Wie hat sich der Widerstand gegen den Austrofaschismus 1934 angefühlt? Mit dem immersiven Theater „widerSTADT“ lädt das Kollektiv Phehnix zu einer Zeitreise ein – und fragt nach Handlungsoptionen in düsteren Zeiten. Eine Reportage von Fabian Lutz und Hannah Tochtermann.
Der Gemeindebau Herweghhof im 5. Wiener Gemeindebezirk, 13:10 Uhr. Eine Frau steht vor Gericht: Hochverrat. Erst ist Stille. Dann reckt sie die Faust in die Höhe, ein rotes Tuch in der Hand: „Hoch die internationale Solidarität! Hoch!“ Auch die jugendlichen Schüler*innen, die um die Angeklagte einen Kreis gebildet haben, heben – teils noch zaghaft – rote Tücher empor. Totenstille. Doch die Geste hilft nicht, rettet niemanden. Grete wird wegen Aufruhr mit schwerem Kerker bestraft. Man sieht es den umstehenden Jugendlichen an, die Stimmung ist gedrückt.
Emotionen vermitteln, darum geht es dem Kollektiv Phehnix, das hinter dem immersiven Stationentheater „widerSTADT“ steht. Schulklassen der 8.–13. Stufe und ab Oktober auch eine breite Öffentlichkeit sind eingeladen, historische Widerständler*innen gegen den Austrofaschismus der 1930er zu begleiten – und mitzumachen: So sollen Flugblätter verteilt, geheime Botschaften übermittelt oder verbotene Kundgebungen abgehalten werden. Dabei stellt sich auch die Frage: Kann ich jemanden verraten, um mich selbst zu retten? Und: Macht das Publikum mit – oder greift es ein?
Rot tragen ist gefährlich
Phehnix stehen in der Tradition des Theaters der Unterdrückten, eines politischen Partizipationsprojekts, das vom brasilianischen Exilanten Augusto Boal in den 1970ern entwickelt wurde. Das Ziel: Das passive Publikum ins politische Handeln und den Widerstand in den öffentlichen Raum bringen. Aber kann das funktionieren? Kann ein partizipatives Theater zum Austrofaschismus heutzutage zum Widerstand animieren?
Zu Anfang des immersiven Stücks herrscht jedenfalls Überforderung. Als sich die Schüler*innen am Mittag des 24. Juni um den idyllischen Bärenbrunnen im Herweghhof versammelt haben, sind sie den historischen Charakteren zum ersten Mal regelrecht ausgesetzt. Die Figur von Jura Soyfer, einem sozialdemokratischen Theatermacher, streift herum, rät eine*r Schüler*in, ihr rotes Sackerl zu verstecken. Die Farbe Rot solle man zu dieser Zeit subtiler tragen. Jura deutet auf seine roten Socken, die unter seinem Hosenbein verschwinden. Ein streng gekleideter Mann mit Hut, eine Pfeife in der Hand, fragt eine andere Person, was sie da für ein Notizbuch habe. Er hoffe, es handele sich dabei nicht um sozialdemokratische Propaganda. Das würde sonst Ärger geben.

Die Zuschauenden sind mitten im Jahr 1934. Für linke Perspektiven und Utopien sieht es düster aus. Die autoritäre Regierung des christsozialen Engelbert Dollfuß hat das Parlament ausgeschalten. Die Kommunistische Partei und der Republikanische Schutzbund sind verboten. Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei steht mit dem Rücken zur Wand. 1934 gibt es einen letzten Aufruhr, der jedoch blutig niedergeschlagen wird. Die Februarkämpfer*innen fliehen in den Untergrund, dort versuchen sie, den Widerstand weiter zu organisieren. Doch die Einheitspartei der Vaterländischen Front hat ihre Spitzel überall. Und dann sind da noch die Nationalsozialisten, die offen mit dem „Anschluss“ Österreichs drohen.
„Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich“
90 Jahre später stehen die Nationalratswahlen 2024 bevor und das Kollektiv Phehnix entwickelt „widerSTADT“ trotz Förderabsage. In Zusammenarbeit mit Wissenschaftler*innen recherchieren die Schauspielenden wissenschaftliche Quellen und Biografien, Orte und Texte zum antifaschistischen Widerstand der 1930er im Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW). Die größtenteils fiktiven Figuren des Stücks basieren damit alle auf historischen Vorbildern. Als die FPÖ 2024 mit 28,8 Prozent dann ihr historisch stärkstes Wahlergebnis einholt, ist für das Kollektiv klar, dass sich historische Begebenheiten zwar nicht einfach wiederholen, aber aufeinander „reimen“ können, ganz nach dem berühmten Zitat aus unbekannter Quelle.
Eine der fiktiven Figuren in „widerSTADT“ ist Grete. Zum Ende des Stücks wird sie die Internationale Solidarität ausrufen. Zuvor führt sie eine der Schüler*innengruppen durch die grünen Innenhöfe des Wiener Gemeindebaus. Im „Roten Wien“ wurden diese nur wenige Jahre vor der Zeitsetzung des Stücks erbaut und brachten endlich angemessene Wohnverhältnisse für zahlreiche Arbeiter*innen. Doch die Umgebung ist nur vermeintlich sicher. Aus Sorge, bespitzelt zu werden oder als illegale Versammlung aufzufallen, bleibt Grete unruhig und führt ihre Gruppe ständig an neue Orte.
Fürsorge ist Widerstand
Immer wieder geschehen überraschende Dinge. Ein*e Schüler*in spaltet sich von der Gruppe ab, um eine*r Anrainer*in mit Rollator die Tür aufzuhalten. Solche fürsorglichen Interventionen sind ganz im Sinne des Theaters der Unterdrückten – und der Widerständler*innen von 1934. Gerade in der heutigen individualisierten Gesellschaft könne man von ihrer Organisation und gegenseitigen Unterstützung lernen. Das erzählen die Schauspielenden des Kollektivs nach der Aufführung: „Der Widerstand gegen den Austrofaschismus war in einem breit aufgestellten Kollektiv organisiert, das leider zerschlagen wurde. Da stellt sich die Frage: Wie bauen wir das wieder auf?“ Soweit so klar: Widerstand bedeutet gelebte Solidarität, organisierte Fürsorge. Und genau die beweisen die Schüler*innen mit ihren rücksichtsvollen Interventionen. Selbst wenn diese zunächst bloß darin bestehen, eine*r Anrainer*in mit Rollator die Tür aufzuhalten.

Grete fragt die Umstehenden nach Musik, die ihnen hilft, wenn sie hoffnungslos sind. „Rap“, antwortet ein*e Schüler*in. Was zunächst historisch schief wirkt – schließlich befinden wir uns im Jahr 1934 – trifft erneut den Kern des Theaters. Phehnix möchte es dem Publikum überlassen, eigene, individuelle Parallelen zu ziehen. Und wenn Rap gegen den Faschismus hilft, dann hilft er. Als Grete kurz darauf das Lied der Wiener Arbeiter*innen vorstellt, sind die Schüler*innen weder belustigt noch peinlich berührt, sie singen ausnahmslos alle mit.
Spitzel in den eigenen Reihen
Im Verlauf des Stücks nimmt das Publikum eine immer aktivere Rolle ein. Als Grete fragt „Wollt ihr in einem Land leben, in dem ihr nicht eure Meinung sagen dürft?“, folgt sofort ein entschiedenes „Nein!“ Beim Vorhaben, einen Genossen zu verraten, weil er ein Jude ist, weigert sich ein*e Schüler*in mitzumachen. Ein*e andere*r allerdings stellt eine Handykamera für die Bespitzelung bereit. Als plötzlich ein Kommissar auftaucht, zeigt ihm die Person bereitwillig das Foto und wird für die Bespitzelungsleistung gelobt. Die Person nimmt das Lob dankend entgegen, ehe sie in die Reihe zurücktritt. In diesem Moment lassen die Theatermachenden das Publikum kurz alleine zurück und geben ihm so Raum zur Reflexion. Und den braucht es: Ein*e Schüler*in fragt irritiert: „Was ist gerade passiert?“
Ein Gespenst geht um
Die richtigen Entscheidungen zu treffen, das ist im schnellen Wechsel der Ereignisse nicht immer möglich. Viel wichtiger erscheint allerdings, welche Gedanken und Emotionen das Stück bei den Mitmachenden auslöst. Impulse, Irritation erzeugt auch eine sonderbare Figur, die unaufhörlich um die Schüler*innen herumschleicht. Sie trägt eine Pappmaske mit grotesken Proportionen und bleibt immer gebückt. Ein Spitzel oder ein Ausgestoßener? Eine passive Zuschauerin, die alles geschehen lässt? Ein Störfaktor, der an die Notwendigkeit erinnern soll, wachsam zu bleiben? Oder doch ein Geist der Geschichte, der alles schon einmal erlebt hat? Dem Kollektiv Phehnix ist jede Interpretation willkommen.

