Ghanas Parlament hat den „Family Values“-Bill erneut verabschiedet – eines der härtesten Anti-LGBTQ+-Gesetze weltweit. Schon die Selbstidentifikation als queer wird zur Straftat. Drei Ghanaer*innen erzählen, wie Widerstand aussieht.
Am 29. Mai 2026 verabschiedete das ghanaische Parlament zum zweiten Mal den hoch umstrittenen Human Sexual Rights and Family Values Bill. Das Gesetz, das oft als eines der restriktivsten Anti-LGBTQ+-Gesetze weltweit bezeichnet wird, kriminalisiert bereits die bloße Selbstidentifikation als queer sowie jegliche Form von Advocacy. Das Gesetz erfasst alle Personen, die sich öffentlich als lesbisch, schwul, bisexuell, trans, queer, Ally, pansexuell oder als Teil einer gleichgeschlechtlichen Beziehung zu erkennen geben.
Menschenrechtsorganisationen weisen darauf hin, dass bei der Abstimmung nur 32 von 276 Parlamentsmitgliedern anwesend waren. Laut Health Policy Watch erfolgte die Abstimmung offenbar in Eile, um mit der African Inter-Parliamentary Conference on Family Values and Sovereignty zusammenzufallen, einer Konferenz konservativer afrikanischer Abgeordneter, die anschließend in Ghanas Parlament ausgerichtet wurde.
Aktuell liegt das Gesetz zur Unterzeichnung bei Präsident John Mahama. Erst mit seiner Unterschrift tritt es in Kraft. Mahama hat bereits grundsätzliche Unterstützung signalisiert. Sein Vorgänger Nana Akufo-Addo hatte sich zwar ebenfalls für das Gesetz ausgesprochen. Er hat es während seiner Amtszeit aber letztlich nicht unterschrieben – Berichten zufolge aus Sorge vor der Reaktion der internationalen Gemeinschaft und möglichen Sanktionen aus dem Westen. Diese Sorge dürfte für Mahama inzwischen an Gewicht verloren haben: Seit das vergleichbare Gesetz im Senegal am 31. März 2026 in Kraft trat, kam es dort zu zahlreichen Verhaftungen. Nennenswerte politische Reaktionen blieben aus.
Im Westen hört man regelmäßig Äußerungen, in denen ein „zivilisatorischer Rückstand“ Afrikas festgestellt wird. Das ist nicht nur herablassend, sondern auch historisch falsch. In vielen vorkolonialen Gesellschaften Westafrikas gab es anerkannte homosexuelle Praktiken und institutionalisierte Formen der geschlechtlichen Vielfalt jenseits der binären Norm.
In diesem Interview mit mosaik-Redakteurin Anna Rosa Prasser berichten drei Ghanaer*innen aus der Community – Damien (he/him), Elsie (she/her), und Mawutor (they/them) – über die globalen Drahtzieher hinter dem Gesetz und darüber, wie Widerstand aussieht, wenn die eigene Existenz zur Straftat erklärt wird.
mosaik: Wie hat sich das politische Klima in Ghana in den letzten Monaten verändert und wie spürt ihr das in eurem Alltag?
MAWUTOR: Die Atmosphäre hat sich von ängstlichem Abwarten in rohe Panik verwandelt. Menschen löschen ihre Dating-Apps, ihre Social-Media-Verläufe und sind vorsichtig, wem sie schreiben. Vermieter*innen beäugen jüngere, alleinstehende Mieter*innen misstrauisch. Das Gesetz droht ihnen bis zu 6 Jahre Haft an, wenn sie wissentlich an uns vermieten.
ELSIE: Das Hauptproblem vor Ort ist gerade, dass es bereits öffentliche Angriffe auf queere Menschen gibt – meist gegen Männer, die feminin auftreten. Das Gesetz würde es Menschen erlauben, noch offener gewalttätig zu werden. Zwar gibt es im Gesetz eine Klausel, die besagt, dass man niemanden körperlich verletzen darf und stattdessen die Polizei rufen soll. Jedoch kommen queere Menschen in diesem Land bereits jetzt zu Schaden. Wer garantiert also, dass tatsächlich der vorgesehene Weg eingehalten wird? Und es ist ja auch keineswegs sicher, dass nicht gerade die Behörden selbst diejenigen sind, die lynchen.
