IfS dichtmachen“ schildert für mosaik Eindrücke und stellt die Verbindung nach Wien her.
Am Samstag den 11. Juli 2026 startete zum wiederholten Mal das sogenannte „Sommerfest“ des Antaios-Verlags in Schnellroda. Der Buchverlag gehört Götz Kubitschek. Er ist seit den 1990er-Jahre als völkischer Aktivist und Autor aktiv und hat sich Anfang der 2000er in dem grob 250 Einwohner*innen zählenden Dorf in Sachsen-Anhalt niedergelassen – 40 Autominuten von Halle (Saale) entfernt. Bis zur Selbstauflösung im Jahr 2024 waren die Sommerfeste noch an die neurechte Denkfabrik Institut für Staatspolitik angegliedert. Jetzt finden sie formal unter der Trägerschaft der „Menschenpark Veranstaltungs UG“ statt. Sie fungiert als Nachfolgeorganisation. Die Sommerfeste dienen der Vernetzung von hochrangigen völkischen Funktionärinnen aus ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Außerdem finden mehrmals im Jahr sogenannte „Akademien“ statt. Dabei werden vor allem die Kader der Identitären Bewegung (IB) und anderer faschistischer Gruppen geschult. Bei diesen Veranstaltungen treffen sich Führungspersonen der „Neuen Rechten“ wie Kubitschek und Erik Lehnert, Martin Sellner und Martin Semlitsch als Identitäre aus Österreich oder der deutsche IB-Chef Maximilian Märkl. Hinzu kommen aber auch AfD-Politiker*innen, offene Neonazis oder bürgerliche Würdenträger wie Professor*innen. Insgesamt ergibt sich eine Melange aus inszenierter Selbstverharmlosung als Intellektuellentreff, aggressiver völkischer Umsturzpose und der Anerkennung durch akademisch-rechtskonservative Parteigänger*innen. Gemessen an ihrer Bedeutung erhalten die Vorgänge in Schnellroda seit jeher zu wenig Aufmerksamkeit.
Schnellroda: ein Lagebild
Seit 2016 organisiert das „Kollektiv IfS dichtmachen“ kontinuierlich Protest gegen die verschiedenen Feste und Akademien. Ziel ist es, die Inszenierung des ländlichen Raums in Sachsen-Anhalt als unangefochtene Hochburg völkischer Kräfte zu stören. Denn solche Veranstaltungen dienen der Szene nicht nur der Vernetzung. Sie wollen damit beweisen, dass sie praktisch schon an der Macht seien und die vermeintlich „autochthone“ ostdeutsche Bevölkerung sie widerspruchslos als Erlöser vom Joch der Demokratie akzeptiere. Die antifaschistischen Gegenproteste machen unmissverständlich klar, dass es diese widerspruchsfreie völkische Gesellschaft eben nicht gibt. Zugleich machen sie darauf aufmerksam, dass – nicht zuletzt durch die Wahlerfolge der AfD – immer weitere Teile der Gesellschaft von Aktueur*innen beeinflusst werden, die den völkischen Umsturz anstreben.
In Schnellroda selbst wollen es Kubitschek und seine Gäste deshalb nicht bei ihrem Programm belassen. Stattdessen patrouillieren sie häufig zwischen dem Gasthof „Zum Schäfchen“ und dem Verlagshaus. Es ist zugleich Verkaufsfläche, der Privatwohnsitz der Familie Kubitschek und Gästehaus für IB-Praktikant*innen und faschistische Autor*innen. Hier kommt es immer wieder zu Angriffen auf Journalist*innen, wobei der Verlagschef Kubitschek zuweilen selbst Hand anlegt.
Auch Gegenproteste werden regelmäßig Ziel von Provokationen, Störungen und Drohungen. Dazu gehört beispielsweise das gezielte Abfilmen der Protestierenden, in der Absicht diese anschließend zu veröffentlichen. Im Frühjahr 2026 wollte etwa Martin Sellner ein Projekt zur Sammlung von Daten von Antifaschist*innen für US-amerikanische Behörden mit zusammengeschnittenen Videomaterial von Gegenprotesten auf den Bewegungsmarkt bringen. Die dazugehörige Website ist nicht erreichbar. Bisher gibt es keine Anzeichen dafür, dass dahinter ein Umdenken steht.
