In St. Marx gestalteten Bürger*innen und Vereine selbst die Stadt, in der sie leben. Nun enden die Verträge der Zwischennutzungen und eine Veranstaltungshalle soll folgen. mosaik-Redakteurin Hanna Prutti war vor Ort und hat mit Mitgliedern der Initiative St.Marx für alle gesprochen.
Das Rauschen der Südost-Tangente wird lauter, je näher man dem Areal am Rande des dritten Wiener Gemeindebezirks kommt. Es ist ein frischer, aber sonniger Samstag Ende September. Unter den Schuhen knirscht der Schotter. Zwischen Tangente und Karl-Farkas-Gasse erstreckt sich eine große, weitgehend betonierte Fläche, gesäumt von einer Grünfläche. Seit 2007 – seit dem Abzug des Fleischmarktes – liegt das rund 44.000 Quadratmeter große Areal größtenteils brach. Es ist das Zuhause von vier Vereinen, die im Rahmen von Zwischennutzungen dort angesiedelt sind. Der Spaziergang führt vorbei an den Hochbeeten des Gartenvereins NeuMarx. In und um die Beete wuchern Pflanzen, aus dem hinteren Teil kommen Stimmen. Sonst hört man nur die Autobahn. Daneben befinden sich kleine Gebäude und freistehende Überdachungen. Sie bieten unter anderem dem Kunst- und Kulturverein R:Journey Raum. Hier finden regelmäßig Veranstaltungen statt – von Battlerap über Raves bis hin zu Quizzes ist hier schon viel passiert.
Noch ein paar Schritte weiter ist der Eingang zum Basketballplatz des Vereins Die Grube. Rund um das Spielfeld sind verschiedene Pflanzen aufgegangen und bilden eine wilde Vegetation. Das Feld ist leer, nur ein paar Personen tummeln sich auf der anderen Seite vor einer großen, mit Streetart geschmückten Wand. Am hinteren Ende des Areals, gleich neben der Tangente, ist der Skatepark. An diesem Samstag sind einige Leute anzutreffen. Über Lautsprecher tönt Musik, es wird geskatet und geplaudert. Der Blick fällt auf die große, sonst so freie Betonfläche. Überall Autos – heute ist Flohmarkt. Zahlreiche Menschen haben ihre Tische aufgebaut oder verkaufen gleich direkt aus dem Kofferraum ihre nicht mehr benötigten Gegenstände.

Über die Jahre haben unzählige Aktivitäten in St.Marx stattgefunden. Es ist ein Treffpunkt für Menschen unabhängig von Generation, Geschlecht, Herkunft oder Klasse. Weshalb gibt es nicht mehr Orte wie diesen? Wem gehört diese Fläche und was hat die Stadt hier vor?
Undurchsichtige Pläne
Das Areal gehört der Wien Holding, die wiederum vollständig im Besitz der Stadt Wien ist. Seit 2020 ist eine Veranstaltungshalle in Planung: größer, moderner und für eine vielseitige Nutzung soll die Wien Holding-Arena sein. Eine Stadthalle 2.0 also, die Platz für bis zu 20.000 Personen haben und bis zu 150 Veranstaltungen im Jahr beherbergen soll. Die derzeitigen Nutzer*innen des Areals müssen für das Großprojekt weichen. Die Bürger*inneninitiative St.Marx für alle setzt sich seit 2022 für den Erhalt der Fläche für die Vereine und für mehr Beteiligung in Entscheidungsprozessen ein. Ida, Luca und Florin erzählen von der Geschichte des Ortes, den Problematiken und davon, was St.Marx ausmacht.