Menschenrechtsorganisationen sehen das ghanaische Gesetz nicht als isoliertes Phänomen: Die ersten Entwürfe des ugandischen Anti-LGBTQ-Gesetzes, des kenianischen Family Protection Bill und der ghanaischen Vorlage weisen auffällig ähnliche Formulierungen auf. Kritiker*innen sprechen von einem „Export-Produkt“ westlicher ultrakonservativer Kreise, die den Globalen Süden als ideologisches Schlachtfeld nutzen. Wer steckt hinter diesem Gesetz?
MAWUTOR: Dieses Gesetz ist kein isoliertes ghanaisches Phänomen. Es ist zutiefst global. Der politische Wandel in den USA unter der Trump-Administration hat diese konservativen Kräfte im Land definitiv bestärkt. Da die Sanktionen und Visa-Sperren hinfällig geworden sind. Mit der Unterstützung westlicher rechter evangelikaler Gruppen, die massive Geldsummen investieren, nutzen sie uns ganz offensichtlich für ihre zutiefst konservative Bewegung.
DAMIEN: Wir alle wissen, dass diese rechtsextremen Gruppen das Gesetz finanzieren. Und es gibt – leider – einige unserer Gesetzgeber, die schlicht eigennützig handeln und eine Agenda einzig aus finanziellem Interesse vorantreiben.
Gibt es unter den Abgeordneten aus dem Parlament auch Stimmen, die sich gegen das Gesetz laut machen?
ELSIE: Das Problem ist, dass die Botschaft des Gesetzes lautet: „Wir schützen Familienwerte.“ Und es gibt hier einen bestimmten gesellschaftlichen moralischen Maßstab. Als Kollektiv haben viele das Gefühl, mit der Verabschiedung dieses Gesetzes die moralische Integrität der Bevölkerung zu verteidigen. Wenn man sich also gegen das Gesetz stellt, wirkt es so, als würde man die Zerstörung der Familienwerte unterstützen. Dann schaut dich jeder an wie: Warum stellst du dich auf die Seite der Schwulen? Was hier offenbar als furchtbar gilt. Kaum jemand macht das also offen. Es gibt einzelne Personen und Organisationen, die das tun. Aus dem Parlament hat sich aber leider bisher niemand offen dagegen positioniert. Sie sind entweder dafür oder sie schweigen.
Wie hat die Zivilgesellschaft auf die Abstimmung reagiert? Ist es auch über die queere Community hinaus ein großes Thema?
ELSIE: Kurz bevor das Gesetz verabschiedet wurde, hat sich zum Beispiel der oberste Imam Ghanas – also das geistliche Oberhaupt der Muslime im Land – sinngemäß so geäußert: Er werde nicht in Frieden sterben, wenn das Gesetz nicht verabschiedet wird. Damit hat er praktisch alle Muslime in Ghana hinter das Gesetz gestellt – im Sinne von: Wenn ihr es nicht verabschiedet, müsst ihr euch vor mir verantworten. Auch die Katholische Kirche und die Pentekostalen haben sich sehr leidenschaftlich für die Verabschiedung des Gesetzes eingesetzt.
Bei der breiten Bevölkerung ist es dagegen den meisten Menschen einfach ziemlich egal. Es ist so weit von ihrer eigenen Lebensrealität entfernt. Ich habe selbst kaum öffentliche Diskussionen über die Verabschiedung des Gesetzes erlebt. Für die meisten ist es nur eines von vielen Gesetzen.
Das heißt, die meisten Menschen kennen den Inhalt des Gesetzes gar nicht?
