Kein ruhiges Hinterland – mosaik Sommerreihe 2026

2024 und 2025 rief mosaik in den heißen Monaten jeweils einen Strategy Summer aus. Wöchentlich erschienen Artikel zu Fragen (erfolgreicher) linker Strategien. Auch im August 2026 geht es wieder um Strategie: In acht Artikel wenden wir uns dieses Mal bewusst politischen Initiativen außerhalb Wiens zu.

Der Blick unserer Redaktion ist eingeschränkt. Das trifft in vielerlei Hinsicht zu. Wir sind mehrheitlich weiß, haben einen akademischen Hintergrund und unsere Altersspanne erstreckt sich gerade einmal über rund 20 Jahre. Wir wollen mit diesen Einschränkungen produktiv umgehen. Das heißt für uns, zu fragen, was wir dadurch (nicht) erreichen können, wo wir warum etwas daran ändern wollen und wie wir uns dabei selbst im Weg stehen.

Seit Beginn von mosaik im Jahr 2015 wollen wir als unabhängige Plattform für politische Analysen, Reportagen und Debatten, Politik neu zusammenzusetzen. Politische Akteur*innen sollen miteinander in Austausch kommen, soziale Kämpfe sollen sichtbar und wir als linke Bewegungen stärker werden. Unseren gemeinsamen geographischen Bezugspunkt bildet dabei Österreich. Und da hakt es auch schon: Die meisten unserer Artikel beziehen sich auf Wien. Fast alle unsere Redaktionsmitglieder und eine Vielzahl unserer Autor*innen sind hier verortet. Wir hinken unserem überregionalen Anspruch somit ordentlich hinterher.

Flucht aufs Land

Wien im Juni: Die Temperatur fällt auch abends nicht unter 30 Grad – zu gut speichert der städtische Beton die sengende Hitze. Wir sitzen als mosaik-Redaktion zusammen und sprechen über „das Land“. Dort sei es jetzt bestimmt kühler. Wir fragen uns, ob auch unsere Zukunft aufgrund der immer heißer werdenden Sommer außerhalb Wiens liegt?

Im Gespräch über die Bundesländer von Vorarlberg bis ins Burgenland stellen wir fest, dass wir sehr unterschiedliche Vorstellungen vom österreichischen Land haben. Uninformiertheit trifft auf Vorurteile und Romantisierung. Hier und da schimmern tatsächliche Erfahrungen durch. Sie stammen aus der eigenen Jugendzeit, anhaltender Verbundenheit oder realen Begegnungen. Uns wird klar: Wir versuchen uns strukturellen Ausschlüssen – beispielsweise aufgrund von Geschlecht oder Klasse – im (Groß-)Städtischen zu widmen. Unsere Auseinandersetzung damit in ländlichen Regionen und Kleinstädten fällt sehr eingeschränkt aus. Dadurch ignorieren wir eine zentrale Ungleichheit: Die Unterschiede zwischen Stadt und Land.

Wahlergebnisse anstatt Erfahrungen

Wenn wir auf „das Land“ blicken, begnügen wir uns oft mit Wahlergebnissen. Diese sprechen in Österreich eine deutliche Sprache: Nimmt man Wien heraus, ist die FPÖ an fünf von acht Regierungen in den Bundesländern beteiligt. In Niederösterreich, Oberösterreich, Salzburg und Vorarlberg sind die Blauen jeweils Junior-Partner der ÖVP. In der Steiermark führt die FPÖ unter Mario Kunasek seit letztem Jahr die Regierung an. Weil dieses Bild allzu düster wirkt, stellen wir ihm dann gerne die regionalen Erfolge der KPÖ gegenüber. In Graz hat es Elke Kahr zum zweiten Mal in Folge geschafft, das Rathaus zu erobern. Auch in Salzburg, Tirol und zuletzt Niederösterreich waren die Kommunist*innen bei den jüngsten Wahlen erfolgreich.

