Schwar-weiß Foto von drei Kindern vor dem Amerlinghaus

50 Jahre Amerlinghaus – Feiern und lernen

Das 50-jährige Bestehen des Amerlinghaus in Wien ist ein Grund zum Feiern. Das Jubiläum lädt aber auch zum Zurückblicken ein. Aus den Erfahrungen des offenen Kulturzentrums lässt sich vieles lernen. Eine Analyse von Leona Ogrisek und Phili Kaufmann.

Im Sommer 1975 wurde im Amerlinghaus ein Fest gefeiert, das nie so richtig endete. Statt den Schlüssel für das baufällige und leerstehende Haus wieder an die Stadt Wien zurückzugeben, entschieden sich die Menschen, zu bleiben. Das Haus war besetzt und unzählige Wiener:innen beteiligten sich, um gegen eine Nobelsanierung, die zu steigenden Mieten und sozialem Ausschluss geführt hätte, zu protestieren. Sie forderten, das Haus als offenes, selbstverwaltetes Kulturzentrum zur Verfügung zu stellen.

Nach langen und zähen Verhandlungen mit der Stadt Wien erreichten die Besetzer*innen ihr Ziel: Heute, 50 Jahre später, ist das Kulturzentrum im Amerlinghaus weit mehr als eine altbekannte Drehscheibe der Wiener Linken. Es steht exemplarisch für die Frage, wie sich soziale Bewegungen Räume erkämpfen, wie diese Räume verteidigt und mit Leben gefüllt werden – und welche Widersprüche dabei unvermeidlich sind. In einer Zeit, in der die Linke und viele ihrer Räume zu Recht als abgekapselt und entfernt von der Basis kritisiert werden, lohnt sich der Blick in die Vergangenheit.

Dieser Artikel ist ein Versuch, 50 Jahre Amerlinghausbesetzung aus einer strategischen Bewegungsperspektive zu analysieren. Anhand von historischen Kämpfen lassen sich Perspektiven diskutieren, die uns in unseren aktuellen Kämpfen stärken und voranbringen. Denn das Amerlinghaus ist nicht nur Teil einer lokalen Geschichte, sondern eingebettet in eine größere Erzählung über Selbstermächtigung, Solidarität und die Spielräume linker Politik im neoliberalen Zeitalter. 

Baupolitik von der Basis – ‚Soziale Sanierung‘

Nach dem Zweiten Weltkrieg verfolgte die Stadt Wien baupolitisch eine Abrissstrategie: Alte, renovierungsbedürftige Häuser wurden abgetragen und moderne, funktionale Neubauten errichtet. Protest dagegen kam ab den 1960ern vor allem von Künstler*innen, Architekt*innen und Kulturschaffenden. Sie wollten das Stadtbild und die Geschichte Wiens erhalten. Ihr Widerstand war dabei auch beeinflusst von Werten der 68er-Bewegung und Forderungen nach Raum für Gemeinschaft, Austausch und Kultur.

Der Spittelberg – das Grätzl, in dem das Amerlinghaus steht – war damals proletarisch und migrantisch geprägt. Die Häuser waren verfallen und teils unbewohnbar. Pläne der Stadt Wien sahen einen fast kompletten Abriss und Neuaufbau des Grätzls vor. Doch durch öffentliche Aktionen, einzelne Verbündete in der Stadtregierung und wachsende Unterstützung gelang es, die Pläne abzuwenden und die gesamte Baupolitik Wiens neu auszurichten. Erhalt und Sanierung von altem Baubestand wurden von nun an subventioniert. Am Spittelberg entstand Wiens erste Schutzzone.

Assanierung Spittelberg
„Assanierung“ Spittelberg (1969) | (c) WAIS, CC by 4.0

Der Altstadterhalt war gesichert – aber mit sozialen Folgen: Die Stadt Wien bezahlte Anrainer*innen dafür, ihre günstigen Wohnungen zu verlassen, und verkaufte viele Gebäude an private Eigentümer*innen. Die Mieten schossen in die Höhe. Berechtigterweise warnten die Aktivist*innen vor Gentrifizierung – also einer Aufwertung des Grätzls, die durch höhere Mieten sozial schwächere Bewohner*innen mit der Zeit vertreibt und durch wohlhabende Zuziehende ersetzt. Sie protestierten gegen Sanierungen auf Kosten der Menschen und der sozialen Vielfalt. Das Amerlinghaus wurde zum Kristallisationspunkt des Kampfes für ‚soziale Sanierung‘.

