Gruppenfoto von den Mitgliedern des Aktionsbündnis

Und dann steht alles still – FRAUEN*streiken im Weinviertel

Seit einigen Jahren „geistert“ die Idee von einem Frauen*streik in Österreich durch feministische Gruppen. Das Aktionsbündnis FRAUEN*Streiken will sie nun im Mai nächsten Jahres umsetzen. Maria Vogt, Bäuerin und Aktivistin, berichtet von den Vorbereitungen aus Niederösterreich.

Stellt euch den Montag, den 3. Mai 2027 vor. An diesem Tag wird eine feministische Welle durch Stadt und Land in Österreich brausen. In Dörfern und Städten, in allen Bundesländern, setzen Frauen* ein sichtbares Zeichen: Heute zeigen wir, wie ein Tag ohne die Arbeit der Frauen* aussieht.

Denn es reicht! Die Überlastung in der Care-Arbeit, insbesondere in den entsprechenden Berufsfeldern, nimmt immer mehr zu. Viele Frauen* fühlen sich mit ihrer Situation allein gelassen und sehen auch in politischen Entscheidungen kaum Maßnahmen zur Entlastung. Im Gegenteil: Der Backlash bei erkämpften Frauenrechten in Gesellschaft und Politik verstört.

Der Bauernhof als Basis für Widerstandskultur

Seit 40 Jahren arbeite ich als Biobäuerin im südlichen Weinviertel. Den Hof bewirtschafte ich nun mit Grundeinkommen (Pension) gemeinsam mit Franz sowie meinem Sohn Severin und meinem Neffen Tobias. Die Förderung von Vielfalt am Hof und den Feldern sowie die Erzeugung gesunder Lebensmittel für die Region prägen meine Arbeit. Entgegen der Beratung von Landwirtschaftskammer und dem agrarpolitischen Mainstream – „Wachsen oder Weichen” – haben wir uns bewusst für die Gründung eines kleinen Biohofs mit vielfältigen Betriebszweigen entschieden. Mir ist es wichtig, Visionen für ein gutes Leben am und vom Hof zu verwirklichen und eine ökologische, solidarische Landwirtschaft und Lebensmittelverteilung aufzubauen.

Auch wenn meine persönliche Situation am Biohof in Bezug auf Care-, Einkommens- und Machtverteilung gut ist, nehme ich in meiner Umgebung eine ziemliche Schieflage bei der Verteilung wahr. Wegen dieser anhaltenden Ungerechtigkeit – weil ich erleben will, was geschieht, wenn Frauen* ihre bezahlte und unbezahlte Arbeit niederlegen – habe ich mich dem Aktionsbündnis FRAUEN*Streiken angeschlossen. Ich engagiere mich in der Aktionsgruppe in Niederösterreich und speziell in einer Gruppe für streikende Bäuerinnen.

Wer sorgt im Land?

Diverse Studien belegen, dass die Verteilung von unbezahlter Care-Arbeit in Österreich nicht geschlechtergerecht verteilt ist: Frauen* leisten fast doppelt so viel unbezahlte Care-Arbeit wie Männer. Während Mütter nach der Geburt ihres Kindes durchschnittlich 416 Tage in Karenz verbringen, sind Väter im Schnitt nur neun Tage zu Hause. Durch die Übernahme der Sorgearbeit verlieren Frauen in ihrem Arbeitsleben knapp eine Million Euro an Lebenseinkommen. Dadurch erhalten Frauen im Durchschnitt um 44,8 % weniger Pension als Männer. 570.000 Frauen*, also 15 %, sind von Armutsgefährdung betroffen – doppelt so viele wie Männer.

Die Diskrepanz bei der ausgeübten Care-Arbeit zwischen Männern und Frauen ist am Land mit rund 76 Prozent jedoch sogar noch größer. Traditionen und Rollenmuster verhindern dass Frauen* eigenständig und selbstbestimmt leben können. Die Öffnungszeiten der Kinderbetreuungseinrichtungen am Land lassen keine oder nur eine teilweise Erwerbstätigkeit beider Elternteile zu. Für Arbeitsplätze muss man auspendeln. Im Normalfall bleiben dann die Frauen* bei den Kindern. Dadurch verfestigt sich die ungerechte Aufteilung der Care-Arbeit. Der Mental Load und die Selbstverständlichkeit, mit der Frauen* Care-Arbeit zugesprochen wird, binden ihre Zeit und schränken die Möglichkeiten ein, gesellschaftspolitisch für eine Veränderung aktiv zu werden.