Kaum jemand hat das Gesetz tatsächlich gelesen. Die Leute wissen nicht, was drinnen steht. Für die heißt es nur: „Sie werden Schwule ins Gefängnis stecken.“ Doch im Grunde reicht schon die bloße Vermutung: Ein eher feminin wirkender Mann, eine Frau, die sich maskuliner kleidet, könnten verurteilt werden. Und das ist der Moment, in dem viele anfangen, zu begreifen: Ich muss gar nicht offen schwul wirken. Es reicht, dass man mich dafür hält. Das könnte schon Grund genug sein, festgenommen zu werden. Aber das wird vielen erst klar werden, wenn es schon zu spät ist – wenn massenhaft Menschen verurteilt werden. Hoffentlich kommt es aber gar nicht erst so weit. Fingers crossed.
Welche Formen des Widerstands gibt es innerhalb der Community trotz der Kriminalisierung?
MAWUTOR: Die häufigste Strategie ist der Versuch zu überleben. Viele ziehen sich tiefer in den Schrank zurück. Sie performen in der Öffentlichkeit hypermaskuline oder hyperfeminine Rollen und lassen ihre Fassade nur in streng kontrollierten, privaten Räumen fallen. Wer die finanziellen Mittel, ein Visum oder eine Bildungschance im Ausland hat, versucht, das Land zu verlassen. Es ist ein tragischer queerer Braindrain. Ich habe vier Freund*innen, die das Land in den letzten Monaten unter dem Vorwand verlassen haben, im Ausland zu studieren oder zu arbeiten – nur um sich zu schützen. Öffentlicher Protest ist im Moment praktisch Selbstmord. Also leisten die Menschen anders Widerstand. Eine Gruppe zivilgesellschaftlicher Organisationen bereitet im Stillen Verfassungsklagen vor. Innerhalb der Community bedeutet Widerstand vor allem, einander am Leben zu halten.
Formelle LGBTQ+-NGOs werden unter dem neuen Gesetz mit seinen Advocacy-Verboten massiv ins Visier genommen und kriminalisiert. Deswegen ist alles in den Untergrund gegangen. Unser Überleben hängt vollständig von informellen, dezentralen Netzwerken ab. Sichere Chatgruppen dienen als unser Notfall-Warnsystem – sie warnen Menschen vor Fallen, Erpressungsversuchen oder gefährlichen Stadtvierteln. Wir sammeln Geld für die Miete vertriebener Mitglieder oder als Kaution, falls jemand verhaftet wird. Vertraute medizinische Fachkräfte bieten weiterhin im Stillen HIV-Tests und Behandlungen an. Auch wenn die Angst vor dem Gesetz schon jetzt dazu führt, dass weniger Menschen öffentliche Gesundheitsberatungen aufsuchen.
DAMIEN: Seit zwei Jahren bauen wir Widerstand auf, ein breites Netzwerk des Widerstands. Eine große Unterstützung ist dabei die Solidarität der queeren afrikanischen Community in der Diaspora. Es gibt Gruppen wie Dramaqueens, die ihre Plattform nutzen, um viele Themen sichtbar zu machen. Es gibt Lgbtrightsghana, Rightifyghana, Justrightghana und Onelovesistersgh. Wir haben Wege gefunden, Community aufzubauen und sichtbar zu bleiben – und gleichzeitig unsichtbar. Zum Glück gibt es viele Gruppen und Einzelpersonen, die Wege finden, etwas zu schaffen. Wir hatten kreative Gespräche rund um den Aufbau von Organisationsstrukturen. Wir hatten Raves. Wir haben eine Ballroom-Szene aufgebaut – auf ihre eigene, schöne, untergründige Art. So sehr wir auch mit Angst, Panik und Gewalt konfrontiert sind. Wir bauen gleichzeitig Solidarität und Community auf. Wir schaffen sichere Räume für uns selbst und verstehen, welche sicheren Räume wir noch brauchen.
Welche Rolle spielt die Kunst im Widerstand?
Es gibt Künstler*innen, die ihre Kunst nutzen – wie Baahwa, Agyeibea Asare-Boye, Essel , Kwasi, Kwadjo , Efusa Osei, Awo Dufie Fofie, Benjamin Cyril Arthur… Ich habe den Überblick verloren – es gibt so viele Künstler*innen, die auf unterschiedliche Weise mit ihrer Kunst Narrative vorantreiben, die Community stärken. Auch das ist für uns eine sehr starke Form des Widerstands.
