Boulevard. Macht. Politik.

Der Rücktritt von Andreas Babler als SPÖ-Parteivorsitzender hat viele Gründe. Der Boulevard hat jedenfalls seinen Teil dazu beigetragen – seine Vormacht bleibt vorerst ungebrochen. Luca Niederdorfer schreibt in dieser Ausgabe der Kolumne über Medien, Politik und (Ohn-)Macht.

Im Frühsommer 2023 wurde Andreas Babler auf Umwegen zum SPÖ-Parteivorsitz gewählt. Wir alle können uns wohl zu gut an diese holprige Wahl erinnern, das braucht keine Wiederholung. Der Wechsel an der SPÖ-Spitze brachte für viele die Hoffnung, dass sich in der Partei endlich wieder etwas bewegen könnte und echte soziale Politik betrieben wird. Sogar die mosaik-Redaktion war damals vorsichtig hoffnungsvoll.

Ich selbst war zu diesem Zeitpunkt noch nicht bei mosaik. Ich hatte gerade meinen ersten journalistischen Text geschrieben und sollte im Herbst mit dem Journalismus-Studium beginnen. Damals wusste ich noch nicht, wie eng mich Bablers Geschichte die nächsten Jahre begleiten würde. Mittlerweile bin ich bei einer Frage angelangt, die über Babler und die SPÖ hinausgeht: Wer macht in Österreich eigentlich Politik?

Zum Scheitern verurteilt

Bei der Nationalratswahl 2024 erzielte die SPÖ unter Babler mit 21,1 Prozent ihr bis dahin schlechtestes Ergebnis. Für viele in der Partei war das trotzdem kein Grund für Trübsal: Die Vision einer neuen SPÖ blieb am Leben. Nach monatelangen Koalitionsverhandlungen stand Babler im März 2025 schließlich als Vizekanzler und Medienminister fest. Damit geriet er in einen Konflikt, der ihn politisch noch teuer zu stehen kommen sollte.

Als sich der Trubel um die Koalitionsverhandlungen gelegt hatte, sickerten langsam Bablers Pläne als Medienminister durch und sorgten vor allem beim Boulevard für Schnappatmung. Förderungen sollten zukünftig an journalistische Qualitätskriterien gebunden sein. Na so weit kommt’s noch! Außerdem griff Babler die heiligen Regierungsinserate an. Von dieser inoffiziellen Medienförderung bekamen die größten österreichischen Tageszeitungen 2024 noch rund 65 Millionen Euro – mehr als die Hälfte davon ging an Krone, Heute und oe24. Dieses Geld lassen sie sich natürlich nicht so leicht nehmen. Der Konflikt Babler gegen Boulevard war also vorprogrammiert – und bekam dann eine tragische Beschleunigung, die für mich auch eine persönliche Dimension annahm.

Eine tragische Wendung

Im Juni 2025 ereignete sich im BORG Dreierschützengasse in meiner Heimatstadt Graz ein Amoklauf, bei dem elf Menschen ums Leben kamen. Die Berichterstattung des Boulevards löste in mir Fassungslosigkeit, Wut und Übelkeit aus: Diese Scheißblätter bekommen Jahr für Jahr Millionen dafür, dass sie die Würde von Menschen mit Füßen treten und jegliche journalistische Sorgfalt und Ethik gegen Sensation und Aufregung eintauschen. Mit einem offenen Brief und einer Petition mit rund 15.000 Unterschriften versuchten Studienkolleg*innen und ich daraufhin, unseren Teil dazu beizutragen, eine Reaktion von Babler zu erwirken – und diese kam auch.

In den darauffolgenden Monaten gab es regen Austausch zwischen Vertreter*innen von Medien, Politik und Wissenschaft. Eine von Babler beauftragte Studie lieferte Vorschläge für eine Reform und notwendige Veränderungen für die österreichische Medienlandschaft, die gerade für kleine Medien neue Chancen gebracht hätte. Doch leider sollte das alles nirgends hinführen. Einen ohnehin schon abgeschwächten Reformentwurf ließ die ÖVP nun Ende September platzen, wenige Tage später gab Babler seinen Rücktritt als SPÖ-Parteivorsitz bekannt. Der Boulevard reibt sich die Hände, ihre monatelange Kampagne hat wieder einmal Früchte getragen.

Schreiben als Widerstand

Die großen Boulevardmedien bekommen also auch in Zukunft Millionen aus öffentlicher Hand und können weiter rassistische Hetze verbreiten, Femizide verharmlosen und die Politik im Schwitzkasten halten. Währenddessen kämpfen kleine Medien wie andererseits, das Zimt Magazin und das Vorlaut Kollektiv mit Finanzierungslücken ums Überleben. Ihre Arbeit kostet einen Bruchteil dessen, was an große Verlagshäuser fließt, und hat so viel mehr Nutzen für die Gesellschaft. Doch darum geht es schon lange nicht mehr. Es geht um Macht – und die besitzt der Boulevard, wie wir in den letzten Monaten gesehen haben.

Die Politik braucht den Boulevard und der Boulevard macht die Politik – daran wird sich so schnell nichts ändern. Es fühlt sich an, als würde man gegen Windmühlen kämpfen. Warum machen wir es trotzdem? Ein Genosse meinte kürzlich, das Schreiben an sich habe in Zeiten wie diesen etwas Widerständiges. Die Entwicklungen der letzten Jahre machten es mir oft nicht leicht, den Sinn und Effekt dieses Widerstandes zu sehen und noch an Veränderung zu glauben. Aber vielleicht ist es eine falsche Idee von Veränderung. Vielleicht ist es einfach an der Zeit, sich von bestimmten Vorstellungen, ja sogar Träumen zu verabschieden, damit Platz für etwas Neues entsteht. Denn wenn wir diese Welt nicht verändern können, müssen wir halt unsere eigene bauen.

  • Luca Niederdorfer ist seit 2024 Redakteur bei mosaik und freier Journalist. Neben dem Journalismus-Studium beschäftigt er sich vor allem mit Kultur- und Sozialthemen.

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