Es ist ein schönes Haus, man sollte es besetzen

Statt Luxuswohnungen und Büros sollte im Amerlinghaus ein selbtsverwaltetes Gemeinschaftszentrum entstehen – ein Ort der Nachbarschaft, des Austausches und der gelebten Kultur. Mitte der 1970er startete der Verein „Zentrum Amerlinghaus“ eine Art Projektbetrieb vor Ort. Er organisierte öffentliche Aktionen und eine Petition für das Kulturzentrum. Als die Stadt Wien nicht auf die Forderungen einging, behielten die Aktivist*innen am Ende einer mehrtägigen Feier, die im baufälligen Haus gewährt wurde, einfach die Schlüssel und blieben da. Das Haus war besetzt.

Wiens erste Hausbesetzung lief alles in allem friedlich ab. Die Stadt willigte letztlich ein, das Amerlinghaus unter Bedingungen als Kulturzentrum zu nutzen. Bereits im Oktober 1975 begannen Renovierungsarbeiten. Zweieinhalb Jahre – und viele mühsame Verhandlungen mit der Stadtregierung – später wurde das Zentrum dann feierlich eröffnet. Die Besetzung war sicherlich ein Schlüsselereignis in der Geschichte des Amerlinghaus. Doch um sie besser einordnen zu können, hilft ein genauerer Blick auf die Akteur*innen und Dynamiken, die sie umspannen.

Unterschiedliche Realitäten

Von Beginn an verkörperte das Amerlinghaus ein Spannungsfeld, das uns in sozialen Kämpfen immer wieder begegnet. Soziale Bewegungen und Auseinandersetzungen werden nie von einer homogenen Masse getragen – vielmehr verbinden sie Menschen verschiedener politischer Einstellungen, sozioökonomischer Herkunft und Erfahrungsschätze. Interessen können sich überschneiden. Sie können aber auch immer wieder auseinandergehen. Auch innerhalb einer Bewegung sind bestimmte Stimmen und Anliegen lauter als andere. Entscheidend ist, die Dynamiken und Machtverhältnisse zu verstehen, die aus diesem Nebeneinander erwachsen.

Kinder im Hof der Besetzung des Amerlinghaus
Kinder im Hof bei der Besetzung 1975 | (c) Kulturzentrum Amerlinghaus

Im Fall des Kulturzentrums lässt sich eine, notwendigerweise vereinfachende, Unterscheidung zwischen den Aktivist*innen – den sogenannten ‚Altstadterhalter*innen‘ – und den Bewohner*innen des Spittelbergs ziehen: Erstere waren zunächst vor allem am Erhalt der historischen Bausubstanz und an einer lebendigen Kulturszene interessiert. Den Anrainer*innen ging es um etwas Elementareres: leistbaren Wohnraum und die Sicherheit, im Grätzl bleiben zu können. Durch die anfänglichen Abrisspläne der Stadt Wien lag es auf der Hand, die Interessen zu verbinden. Der gemeinsame Kampf von Aktivist*innen und Betroffenen ist jedoch geprägt durch Widersprüche und Herausforderungen, die aus den jeweiligen Realitäten der Akteur*innen hervorgehen.

Zwischen Vision und Notwendigkeit

Aktivist*innen verfügen meist über mehr Zeit, Ressourcen und politische Praxiserfahrung. Sie bewegen sich in bereits bestehenden Netzwerken, deren Gepflogenheiten sie kennen bzw. erlernt haben. Basierend auf ihren Visionen und ideologischen Vorstellungen suchen sie sich ihre Kämpfe gezielt aus. Dabei sind diese Kämpfe oft nicht unmittelbar mit dem eigenen Umfeld oder dem alltäglichen Überleben verknüpft.

Menschen, deren Lebensmittelpunkt innerhalb eines Konflikts liegt, haben diese „Freiheit“ nicht. Die Bewohner*innen des Spittelbergs waren in erster Linie von der Notwendigkeit getrieben, ihre Wohnungen und ihr unmittelbares Lebensumfeld zu verteidigen. Ihr Handeln entsprang also nicht einer politischen Agenda, sondern der schlichten Frage, ob sie bleiben konnten oder weichen mussten. Eine Vision für das „gute Leben“ oder Zeit, eine solche zu entwickeln, gibt es im akuten Kampf um die eigene Existenzgrundlage selten. 

Tendenzen, die sich durch diese Unterschiede der Gruppen ergeben, müssen nicht zwingend negativ sein: Durch Zusammenarbeit können Aufgaben und Erfahrungen geteilt bzw. erweitert und marginalisierte Stimmen multipliziert werden. Oft ergibt sich die Dynamik, dass soziale Bewegungen von Aktivist*innen ausgehen und durch ihre Strukturen getragen werden. Auch am Spittelberg hätte es die Bewegung auf diese Art ohne die Initiative der Aktivist*innen wohl nicht gegeben. 

