Eine Gruppe von Menschen mit einem Banner, auf dem in den Farben der Trans Flagge steht "not your political weapon". Davor ein anderes Banner mit der Aufschrift "Trans Joy" und Smileys.

Sichtbarkeit ist nicht genug

Der Trans Day of Visibility steht für Fortschritte, Kämpfe und Selbstbestimmung. Ende März richtete Viola Wagner den Blick auf Geschichte und Gegenwart und zeigt, wie viel sich verändert hat – und wo Sichtbarkeit noch immer fehlt.

Disclaimer: Dieser Artikel sollte ursprünglich zum jährlichen Trans Day of Visibility erscheinen. Dies konnte aufgrund des Angriffs auf die mosaik-Website nicht passieren. Nachdem der Inhalt jedoch weit über diesen einen Tag hinaus von Bedeutung ist und wir uns zudem im Pride-Month befinden, wird er nun nachträglich veröffentlicht.

Der Trans Day of Visibility wird oft missverstanden oder in ein Licht gestellt, das ihm nicht gerecht wird. Ja, es geht um Sichtbarkeit. Aber es soll kein weiterer Tag sein, an dem wir nur über mangelnde Sichtbarkeit – beispielsweise im Rechtssystem – sprechen oder über eine zu starke Sichtbarkeit im transfeindlichen Diskurs. Dieser Tag war ursprünglich als Gegenstück zum Trans Day of Remembrance gedacht, einem Gedenktag für Menschen, die von cissexistischer Gewalt betroffen sind, und für jene, die ihr zum Opfer gefallen sind. Der Trans Day of Visibility hingegen sollte – so hätte es sich die Initiatorin Rachel Crandall-Crocker wohl gewünscht – ein Tag sein, an dem wir Identitäten jenseits der Cisnormativität feiern. Ich möchte sichtbar machen, was bereits an Fortschritten passiert ist, weg von einem reinen Betroffenheitsfeminismus. Ein kurzer Blick auf die Entwicklung rund um Geschlecht und Rechte von trans Personen zeigt, wie stark sich die Situation verändert hat.

Vom Unsichtbarsein zur Anerkennung

Vor etwas mehr als 100 Jahren, im Jahr 1920, trat in Österreich die Bundesverfassung in Kraft. In Artikel 7 wurde erstmals Diskriminierung aufgrund des Geschlechts verboten. Trans Personen waren dabei allerdings noch nicht mitgedacht. Erst in den 1980er-Jahren wurde „trans“ in Österreich langsam ein Thema. 1983 wurden das Personenstandsgesetz sowie der sogenannte Transsexuellenerlass beschlossen. Damit war erstmals eine Änderung des Personenstands möglich, allerdings unter sehr strengen Bedingungen. Zuständig war das Institut für Gerichtsmedizin der Universität Wien. Trans Frauen mussten Penis und Hoden entfernen sowie eine Neovagina operativ herstellen lassen. Wer den Personenstand ändern wollte, war damit faktisch zu einer Operation gezwungen. Zusätzlich galt bis 2006 ein Scheidungszwang für trans Personen, um gleichgeschlechtliche Ehen zu verhindern. Ebenfalls 2006 startete an der Universität Wien erstmals der Studiengang Gender Studies – also erst vor rund 20 Jahren. 2009 wurde schließlich der Operationszwang für die Änderung des Geschlechtseintrags abgeschafft.

Ein weiterer wichtiger rechtlicher Schritt folgte 2018: Der Verfassungsgerichtshof bestätigte das Recht auf ein drittes Geschlecht. In der Praxis wurde diese Option jedoch zunächst stark eingeschränkt. Das zuständige Innenministerium hat sie in Erlässen unter Innenministern Kickl, Nehammer und Karner vor allem auf körperlich intergeschlechtliche Menschen beschränkt. Grundlage war eine Nebenbemerkung in einer Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofs aus dem Jahr 2018. Obwohl der Verfassungsgerichtshof von Geschlechtsidentität sprach, wurde die Regelung dadurch enger ausgelegt. 2026 kam es erneut zu einer wichtigen Entscheidung: Der Verfassungsgerichtshof gab einer Transperson recht, die ihren Geschlechtseintrag aus dem Personenstandsregister streichen lassen wollte. Im Gegensatz zur zuvor ablehnenden Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofs.

Fortschritt mit Einschränkungen

Auch auf europäischer Ebene gab es Fortschritte: Im März 2026 entschied der Europäische Gerichtshof, dass transgeschlechtliche Menschen in der EU Anspruch auf Ausweisdokumente haben, die ihrer gelebten Geschlechtsidentität entsprechen. Mitgliedstaaten müssen entsprechende Änderungen in Personenstandsregistern ermöglichen, da dies mit dem Recht auf Freizügigkeit in der EU verbunden ist.

Parallel dazu entwickelt sich auch die medizinische Klassifikation weiter: Die Weltgesundheitsorganisation hat für den Übergang zum ICD-11 – der neuesten Version der statistischen Klassifikation der Krankheiten – eine Übergangsphase vorgesehen. In dieser können ICD-10 und ICD-11 parallel genutzt werden. Eine verpflichtende Umstellung in Europa wird voraussichtlich erst ab etwa 2027 erfolgen, da Übersetzungen und technische Systeme der Krankenkassen noch angepasst werden müssen. Während im ICD-10 insbesondere nichtbinäre trans Personen teilweise noch pathologisiert werden, soll sich dies mit der Einführung des ICD-11 ändern.