Protest gegen das faschistische Sommerfest
Neben aggressiven völkischen Akteur*innen sehen sich Antifaschist*innen jedoch auch mit Behörden konfrontiert. Sie sehen ihre Priorität offensichtlich darin, den Beschwerden der Rechten immer wieder nachzukommen. So dürfen Gäste der demokratiefeindlichen Veranstaltungen mit abgeklebten Autokennzeichen ins Dorf einfahren. Damit sich die Rechten ungestört durch Schnellroda bewegen können, wird der Protest mit Polizeigittern abgesperrt. Sie kommen üblicherweise bei Großveranstaltungen zum Einsatz. Statt ein Durchgreifen bei Angriffen gibt es Belehrungen und Appelle an alle Seiten.
Ein Tiefpunkt beim Protest gegen das diesjährige Sommerfest war, dass der als Lautsprecherwagen angemeldete Aktionsbus „Adenauer SRP+“ des „Zentrums für politische Schönheit“ auf der Landstraße vor dem Dorf gestoppt und an der Weiterfahrt gehindert wurde. Dadurch musste der erste Protestzug vollständig auf Beschallung verzichten, während sich der zweite anderweitig behelfen musste.
Die kleine Vormittagskundgebung vor dem Verlagshaus brachte die anreisenden Rechten auch ohne Adenauer aus der Ruhe: Vor allem Götz Kubitschek und sein Sohn Wieland drängten die Polizei aggressiv, Beobachter*innen und Gegenprotest zu entfernen: Lautstärke, Wortwahl („Zecke“), der Wiener Flaschen-Vorfall 2023 sowie ihre Kampfsportaffinität sprachen Bände.
Es gibt kein ruhiges Hinterland
Insgesamt beteiligten sich bis zu 300 Gegendemonstrant*innen an den Protesten. Begleitet wurden diese von zahlreichen Redebeiträgen, unter anderem vom Bündnis Leipzig nimmt Platz, dem Landesverband der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten, der Initiative AfD-Verbot jetzt!, dem queeren Begegnungsverein Rosalinde und von dem Aktivisten maximal.demokratisch.
Im Mittelpunkt der Beiträge standen vor allem die Verbindung zwischen dem IfS, dem völkischen Flügel der AfD und offenen Neonazis sowie die Gefahr eines Wahlsiegs der AfD in Sachsen-Anhalt. Angesichts dieser Bedrohungslage brauche es eine starke antifaschistische Bewegung. Sie müsse recherchieren, protestieren und offenlegen, worin das Ziel der völkischen Szene mit Blick auf deren Nähe zur AfD besteht: Abschaffung von Demokratie und Menschenrechten sowie die Errichtung einer autoritär-faschistischen Gesellschaft. In einer solchen soll dann die völkische Zuteilung von Ethnie und Geschlecht darüber entscheiden, wem welche Rechte zugesprochen werden. Der ländliche Raum Sachsen-Anhalts dürfe dafür nicht als Experimentierfeld herhalten, so der Tenor der Redebeiträge. Es dürfe kein ruhiges Hinterland für Antisemitismus, Rassismus, Sexismus, Queerfeindlichkeit und völkisches Gedankengut geben.
Völkisches Sommerfestprogramm
Warum der antifaschistische Protest inzwischen seit zehn Jahren vor den Strukturen rund um Kubitschek warnt, bezeugt ein kurzer Blick in das Programmheft des Sommerfestes. Im Zentrum des Programms stand eine Solidaritätsaktion für Kurt Hättasch, dessen Buch präsentiert wurde. Hättasch selbst musste sich aufgrund einer Haftstrafe von seiner Ehefrau vertreten lassen. Er gilt als mutmaßlicher Anführer der rechtsextremen Gruppierung Sächsische Separatisten. Die Separatisten kürzen sich selbst „SS“ ab und wollten in Ostdeutschland „Säuberungen“ gegen jüdische, migrantische und linke Personen durchführen.