Besetzung mit Spielregeln – viel Kultur, weniger Soziales

Aus den heterogenen Interessen und Realitäten können sich allerdings auch Reibungspunkte und Schwierigkeiten ergeben. Im Amerlinghaus beeinträchtigten Vorurteile der Anrainer*innen gegenüber den „zu szenigen“ Besetzer*innen die Bemühungen um Stadtteilarbeit. Prioritäten wurden teils unterschiedlich gesetzt. Zusätzlich stellte eine dritte Akteurin die gemeinsame Handlungsmacht auf die Probe – die Stadt Wien, die wiederum ihre eigene Agenda verfolgte. Sie stimmte vielen der kulturellen Forderungen zu – vom Altstadterhalt bis zur Bewilligung des Kulturzentrums – stoppte aber vor den existenziellen Bedürfnissen der Bewohner*innen.

50 Jahre Kulturzentrum Amerlinghaus Übersicht
50 Jahre Kulturzentrum Amerlinghaus | Darstellung Leona Ogrisek & Phili Kaufmann

Und dies hat einen einfachen Grund: Während sich kulturelle Anliegen innerhalb des Kapitalismus umsetzen lassen, kratzen Forderungen wie nach leistbarem Wohnraum an den Grundpfeilern des Systems. Seit der Besetzung versuchte die Stadt immer wieder, die sozialen Aktivitäten des Hauses einzuschränken – durch Kürzungen, fehlende Sicherheit und bürokratische Hürden. Das Amerlinghaus allein konnte nicht verhindern, dass Mieten in umstehenden Gebäuden erhöht wurden. Nach langen Sanierungsarbeiten kehrten viele Bewohner*innen nicht wieder in ihre Häuser zurück. Zu sagen, die sozialen Forderungen wurden auf Kosten der kulturellen „geopfert“, greift sicherlich zu kurz. Mit der Zeit setzte sich aber im ganzen Bezirk die Gentrifizierung durch. Heute ist der Spittelberg eine der teuersten Gegenden Wiens.

Die Erfahrungen, die in 50 Jahren Amerlinghaus gemacht wurden, beschreiben somit eine Herausforderung – und zugleich potenzielle Stärke – linker Politik: den Umgang mit Bündnissen zwischen externen Akteur*innen und lokalen Communities. Der erste Schritt, mit den daraus folgenden Spannungsverhältnissen umzugehen, ist, Unterschiede zu erkennen und zu benennen. Der zweite Schritt muss eine schrittweise Ermächtigung der lokalen Gemeinschaften sein.

Utopie und Realität

Auch die Selbstverwaltung, zentrale Forderung der Besetzer*innen, stieß in der Umsetzung auf Herausforderungen. Die Verhandlungen mit der Stadt Wien ergaben einen Kompromiss. Dieser gab gewisse Strukturen vor – wie etwa einen Grundstock an bezahltem Personal – und setzte dem Handlungsspielraum Grenzen. So richtig „frei“ war das Amerlinghaus nie: Ein je zur Hälfte mit Aktivist*innen und Gemeindevertreter*innen besetzter Vorstand war formaler Träger des neuen Vereins „Kulturzentrum Spittelberg“. Weil das Gebäude weiterhin im Besitz der städtischen Baugenossenschaft GESIBA blieb, war man von Subventionen abhängig, um Miete zahlen zu können.

Protest für das Amerlinghaus
Immer wieder: Proteste für den Erhalt des Amerlinghaus | (c) Kulturzentrum Amerlinghaus

Regelmäßige Hausvollversammlungen, zu denen offen eingeladen wurde, sollten breite Teilhabe und Mitgestaltung ermöglichen. Jedoch prallten auch hier Ideal und Realität aufeinander. Wer mehr Zeit, Ressourcen und Erfahrung hatte, konnte sich stärker einbringen und sich ein besseres Bild von den Optionen machen. Die Mitarbeitenden des Hauses waren täglich vor Ort und hielten den Betrieb am Laufen. Sie waren schnell mit der Erkenntnis konfrontiert, dass es nicht möglich und auch nicht ansprechend war, jede Entscheidung für alle Interessent*innen zu öffnen. Unterschiedliche Wissensstände und unklare Verantwortlichkeiten machten die Hausvollversammlungen langwierig und vertieften die Kluft zwischen vom Verein Angestellten und unbezahlten Teilen der Bewegung. Mit der Zeit blieb inoffiziell immer mehr an den Mitarbeitenden selbst hängen.

Selbstverwaltung – ein Vollzeitjob?

