Den Spiegel vorhalten

„Der dümmste Artikel seit Langem“ – mit diesen Worten bekommt mosaik-Redakteurin Hanna Prutti vor kurzem die Titelgeschichte des Magazins DER SPIEGEL von einer Freundin zugeschickt. Tatsächlich bietet der Artikel Stoff für jede Menge Wut und (mindestens) einen Kolumnenbeitrag.

„Rechte Männer, linke Frauen – der neue Geschlechterkampf“ lautet der Titel des Artikels vom 24.09.2026. Frauen werden immer linker und Männer immer rechter. Dem Untertitel zufolge hat das nicht nur dramatische Folgen für die Politik. Auch die Zukunft der Liebe steht auf dem Spiel.

Der szenische Einstieg begleitet Michael Müller, einen konservativen, jungen Mann in Thüringen. 2024 war er noch bei der AfD, heute ist er bei der CDU. Michael soll wohl stellvertretend stehen für alle konservativen und rechten jungen Männer, die keine Frau finden. Denn damit ist Michael kein Einzelfall – so die Autor*innen des Artikel, Carlotta Böttcher und René Pfister.

Arme Männer, böse Frauen

Linke Frauen wollen nicht auf Dates mit rechten Männern gehen, geschweige denn eine Beziehung mit ihnen. Ganz zum Missfallen der Männer. Woher kommt dieser Graben zwischen Männern und Frauen und welche Folgen hat diese Entwicklung? Diesen Fragen will der Artikel (vermeintlich) auf den Grund gehen.

Die Autor*innen sprechen tatsächlich immer wieder reale gesellschaftliche Probleme an: die ökonomische Lebensrealität der Menschen, Abwanderung von Ost- nach Westdeutschland oder die fehlenden nicht-toxischen Vorbilder für Jungs und junge Männer. An keiner Stelle gelingt jedoch die Verbindung einer gesellschaftlichen Analyse mit der politischen Entwicklung. Wie hängen die aktuellen Wahlergebnisse mit den ökonomischen Verhältnissen zusammen? Mit welchen Ängsten und Bedürfnissen arbeitet rechte Poltitik? Und was bedeutet das für Frauen und alle nicht-cis-hetero-weißen Männer?

Dort wo im Artikel zurecht nach einem neuen Männertypus gefragt wird, Gender-Pay-Gap und häusliche Gewalt angesprochen werden, folgt prompt im nächsten Absatz die Kritik am Feminismus und den Frauen. Feminist*innen erklären die Männer zum Problem, anstatt Lösungen anzubieten, so die Aussage des Textes. Die leidtragenden des Patriarchats sind also die Männer, die sich „zurückgelassen und verunglimpft fühlen“.

Was passiert da wirklich? Eine Beziehung mit einem konservativen bis rechten Mann hat für eine Frau reale Konsequenzen. Ein männliches Anspruchsdenken auf weibliche Körper spiegelt nicht nur patriarchale Unterdrückung wider. Es ist auch (lebens-)gefährlich. Wir wissen, dass sexualisierte Gewalt und Femizide meist von Männern aus dem eigenen Umfeld begangen werden – am häufigsten vom eigenen (Ex-)Partner oder Liebhaber. Mit der Kränkung von Männern, weil sie nicht einfach bekommen, was sie wollen, wird auf Social Media ganz bewusst gearbeitet. Es wird ein vermeintlicher „Anspruch auf eine Frau“ vermittelt. Das entgeht auch den Autor*innen des Artikels nicht. Darum ist es umso verwunderlicher, was an einem Nein zu einem Date mit einem rechten Mann also so schwer zu verstehen ist.

