Graffiti: "England get out of Ireland"

Anti-koloniale irische Identität: Woher kommt die Band Kneecap?

Die Aufregung um die nordirische Band Kneecap ist groß. Die Zeit, sich ausführlich mit den Hintergründen zu beschäftigen, hat sich kaum jemand genommen. Francesca Ní Bhriain holt das für mosaik nach und verortet Kneecap im 800-jährigen irischen Widerstand.

Anfang August sorgten in Österreich Schlagzeilen zur nordirischen Band Kneecap für Aufsehen: „Auftritt von umstrittener Rap-Gruppe Kneecap in Wien abgesagt“, oder auch etwas irreführend „Nach Kontroversen um Wien-Konzert: Kneecap-Rapper vor Gericht“. Die Initiative zur Konzert-Absage kam von FPÖ-‚Linksextremismussprecher‘ Leo Lugner. Lugner meinte, die Band spreche in ihren Texten positiv von Terrororganisationen wie der Hamas. Als Reaktion auf die Absage veranstaltete eine Gruppe um die irisch-österreichisch-amerikanische Band The Belgian Blue den Konzertabend Vienna for Palestine, um „gegen den Völkermord am palästinensischen Volk und die Besetzung seines Landes sowie gegen den Eingriff in das Recht auf künstlerische Meinungsfreiheit und kulturelle Räume zu protestieren.“

Neben der lautesten Kritik von rechts, reihen sich auch linke Stimmen immer wieder in die Aufregung um Kneecap ein. Sie werfen der Band fehlende Abgrenzung zum islamistischen Rand der Pro-Palästina-Bewegung vor. Den Anlass dafür hat Kneecap selbst geliefert und er sollte diskutiert werden. Allerdings nur, wenn auch eine Bereitschaft besteht, sich mit dem kulturell-politischen Kontext der Band auseinanderzusetzen und dem Widerstand, der sich darin ausdrückt.

The International Wall in Belfast
The International Wall, Belfast | (c) Rossographer, CC BY-SA 2.0

Gaeilge, Mo Chara agus an Phalaistín

Kneecap positionieren sich offen palästinasolidarisch und verurteilen das Vorgehen Israels im Gazastreifen scharf. Damit handeln sie sich von verschiedenen Seiten Kritik ein. Ihre Songs thematisieren den Krieg nicht direkt – abgesehen von einem kurzen „Free Palestine“-Hinweis am Ende eines Tracks. Musikalisch arbeiten sie zweisprachig, meist auf Irisch (Gaeilge) sowie teils Englisch. Sie verbinden Alltag, Party und den nordirischen politischen Kontext, in dem sie aufgewachsen sind. Hits wie „Get Your Brits Out“ mischen Satire und Party im Dienste des Widerstands gegen die bis heute andauernde britische Präsenz in Nordirland. Der Name der Band entstand in Anlehnung an eine kontroverse Bestrafungspraxis der Irish Republican Army (IRA). Kneecap stellt durch ihren Namen und auch ihre Ästhetik – Balaclava in Irland-Tricolor und Gaelic Football Shirts – einen direkten Bezug zu ihrer Identität als republikanische anti-koloniale Iren her. 

Wandbild in Belfast gemalt von Kneecap
Wandbild in Belfast gemalt von Kneecap | (c) Francesca Ní Bhriain

Das passte vielen – insbesondere in England – nicht. Im November 2024 kippte die Stimmung gegen Kneecap endgültig: Bandmitglied Liam Óg Ó hAnnaidh, auch bekannt als „Mo Chara“ (mein Freund), schwenkte auf einem Konzert in London eine Hisbollah-Flagge. Auf einem Video sind außerdem die Worte „Up Hamas, Up Hisbollah“ zu hören. Es kam zur Anklage wegen Unterstützung einer Terrororganisation. Ó hAnnaidh musste vor Gericht. Dieses hatte bei einem ersten Termin versäumt, Simultanübersetzung zu organisieren und Ó hAnnaidh somit sein Recht auf einen Prozess in irischer Sprache verwehrt. Am 26. September entschied das Gericht, dass die Terroranklage wegen eines formalen Fehlers nicht weiter verfolgt wird. Die Band weist jegliche Gutheißung der Terrormiliz zurück und bezeichnet das Schwenken als ein unwissentliches Versehen.

