Nachdem die FPÖ-ÖVP-Landesregierung die Verträge zur Erstunterbringung von ukrainischen Geflüchteten gekündigt hat, leben seit Frühjahr 2026 immer wieder vertriebene Familien im Grazer Metahofpark. Leave No One Behind Graz versucht dort einzuspringen, wo der Staat die Menschen sich selbst überlässt. Tamara Ussner, Teil der Initiative, über die Situation vor Ort und die Notwendigkeit antifaschistischer Arbeit.
„Wir müssen unter Planen schlafen. Es regnet hinein, alles wird nass. Die Kinder schlafen am Boden und sie haben Hunger. Wir werden krank. So kann es nicht weitergehen. Wir sind vor dem Krieg geflohen und verzweifelt. Wo sollen wir hin?“, so Dora*, eine Mutter von vier Kindern. Doras Familie lebt im Grazer Metahofpark. Wie ihrer Familie geht es auch anderen Familien, die aus der Ukraine geflohen sind: In Graz sind sie ohne Unterkunft, ohne staatlich organisierte Versorgung oder Schutz, ohne Zugang zu sanitären Anlagen und das oft wochenlang.
Die Situation im Metahofpark ist die direkte Folge der politischen Entscheidungen der steirischen FPÖ-ÖVP-Landesregierung. 2025 hat sie alle Verträge mit Hilfsorganisationen gekündigt, die Notquartiere für Menschen im Asylverfahren betrieben. Damit erfüllt die FPÖ – unterstützt von der ÖVP – ihr rassistisches und menschenfeindliches Wahlkampfversprechen, keinen Euro mehr für die Unterstützung von Geflüchteten und Vertriebenen auszugeben.
Die humanitäre Notlage im Metahofpark ist aber kein isoliertes Grazer Problem. Sie ist sichtbare Folge der politischen Entscheidung, Verantwortung für Menschen in einer akuten Notlage bewusst nicht zu übernehmen und ihre Versorgung stattdessen an erschöpfte ehrenamtliche Strukturen zu deligieren. Leave No One Behind Graz stößt bei der Unterstützung der Ankommenden an ihre zeitlichen, finanziellen und organisatorischen Grenzen. Vor diesem Hintergrund wird besonders deutlich, wie wichtig es ist, eine antifaschistische Grundhaltung einzufordern.
Politische Verantwortungslosigkeit mit Ansage
Die humanitäre Krise in Graz zieht sich nun seit April 2026. Trotz der wieder kälter werdenden Temperaturen ist auch im Spätsommer weiterhin keine Lösung in Sicht. Zunächst sprang die Stadt Graz mit einer Übergangsfinanzierung ein, diese lief jedoch Anfang Mai 2026 aus. Seither gibt es keine Erstaufnahme- oder Übergangsquartiere mehr für ukrainische Vertriebene. Zwischen Registrierung und Aufnahme in die Grundversorgung – ein Prozess, der Wochen bis Monate dauern kann – bleiben Betroffene ohne Unterkunft, ohne Essen, ohne ausreichend Kleidung, ohne Einkommen, ohne umfassende Gesundheitsversorgung und ohne Schutz vor rassistischen Angriffen. Zeitweise waren bis zu fünf Frauen und bis zu 19 Kinder (ein Großteil davon unter zehn Jahre alt) im Park untergebracht, zudem Schwangere und ältere Menschen mit chronischen Erkrankungen. Die Temperaturen lagen teils um den Gefrierpunkt.

Der Grazer Metahofpark / (c) Leave No One Behind Graz
In ländlichen Regionen der Steiermark berichten auch Familien, die bereits in der Grundversorgung sind, von prekären Zuständen: komplett verschimmelte Wohnungen, kaum erreichbare medizinische Hilfe. Lebensmittel und Mobilität sind schwer zugänglich ohne soziales Netzwerk oder Geld für den Nahverkehr. Über die von der FPÖ-ÖVP-Regierung eingeführte Bezahlkarte wird Geld nur einmal monatlich und in unzureichendem Umfang ausgezahlt, sodass Leave No One Behind Graz auch Familien betreuen muss, die eigentlich schon versorgt sein sollten. Die Situation in Graz hat eine zusätzliche Zuspitzung: Die Stadt wird von einer KPÖ-geführten Stadtregierung verwaltet, ist aber gleichzeitig von einer rechtskonservativen Landespolitik umgeben, die genau jene Versorgung verweigert, für die sie eigentlich zuständig wäre.