Auch wenn Hättasch nun nicht mehr AfD-Fraktionsvorsitzender in Grimma ist, führte dies bei anderen Rechten nicht zu einer Distanzierung. Auch Martin Sellner konnte nach dem Bekanntwerden des Remigrationskonzeptes seiner Karriere neuen Schwung verleihen. In ähnlicher Weise ist auch Hättasch durch Rechtsterrorismus zum Held geworden. Er sitze unrechtmäßig im Gefängnis, so die Behauptung in rechten Strukturen. Eine weitere Szenebekanntheit ist Aron Pielka. Er produziert als Shlomo einschlägige YouTube-Videos. Auch Pielka musste aufgrund von Volksverhetzung bereits ein Haftstrafe verbüßen. Auf dem Sommerfest in Schnellroda diskutierte er mit dem ehemaligen Heidelberger Doktoranden Fabian Kutzki. Dieser verbreitet wiederum als „Schattenmacher“ insbesondere antisemitische Online-Propaganda.
Die Bedeutung der AfD
Neben diesen Gästen dominierte im Programm jedoch der Bezug zur AfD. Torben Braga, Landtagsabgeordneter in Thüringen diskutierte mit Hans-Christoph Berndt, Fraktionsvorsitzender in Brandenburg über Wege, die völkischen Ziele der AfD-Politik zu realisieren. Dabei stets präsent: Die Hoffnung auf absolute Mehrheiten bei den anstehenden Wahlen in Sachsen-Anhalt im September 2026 sowie 2029 in Brandenburg und Thüringen. In letzteren ist die Schnellroda-Linie noch deutlich ausgeprägter. Hans-Thomas Tillschneider, Programmatiker der AfD in Sachsen-Anhalt, diskutierte auf einem Podium zur Kulturpolitik – einem Bereich, den eine AfD-Regierung als erstes angreifen würde. Um dauerhafte Effekte zu sichern und eine demokratische Regeneration zu verhindern, sollen Bildung, Erziehung und Kultur unter völkische Kontrolle gestellt werden.
Führende Köpfe der „Neuen Rechten“ und damit auch der AfD sind überzeugt, die (unvollständige) Entnazifierung von 1945 rückgängig machen zu müssen. Entsprechend pflegen sie ein entspanntes Verhältnis zu offenen Nazis. So war auf dem Sommerfest auch Stefan Scheil als Referent geladen. Dieser will die Schuld am Zweiten Weltkrieg nicht bei Deutschland sehen.
Gegen den völkischen Umsturz
Das Programm ist also klar. Es beinhaltet das, was seit Jahren in Burschenschaftshäusern von Wien bis Berlin, in autoritären Denkfabriken, in Nazi-Sekten wie der „Artgemeinschaft“ oder der „Heimattreuen Deutschen Jugend“ und seit 2013 im völkischen Flügel der AfD entwickelt wird. Kubitschek selbst hat es mit Bezug auf die Demokratie selbst als „Ende der Party“ formuliert. Die Völkischen wollen nicht nur mitmachen oder einzelne politische Punkte durchsetzen. Vielmehr geht es ihnen um die dauerhafte Übernahme politischer Machtpositionen im Staat. Sie sollen dazu genutzt werden, jede Ebene der Vergesellschaftung mit völkischen Positionen zu dominieren. Auch die Erfahrungen mit der FPÖ zeigen, wo demokratische Verfahren Hürden setzen und wo sich Vorhaben über träge oder opportunistische Behörden sowie über Sympathisant*innen in anderen Milieus vergleichsweise leicht durchsetzen lassen.
Beobachter*innen bewerten die Lage nach zehn Jahren Protest in Schnellroda als so ernst wie noch nie. Aus dem Umfeld der Proteste wird zu verstärktem Engagement in unterschiedlichen Bereichen aufgerufen – etwa auf der Straße, parlamentarischen Räumen sowie vor Einrichtungen und Immobilien entsprechender Akteur*innen. Zudem fordern die Initiierenden politische Verantwortungsträger*innen dazu auf, klare Position zu beziehen, sich von den Akteur*innen des „völkischen Umsturzes“ endlich zu distanzieren und sich der Gegenbewegung anzuschließen. Wie sich diese Strategien und Gegenreaktionen weiter entwickeln, dürfte die politische Atmosphäre nicht nur in Schnellroda, sondern weit darüber hinaus entscheidend beeinflussen.
Foto: Kollektiv IfS dichtmachen