Irische Künstler*innen zwischen Solidarität und Zensur

Terrorverherrlichung ist zu verurteilen und man sollte sich besser über die Flaggen radikal islamistischer Terrororganisationen informieren – gerade, wenn man sich ernsthaft für die palästinensische Sache einsetzt. Wer Kneecap aber aufgrund der Kontroversen einfach cancelt, macht es sich – insbesondere aus linker Perspektive – zu leicht. Denn gerade in unseren Breitengraden wissen Menschen viel zu wenig über Geschichte und Gegenwart anti-kolonialer irischer Identität.

Diese gewinnt aktuell eine neue Selbstsicherheit – wie man an einer Reihe von explizit linken bis sozialistischen Popkünstler*innen wie der Autorin Sally Rooney (Normal People), der Band Fontaines D.C., der Sängerin CMAT und eben auch Kneecap sieht. Kern dieser Identität sind internationale Solidarität und ein Bezug zu nationalen und emanzipatorischen Freiheitskämpfen. Diese kulturelle und auch linkspolitische Renaissance des Irischseins bedroht die kapitalistische und rassistische Logik, die sowohl westliche Politik als auch den Kultursektor prägt. Beispiel Gaza: Kneecap kritisiert das Vorgehen Israels aus der Position einer Gemeinschaft, die nach wie vor unter kolonialer britischer Herrschaft in Nordirland lebt. Diese Position ist bereits seit Jahrzehnten eng mit dem palästinensischen Freiheitskampf verbunden. Die Verbindung wird mit der aktuellen Aushungerung der palästinensischen Bevölkerung verstärkt. Sie erinnert viele Ir*innen an ihre eigene Geschichte der kolonial bedingten Hungerkatastrophe im 19. Jahrhundert.

Fontaines D.C am Primavera Sound Porto 2025
Fontaines D.C am Primavera Sound Porto 2025 | (c) Boredintheevening – own work, CC BY 4.0

Protestmusik und rechts-konservative Doppelmoral

Protestmusik passt dem britischen und US-amerikanischen Regime nicht, wenn sie diese nicht finanziell ausschlachten können. In beiden Ländern fanden Untersuchungen gegen Kneecaps Auftritte bei großen Festivals statt. Vorwürfe mussten in beiden Fällen zurückgenommen werden. Kneecap sind jedoch nicht die einzigen, die zensiert werden: Die irische Indie-Folk Band The Mary Wallopers musste ihr Konzert abbrechen, nachdem ihnen der Ton wegen einer Palästina-Flagge abgedreht wurde; die Folk-Band Lankum wurde bei einem Festival in Leipzig aufgrund ihrer Position zu Palästina kurzfristig ausgeladen – nach ihrem Soundcheck.

Die lautesten Rufe nach Absagen und Repression kommen fast immer von Parteien und Medienhäusern rechts der Mitte, wie der FPÖ, Fox News und der Conservative Party im Vereinigten Königreich. Im Fall von irischen Künstler*innen werden Verteidiger*innen von „Free Speech“ zu Protagonist*innen der von ihnen verhassten „Cancel Culture“. Irischer Widerstand wird in westlichen Medien entweder nicht kontextualisiert oder als Religionskonflikt dargestellt. Dies fügt sich in eine lange Geschichte der Zensur irischer Stimmen durch westliche Kräfte ein. Die gegenwärtige Zensur und Kriminalisierung dieser irischen Stimmen sollte ein Warnsignal für uns alle sein.

800 Jahre Unterdrückung, 800 Jahre Widerstand

Irische Identität ist seit über 800 Jahren von Unterdrückung und Kolonialisierung geprägt. Sprache, Religion und Kultur der irischen Bevölkerung wurden kriminalisiert, Unterdrückungsmechanismen erprobt, die später in anderen Teilen des Empire – wie auch Palästina – übernommen wurden. Die britische Gewalt in Irland gipfelte in einer Halbierung der irischen Bevölkerung, durch die kolonial-bedingte Hungerkatastrophe. Irlands Bedeutung für Großbritannien bis ins späte 20. Jahrhundert lag vor allem darin, Ressourcen für das Empire zu liefern. Seit Jahrhunderten bilden Aufstände und revolutionäre Bewegungen gegen die britische Herrschaft den Kern der irischen Identität. 