Die „Pull-Faktor“-These hält der Realität nicht stand
Die Zustände im Metahofpark sind seit Monaten bekannt und werden bewusst beibehalten. Die Kalkulation hinter der verweigerten Versorgung setzt auf sogenannte „Pull-Faktoren“: Wer Geflüchteten möglichst wenig Sicherheit, Menschenwürde und Grundversorgung bietet, verringere den Anreiz zu kommen. Schon die Begrifflichkeit verrät die zynische Denkweise: Das Begriffspaar der „Push-“ und „Pull-Faktoren“ stammt aus der Wirtschaftsforschung und behandelt Flucht wie einen Marktmechanismus aus Angebot, Nachfrage und Anreizsteuerung. Statt zu benennen, was Menschen tatsächlich zur Flucht zwingt, wird ihre Realität zum abstrakten „Push-Faktor“ verschleiert. Doch die Gründe zur Flucht müssen klar beim Namen genannt werden: Krieg, Hunger, Folter, Obdachlosigkeit, Verschleppung, Vergewaltigung, Tod. Das sind keine Variablen eines kapitalistischen Wirtschaftsmodells, sondern eine gewaltvolle Realität, vor der Menschen fliehen. Und das müssen sie dürfen, weil alle Menschen ein Recht auf ein Leben in Würde haben.
Familien nehmen tagelange Fluchtwege und die reale Gefahr rassistischer Gewalt in Kauf, obwohl viele von ihnen längst wissen, dass sie in Graz erst einmal in der Obdachlosigkeit landen werden. Wer trotz dieser Umstände flieht, lässt sich von der Kürzung eines Notquartiers nicht abschrecken. Die Politik der bewussten Verschlechterung trifft Menschen, die längst hier sind: Kinder, die bei Minusgraden im Park frieren oder bei Hitze keinen Schatten finden und krank werden, Hochschwangere, die auf dem Boden schlafen, alte Menschen ohne notwendige Medikamente für chronische Krankheiten. Es gibt in solch einer Situation keine „Pull-Faktoren“ mehr, es gibt nur Politiker:innen, die sich bewusst vom menschenrechtlichen Grundkonsens verabschiedet haben und ihre Verantwortung auf eine Zivilgesellschaft abschieben, die noch nicht jeden letzten Rest von Anstand und Menschlichkeit verloren hat.
Kein Schutz vor körperlicher Gewalt
Viele der vertriebenen Menschen, die in Graz ohne Unterkunft bleiben, gehören der Minderheit der Rom:nja an. Sie werden von Gesellschaft und Politik zusätzlich diskriminiert. Mitte Juli gab es einen mutmaßlich rassistischen Angriff auf eine Familie: In der Nacht auf den 10. Juli schlugen Unbekannte mit Stangen auf die Zelte der Familien ein, in denen sich auch Kinder befanden – das jüngste fünf Jahre alt. Der Angriff fand auf einer Ersatzfläche der Stadt Graz statt, die als Alternative zum Metahofpark im Süden der Stadt bereitgestellt wurde. Sie ist nicht nur schlecht einsehbar, sondern auch weit ab von jeglicher Versorgungsinfrastruktur. Verletzt wurde in dieser Nacht niemand – was reines Glück darstellt. Kurz darauf wollten Polizei und Ordnungswache im Metahofpark angekommene Familien an denselben Ort bringen, an dem der Angriff stattfand.
Wegen des Campierverbots dürfen die Menschen im Metahofpark keine Zelte zum Schutz vor Witterung und Insekten aufstellen, sondern müssen unter Planen schlafen. Sie sind potenziellen Angriffen ausgesetzt und auf sich allein gestellt. Offenbar gilt selbst der Schutz vor körperlicher Gewalt als Zugeständnis, das man angesichts der „Pull-Faktor“-Logik nicht machen will. Auch nach einem tätlichen Angriff auf schlafende Kinder hat sich daran nichts geändert.
Leave No One Behind: Von zwei Personen zum selbstorganisierten Netzwerk
Begonnen hat die Initiative Leave No One Behind Graz im Kleinen. Tami und Ola kamen im Frühjahr 2026 zusammen, um die ersten Familien im Park zu unterstützen. Aus ihrem Impuls ist innerhalb weniger Wochen ein ehrenamtliches, klar antifaschistisches Netzwerk gewachsen, das sich selbst organisiert: in Schichten und ohne viel hierarchische Struktur. Es wird wenig über Begrifflichkeiten oder ideologische Grundsatzfragen diskutiert, die sonst in linken Gruppen oft viel Raum einnehmen. Die Notwendigkeit steht im Vordergrund, nicht die Debatte. Wer mitmacht, ist oft unerfahren und lernt im Tun. Vieles ist überfordernd, denn der Bedarf übersteigt die Kapazitäten bei Weitem.
Die Gruppe arbeitet de facto in Triage. Das führt zu schwierigen Entscheidungen: Wer bekommt zuerst Hilfe, wessen medizinischer Bedarf ist dringender, wessen Kinder brauchen zuerst Kleidung? Und: Wer schläft tatsächlich im Park und braucht Essensgutscheine, wer ist schon in der Grundversorgung und fragt nach Essen, weil das Geld auf der Bezahlkarte entweder nicht ausreicht oder nicht ankommt? Trotz dieser Herausforderungen wird die niederschwellige Hilfe seit Monaten am Laufen gehalten.