Für Bäuerinnen* kommen neben Haushalt, Kindern und oft auch der Altenbetreuung noch diverse Arbeiten am Hof hinzu. Die Tüchtigkeit der Bäuerinnen* wird immer wieder vorgeführt und belobigt. Ein sehr hoher Anspruch, dem nur einige wenige entsprechen können. Ein konservatives Umfeld am Land fördert auch nicht das Aufzeigen von Missständen oder „Aufmucken“ – „Bei uns ist die Welt noch in Ordnung!“ Kein Wunder, dass junge Frauen nach der Ausbildung in der Stadt ihren Lebensmittelpunkt nicht wieder in ihrem Dorf suchen.

Vor Ort verändern

Vor 134 Jahren kam es in Österreich zum ersten organisierten Frauenstreik, der durch die Wiener Fabrikarbeiterin Amalie Ryba angestoßen wurde. FRAUEN*streiken greift dieses Datum auf, um nun in ganz Österreich möglichst viele Frauen* zu mobilisieren. Daher laufen bereits seit Monaten in ganz Österreich die Vorbereitungen. Beim ersten Online-Treffen vor zwei Monaten waren bereits über 200 Frauen dabei. Laufend melden sich Frauen* zur Vernetzung und gründen lokale Frauen*streiken-Gruppen.

Die Mobilisierung in Niederösterreich ist aufgrund der Größe des Bundeslandes herausfordernd. Doch bei mir in Wolkersdorf im Weinviertel entsteht eine sehr lebendige regionale Aktionsgruppe. Das erste Treffen fand bei uns am Hof statt. Zehn Frauen tauschten sich über ihre Care-Situation und wofür sie streiken wollen aus. Sie bildeten die Basis für ein nächste Treffen im Gasthaus. Bei diesem kamen bereits 23 Frauen* und planten konkrete Veranstaltungen. So planen wir für Anfang September bei uns am Hof ein weiteres Vernetzungstreffen, wo wir den Dokumentarfilm „Feminsim WTF“ zeigen wollen. Besonders freue ich mich über die vielen jungen Frauen*, die meine Töchter sein könnten. Sie sind aktiv und ideenreich in der Art wie sie andere Frauen* ansprechen – über Social Media, im direkten Gespräch oder am Bauernmarkt. Viele begründen ihre Motivation mit der Tatsache, dass es so nicht weitergehen kann. Sie sind erschüttert von Gewalt und Femiziden, regen sich auf über die ungerechte Bezahlung von Frauen*, Mental Load und die nicht partnerschaftliche Aufteilung von Care-Arbeit. Sie wollen eine bessere Zukunft für sich, für „unsichtbare“ Frauen*, für ihre Töchter und auch für ihre Söhne.

Streiken für mehr Zeit, Geld und Gerechtigkeit

FRAUEN*Streiken 2027 reagiert genau auf diese Wut und Unzufriedenheit. Die Initiative versteht sich als konstruktive Intervention in die derzeitige gesellschaftliche (Un-)Ordnung. Der Streik will die Arbeit von Frauen* sichtbar machen und aufwerten. Gemeinsam mit Frauen* bzw. FLINTA-Personen aus allen gesellschaftlichen Bereichen möchten wir das Land zum Stillstand bringen. Unser Ziel ist es, über politische Grenzen hinweg alle Frauen* zu mobilisieren. Nur so kann der Protest die strukturelle Verankerung patriarchaler Strukturen aufzeigen und sich dagegen zur Wehr setzen.

Die Kritik setzt dabei tief an den Wurzeln an. „Wir verweigern die Mitwirkung an ausbeuterischen, patriarchalen Strukturen, die die Welt an die Wand fahren. Jetzt zeigen wir unsere Macht. Gemeinsam bauen wir eine solidarische, friedliche Gesellschaft voller sozialer Wärme und einem guten Leben für alle! Wir setzen uns für Gleichstellung in allen Lebenslagen ein“, heißt es vom Aktionsbündnis Frauen*streiken. Mit dem Streik wird an diesem Tag nicht nur die Arbeit verweigert. Es wird auch ein Zeichen gegen die Komplizenschaft mit einem vorherrschenden Wirtschaftssystems gesetzt, das auf Konkurrenzdenken und der Profitmaximierung Einzelner basiert. Dem setzen wir konkrete Forderungen entgegen. Diese reichen von flächendeckender landesweiter Bildung und Arbeitsteilung der Care-Arbeit bis zur konsequenten Bekämpfung von Gewalt, Sexismus und Diskriminierung sowie der gerechten Verteilung von Macht in die Hände von Frauen – eben Halbe-Halbe*.