Bevölkerung Irland im Vergleich zu Europa
Bevölkerung Irland (links) im Vergleich zu Europa (rechts) | (c) Ben Moore – own work, CC BY-SA 3.0

Anfang des 20. Jahrhunderts war Dublin eine der ärmsten Städte Europas. Die katholischen Teile der Bevölkerung wohnten in überfüllten Mietskasernen. Prekäre Arbeitsverhältnisse prägten den Alltag. In diesem Umfeld erstarkten neben republikanischen Untergrundgruppen wie der Irish Republican Brotherhood (IRB) auch sozialistische Bewegungen um Séamás Ó Conghaile (James Connolly) – begleitet von einer Wiederbelebung der irischen Kultur und Sprache (Gaelic Revival) –, und die radikale irisch-republikanischen Frauenorganisation Inghinidhe na hÉireann (Töchter Irland’s). 1913 eskalierte der Arbeitskampf in Dublin, als ein Massen-Lockout begleitet von polizeilicher Gewalt und enormen Einkommensverlusten zur Gründung der Irish Citizen Army als Selbstverteidigungsmiliz führte.

Die Irish Citizen Army Group vor der Liberty Hall in Dublin 1914
Die Irish Citizen Army Group vor der Liberty Hall in Dublin 1914 | (c) National Library of Ireland on The Commons

Eine geteilte Republik zu Ostern

1913 gründeten Mitglieder der IRB die Irish Volunteers (Óglaigh na hÉireann), während u.a. Constance Markievicz 1914 die paramilitärische Frauen-Organisation Cumann na mBan ins Leben rief. Gemeinsam mit der ICA nutzten sie 1916 den Ersten Weltkrieg für den Osteraufstand. Sie besetzten das General Post Office und riefen die Republik Irland aus. Nach sechs Tagen wurde der Aufstand niedergeschlagen und 15 Anführer hingerichtet. Markievicz wurde zu lebenslanger Haft verurteilt.

Proklamation der Irish Republic 1916

Proklamation der Irish Republic 1916 | (c) Slashme – own work, CC0

Die Hinrichtungen der jungen Revolutionär*innen nach dem Osteraufstand lösten breite Sympathie aus und radikalisierten die Bevölkerung. Das mündete im Unabhängigkeitskrieg (1919–1921) zwischen der neugegründeten Irish Republican Army (IRA) und britischen Kräften. Der Krieg endete mit dem Anglo-Irischen Vertrag, der den Irish Free State schuf. Sechs Counties blieben unter britischer Herrschaft – das heutige Nordirland. Dieser Vertrag und die Teilung der Insel spaltete die Bewegung und führte 1922 zum Bürgerkrieg zwischen Pro- und Anti-Vertragskräften. Nach elf Monaten endete der Krieg und hinterließ tiefe gesellschaftliche Narben.

Der abgespaltene und gespaltene Norden

Ende der 1960er-Jahre führte die Diskriminierung katholischer Bürger*innen in Nordirland zu einer Bürgerrechtsbewegung. Loyalist*innen, also jene, die loyal mit der britischen Krone waren, reagierten mit Gewalt und Pogromen. Die Gründung der Provisional-IRA, die sich als Verteidigungs-Armee und als Nachfolgeorganisation der IRA aus dem Unabhängigkeitskrieg verstand, löste schließlich den jahrzehntelangen Konflikt der Troubles aus. Dieser von Terror, Guerilla-Krieg, Repression und Hungerstreiks geprägte Konflikt endete erst mit dem Karfreitagsabkommen 1998, das eine fragile Friedensordnung einleitete.