Bis Juni 2025 waren „nur“ 99,994% der Wien Holding im Besitz der Stadt Wien – damit wurde argumentiert, dass es sich um keine öffentliche Fläche handelt. Luca schildert, wie schwer es ist, überhaupt ins Gespräch zu kommen und herauszufinden, wer die Ansprechpartner*innen sind. „Die Wien Holding sagt: Redets mit der Stadt. Die Stadt sagt: Das ist eigentlich keine öffentliche Fläche, redets mit der Wien Holding“. Auskunft ist schwer bis gar nicht zu bekommen und auch die Übernahme der restlichen 0,006% hat nichts geändert. Nur wenige Infos werden weitergegeben und der Prozess ist undurchsichtig. Auf der Website der Stadt ist der Projektstand mit den unterschiedlichen Phasen aufgelistet. Bis auf die Grundlagenerhebung ist demnach alles noch offen. Zugleich sind die Verträge der Zwischennutzungen bereits aufgekündigt und die Vereine müssen mit 10.12.2025 das Areal verlassen.
Stadt gemeinsam planen
Auch der Petitionsausschuss hat weder mehr Transparenz von Seiten der Wien Holding noch mehr Beteiligung erwirken können – es fehlen die politischen Mehrheiten. Dabei gäbe es bereits Studien und statistische Daten, die belegen, was im Stadtteil gebraucht wird, erzählt Florin. Stadtplanung und -entwicklung, die gemeinsam mit den Bürger*innen geschieht und bereits Vorhandenes weiterdenkt. „Es ist auch klar – utopisch gedacht – dass sich die Fläche verändern und entwickeln wird, wenn die Halle nicht kommt. Aber es wäre total cool, wenn man das, was jetzt schon dort passiert und die Wildheit und Rauheit des Ortes mitnehmen könnte“, schildert Florin.
Zwar gibt es Versuche der Stadt für mehr Beteiligung, wie den Masterplan für partizipative Stadtentwicklung, erzählt Ida. Doch dieser gilt nicht für die Fläche in St.Marx, denn Planungen für das Areal haben bereits vor dem Inkrafttreten des Masterplans begonnen. Florin ergänzt, dass man trotz solcher Partizipationspläne von einem rechtlich bindenden Rahmen, der die Politik tatsächlich dazu zwingt, Bürger*innen zu beteiligen, in Wien noch sehr weit entfernt ist.
Öffentliche Gelder für Großkonzerne
Gebaut werden soll die mindestens 500 Millionen schwere Wien Holding-Arena vom deutschen Konzern CTS Eventim, zu dem unter anderem auch oeticket gehört. CTS Eventim ist der größte Ticketing-Anbieter in Europa und der zweitgrößte weltweit. Der Großkonzern hat 2024 einen Umsatz von 2,8 Mrd. Euro gemacht und ist in mehr als 25 Ländern aktiv. In den letzten Jahren hat Eventim immer wieder für negative Schlagzeilen gesorgt: ein Gerichtsurteil im Februar 2025 wegen manipulativem, aufdringlichem Anbieten von Versicherungen; 2017 hat das Bundeskartellamt in Deutschland Exklusivvereinbarungen mit Veranstaltern und Vorverkaufsstellen untersagt. Auch ein Zusammenschluss mit einem anderen Unternehmen wurde wegen marktbeherrschender Stellung vom Bundeskartellamt unterbunden. Weiters hat ein jahrelanger Streit mit Verbraucherschützern wegen einer pauschalen Servicegebühr für Medienberichte gesorgt.
Im Petitionsausschuss haben Luca und Florin die Anliegen von St.Marx für alle und ihre Kritik am Konzern geschildert. Sie erklären, dass man bei einem Partner wie CTS Eventim nicht davon ausgehen kann, dass die lokale Industrie und Kulturszene gestärkt werden. Ticketing, Merchandise und Gastronomie bleiben bei solchen Konzernen meist in deren Hand, statt an lokale Betriebe in der Umgebung vergeben zu werden.
Besonders bezeichnend ist außerdem die große Summe öffentlicher Gelder: Rund 153 Millionen Euro kommen von der Wien Holding, deren Alleineigentümerin die Stadt Wien ist. Dieses Geld ist für die Errichtungskosten des Arena-Bauwerks vorgesehen und soll an CTS Eventim fließen. Dazu kommen rund 63 Millionen von der Stadt Wien für Kosten, die der Holding entstehen. Gerade für die freie Kulturszene ist jedoch immer weniger Geld verfügbar. Freie Flächen werden versiegelt oder von vorne bis hinten durchkonzipiert – oftmals ohne Einbeziehung der Menschen, die sie nutzen sollen.
