Bild von einer Hauswand, Eingang des Gämse Gebäudes

Ein Haus gehört allen: Zu Besuch in der GemSe

In einem ehemaligen Gasthaus in Kärnten/Koroška praktiziert das queer-feministische Kollektiv GemSe gemeinsames Eigentum, radikale Fürsorge und ein Leben jenseits kapitalistischer Verwertungslogiken. Eine Reportage über einen Ort, an dem das Hinterland alles andere als ruhig ist.

Als ich am Donnerstagabend in Wertschach/Dvorče ankomme, riecht es nach Zimt und Äpfeln. In der großen Gastroküche wird gerade kiloweise Obst aus dem eigenen Garten zu Apfelmus eingekocht – ein sehr passender erster Eindruck, wie sich zeigen wird.

GemSe – Gemeinsam Sein nennen sich das Kollektiv und der gleichnamige Verein, die seit Ende 2021 einen ehemaligen Gasthof in Kärnten/Koroška bewirtschaften und für andere öffnen. Hier ist ein Ort entstanden, der zugleich solidarischer Urlaubsort, Veranstaltungsort und, wie es im Selbstverständnis heißt, „Lern- und Arbeitsraum” sein will.

Ein Haus, das dem Markt entzogen wurde

Was die GemSe von einer klassischen Wohngemeinschaft unterscheidet, zeigt sich schon bei der Frage, wem das Haus eigentlich gehört: niemandem – oder allen. Der Kaufpreis von 330.000 Euro, mit Nebenkosten um die 430.000 Euro, wurde Ende 2021 nicht über eine Bank, sondern über Direktkredite finanziert. 70 Menschen haben dem Verein kleinere Beträge geliehen, wodurch das Haus zu kollektivem Eigentum wurde – niemand aus dem Kollektiv besitzt einen privaten Anteil daran. Wer sein Geld zurück will, kann den Kreditvertrag jederzeit kündigen und bekommt es innerhalb von zwei Monaten zurück; in dringenden Fällen wurde bislang sogar schneller ausgezahlt.

Formal ist die GemSe kein Teil des Netzwerks habiTAT, das sich nach dem Vorbild des deutschen Mietshäuser Syndikats – mittlerweile knapp 140 Projekte – auch in Österreich etabliert hat und mittlerweile sechs Häuser in Wien, Linz, Niederösterreich und Salzburg dauerhaft dem Immobilienmarkt entzogen hat. Die GemSe steht mit habitTAT aber im Austausch und kann auf dessen rechtliche Expertise zurückgreifen. Mit ihrem eigenen, ganz ähnlich gedachten Direktkredit-Modell reiht sie sich in jedem Fall in eine wachsende Bewegung ein, die Wohnraum sowie Grund und Boden konsequent der Vererbungs- und Spekulationslogik entziehen will. Die laufenden Betriebskosten von rund 21.000 Euro jährlich werden über Spenden gedeckt. Einerseits über die „Goldenen Gämse“ – Spender*innen, die den Verein mit einer monatlichen Spende unterstützen mit der gerechnet werden kann, über einmalige Beträge sowie die Spenden, die Urlauber*innen vor Ort da lassen. Das Geld wird, wie es im Kollektiv heißt, geteilt, weil prekäre Lebensverhältnisse Menschen genau die Zeit und Energie rauben, die es für gesellschaftliche Veränderung bräuchte.

Ein Alltag, der sich selbst organisiert

Im Haus der GemSe kommt man ständig mit Leuten ins Gespräch – beim Kochen in der großen Gemeinschaftsküche, an der Bar, bei der Zubereitung des Kaffees, im hauseigenen Sportraum, beim abendlichen Bier im Garten. Organisiert wird das Miteinander vor Ort über eine Signal-Gruppe, in der sich alle koordinieren, die gerade das Haus bewohnen: Wer zum Badeplatz mitkommt. Wer zum Supermarkt fährt und noch etwas mitbringen kann. Wer beim Kochen mitessen möchte.

Diese kleinen Absprachen sind mehr als praktische Logistik. Das Kollektiv beruft sich explizit auf „radikale Zärtlichkeit” – ein Begriff, den es von Şeyda Kurts gleichnamigem Buch und vom Konzept „radical tenderness” des Kollektivs Gesturing Towards Decolonial Futures übernimmt. Gemeint ist damit eine politisch verstandene Zärtlichkeit, die – anders als romantisierte oder privatisierte Vorstellungen von Liebe und Fürsorge – bestehende Macht-, Beziehungs- und Gesellschaftsstrukturen grundlegend infrage stellt und stattdessen solidarische, verletzliche und herrschaftskritische Formen des Miteinanders einfordert. Im Alltag der GemSe heißt das: wer mitfährt, wer mitisst, wer heute etwas braucht. Aus solchen Handgriffen entsteht das, was das Kollektiv als „Brave Space” versteht – ein Schutzraum, der jedoch nicht auf Schutz vor Konflikt und Unbehagen zielt, sondern auf die Bereitschaft, sich Spannungen, Widerspruch und Verletzlichkeit im Miteinander bewusst auszusetzen, um die Grenzen aller Beteiligten respektieren zu können.

Kein Ort ohne Haltung 

Die GemSe versteht sich als queer-feministisch und patriarchatskritisch. Ihr Haus soll ein Raum sein, in dem andere Beziehungsweisen jenseits kapitalistischer und patriarchaler Leitmotive erprobt und gelebt werden. Dazu gehört ausdrücklich auch ein Schutzraum-Anspruch, der intersektional gedacht wird: ein Ort für Menschen, die ihn brauchen. Das Kollektiv versteht sich außerdem klar als antifaschistisch und antirassistisch und nimmt aktuelle autoritäre und rechtskonservative Entwicklungen ernst. 