Als Theatermacher Jura Soyfer, die einzig nicht-fiktive Figur, in seinen Theaterkeller einlädt, lässt er eine*n Schüler*in als Wachposten aufstellen. Die wenigen Dialoge aus seinem Stück, eine „Satire auf die Hoffnungslosigkeit“, können jedoch kaum gesprochen werden. Immer wieder gibt der Wachposten Signale, dass Gefahr droht. Ist es die umherschleichende Figur – oder macht die Person bloß Witze, weil es sonst langweilig ist, Wache zu stehen?
Erst nach und nach wird klar, dass eine andere Schüler*innengruppe darauf angesetzt ist, den jüdischen Jura Soyfer zu bespitzeln. Doch waren die Schüler*innen nicht selbst gerade erst in der Rolle zu entscheiden, ob sie Soyfer ausspionieren sollen? Immer wieder deutet „widerSTADT“ auf die komplizierte Frontbildung innerhalb des versteckten Widerstands hin: Ab wann verrate ich meine Mitkämpfer*innen? Schon allein, wenn ich Wissen für mich behalte? Wann sollte ich eingreifen – und wie? Und wie gefährlich ist das für mich selbst? Spätestens an diesem Punkt wirkt das immersive Stück wie ein komplexes Sozialexperiment – mit offenem Ausgang.
Eine größere Bewegung
Es bleibt Gesprächsbedarf, viel Gesprächsbedarf. Deshalb hat das Kollektiv Phehnix im Nachgang Raum für Austausch mit den jugendlichen Schüler*innen gelassen. Schnell wird dabei klar: Das Stück hat begeistert. Und es werden viele Fragen gestellt. Vor allem die unbekannte Figur mit der Pappmaske beschäftigt die Schüler*innen. Und die Frage, wie es den Schauspielenden ergangen ist, diese Figuren zu spielen. Es ist ein großes Bedürfnis, sich miteinander zu verbinden – im Angesicht der schwierigen, aufreibenden Ereignisse. Linda Raule erzählt von der Auseinandersetzung mit ihrer Figur der widerständigen Grete. Grete geht am Ende des Stücks ins Gefängnis: Ist das Naivität oder eine wichtige politische Entscheidung?
Allenfalls ist es mutig. Denn auch heute müssen wir uns die Frage stellen: Wie mutig bin ich? Und wie kann ich politisch etwas bewirken? Eine fertige Lösung für den Widerstand, damals wie heute, gibt es jedenfalls nicht. Die Theatermachenden von Phehnix fordern deshalb Eigeninitiative: „Die Menschen müssen in ihren jeweiligen individuellen Lebensrealitäten politisch aktiv werden.“ Da hilft Klassenbewusstsein – und das Gefühl, nicht nur Teil der Geschichte, sondern auch einer größeren Bewegung zu sein. Wer sich im Theater der Unterdrückten aktivieren lässt und seine passive Rolle verlässt, tut das vielleicht auch im Alltag, im öffentlichen Raum, im echten Leben. In Wien haben die Schulferien begonnen. Vielleicht keine schlechte Zeit, um den Widerstand zu organisieren.
Das immersive Stationentheater „widerSTADT“ des Kollektiv Phehnix wird im Oktober 2025 wieder für die Öffentlichkeit zu sehen sein. Ergänzend dazu wird zu einer Podiumsdiskussion mit Expert*innen geladen. Termine und Orte werden über Instagram und die Website des Kollektivs bekanntgegeben. Es gibt auch die Möglichkeit, einen Newsletter zu abonnieren.
Fotos: Andreas Heckhoff