Offenheit der Widerstandskulturen am Land

In den Städten, Dörfern, am Land soll es sichtbar und spürbar werden, dass Frauen* streiken. Wie kann es gelingen, dass sich überall Frauen* zusammentun und an diesem Tag ein Zeichen setzen? Die Möglichkeiten und diverse Lebenshintergründe der Frauen* sollen die Basis für ihre Streikaktionen bilden. Als Inspiration soll die Frage dienen: „Und wofür streikst du?“

Die Antwort darauf könnte beispielsweise lauten: „Bäuerinnen* streiken für bessere soziale Absicherung“ oder „Wir tanzen…singen…stricken…spielen… für mehr Zeit, Geld und Gerechtigkeit“. Dabei sind niederschwellige Formen der Beteiligung wichtig. So soll jede Frau* die Möglichkeit haben, ihren entsprechenden Beitrag einzubringen. Das gilt auch für diejenigen, die nicht schon immer kämpferisch waren und denen politischer Aktivismus nicht vertraut ist. In den Hauptstädten der jeweiligen Bundesländer wird es wahrscheinlich große Aufmärsche und Demonstrationen mit vielerlei Programm geben. In einem Dorf im oberen Waldviertel könnten Frauen die Idee haben, ein Frauencafé zu organisieren. Sie könnten Tische auf den Dorfplatz aufstellen und bei Kaffee und Kuchen, die von Männern beigesteuert werden, zusammenkommen und sich einen feinen Vormittag machen.

Als Selbstständige können Bäuerinnen* leichter entscheiden, einen Tag zu streiken. Dann bleibt wahrscheinlich viel Arbeit liegen oder wird nicht erledigt. Dies aufzuzeigen und sichtbar zu machen, wäre ein wirksames Zeichen. Man könnte zum Beispiel die Gummistiefel und das Arbeitsgewand vor das Haus hängen – mit einem entsprechenden Schild „Heute streikt die Bäuerin“. Eine weitere Idee wäre, Schmutzwäsche aus dem Fenster zu hängen. Viele kreative Streikideen, so hoffe ich, werden hier entwickelt. Wie die Frauen* mit der liegengebliebenen Arbeit umgehen, ob sie vorarbeiten oder nacharbeiten, wird individuell unterschiedlich sein. Bestenfalls übernimmt der Mann Küche, Kinder und all die anderen Arbeiten und bekommt so einen kleinen Eindruck von der unsichtbareren Frauenarbeit.

Der Anfang von mehr

Es werden eine Vielzahl von kreativen Aktionsformen im ganzen Land entstehen, da bin ich mir sicher. Es soll ein lustvolles gemeinsames Entdecken und Erfinden von Aktionen mit Humor und Spaß sein und die Solidarität stärken. Über politische Lager und Blasen hinweg könnten wir Frauen* Orte der Begegnung und des Austausches schaffen. Bei mir keimt Hoffnung auf, wenn ich an die Potentiale denke, die oft in Frauen* schlummern, und dadurch geweckt werden können. Wir schaffen es, auch am Land Frauen* zu mobilisieren, wenn wir den Frauen* in ihrem diversen Lebensumfeld solidarisch und mit Respekt begegnen. Vor allem auch, wenn wir ihnen Mut zusprechen, an einer anderen gerechteren Welt mitzugestalten. Es wäre wunderbar, wenn daraus eine feministische Widerstandskultur am Land heranwächst. Der 3. Mai 2027 ist dabei erst der Anfang, der Auftakt für weitere feministische Kämpfe und für ein gutes Leben für Alle!

Weitere Infos zum FRAUEN*streik und wie du dich der Mobilisierung anschließen kannst, unter: www.frauenstreiken.at Auch Männer sind eingeladen, sich zu organisieren, aktiv zu werden und jedenfalls den Frauen* den Rücken frei zu halten.

Foto: Andrea Gitschaler

Dieser Artikel ist Teil unser aktuellen Sommerreihe „Es gibt kein ruhiges Hinterland“. Hier kommst Du zu den bisherigen Teilen: 

1.  Kein ruhiges Hinterland – mosaik Sommerreihe 2026

2. „Vöcklabruck gegen Rechts“ – Antifaschismus bleibt Landarbeit

  • Autorinneninfo: Maria Vogt arbeitet seit 40 Jahren als Biobäuerin im südlichen Weinviertel. Mit der österreichischen Berg- und Kleinbäuer*innen Vereinigung (ÖBV-Via Campesina) fand sie Verbündete im Kampf um Agrarökologie und Feminismus. Im Bündnis FAIRsorgen! setzt sie sich mit anderen engagierten Menschen für eine fairsorgende Wirtschaft und Gesellschaft ein. Als Mitwirkende im Bäuerinnenkabarett „Miststücke“ tourt sie durch Österreich, um humorvoll und authentisch das Bild über Landwirtschaft und Bäuerinnen* zurück recht zu rücken, und verhärtete Strukturen aufzubrechen.

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