Illustration einer Zeitung und des Symbols gegen Gewalt an Frauen

Keine* einzige weniger

Österreichische Medien bezeichnen Femizide immer noch als Eifersuchts- oder Familiendramen. mosaik-Redakteurin Lucy Perera Krawczyk fordert in ihrer Kolumne eine schonungslose Benennung, um Räume für Trauer, Solidarität und gesellschaftliche Veränderung zu öffnen.

In unserer Redaktion diskutieren wir darüber, ob wir eine Ausgewogenheit zwischen weiblichen* und männlichen* Autor*innen haben und was wir machen können, um das Verhältnis auszugleichen. Ohne hier ein Fass von strukturellen Gegebenheiten und Strukturen in der Redaktion aufzumachen, wäre mein erster Instinkt, einfach mehr Frauen* schreiben zu lassen.

So kommt es dazu, dass ich diese Woche unsere neue Kolumne schreibe und nicht einer meiner männlichen* Kollegen. Als Feministin ist mir diese Art von Gleichberechtigung – wenn auch zunächst symbolisch und auf die Kategorien Frau-Mann – beschränkt, ein Anliegen. Ich freue mich Teil einer Redaktion zu sein, in der sich nicht immer nur die Frauen*, Fragen nach Zugänglichkeit, Gleichberechtigung und Vielfalt stellen, sondern alle. Schließlich ist die Medienwelt viel – aber immer noch nicht gleichberechtigt oder gesellschaftlich repräsentativ.

Femizid als geschlechterspezifische Gewalt

Ehrlicherweise ist mir diese Woche aber ziemlich egal, ob ich jetzt für Ausgeglichenheit in unserer Redaktion sorge oder nicht. Denn die Frauen*, denen ich diesen Text widme, werden den Wunsch und Anspruch nach gesellschaftlicher Gleichberechtigung nicht mehr erleben. Es sind jene 20 Frauen*, die dieses Jahr in Österreich bereits Opfer eines Femizids bzw. Feminizids wurden.

Femizide sind Tötungsdelikte, bei denen Frauen* aufgrund ihrer gesellschaftlichen Stellung als Frauen* getötet werden. Den Begriff Femizid führte die südafrikanische Soziologin und Feministin Diana Russel 1976 als Benennung der geschlechterspezifischen Tötung von Frauen* ein. Sie hat damit einen feministischen Kampfbegriff geschaffen, der seitdem Aufmerksamkeit auf die Gewaltverbrechen an Frauen lenkt.

Ohne diese Betitelung war es lange schwierig, den Aspekt der geschlechtsspezifischen Gewalt, die in vielen Fällen von (Ex-)Partnern bzw. Männern* im nahen Umfeld ausgeht, hervorzuheben. Die mexikanische Feministin Marcela Lagarde y de los Rios erweiterte den Begriff später. Sie legte mit dem Hinzufügen der Silbe ni einen zusätzlichen Fokus auf das Versagen des Staates bezüglich der Prävention und Strafverfolgung von Morden an Frauen*. 

Man(n) tötet nicht aus Liebe

Trotz einer mittlerweile klaren Definition von Femiziden tun sich österreichische Medien bis heute schwer, diese in ihrer Berichterstattung klar als solche zu benennen. Und das in einem Land, welches im europäischen Vergleich bei Femiziden an der traurigen Spitze liegt. Viele Medien bleiben unfähig darin, die Morde an Frauen* in den Kontext des tiefsitzenden patriarchalen Systems zu setzen – ein System, das sowohl Männer+ als auch Frauen* betrifft, aber ausschließlich Frauen* bzw. FLINTA* aufgrund ihres Geschlechts tötet.

So erklären Medienhäuser, trotz der Etablierung des Begriffs Femizid oft weiterhin „Eifersucht“ (ORF), „Familie“ (Der Kurier) oder „Trennungen“ (heute.at) zu den Gründen der tödlichen Gewalt. Obwohl Morde an Frauen* nichts mit „Beziehungstaten“, „Familien“- oder „Ehedramen“ zu tun haben. Denn sie sind kein Teil von Liebe, Ehe oder Familie.

Durch die stetige Verwendung dieser Begriffe beschönigen Medien patriarchale Strukturen, die Frauen*hass legitimieren. Sie setzen Femizide somit in Kontexte, die das Problem verschleiern, anstatt es in den Fokus zu rücken. Die klare Benennung von Gewaltverbrechen ist unumgänglich. Denn wie soll ein Problem politisch angegangen werden, wenn es noch nicht einmal benannt wird.

Neuer Aktionsplan soll helfen

Mit dem Nationalen Aktionsplan gegen Gewalt an Frauen hat die österreichische Bundesregierung im Mai diesen Jahres ein erstes Zeichen für die Bekämpfung von Femiziden gesetzt. Verschiedene Arbeitsgruppen sollen konkrete Maßnahmenvorschläge für die politischen Ebenen vorlegen. Viele dieser politischen Schritte basieren dabei auf jahrelangen aktivistischen Kämpfen, die weiterhin notwendig bleiben. Von medialer Berichterstattung wäre als Minimum erwartbar, die Probleme richtig und in der Wortwahl schonungslos zu benennen.

Klar, ob der Tod einer Frau*, als Femizid oder Beziehungstat getitelt wird, ändert nichts an der grausamen Gewalt, die Frauen* erleben. Es ändert aber etwas am gesellschaftlichen Bewusstsein. Es macht Raum für eine ehrliche Trauer und Erinnerung an genommenes Leben. Außerdem kann es helfen, ein Muster aufzuzeigen, welches zu Solidarität und gemeinsamen Widerstand führen kann – und so zu einer Veränderung.

Keine* einzige weniger

Dass es mittlerweile Redaktionen gibt, die von Femiziden sprechen und ich für eine Redaktion schreibe, die einem Anspruch nach ausgeglichener Autor*innenschaft nachgeht, ist schon einmal ein Schritt in die richtige Richtung. Es macht aber noch keine Norm. Deswegen frage ich mich, wie viel tote Frauen* es noch braucht, bis patriarchale Gewalt ein Kampf aller wird und nicht mehr nur einer der Betroffenen. Ein Kampf, der in der genauen Benennung von Gewalt an Frauen* beginnt und sich in Organisierung, Widerstand und Solidarität fortsetzt.

Am 25. November ist der Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen. Bis zum 10. Dezember („Internationaler Tag der Menschenrechte“) findet die Kampagne 16 Tage gegen Gewalt an Frauen statt. mosaik veröffentlicht zu Beginn der 16 Tage Artikel, die sich dem Thema widmen. Dabei ist klar, dass patriarchale Gewalt nicht nur Frauen* betrifft, sondern insbesondere auch inter, nicht-binäre, trans und queere Personen. Wenn – wie im vorliegenden Text – überwiegend von Frauen* gesprochen wird, handelt es sich um eine Schwerpunktsetzung, die anderen ihre Betroffenheit nicht abspricht.

Illustration: Hannah Krause

Weitere Beiträge aus „Medienrauschen. Die Kolumne“ findet ihr hier.

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