Das Jahr 2025 endete für das freie Radio Orange mit einem Schock: In Zukunft sollte es keine städtische Förderung mehr geben. 2026 wurde das Jahr der langen Gespräche, der Geduld und einer Solikampagne. Und jetzt? Fabian Lutz aus der mosaik-Redaktion hat mit Geschäftsführerin Ulli Weish gesprochen.
Am 4. September feierte Radio Orange sein Soli-Straßenfest. Neben Konzerten und einem Flohmarkt vor dem Radio gab es eine Podiumsdiskussion zum Thema Radio als Raum für Community und Kultur. An der hast du dich auch beteiligt. Wie war das Radiofest und wie steht es um Community und Kultur, gerade in Zeiten des Förderstopps?
Ulli Weish: Wir haben beim Solifest sehr viel Solidarität erfahren und zwar von den unterschiedlichsten Gruppen. Wir waren überhaupt sehr positiv überrascht, dass durch unsere große Solikampagne schon gut 50.000 Euro zusammenkamen. Zum Solifest hatten wir auch andere von der Sparpolitik bedrohte Initiativen zur Diskussion geladen, darunter Leute vom Kulturzentrum im Amerlinghaus oder den D-Arts, dem Projektbüro für Diversität. Das Fest hat uns aber auch gezeigt, dass es sehr unterschiedliche Vorstellungen davon gibt, wie Verhandlungen mit der Stadt ablaufen.
Welche Vorstellungen sind das?
UW: Manche Menschen aus der Protestkultur haben eine andere Vorstellung von der Dauer und dem Ablauf bürokratischer Prozesse. Im Februar wollten viele ein fertiges Verhandlungsergebnis sehen. Die Budgetverhandlungen der Stadt finden aber bis Ende September statt. Zähe Geduld und ständige Verhandlungsbereitschaft sind notwendig, um überhaupt gehört zu werden.
Dann muss ich jetzt die ungeduldige Frage stellen: Wo steht ihr Anfang Oktober?
UW: Die Phase des Verhandelns ist noch nicht abgeschlossen. Wir sind aber in einer anderen Phase als noch im November, wo wir ganz unvorbereitet vor einem Förderaus standen. Das Aus haben wir abgewandt. Wir haben nun eine Förderperspektive bei der Stadt, bei der MA 7, die Magistratsabteilung für Kunst, Kultur, Wissenschaft. Dort haben wir unseren Förderantrag eingereicht. Erst wird der Kulturausschuss darüber beraten, dann der Gemeinderat. Wir müssen also abwarten. Aber ich würde sagen, dass es gut aussieht.
Das klingt deutlich optimistischer als noch auf der Pressekonferenz im Dezember.
UW: Damals waren wir im Schock. Wir hatten uns letztes Jahr mit 10-15 Prozent Einsparungen bereits vorsorglich auf die Sparpolitik eingestellt. Von solchen Einschnitten vonseiten des Bundes hatten wir gehört und glaubten, wir wären vorbereitet. Dass uns das NEOS-Ressort der MA 13, der Wiener Erwachsenenbildung, zur Gänze nicht mehr finanzieren würde, war für uns nicht vorstellbar.

Ulli Weish mit Sandra Konstatzky (Leitung Wiener Gleichbehandlungsanwaltschaft) und dem Bundespräsidenten, v. r. n. l. | (c) Ewa Dziedzic-Elliott
Wie kamt ihr zur MA 7?
UW: Zuvor hatten wir monatelange Verhandlungen geführt. Dabei ist es uns geglückt, mit SPÖ-Finanzstadträtin Barbara Nowak im Jänner zusammenzukommen und unsere Lage eindrücklich zu schildern. Ende März wurde uns mitgeteilt, dass wir über die MA 7 unsere Förderanträge einreichen können. Wir hätten jede Abteilung genommen, die uns genommen hätte. Die Kultur passt uns aber gut. Fast alle anderen freien Radios in Österreich werden über die Kulturetats finanziert. Und obwohl wir überparteilich ticken, sind wir der SPÖ Wien aktuell dankbar, dass sie uns unspektakulär vor ihrem Koalitionspartner, den NEOS, gerettet hat.