Auch ökologisch setzt man in der GemSe eigene Akzente: Ein Großteil des Obsts und Gemüses stammt aus dem eigenen Garten, ergänzt durch Einkäufe im Biogroßhandel – aus dessen Lagerbeständen sich alle im Haus gegen eine kleine Spende bedienen können. Kleinstrukturierte Landwirtschaft, regionale Kreisläufe und ein bewusster, schonender Umgang mit den vorhandenen Ressourcen gelten dem Kollektiv als zentrale Bausteine eines gesellschaftlichen Wandels.

Getragen wird all das von mehreren Arbeitsgruppen, die sich um Energie, Finanzen, Öffentlichkeitsarbeit, die Verteilung von Privilegien im Kollektiv – sowie von den sogenannten GemSe-Satelliten, Menschen, die das Projekt auch von anderswo aus unterstützen. Mehrmals im Jahr gibt es zudem Anpacktage, an denen gemeinsam geschraubt, gebaut, gekocht und getüftelt wird. Erst im September 2025 ist mit dem „frei:räumchen” ein neuer, öffentlich zugänglicher Raum dazugekommen: ein Schenk- und Tauschladen und eine kleine Galerie – ein bewusster Schritt, um die GemSe weiter für die Umgebung, für Wertschach/Dvorče und seine Einwohner*innen, zu öffnen.

Zweisprachigkeit als Statement

Wer sich in Kärnten/Koroška mit lokaler Geschichte beschäftigt, kommt am sogenannten Ortstafelstreit nicht vorbei – jenem jahrzehntelangen Konflikt um zweisprachige Ortsschilder, an dem sich zeigen lässt, wie tief die Frage nach der slowenischsprachigen Minderheit in diesem Bundesland eingeschrieben ist. Schon 1955 hatte der Staatsvertrag den Kärntner Slowen*innen zweisprachige Aufschriften zugesichert. Als 1972 unter Bundeskanzler Bruno Kreisky die ersten zweisprachigen Ortstafeln tatsächlich aufgestellt wurden, wurden viele davon im sogenannten „Ortstafelsturm” von Mitgliedern des Kärntner Heimatdienstes und des Abwehrkämpferbundes – zweier rechtsradikaler Organisationen – gewaltsam wieder abmontiert.

Jörg Haider machte den Streit zu seinem Lieblingsschauplatz. Als der Verfassungsgerichtshof 2001 die Hürde für zweisprachige Beschilderungen senkte, ignorierte er das Urteil jahrelang. 2006 ersetzte er bestehende zweisprachige Tafeln durch einsprachige mit winzigen slowenischen Zusatzschildern. Erst 2011, drei Jahre nach Haiders Tod, einigten sich sein Nachfolger Gerhard Dörfler, Staatssekretär Josef Ostermayer und Vertreter*innen der Kärntner Slowen*innen auf einen Kompromiss: Ab 17,5 Prozent slowenischsprachiger Bevölkerung gibt es zweisprachige Ortstafeln – in 164 Gemeinden. Formal war der Streit damit beigelegt. Verschwunden ist er nicht: Der Vandalismus gegen einzelne Tafeln zeigt bis heute, wie symbolisch aufgeladen das Thema bleibt.

Vor diesem Hintergrund ist die Sprachpraxis der GemSe kein Zufall. Alle Ortsangaben sind konsequent zweisprachig, die gesamte Website ist zudem auf Slowenisch verfügbar. Anderswo wäre das eine Nebensächlichkeit. In Kärnten/Koroška ist es eine klare Positionierung.

Ein Hinterland in Bewegung

Als ich die GemSe vier Tage später verlasse, steht das Apfelmus in etikettierten Gläsern im Merchregal, zum Mitnehmen gegen eine freie Spende. Menschen kommen und gehen, es wird wieder gekocht und eine Gruppe bricht auf zum Baden an der Gail. Nichts davon wirkt spektakulär – und vielleicht ist genau das der Punkt: Wer auf das österreichische „Hinterland” nur durch die Brille von Wahlergebnissen blickt, übersieht leicht jene Orte, an denen längst an anderen Formen des Zusammenlebens gearbeitet wird. Die GemSe ist einer davon. Sie zeigt, dass das Hinterland alles andere als ruhig ist: Hier wird gehandelt, gelernt, organisiert und ausprobiert. Genau von solchen Geschichten möchte unsere Sommerreihe erzählen.

Fotos: Anna Rosa Prasser

Dieser Artikel ist Teil unser aktuellen Sommerreihe „Es gibt kein ruhiges Hinterland“. Hier kommst Du zu den bisherigen Teilen: 

1.  Kein ruhiges Hinterland – mosaik Sommerreihe 2026

2. „Vöcklabruck gegen Rechts“ – Antifaschismus bleibt Landarbeit

3. Und dann steht alles still – FRAUEN*streiken im Weinviertel

  • Anna Rosa Prasser studiert politische Theorie auf der Sciences Po in Paris. Sie beschäftigt sich unter anderem mit Sozialen Bewegungen. Seit Juni 2026 ist sie Teil der mosaik-Redaktion.

    Alle Artikel

Weitere Beiträge

Teilen & Helfen

Spenden & Helfen

Lorem ipsum dolor sit amet, consectetur adipiscing elit. Ut elit tellus, luctus nec ullamcorper mattis, pulvinar dapibus leo.