Trotz dieser Fortschritte gehen positive Entwicklungen in der öffentlichen Wahrnehmung oft in negativer Berichterstattung und politischen Auseinandersetzungen unter. Gleichzeitig entstehen biologistisch argumentierende Initiativen zum Schutz des „biologischen Geschlechts“. Ein Beispiel ist das Athena-Forum, deren Gründerin die österreichische Politikerin Faika El-Nagashi ist.

Trans Stimmen werden lauter

Doch wir wollen nicht nur über rechtliche Sichtbarkeit sprechen. Auch kulturell hat sich einiges bewegt: 2019 stand Mavi Phoenix auf der Bühne und thematisierte im Song „Bullet in My Heart“ Transidentität. 2021 begann auch Kerosin95 Musik zu veröffentlichen, die trans Themen aufgreift. Der Song „Trans Agenda Dynastie“ läuft seit 2022 auf vielen trans Demos rauf und runter. Mittlerweile gibt es eine Vielzahl an trans Artists in der österreichischen Musiklandschaft. Beispiele sind etwa Gatafieramode mit antikolonialen Songs wie „Perreo Decolonizado“, Dexpleen als nonbinärer Producer oder „Vienna’s Prinzess“ Aengel mit Songs wie „Gagging“. Dazu kommen DJs wie Miss Pixie und viele – leider noch unbekannte – trans Femmes.

Es entstehen immer mehr Gruppen und Aktionen von und für trans Personen. Aus Schutz für die Community werden diese hier bewusst nicht erwähnt. Mittlerweile gibt es trans Camps und Tanzveranstaltungen speziell für trans Menschen. Auch durch die sogenannte „Trans-Debatte“ rund um das Selbstbestimmungsgesetz in Deutschland werden trans Themen im deutschsprachichen Raum stärker diskutiert. Damit steigt sowohl die negative als auch die positive Sichtbarkeit von trans Menschen. Was Rechte oder etwa Alice Schwarzer – die Gründerin der Zeitschrift Emma – als „Trans-Mode“ oder „Trans-Trend“ bezeichnen, ist in Wirklichkeit etwas anderes: Trans Themen werden endlich auch außerhalb aktivistischer Kreise diskutiert. Das Thema und damit auch die Menschen erhalten mehr Sichtbarkeit. Es gibt nicht plötzlich mehr trans Personen; vielmehr trauen sich heute mehr Menschen, sich zu outen und für sich einzustehen.

Lücken in der Sichtbarkeit

Wenn wir über Sichtbarkeit sprechen, müssen wir aber auch über Unsichtbarkeit reden. Sichtbar sind im Diskurs vor allem weiße, binäre trans Personen. Selbst innerhalb vieler Gruppen ist die Mehrheit der Menschen weiß und ohne Migrationsgeschichte. Es gibt dafür berechtigte Kritik an der österreichischen trans Community. Noch immer finden viele trans Menschen aufgrund von Hautfarbe, Nationalität, Migrationsgeschichte, Fluchterfahrung oder sozialer Klasse kaum Anschluss an bekannte trans Vertretungsgruppen. Auch ältere trans Personen, egal ob sie sich erst kürzlich geoutet haben oder schon seit Jahrzehnten offen leben, haben es oft schwer, Anschluss zu finden.

Gruppen wie TransX, die schon lange trans Aktivismus leisten, werden heute teilweise weniger ernst genommen. Die Spaltungen, die wir etwa im Feminismus beobachten, machen leider auch vor dem trans Aktivismus nicht halt. Wenn wir also den Trans Day of Visibility feiern, sollte gerade weißen und damit privilegierten trans Personen das bewusst sein. Wir haben es nicht leicht, aber oft immer noch leichter als andere.

Sichtbarkeit braucht Solidarität

Der Transgender Day of Visibility erinnert uns daran, dass Sichtbarkeit mehr bedeutet als nur ein „dabei sein“. Es reicht nicht, mehrfach diskriminierte trans Personen einfach nur zu inkludieren. Solidarität bedeutet auch zuzuhören, Kritik anzunehmen und aktiv Platz zu machen, besonders für diejenigen, deren Stimmen viel zu oft überhört werden. Auch weiße trans Personen können dazu beitragen, indem sie ihre Privilegien reflektieren und bewusst die Bühne machen/abgeben.

Es geht darum, andere (trans) Menschen nicht nur mitzudenken, sondern sie wirklich einzubeziehen, ihre Perspektiven sichtbar zu machen und ihnen die Möglichkeit zu geben, selbst zu sprechen. Und das betrifft nicht nur trans Menschen. Gerade cis Personen sind heute gefragt: Platz machen für trans Stimmen, Platz machen für trans Themen und gleichzeitig Verantwortung übernehmen. Wenn ihr könnt, kommt zu Demonstrationen mit trans Schwerpunkt, zeigt euch solidarisch, bringt eure Unterstützung ein. Lasst uns gemeinsam dafür sorgen, dass Sichtbarkeit nicht nur ein Wort bleibt, sondern echte Veränderung anstößt.

Foto: Thiago Rocha via Unsplash

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