Die Arbeit von Leave No One Behind Graz / (c) Leave No One Behind Graz
Leave No One Behind Graz versucht zu leisten, was der Staat verweigert, ohne selbst über dessen Mittel zu verfügen. Geld erhält die Initiative aus der Crowdfunding Kampagne „Unterstütze die Menschen im Metahofpark“ . Doch die finanzielle Unterstützung reicht nicht aus, um den geflüchteten Menschen ein Dach über dem Kopf zu geben. Auch die Versorgung gelingt nicht immer so, dass alle ausreichend Nahrung haben. Ein Zustand, den viele in der Gruppe bis heute kaum fassen können – dass so etwas mitten in Graz passieren kann.
Einzelne Aktivist:innen stoßen regelmäßig an ihre psychischen, körperlichen und zeitlichen Grenzen – neben Lohnarbeit und dem eigenem Familienleben. Genau diese Erschöpfung ist politisch gewollt, auch wenn das niemand so offen benennt: Verantwortung, die eigentlich bei Stadt, Land und Bund liegt, wird so lange auf ehrenamtliche Strukturen abgewälzt, bis diese kollabieren oder aufgeben, damit auch die letzten „Pull-Faktoren“ verschwinden.
Was sich lernen lässt
Auch wenn man das angesichts der aktuellen Lage fast vergessen könnte: Österreich hat die Europäische Menschenrechtskonvention unterzeichnet und ist rechtlich daran gebunden. Dass Grundversorgung und menschenwürdige Unterbringung dennoch verweigert werden, zeigt, wie brüchig dieser vermeintlich sichere Boden längst geworden ist. Die Versorgungslage wird sich in absehbarer Zeit nicht verbessern, sondern eher verschärfen. Was sich für uns daraus schließen lässt: Zivile Solidaritätsnetzwerke müssen langfristig angelegt sein und sich über Bundesländergrenzen hinweg vernetzen.
Eine weitere Erkenntnis betrifft die eigene politische Kultur: Im Metahofpark zählt, was getan wird, nicht, wie man es nennt. Wer Lebensmittel verteilt, Übersetzung organisiert oder nachts im Park nach dringenden medizinischen Fällen sieht, dem bleibt schlicht keine Zeit für ideologische Grabenkämpfe. Im Ernstfall wird das Handeln selbst zum Gemeinsamen – die politische Arbeit entsteht bei Leave No One Behind Graz aus der Praxis heraus, nicht aus der Theorie.
Außerdem: Ohne aktive Pressearbeit bleibt die Notlage unsichtbar – und damit folgenlos. Keine Notlage löst sich von selbst, nur weil sie dringend ist. Öffentlicher Druck durch Berichterstattung ist oft die Voraussetzung dafür, dass Behörden überhaupt tätig werden. Für die Menschen rund um Leave No One Behind Graz, die ohnehin am Limit ihrer Kapazitäten arbeiten, ist Öffentlichkeitsarbeit eine zusätzliche Aufgabe. Dabei ist sie kein Beiwerk zur eigentlichen Arbeit, sondern ein zentrales politisches Instrument und oft der einzige Hebel, um Verantwortliche zum Handeln zu bewegen.
Das Recht auf Menschenwürde ist antifaschistischer Grundkonsens
Eine klare politische Haltung, die Rassismus offen benennt und sich nicht vorauseilend von „Antifaschismus“ distanziert, scheint im Widerspruch zu stehen mit der negativen Wahrnehmung des Begriffs in weiten Teilen der Gesellschaft. Klar antifaschistisch aufzutreten ist dennoch notwendig, denn vorauseilender Gehorsam und die Distanzierung von Antifaschismus bedienen nur das Narrativ von Rechtsextremen und Faschist:innen. Der österreichische Politikwissenschaftler Anton Pelinka (1941–2025) machte klar: „Es ist eine Selbstverständlichkeit, wenn man in einem demokratischen Rechtsstaat lebt, dass man antifaschistisch ist – was denn sonst?“
Denn unsere Demokratie fußt auf Antifaschismus. Ein Umstand, der zunehmend in Vergessenheit zu geraten scheint. Was sich im Metahofpark abspielt, ist bereits eine Form institutionalisierter, rechtsextremer Gewalt. Sie wird nicht durch Fäuste oder Stangen ausgeübt, sondern durch unterlassene Hilfeleistung. Durch Politik, die vertriebene Menschen bewusst obdachlos, hungern, krank, frieren, massiver Hitze oder körperlicher Gewalt ausgesetzt lässt. Umso wichtiger ist es, klarer hinter Antifaschismus zu stehen und erklären zu können, warum. Denn die breite Bevölkerung assoziiert Antifaschist:innen mit Gewalt, statt jene Faschist:innen und rechtsextreme Politiker:innen, die sie tatsächlich ausüben. Dieses Reframing zu durchbrechen, ist selbst Teil politischer Arbeit – auch im Metahofpark.
*Name geändert
Titelbild: Leave No One Behind Graz