Hungerstreik-Denkmal am Friedhof Milltown Cemetery, Belfast
Hungerstreik-Denkmal am Friedhof Milltown Cemetery, Belfast | (c) Stephen Barnes, CC BY 2.0

Das Abkommen ermöglicht eine Volksabstimmung über die Wiedervereinigung Irlands, deren Ausrufung jedoch bei der britischen Regierung liegt. Die linke Partei Sinn Féin – heute stärkste Kraft in Nordirland, vor hundert Jahren Teil der Unabhängigkeitsbewegung – verfolgt das Ziel der Irish Unity als zentrales Programm. Brexit und der Rechtsruck verschärften in Nordirland Grenz- und Identitätskonflikte. Neue Spannungen, rassistische Ausschreitungen und gewaltsame loyalistische Proteste flammten auf.

Tiocfaidh ár lá, get the Brits out lad!

Während die politischen Konfliktlinien in Nordirland bis heute spürbar sind und Fragen nach Identität, Sprache und irischer Unabhängigkeit weiterhin das gesellschaftliche Leben prägen, finden diese Auseinandersetzungen nicht nur auf parlamentarischer oder straßenpolitischer Ebene statt. Besonders in Zeiten von fragilem Frieden sind Kunst und Popkultur zu wichtigen Ausdrucksformen des Widerstands und der Selbstbehauptung geworden.

Die Popularität von Kneecap spiegelt ein Wiederaufleben irischer Kultur und politischer Selbstermächtigung wider. Diese stellt sich gegen Rassismus, Spaltung und Ausbeutung. Kneecap nutzt die irische Sprache (Gaeilge) als Ausdrucksmittel, um eine kulturelle Identität zu fördern, die lange Zeit unterdrückt wurde. Ihre Texte thematisieren nicht nur lokale Erfahrungen in Nordirland, sondern auch eine neue solidarische und linke irische Jugendkultur. Diese Praxis erinnert an das Gaelic Revival des frühen 20. Jahrhunderts. Kneecaps Musik ist ein Spiegelbild des Widerstands gegen soziale Ungerechtigkeit und koloniale Unterdrückung, verpackt in Sarkasmus und Party. 

International Wall, Divis Street Belfast
International Wall, Divis Street Belfast | (c) Bryn Holmes, CC BY-SA 2.0

Ihre Unterstützung für Palästina und ihr Internationalismus spiegeln eine Haltung wider, die tief in irischer Identität verankert ist. Diese Verbindung war bereits im 20. Jahrhundert evident. Irische Republikaner*innen unterstützten Freiheitsbewegungen im Baskenland, die internationalistischen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg und die Anti-Apartheit-Bewegung in Südafrika maßgeblich.

Gedenktafel für irische Spanien-Kämpfer
Gedenktafel für irische Spanien-Kämpfer | (c) Ccferrie – own work, CC0

Irische Selbstermächtigung

Irische Künstler*innen, von Kneecap, über Sinéad O’Connor, bis hin zu James Joyce, sind Teil einer langen Linie von irischem Widerstand und kultureller Selbstbehauptung. Sie reicht von der IRB, Ó Conghaile’s sozialistische Bewegung, dem Unabhängigkeitskrieg, dem Bürgerkrieg über die Troubles bis hin zu heutigen urbanen Ausdrucksformen. Gerade zeitgenössische Stimmen wie Kneecap oder die Schriftstellerin Sally Rooney positionieren sich dabei explizit gegen Rechtsextremismus und Rassismus und knüpfen so an diese Traditionen an.

Konservative und rechte Medienhäuser sowie Parteien attackieren irischen Widerstand und versuchen ihn zum Schweigen zu bringen – ein Hinweis darauf, dass irische Selbstermächtigung weiterhin für imperialistische und kapitalistische Interessen eine Gefahr darstellt. Die Kriminalisierung irischer Stimmen wie Kneecap ist ein Warnsignal an uns alle. Sie legt grundlegende politische und kulturelle Dynamiken offen, die weit über Irland hinausgehen. Sie zeigt, wie Staaten oder staatlich gestützte Institutionen versuchen, widerständige und antikoloniale Stimmen zu delegitimieren, wenn sie zu populär oder zu unbequem werden. Linke täten gut daran, bei diesem Spiel nicht auch noch mitzuspielen und sich wenn informiert in die Debatte einzubringen.

Titelbild: Francesca Ní Bhriain

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