Wer die Presse besitzt, besitzt die Macht

Wie beherrschen Rechtsextreme die französische und österreichische Medienlandschaft? Und wie unterscheiden sich die Systeme voneinander? mosaik-Frankreich-Korrespondentin Anna Rosa Prasser beleuchtet in unserer Kolumne rechtsextreme, französische Abgründe und blickt auf die österreichische Medienförderpolitik.

Am Wiener Hauptbahnhof, kurz vor meiner Rückfahrt nach Paris, stehe ich vor dem Zeitungsregal des Relay-Shop und greife nach etwas Lesestoff für die Fahrt. Das Logo des Shops kommt mir bekannt vor, und irgendwie habe ich ein ungutes Gefühl. Schließlich google ich aus Neugier, wem dieses Geschäft eigentlich gehört. Ich lande schnell bei einer vertrauten Kette: Relay gehört zu Lagardère Travel Retail. Lagardère wird wiederum mehrheitlich von der Louis Hachette Group kontrolliert. Dessen größter Aktionär ist die Bolloré-Gruppe, kontrolliert von dem französischen rechtsextremen Milliardär Vincent Bolloré – jenem Mann, der heute über das größte Medienimperium Frankreichs verfügt.

In Paris habe ich mir mühsam einen Bolloré-Boykott angewöhnt – keine UGC-Kinos mehr, kein Canal+ Streaming, keine Bücher aus dem Hachette-Imperium, zu dem auch die Verlage Fayard und Grasset gehören. Und jetzt holt mich Monsieur Nimmersatt also selbst außerhalb Frankreichs, zuhause in Wien ein. Ich verlasse Relay und kaufe die Zeitung woanders.

Das System Bolloré

Der Begriff „Bollorisation” ist im französischen Mediendiskurs längst geläufig. Gemeint ist die Übernahme kritischer Medien durch einen einzelnen Wirtschaftsakteur, der das jeweilige Medium nach seinen politischen Wünschen umbaut.

CNews – heute der größte Nachrichtensender Frankreichs – gilt mittlerweile als französisches Fox News. Bolloré hatte ihn 2016 übernommen. Migration, „Umvolkung”, kulturelle Bedrohung – es sind immer dieselben Themen, die bei CNews laufen. Und nicht nur dort: Europe 1 und das Journal du Dimanche (JDD), zwei weitere Medien der Bolloré Gruppe, ziehen regelmäßig inhaltlich nach.

Der eigentliche Trick liegt in der heimlichen Zusammenarbeit dieser Medienhäuser. Ein Thema wird abends bei CNews gesetzt. Am nächsten Morgen greift Europe 1 die „Debatte” auf. Tags darauf analysiert das JDD die angebliche Empörung darüber. So verschiebt sich, was sagbar ist: Das Overton-Fenster wandert – leise, aber beständig. Ein einziger Eigentümer reicht, um Ton und Agenda einer ganzen Medienlandschaft vorzugeben.

Selbes Spiel, anderer Name

Frankreich ist dabei kein Einzelfall. In Österreich funktioniert das Prinzip erstaunlich ähnlich. Die Familie Fellner spielt sich mit Österreich, Oe24 und Oe24.TV den Ball ebenfalls selbst zu: Ein Thema läuft abends live bei Fellner. Am nächsten Tag zieht Oe24 nach. Dann folgt der Artikel in Österreich. Dazu kommen Millionen an öffentlichen Werbebuchungen – mutmaßlich im Tausch gegen wohlwollende Berichterstattung. Letzteres legt die sogenannte Inseratenaffäre nahe, in der die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) nach wie vor gegen Ex-Kanzler Sebastian Kurz ermittelt (es gilt die Unschuldsvermutung).

Die Methode ist also dieselbe, der zentrale Hebel jedoch ein anderer mit der sich dieses Spiel überhaupt finanzieren: In Frankreich hat sich ein einzelner rechtsextremer Milliardär mit seinem eigenen Firmenvermögen ein Medienimperium gekauft und steuert es persönlich. Das Geld der Bolloré-Gruppe kommt ursprünglich aus einem Familienunternehmen das Zigarettenpapier (OCB – der Bolloré-Boykott lässt auch hier grüßen) und Teebeutel herstellte. Der große Vermögensschub kam aber durch die Kontrolle von Häfen und Logistik in ehemaligen französischen Kolonien Westafrikas – einer Region, die bis heute unter starkem französischem Einfluss steht. Genau dort laufen auch die Korruptionsermittlungen gegen Bolloré: Es geht um Bestechungsvorwürfe bei der Vergabe von Hafenkonzessionen. Dreckiges Geld für dreckige Berichterstattung.

In Österreich sieht das Waschen der Schmutzwäsche etwas anders aus. Durch ein diffuses Geflecht aus etlichen öffentlichen Stellen, die alle ein bisschen Werbung buchen, ein bisschen Förderungen vergeben, mischt die Parteipolitik noch stärker mit. Der Staat vergibt jährlich rund 82,5 Millionen Euro an offizieller Medienförderung – dazu kommen geschätzt 400 Millionen Euro oder mehr an „informeller” Förderung über Werbebuchungen öffentlicher Stellen und Unternehmen. Fellners Oe24.tv und Oe24 Radio freuen sich 2026 über eine Summe von 1,4 Millionen Euro alleine durch offizielle Medienförderungen. Hier ist es kein Einzelner, der sich die Meinungshoheit kauft, sondern ein Geflecht aus wechselseitiger Abhängigkeit zwischen Politik und Medien.

Das führt zum selben Ergebnis: Ein enges Netz an Themen, das sich selbst bestätigt, bis es wie der einzig mögliche Common Sense wirkt. Da kann Einer nur schlecht werden.

Grenzüberschreitung

Ich sitze mittlerweile im Zug und mir ist auch ein bisschen schlecht. Denn ich musste gerade an den ehemaligen französischen Staatspräsident Nicolas Sarkozy denken – angeklagt wegen Korruption, illegaler Wahlkampffinanzierung sowie Bestechung. Er sagte einmal, er „wünsche der französischen Wirtschaft viele wie Vincent Bolloré.” Nun, ich wünsche der Medienlandschaft ein Ende der Bollorisation.

Auf dem Sitz neben mir liegt kein Blatt aus dem Relay-Regal, sondern mein Notizbuch. Die Seiten sind gefüllt. Vielleicht wird daraus eine Kolumne. Für ein Medium, das niemandem gehört, außer seinen Leser*innen.

  • Anna Rosa Prasser studiert politische Theorie auf der Sciences Po in Paris. Sie beschäftigt sich unter anderem mit Sozialen Bewegungen. Seit Juni 2026 ist sie Teil der mosaik-Redaktion.

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