Illustration zweier Papier-Stapel

Epstein, Epstein, alles muss versteckt sein

Während die Namen der Täter geschwärzt werden, werden Bilder der Opfer frei veröffentlicht. Nike Kirnbauer und Nina Bäuerle kritisieren in der neuen mosaik-Kolumne die Berichterstattung zu den Epstein-Files – und sexualisierter Gewalt im Allgemeinen.

Ich sitze im Zug und höre einen Podcast vom Standard über die Epstein-Files, den Nina mir geschickt hat. Mir ist schlecht. Je länger ich zuhöre, je mehr Details und Fakten besprochen werden, desto übler wird mir. Nicht nur der schreckliche Inhalt dieser Verbrechen, sondern auch die Berichterstattung darüber schreibt sich in meinen Körper ein und bereitet mir ein flaues Gefühl im Magen. Ich möchte am liebsten speiben.

Auswüchse sexualisierter Gewalt

Ende Jänner hat das US-Justizministerium einen weiteren Teil der Akten aus den Ermittlungen zum verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein freigegeben. Es geht um mehr als drei Millionen Seiten, die ein internationales Netzwerk von Frauen- und Kinderhandel, sexualisierter Gewalt und brutalen Missbrauchsfällen offenbaren. Obwohl viele Namen von potenziellen Tätern nach wie vor geschwärzt sind, hat die Veröffentlichung eine Reihe von Vorwürfen gegen Mittäter*innen und Mitwissenden hervorgerufen. Auch in Europa sind eine Vielzahl an Menschen involviert – die wirklichen Ausmaße davon werden sich wahrscheinlich erst noch zeigen.

Die Freigabe der Akten verabschiedete der US-amerikanischen Kongress per Gesetz – doch die Art, wie sie das Justizministerium veröffentlichte, verstößt gegen dieses Gesetz. Erstens wurden noch immer nicht alle Files veröffentlicht. Zweitens wurden die Namen von vielen Tätern geschwärzt, während die Namen und teilweise auch Bilder der Opfer, sowie deren persönliche Daten frei veröffentlicht wurden. Auch gegen deren expliziten Willen. Die Täter werden also vom Justizministerium geschützt, während die Opfer durch die Veröffentlichungen retraumatisiert werden. Besonders, da sich die die Opfer eher im Hintergrund halten – vielleicht, weil sie nicht auch noch durch die Öffentlichkeit geschleift werden wollen.

Der Epstein-Fall zeigt mal wieder auf, wer als schützenswert gilt. Die Erfahrungen der Mädchen und Frauen sind ganz egal, das Augenmerk liegt auf dem Schutz der Täter. Viele der Opfer haben schon vor Jahren ausgesagt und Namen genannt, doch erst die Veröffentlichung verleiht ihnen Glaubwürdigkeit. Ein weiteres Beispiel für die enormen juristischen Hürden für Opfer sexualisierter Gewalt – in diesem Falle in extremen Ausmaß sichtbar.

Kindesmissbrauch und Frauenhass

Die Berichterstattung zu den Epstein-Files ist schwer zu durchschauen. Die Medien brauchen teilweise lange, um zu berichten, weil sie sich durch eine unfassbare Menge an Daten wühlen müssen. Außerdem agieren sie, wahrscheinlich aufgrund von rechtlichen Bedingungen und der Vielzahl an machthabenden Personen in den Files, eher vorsichtig. Gleichzeitig werden die Epstein Files auf Social Media viel thematisiert: Influencer*innen drehen Videos und berichten über die Inhalte der Files, Theorien werden aufgestellt. Nutzer*innen spekulieren über die Identität der zensierten Täter und über den Inhalt der unveröffentlichten Files. Angesichts der Menge an Inhalten, die einem in den Feed gespült werden, ist es schwierig zwischen Realität, Verschwörungstheorien und KI-generierten Inhalten zu unterscheiden.  