Eine Rettung ist es tatsächlich, aber eine richtige Medienförderung kann die kulturorientierte MA 7 ja auch nicht liefern, oder?
UW: Wir wollen das Radio, unser Kerngeschäft, bei der MA 7 nicht verstecken. Deshalb haben wir Radio Orange in unserem Förderantrag als offenen Kulturraum verstärkt positioniert. Wir werden die Teile des Programms stärken, die Wiener Kunst und Kultur repräsentieren. Denn die Programmsparte Kultur ist wesentlicher Teil im Programm, darunter auch der „Gute Ton“ und die vielen tollen kuratierten Musiksendungen. Analog bieten wir zum Beispiel das Radioforum oder unsere Listening Sessions für alle interessierten Radiomachenden. Geplant sind Impulse zu weiteren Themen, etwa der KI oder dazu, was Radioaktivismus ausmacht.
Also trotz der schwierigen Umstände wieder Hoffnung und die Besinnung auf eigene Stärken?
UW: Ja, denn Communityarbeit ist gerade im Spätkapitalismus, der durch Kleingruppen und Abspaltungen geprägt ist, sehr wichtig. Es braucht integrative Dienstleistungen für das Communitybuilding. Community muss organisiert werden. Wir bieten dafür eine offene Infrastruktur.
Das muss an der Stelle auch noch einmal betont werden, auch weil es den Förderstrukturen der Stadt ja widerspricht. Oder wie siehst du das?
UW: Bei der Stadt wird Medienförderung sehr stark als Wirtschaftsförderung gedacht. Aber wir sind kein normales kommerzielles öffentliches Radio. Unter anderem bieten wir Medienbildung und Empowerment durch Audiopraxis. So etwas ist für die Förderstellen der Stadt schwer fassbar. Dazu kommt die Frage des Budgets: Die Medienförderlogik der Stadt zielt auf kommerzielle, privatwirtschaftlich orientierte Medienunternehmen, die bereits einen 50-prozentigen Eigenmittelanteil beisteuern können. Wir sind gemeinnützig und haben kein solches Eigenkapital. Unser Geschäftsmodell ist durch eine 90-prozentige Fördermittelabhängigkeit geprägt.
Deshalb besorgt mich auch das Verlangen der ÖVP und zuletzt NEOS, die Doppelförderung zu beenden. Der Begriff „Doppelförderung“ ist hier irreführend, denn es wird nichts doppelt gefördert: Anträge werden auf Bund, Land und Gemeinde verteilt. Denn keine Förderstelle alleine schafft eine ökonomisch planbare Finanzierungsbasis für die einreichenden Organisationen. Das ist eine Kampfansage gegenüber gemeinwohlorientierten Strukturen. Die meisten NGOs und auch wir können nur durch die „Doppelförderung“ durch Bund und Land überhaupt existieren.
Schafft die Abhängigkeit der NGOs und freien Radios eine Konkurrenz um die Fördertöpfe, die ja auch immer weniger werden?
UW: Natürlich, wir müssen uns im Sinne der Förderlogik immer mit Konkurrenzen auseinandersetzen. Auch gegenüber Initiativen, mit denen wir inhaltlich übereinstimmen, die sich aber auf dieselben Fördertöpfe bewerben. Das macht die Förderabhängigkeit umso bitterer. Im Rahmen der Sparpolitik werden die, die sowieso schon prekär sind, nochmal gegeneinander gebracht.
Als ich eben in das Radio gekommen bin, ist mir wieder aufgefallen, wie leer es hier mittlerweile ist. Wie gehst du mit den großen Verlusten im Team um?
UW: Jetzt heißt es Mut zur Lücke. Zunächst einmal können wir nicht mehr überall mitmachen, auch nicht bei manchen Ausschreibungen mit kleineren Projektvolumen. Wir müssen bei vielen tollen Kooperationsangeboten mittlerweile nachfragen: Was ist der Mehrwert? Und wie viele Stunden stecken dahinter? Das ist sehr schwierig.