Sowohl die Erfolge der FPÖ als auch der KPÖ sagen uns etwas über die politischen Kräfteverhältnisse in diesem Land. Sie geben uns aber keinen Aufschluss darüber, welche politischen Kämpfe darunter oder quer dazu geführt werden, welche Menschen dahinter stehen und welche Erfahrungen sie machen. Das wollen wir mit der diesjährigen Sommerreihe ein klein wenig ändern. Wir haben unsere Fühler aktiv in alle Bundesländer mit Ausnahme Wiens ausgestreckt. Wir wollten mehr über lokale Kämpfe, politische Initiativen und die Herausforderungen der jeweiligen Arbeiten erfahren. Dadurch wollen wir Beziehungen aufbauen, die über die Artikel hinausreichen.

Kritische Aneignung nationaler Erzählungen

Nicht alle Redaktionsmitglieder waren von der Themensetzung der diesjährigen Sommerreihe von Anfang an begeistert. Nicht weil politische Kämpfe abseits Wiens nicht interessant wären. Sondern weil ihnen die Nacherzählung und Fortschreibung des nationalen Narratives Österreichs und seiner neun Bundesländer sauer aufstieß. Es folgten Diskussionen, in denen wir uns auf wesentliche Punkte einigen konnten.

Für uns gilt es als vorausgesetzt, dass politische Kämpfe sich nicht an administrativ-politische Grenzen halten. Gleichzeitig bleibt es ihnen oft nicht aus, sich (strategisch) darin zu verorten. Das anzuerkennen, halten wir für relevant. Außerdem erlaubt uns ein genauerer Blick auf die Bundesländer und ihre historische Entwicklung, Österreich als solches, seine regionalen Spezifika und Verbindungen zu benachbarten Regionen besser zu verstehen. Das Burgenland ist nicht ohne seine Verbindungen in das ungarische Umland zu verstehen, Vorarlberg nicht ohne seine historischen Beziehungen zur Schweiz und Wien braucht eine Einbettung als das ehemalige Zentrum des Habsburger Reiches.

Die Grenzen zwischen den Bundesländern sind dabei oft fließend. Mancherorts hätten sie sich historisch auch anders entwickeln können. Andererorts sind Grenzen klarer vorgezeichnet – beispielsweise, wenn sich enorme Gebirgsketten durch das Land wälzen und es teilen. Vor diesem Hintergrund plädieren wir für eine kritische Aneignung der Geschichte und Geographie Österreichs. Sie zu kennen, macht uns politisch handlungsfähiger und erlaubt uns, neue Geschichten zu erzählen. Hier setzt auch die Sommerreihe an. Wir beginnen dafür – zugegebenerweise – sehr klein: Mit ein paar Schritten aus Wien heraus.

Ehrliche Überwindung des Stadt-Land-Denkens

Dazu müssen wir aufhören, uns wie arrogante Großstädter*innen zu verhalten. Viel zu oft tun wir das, wenn wir über das Verhältnis zwischen Stadt – konkret Wien – und Land – konkret alles andere – nachdenken. Dazu lohnt sich beispielsweise ein Blick auf die Landwirtschaft: Trotz rückläufiger Zahlen gibt es in Österreich immer noch rund elf landwirtschaftliche Betriebe je 1.000 Einwohner*innen. Im Vergleich: In Deutschland liegt die Zahl nur bei etwa drei Betrieben. In Österreich arbeiten also immer noch viele Menschen in der Landwirtschaft – und in der Lebensmittelproduktion allgemein. Teils tun sie das unter sehr prekären Bedingungen – insbesondere wenn die Arbeiter*innen migrantisiert sind. Diese Arbeit ermöglicht uns das Leben in der Stadt. Statt sich dazu gesellschaftlich oder politisch in Bezug zu setzen, bleibt oft nur eine rechte Erzählung des Landes und landwirtschaftlicher Akteur*innen.