Punks von rechts

Blicken wir erstmal in die USA und zu den erfolgreichen rechten Männern auf Social Media. Immerhin hat René Pfister ein ganzes Buch darüber geschrieben wie linke Ideologie aus den USA die Meinungsfreiheit bedroht. Im Artikel kommt durch: Der Erfolg Rechter ist eigentlich die Schuld der Linken. Das alles sei eine „Reaktion auf eine neue, hypersensible Linke, die mit strenger Sprachkontrolle und einer choreografierten Empörung jeden Dissidenten zum Schweigen bringen wollte“. Dagegen positionieren sich „die Helden der extremen Rechten […] als neue Punks, als Revoluzzer gegen einen linken Mainstream […]“. Ganz schön verdreht. Und ich frage mich, ob Punk und Revoluzzer wirklich die geeignetsten Begriffe für die rechten Bros der Internetkultur sind?

Zurück nach Deutschland: Einer den die gefährliche Cancel Culture von links wohl noch nicht erwischt hat, ist Maximilian Krah. Der rechtsextremer AfD-Politiker ist ziemlich erfolgreich auf TikTok und kommt im Artikel irgendwie ziemlich gut weg – sei er doch weltläufig und spreche fließend Englisch. Seine frauenverachtenden Ansichten ordnet der Artikel nicht weiter ein. Stattdessen wird im nächsten Absatz festgestellt, dass die Deutschen und vor allem die Ostdeutschen immer weniger Kinder bekommen – noch nicht so wenige wie in Südkorea, sei angemerkt. Also sollten wir uns mal das Datingverhalten junger Frauen genauer ansehen. „Die Frauen seien der Meinung, dass rechte Männer fundamental andere Werte hätten.“ Nun ja. Widmen wir uns also den Nöten der jungen Männer. Denn Jungs, so der Artikel, erfahren Nachteile im Schulsystem und es braucht eine neue Männlichkeit. Die Lösung: mehr männliche Lehrer und eine spätere Einschulung für Jungs.

Wir nähern uns damit dem Ende des Artikels. Eine Einordung, inwiefern das nun den Graben zwischen Männern und Frauen schließt, bleibt ausständig. Bevor wir zurück zu Michael springen, möchte ich noch etwas klarstellen.

Kein Frauenmangel

Weshalb sollten Frauen Politik unterstützen, die sie als den Männern untergeordnet betrachtet? Warum sollten sie Männer daten, die dieses Weltbild unterstützen? Wenn Frauen nicht mehr gezwungen sind, sich in ausbeuterische Beziehungen mit Männern zu begeben, durch Haus und Kinder abhängig gemacht zu werden, dann ist das nicht „Bindungsunlust“. Das ist die Reaktion auf patriarchale Strukturen und kapitalistische Ausbeutung. Wir haben keinen „Frauenmangel“. Man müsste Frauen nur als gleichwertige Menschen behandeln und nicht als etwas, dass man eben haben will. Wenn schon, wie im Artikel erwähnt, Jungs männliche Lehrer mehr respektieren als weibliche, dann bestätigt das den Punkt sehr gut.

Und ja, Männer leiden auch unter den gesellschaftlichen Umständen und patriarchalen Strukturen. Mein Lösungsvorschlag: Etwas an diesen Umständen und Strukturen ändern.

Jetzt kommen wir zurück zu Michael und lernen seine beste Freundin Lilly – „eine richtige Linke“ – kennen. Lilly erzählt, dass sie gelernt hat, Michael nicht als ihren Erzfeind zu sehen. Zwar widersprechen sich die Aussagen der beiden grundlegend, aber für ein gemeinsames Foto auf der Parkbank reicht es dann doch. Der Artikel schließt damit, dass Michael meint, dass es zwar schön wäre, abends heimzukommen und mit einer Frau zu reden, aber im Grunde kann er auch einfach alles seinem Frisör erzählen. Problem gelöst? Wohl kaum. Eigentlich sollten wir uns jetzt erst wirklich Sorgen um Michael und sein Frauenbild machen. Vielleicht kann zumindest ihm mal wer den Spiegel (metaphorisch, bitte nicht das Magazin) vorhalten. Lilly´s Aufgabe soll es nicht sein.

  • ist seit 2025 Teil der Redaktion von mosaik. Neben dem Publizistik-Studium interessiert sie sich besonders für die Analyse rechter Ideologien & Strategien und die Kritik patriarchaler Strukturen.

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