„Unkraut, das wachsen darf“
St.Marx ist ein lebendiger Ort, ein Ort, der Menschen zusammenbringt. Alles am Areal ist von engagierten Personen selbst errichtet und verwaltet. Aber was genau macht St. Marx so besonders? Was unterscheidet das Areal von einer öffentlichen Parkanlage mit Sportplatz und kulturellen Angeboten? Luca beschreibt es folgendermaßen: „Ich finde es so unglaublich schön, dass ich da hingehen kann und selbst Hand anlegen darf, auch mal was probieren kann und vielleicht auch dabei failen darf“. Die Begeisterung ist dabei spürbar. Es geht darum, einen Ort zu haben, an dem man selbst experimentieren darf, etwas pflanzen darf oder Veranstaltungen organisieren kann. Eine aktive Gestaltung der Stadt, keine passive Nutzung der Services, die die Stadt anbietet.
Es geht in St. Marx um mehr als die Verhinderung des Baus der Halle. Konsumfreie Zonen ermöglichen es Menschen, unabhängig von Einkommen, Alter, Geschlecht oder Herkunft, sich in der Stadt zu bewegen. Neben der Niederschwelligkeit erlauben diese Orte auch eine kurze Pause vom konsumgetriebenen Alltag. Woran es liegen könnte, dass es in Wien nicht mehr selbstverwaltete Orte gibt, mehr Raum zum Experimentieren? „Da ist oft so eine Angst da, dieses Gefühl von – Was kann passieren? Wohin kann das gehen?“, erklärt Luca. Es fehle das Vertrauen der Stadt, der Regierung und auch der Verwaltung. Vertrauen, dass Bürger*innen selbst entscheiden und wissen, wie sie einen Platz gestalten möchten. „Wir sagen auch immer: St.Marx ist das größte Experimentierfeld der Stadt. Man kann auch die betonierte Fläche entsiegeln und andere Dinge entstehen lassen, aber trotzdem möchten wir, dass das Unkraut noch wachsen darf“.

Entscheidungen von oben
Aber gibt es in Wien auch Orte, an denen die Beteiligung der Bürger*innen besser funktioniert hat? Ida erzählt von St.Marx im Jahr 2015: „Da gab es eigentlich genau das, was wir jetzt wieder fordern“. Ein dialogischer Wettbewerb wurde eingeführt, dann kam es anders. Nach über zwei Jahren der Planung wurde das Projekt über Bord geworfen und Bürgermeister Michael Ludwig kündigte offiziell eine Mehrzweckhalle an. „Immer dort, wo Partizipation geschieht, steht am Anfang eine Bürger*inneninitiative oder Menschen, die etwas einfordern“, meint Florin. Grund dafür sind neben wirtschaftlichen Interessen wohl auch fehlendes Vertrauen und Toleranz der Stadt in ihre Bürger*innen. Lieber top-down als bottom-up.
Zurück in St.Marx: Ein kalter und feuchter Tag Mitte November. Trotzdem sind Menschen anzutreffen. Gerade wird das Dach einer Gartenlaube abgebaut, große Pflanzen in Töpfen werden auf die Ladefläche eines Autos gestellt. Holzstücke brennen in einer Metalltonne, die als Feuerstelle dient. Ein paar Kinder sind im Skatepark mit ihren Boards und Scootern unterwegs. Im Hintergrund hört man Hammer und Akkuschrauber – Vorbereitungen für das bevorstehende Ende der Zwischennutzungen. Vieles, das nun bald einer Großbaustelle weichen soll – zumindest, wenn es nach der Stadt geht.
***
Am 22.11.2025 findet die Stadt für Alle – St.Marx für immer Demo für Freiräume und offene Kulturorte statt. Mehr Infos dazu auf Instagram unter @stmarxfueralle.
Fotos: St.Marx für alle