ELSIE: Kennst du die Musikerin Angel Maxine – eine ghanaische Transfrau, die sich immer wieder öffentlich gegen das Gesetz ausspricht? Ihr zuletzt erschienener Song Wo Fie („Dein Zuhause“) ist sehr beliebt in der queeren Community hier.
Ansonsten reagiert die Community aber gerade eher mit Rückzug und Verstecken, als mit offenem Kampf, würde ich sagen. Ich glaube die Menschen sind zu verängstigt, um zu kämpfen.
Erlebt ihr auch internationale Solidarität abseits der Diaspora – und wenn ja, wo? Und wo wirkt internationale Unterstützung eher wie Performance oder Paternalismus?
MAWUTOR: Solidarität fühlt sich echt an, wenn sie leise, praktisch und gut finanziert ist. Wenn internationale Organisationen direkte Mittel für Sicherheit, Schutzhäuser, Rechtsbeistand und psychologisches Asyl bereitstellen, ohne eine Pressemitteilung oder einen Fototermin zu verlangen. Dann ist das echte Solidarität. Wenn westliche Botschaften ihre Twitter-Banner zu Pride-Flaggen ändern oder westliche Politiker*innen laute, öffentliche Verurteilungen aussprechen, die damit drohen, die Hilfe für Ghana einzustellen, fühlt sich das nicht nach echter Solidarität an. Wenn das passiert, dreht die lokale Presse es um und sagt: „Seht ihr? Die Weißen wollen uns Homosexualität aufzwingen, indem sie uns aushungern.“ Das löst einen nationalistischen Backlash aus – und wer bekommt diese Wut auf der Straße ab? Wir. Laute westliche Empörung wirkt oft so, als solle sie vor allem westlichen Wähler*innen ein gutes Gefühl geben. Rücksicht auf die Sicherheit der Menschen vor Ort gibt es dabei nicht. Aber Solidarität bedeutet, Rücksicht zu nehmen, auf die queere ghanaische Person, die sich kein Flugticket leisten kann, um das Land zu verlassen.
Was erwartet ihr von Aktivist*innen, Politiker*innen und Medien in Europa – und was sollten sie vermeiden?
MAWUTOR: Was wir von europäischen Aktivist*innen, Medien und Politiker*innen wollen, ist, das Problem an der Quelle zu lösen. Untersucht und enttarnt die US-amerikanischen und europäischen konservativen Organisationen, die diese „Family Values“-Konferenzen in Afrika finanzieren. Schlagt der Schlange den Kopf zu Hause ab.
Schafft strukturelle Fluchtwege, die es queeren Ghanaer*innen, die vor unmittelbarer physischer Gefahr fliehen, leichter, schneller und sicherer machen, humanitäre Visa zu erhalten. Finanziert lokale Initiativen direkt. Legt Ressourcen in die Hände lokaler Aktivist*innen, die das Terrain kennen, anstatt Kampagnen aus London, Berlin oder Brüssel zu steuern. Und ganz wichtig: Hört auf, Entwicklungshilfe als Waffe einzusetzen. Droht nicht öffentlich damit, allgemeine Entwicklungs- oder Gesundheitshilfe zu streichen. Das schadet vor allem den ärmsten Ghanaer*innen und sorgt dafür, dass die Öffentlichkeit uns noch mehr hasst. Beendet die „White Savior“-Rhetorik. Vermeidet es, das Ganze so darzustellen, als würde Europa Afrika zivilisiertes Verhalten lehren. Stellt es als universelles Menschenrechtsthema bloß und deckt auf, wie westliche konservative Netzwerke unseren Gesetzgebungsprozess korrumpiert haben.
Lasst die lokalen Aktivist*innen sprechen – gebt uns einfach das Mikrofon!
Danke für die persönlichen Einblicke an Damien, Elsie und Mawutor.
Illustration: anonym