Krieg ist weltweit an der Tagesordnung. Und die Medien schießen mit. Dahinter steckt eine merkwürdige Zuneigung zu imperialistischen Gesten und militärischer Technologie. Fabian Lutz schaut in der Medienrauschen-Kolumne genauer hin.
Was ist eine „Handels-Bazooka“? Beim Lesen hatte ich sofort den Reflex, mich hinter meinem klapprigen Bürostuhl zu verstecken. Aber na ja, als Journalist, der zu oft den Fehler macht, in die Zeitung zu schauen, bin ich einiges gewohnt. So auch eine (neue) Weltordnung der Deals und Handelskriege. Und wenn die EU im Handelskrieg um Grönland jetzt auch noch die Bazooka auspacken will, dann ist das nicht verwunderlich. Ich jedenfalls erwäge jetzt auch, den WG-Putzplan mit verbaler Waffengewalt statt freundlichen Zetteln durchzusetzen.
Okay, Spaß beiseite: Als ich in der „Presse“ lesen konnte, dass dieses gruselige Säbelrasseln schon in der Unterüberschrift als „martialisch“ abqualifiziert wurde, war ich erstmal erleichtert. Denn selbstverständlich ist das nicht. Während die Welt immer kriegslüsterner wird, lassen sich auch die Medien gerne anstecken. Beliebt ist dabei vor allem eines: Militärische Gewalt als etwas produktives, idealerweise marktkonformes darzustellen. Eine hübsche Liaison von Krieg und Kapitalismus, bei der unkritische Journalist*innen die Trauzeug*innen mimen.
Zynisch verklären…
Schauen wir zum Beispiel nach Venezuela, das einen imperialistischen Angriff hinter sich hat und dem das Grauen kapitalistischer Ausbeutung noch bevorsteht. Die „Washington Post“ sieht das anders: Ein Kommentar prognostiziert Venezuela einen „long-term success“ – es ist von wirtschaftlichem Aufschwung und Stabilität die Rede. Inwiefern neoliberaler Erfolg auch den Erfolg eines Landes bedeutet, sei mal dahingestellt. Noch schlimmer aber: Die „Washington Post“ verklärt einen völkerrechtswidrigen Angriff zur wirtschaftlichen Erneuerungskur.
Machen wir einen Sprung über den Atlantik und zur Ukraine. Ein Land, das seit Jahren von imperialistischen Aggressionen betroffen ist. Was ich diesem Land am wenigsten wünsche, ist weiteres neoliberales Säbelrasseln. Aber auf die kriegslüsternen Medien ist auch hier Verlass.
…und Bomben feiern
Ein mosaik-Kollege war vor kurzem kopfschüttelnd auf mich zugekommen, in seinen Händen ein gruseliger Artikel im „Standard“. Auf dem Artikelbild sehen wir einen Hafen und eine Explosion, dazu die Erklärung, dass die Ukraine ein russisches U-Boot schwer beschädigt hat. Darüber steht: „Weltpremiere: Ukraine meldet ersten erfolgreichen Angriff mit Unterwasserdrohne“. Weltpremiere? Ja, Weltpremiere von „Wicked 2“ oder meinetwegen irgendeines Wüstenwurmfilms mit Timothée Chalamet…Aber Weltpremiere einer Unterwasserdrone? Das ist Realitätsverzerrung.
Der fachkundige, umfassende Artikel der österreichischen Zeitung ist vollgepackt mit Detailwissen zu Unterwasserdrohnen und für Bombenfetischist*innen sicher interessant. Nur leider geht es hier immer noch um eine bewaffnete Auseinandersetzung, die Tote bedeutet. Wir sind nicht in einem „Labor für die Kriegsführung der Zukunft“ wie der Artikel zynisch postuliert.
Daumen hoch, wenn euch der Angriff gefällt
Apropos Zynismus (es wäre langsam langweilig, wenn es nicht so schrecklich wäre): Eingebettet in den „Standard“-Artikel ist ein Video des YouTube-Channels „Militär & Geschichte mit Torsten Heinrich“. Das Vorschaubild zeigt Torsten, der vor dem Hintergrund der Explosion den Daumen reckt, als gehe es hier um eine fesche Grafikkarte, die den gehypten neuen Kriegsshooter besonders geil aussehen lässt. Sorry, Torsten, aber geil sieht diese Geste nicht aus – und die ganze Berichterstattung auch nicht.
Machen wir es kurz: Journalismus mit ästhetischem Überschwang kann vorkommen. Unschön, aber nicht unbedingt katastrophal. Wer in unserer Branche aber die Realität verzerrt, realen Krieg zur marktkonformen Simulation verblendet oder imperialistische Angriffe zu sinnvollen Instrumenten der Marktpolitik erklärt, darf überlegen, ob er oder sie nicht zum Opfer populistischer Kriegsmanie geworden ist. Genau das sollte unabhängigem Journalismus doch nicht passieren! Wobei, wie war das nochmal mit Jeff Bezos und der „Washington Post“? Okay, ich hör schon auf, bevor noch irgendwer mit einer Bazooka daherkommt.
Illustration: Hannah Krause
Weitere Beiträge aus „Medienrauschen. Die Kolumne“ findet ihr hier.