Morgan Ody, eine französische Bäuerin und Aktivistin nennt dies eine selbsterfüllende Prophezeiung. Sie bezweifelt nicht, dass Bäuer*innen anschlussfähig für rechte Diskurse sind. Als Beispiele nennt sie die harte Arbeit, die sie verrichten, und den daraus resultierenden Arbeitsethos. Der wiederum befeuere Vorstellungen von Sozialschmarotzer*innen. Gleichzeitig kritisiert sie das Ausklammern linker städtischer Bewegungen, sich für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Landwirtschaft einzusetzen. Nur allzu selten verstehen sie diese als Teil von Arbeitskämpfen. Ody plädiert außerdem dafür, die Geschichtserzählung der Bauernschaft zu hinterfragen und umzudeuten. Die Rolle von Teilen der Bauernschaft im Faschismus dürfe nicht geleugnet werden. Es müsse aber auch die Rolle von Bäuer*innen in Befreiungskämpfen gesehen werden. Die Auflehnung gegen die Feudalherrschaft ist eine Geschichte des Widerstands, die sich über Jahrhunderte erstreckt.

Merkwürdige Dissonanz

Stadt-Land ist aber klarerweise nicht nur Stadt-Landwirtschaft. Es ist auch Kleinstadt-Großstadt, der Weg vom Wohnort zum Arbeitsplatz oder die unzureichende Öffi-Anbindung sein. Jedenfalls ist es immer ein Verhältnis. So auch im Lied Stadt-Land-Fluss der Deutschpunk-Band Akne Kid Joe. Dort heißt es: „Meine Eltern habe ich als provinziell kritisiert, meine Eltern haben mir mein Studium finanziert.“

Die Band thematisiert mit diesen Zeilen etwas im familiären Kontext, das sich auch auf das Politische übertragen lässt. Nicht wenige von uns haben ihre Dörfer, Gemeinden und Kleinstädte des Aufwachsens verlassen. Viele von uns beginnen sich in Wien politisch zu engagieren. Eine Verbindung dieser politischen Aktivitäten in die Herkunftsorte? Fehlanzeige! Die zuvor beschriebenen Arroganz macht sich auch bei zugezogen Wiener*innen oft schnell bemerkbar. Wir entfremden uns von den Orten unseres Aufwachsens.

„Nachhause“ – sofern wir die jeweiligen Orte überhaupt noch als solches bezeichnen – fahren wir wenn überhaupt zu festlichen Anlässen, zum Kuchen Essen bei der Oma oder weil doch noch irgendein Brief an unsere alte Postadresse gekommen ist. Eine merkwürdige Dissonanz entsteht: Wir wollen politisch etwas verändern. Gleichzeitig begreifen wir Orte, zu denen wir Beziehungen und verkörpertes Wissen haben, nicht als politisches Handlungsfeld. Das mag biographisch oft nachvollziehbar sein. Es schwächt uns aber politisch.

„Es gibt kein ruhiges Hinterland“

Wenn wir als mosaik Politik neu zusammensetzen wollen, meinen wir das umfassend. Es reicht nicht, in Wien Puzzlesteine zusammenzulegen und darüber hinaus alles andere zu vergessen. Dass wir in der Redaktion fast alle in Wien verortet sind, heißt etwas für unsere Arbeit. Wir werden es nicht schaffen, zu gleichen Teilen aus anderen Regionen Österreichs und darüber hinaus zu berichten. Und das ist auch in Ordnung so. Wenn wir uns und Politik in Beziehungen denken, können wir unseren Blick trotz dessen erweitern. Zwar sind es dann immer noch wir zwölf, die an einem heißen Juni-Tag vor unserem Büro zusammensitzen. Geschichten können wir aber mit vielen gemeinsam erzählen.

Als Titel dieser Sommerreihe haben wir den bekannten, antifaschistischen Slogan „Es gibt kein ruhiges Hinterland“ gewählt. Auch in ihm steckt eine Beziehungsperspektive. Er kann als Ausdruck der Arroganz gelesen werden: Es braucht die linken Aktivist*innen aus der Stadt, um die ländlichen Nazi-Strukturen zu bekämpfen. Wir können ihn aber auch als Einsicht betrachten: Das Hinterland ist nicht ruhig, weil es dort Menschen und Initiativen gibt, die sich politisch organisieren, gegen Ungerechtigkeiten aufstehen und laut sind. Mit diesen gilt es, sich in Beziehung zu setzen, Verknüpfungen zu schaffen und gemeinsam zu kämpfen. Durch unsere mosaik-Sommerreihe wollen wir in den nächsten vier Wochen ein paar dieser Menschen und Initiativen kennenlernen.

Foto: Hanna Prutti

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