Wir haben uns von allen Menschen getrennt, die einen Entwicklungsposten innehatten. Vor neun Jahren, als ich zum Radio kam, war es mir wichtig, dass es passend zu jeder Stabsstelle einen zusätzlichen Entwicklungsposten gibt, ein Tandem. Darauf waren wir stolz. Wenn etwa die IT-Person krank wurde, konnte jemand einspringen. Jetzt muss die Audiotechnik in diesem Fall übernehmen können. Wenn ich ausgefallen war, hatte ich immer die Sicherheit, dass Simon Inou als Experte für Public Affairs übernehmen konnte. Simon ist jetzt nicht mehr da, wobei wir versuchen, ihn über einen Antrag bei der Wirtschaftsagentur zurückzuholen.
Habt ihr andere Leute zurückholen können?
UW: Durch die tollen Spenden konnten wir unsere Social Media Assistenz Kira Reiter behalten und unsere Programmentwicklung Fiona Steinert nach drei Monaten wieder zurückholen, alle natürlich mit weniger Stunden. Ich habe, wie es jede linke feministische Chefin tun sollte, auch bei der Geschäftsführung eingespart. Generell haben wir das fehlende Budget durch unsere eigenen Stunden aufgefangen. Für die ehrenamtlichen Radiomachenden hat sich im Grunde nichts geändert in den Services. Alles andere wäre in dieser Krise fahrlässig gewesen.
Was wäre die andere Option gewesen?
UW: Wir hatten die Entscheidung: Streichen wir einen Job und Stunden oder streichen wir die Beteiligungsstrukturen, etwa in den Programmgremien, bei der Radiomacher*innenvertretung oder bei Moderationen. Das ist all das, was Menschen in ihrer freien Zeit beim Radio einbringen. Für uns als Team war es eine bewusste Entscheidung, dass wir bei den angestellten Stunden ansetzen und damit auch bezahlte Jobs wegfallen, und nicht die Beteiligung im Radio verringern.
Mitten in Krisenzeit ist die von Radio Orange entwickelte Open-Source-Software AURA (AUtomated RAdio) online gegangen. Damit kann der Programmbetrieb des Radios umfassend gesteuert werden. Was bedeutet dieser Schritt für dich, gerade in schwierigen Zeiten?
UW: Radio Orange ist der nicht kommerziellen Open-Source-Bewegung sehr verbunden. Gerade in Zeiten digitaler Überwachungsstrukturen ist es etwas Besonderes, wenn ein freies Radio – gemeinsam mit acht anderen freien Radios – ein solches Softwarepaket auf den Weg bringt. Wegen des Förderstopps musste AURA unbedingt jetzt zu einem praktikablen Umgang gebracht werden. Tatsächlich ist AURA bereits in der Betaversion erstaunlich funktional. Weitere Schritte können wir gerade aber nicht machen. Wir hoffen, dass andere Radios AURA anwenden und weiterentwickeln.
Was wünscht du dir für Radio Orange?
UW: Ich wünsche mir eine Diskussion über Generationen hinweg, Neugierde der Radiomacher*innen aufeinander und ein Selbstverständnis, wie Audiokultur und Open-Source zusammen gehören. Ich glaube, die freien Radios haben eine große Zukunft, weil das Medium Audio Freiheiten lässt. Von den bildbasierten Medien werden wir hingegen immer weiter eingeengt. Ich glaube auch an das Empowerment durch die eigene Stimme, ein KI-gesteuertes Radio wird wahrscheinlich wenige interessieren. UKW-Radio ist nach wie vor grenzenlos. Das ist doch nach wie vor eine große Sache, werbefrei und nicht überwacht. Nicht zuletzt wünsche ich mir, dass wir Social Media-Hypes realistischer einschätzen und die Stärke von ‚alten‘ Medien einordnen können – ohne in Größenwahn oder in Minderwertigkeitsvorstellungen abzugleiten. Wir machen weiter.
Eine wichtige Finanzierungsquelle für ein unabhängiges freies Radio bleibt weiterhin der Freie Radiobeitrag. Weitere Infos dazu hier.
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