Auszuhandeln, wie mit Entscheidungen und Verantwortungen umgegangen werden sollte, war nicht einfach: Was genau mit „Selbstverwaltung“ gemeint war, hatte man nie kollektiv beschlossen. Viele Aktivist*innen hielten an einem Idealbild fest, das unter den gegebenen Umständen nicht umzusetzen war. Natürlich ist es wichtig, Räume wie das Kulturzentrum offen und nahbar zu gestalten und möglichst vielen Menschen Teilhabe ermöglichen. Doch auch dafür braucht es Strukturen. Einerseits machen unklare Entscheidungsprozesse es anderen Akteur*innen – in diesem Fall der Stadtregierung – leichter, durchzugreifen. Andererseits führen sie auch bei den Beteiligten zu Frustration und Unzufriedenheit.

Das gipfelte im Amerlinghaus in einer zweiten Besetzung des Hauses in den 1980ern. Aktivist*innen kritisierten die staatlich finanzierte „verwaltete Selbstverwaltung“ und die Kommerzialisierung des zuvor konsumzwangfreien Amerlingbeisls. Seither sind die bezahlten Mitarbeiter*innen strukturell als Entscheidungsträger*innen verankert. Das klärt Verantwortungen und ist auch für die Nutzer*innen entlastend: Das Haus stellt Infrastruktur und Organisatorisches für die meist selbst prekär organisierten Initiativen und schafft damit ein Gerüst, auf das sich politische Praxis stützen kann. Der Kampf um das Beisl ohne Konsumzwang wurde allerdings verloren: Heute sind die Preise dort genauso schmerzlich hoch wie im umliegenden Grätzl. Der Kontakt zwischen dem Lokal und dem Kulturzentrum beschränkt sich auf ein Minimum.

Linke (T)Räume

In einer kapitalistischen Welt, in der Menschen lohnarbeiten müssen, sind dem Anspruch nach Basisorganisierung und Mitentscheidung reale Grenzen gesetzt. Wer den ganzen Tag Lohnarbeit und zuhause dann auch noch unbezahlte Sorgearbeit leisten muss, wird über längere Zeit nicht die Ressourcen aufbringen können und wollen, sich mehrmals die Woche in stundenlange Treffen zu setzen. Als Linke ist es unsere Aufgabe, diese Hürden für politische Arbeit zu sehen, zu benennen und daran zu arbeiten, sie abzubauen.

Das Amerlinghaus ist ein Ort, an dem seit 50 Jahren versucht wird, diese Spannungsfelder zu navigieren. Nicht immer konfliktfrei – wie etwa die „zweite Besetzung“ oder auch die alljährlich aufs Neue zähen Verhandlungen um Subventionen zeigen –, aber doch mit Erfolg. Und obwohl der Spittelberg heute ein gentrifiziertes Nobelviertel ist, hält das Kulturzentrum an seinem sozialen Anspruch fest. Es stellt einen Ankerpunkt für verschiedenste linke, migrantische, basisorientierte und/oder subkulturelle Initiativen dar. Natürlich ist das Amerlinghaus nicht die reale Utopie. Aber es lehrt uns, zwischen Ideal und Praxis zu verhandeln und im Rahmen, den das System uns auferlegt, Strukturen zu finden, mit denen wir das System dann überwinden können.

Titelbild: Kulturzentrum Amerlinghaus

Das Amerlinghaus feiert am Samstag, den 11. Oktober ab 15.00 Uhr 50 Jahre Amerlinghaus-Besetzung mit einem Haus- und Hoffest. Unter anderem wird dabei das Buch zum Jubiläum „Spekulatius statt Spekulation“ präsentiert. Weitere spannende Literatur rund um das Amerlinghaus und die Geschichte der Wiener Stadterneuerung findet ihr auch hier:

Hatz, Gerhard. „Gentrifizierung durch das Programm der ‚Sanften Stadterneuerung‘.“ Gentrifizierung in Wien: Perspektiven aus Wissenschaft, Politik und Praxis, herausgegeben von Kadi, Justin und Mara Verlič, AK Wien, 2019, 55-69.

Reinprecht, Christoph. Fünf Jahre Amerlinghaus – Ein Ansatz alternativer Kultur in Wien.

Eigner, Peter und Andreas Resch. Phasen der Wiener Stadtentwicklung. 2001. Demokratiezentrum Wien.  

Garzon-Lapierre, Matthias. Blocksanierung Neu: Entwicklungen und Perspektiven eines Instruments der sanften Stadterneuerung in Wien. Technische Universität Wien, Diplomarbeit. Repositum TU Wien.

Bolyos, Lisa. „Ein Vierkanter am Spittelberg.Augustin, 10. Mai 2024, 29. Aug. 2025.

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