Besonders erschreckend in der Berichterstattung: Warum schreiben so viele Medien von „Frauen“ beziehungsweise „jungen Frauen“ und nicht von Kindern? Wieso muss man erst mehr zu dem Fall lesen, um zu verstehen, dass es sich dabei neben Gewalt an Frauen auch um widerwärtige pädophile Fantasien handelte? Feminist*innen kritisieren seit langem, dass Mädchen bei der Berichterstattung über sexualisierte Gewalt häufig als (junge) Frauen bezeichnet werden – und es dadurch zu einer erneuten Sexualisierung von Minderjährigen kommt. Die gesellschaftlichen Bedingungen, wie fehlende Kinderrechte und eine starke (mediale) Sexualisierung von Kindern, werden dadurch ausgeblendet. 

Täter überall

Was wir außerdem gefährlich finden: Warum wird in der Berichterstattung – auch der linken – häufig das Narrativ der globalen Elite bedient, die diese Verbrechen begangen hat? Natürlich spielen Macht und Geld eine große Rolle in diesem Fall. Aber Missbrauch und sexualisierte Gewalt gibt es überall und in jeder Gesellschaftsschicht. Reichtum und Macht machen es zwar einfacher, Gewalt auszuüben und Täter vor Konsequenzen zu schützen, aber das Patriarchat und Gewalt existieren nicht nur in den Kreisen der Reichen. Frauenhass und Gewaltausübung sind kein Einzelmerkmal einer Elite, sondern ziehen sich durch unser gesamtes politisches, juristisches und gesellschaftliches System. 

Keine Einzelfälle

Täter sind häufig gut vernetzt. Wie das Beispiel der Pelicot-Prozesse in Frankreich zeigt, waren die Täter in diesem Fall “normale“ Nachbarn, Freunde, Bekannte – alles Personen, denen man tagtäglich auf der Straße begegnen kann. Genauso wie im Falle von Epstein decken auch diese Männer sich gegenseitig. Dass die Täter sich jahrelang untereinander schützen, ist ein Merkmal von Männerbünden und der Abwertung von Frauen und Kindern. Organisierter Missbrauch ist also kein Merkmal von Eliten, sondern gesellschaftsumfassend.

Auch hinter dem schrecklichen Fall von Pelicot steckt kein Einzelschicksal. In unzähligen Telegramgruppen und Onlineforen tauschen sich Männer darüber aus, wie sie ihre nichtsahnenden Partnerinnen betäuben und vergewaltigen. In Niederösterreich wurde letztes Jahr ebenfalls ein ähnlicher Fall aufgedeckt. Die Konsequenzen für die Täter bleiben meist gering, da es sich um “rechtliche Grauzonen“ handelt. 

Wo bleibt der Aufschrei???

Wir kotzen. Wie soll man nicht verzweifeln, bei all diesen schrecklichen Auswüchsen an patriarchaler Gewalt überall? Wir glauben, diese Verzweiflung und Überforderung sind gewollt und inhärent im Patriarchat. Daher ist auch diese Kolumne überfordernd. All diese Beispiele von Gewalt und Missbrauch zu lesen, ist viel zu viel und viel zu schlimm.

Sich nicht damit auseinanderzusetzen ist aber auch keine Option, vor allem, weil diese Liste an Fällen sexualisierter und patriarchaler Gewalt immer weiter ausgeführt werden könnte. Dazu kommt noch, dass wir inzwischen schon so weit abgestumpft sind, dass sich die meisten Personen in unserem Umfeld bezüglich der Epstein-Files wenig überrascht zeigten. Missbrauch ist inzwischen schon so weit normalisiert, dass Leute sich gar nicht mehr damit beschäftigen wollen oder können. Im Gegensatz zu #metoo entsteht aus der Veröffentlichung der Epstein-Akten gerade keine soziale Bewegung – sondern nur noch mehr Lähmung.

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