Ein Ende der Frequenzen?

Die harsche Wiener Sparpolitik erreicht auch Radio Orange. Ab 2027 sollen alle städtischen Förderungen entfallen. Damit stünde das etablierte Communitymedium und Medienbildungszentrum vor dem Aus. Doch es regt sich Widerstand.

Noch vor dem Wochenende herrscht Katerstimmung: Als Radio Orange am Freitag, den 05.12., zur Pressekonferenz in den Presseclub Concordia lädt, überwiegen die schlechten Nachrichten. Simon INOU, zuständig für Public Affairs & Diversity bei Orange, versucht es immerhin mit Humor: „2,7 Milliarden gibt die Stadt für den Lobautunnel aus. Davon könnte man Radio Orange 6000 Jahre finanzieren!“ Ulli Weish, Geschäftsführerin, ist dagegen fassungslos: „Ich sehe das als Angriff auf unser Team und die innerbetrieblichen Strukturen.“

Verheerende Folgen

Was ist passiert? In der dritten Novemberwoche erhielt Radio Orange überraschend Nachricht: NEOS-Stadträtin Bettina Emmerling streicht die MA13-Förderungen für den Sender. Grund: Es muss gespart werden. Für das nichtkommerzielle freie Radio bedeutet die lapidare Nachricht eine Katastrophe. Schnell macht sich das Team daran, den Untergang zu verhindern, tritt in Gespräche und ist für‘s Erste erfolgreich: Für 2026 kann ein Notbudget von 170.000 Euro nachverhandelt werden.

Das verhindert den Kollaps. Trotzdem fehlen dann noch immer 240.000 Euro, gut 30 Prozent des Gesamtbudgets von ORANGE 94.0. Und: Ab 2027 wird die Förderung generell wegfallen. Die Folgen wären verheerend: Durch den Verlust der Förderung durch die Stadt Wien könnte auch die Förderung des Nichtkommerziellen Rundfunkfonds auf Bundesebene nicht mehr in Anspruch genommen werden. Sollte ORANGE 94.0 dann keine alternative Finanzierung finden, wäre es das Ende für den traditionsreichen Wiener Radiosender. Aber auch jetzt schon steht das Wasser bis zum Hals. Allein die Kürzung 2026 führt zur Kündigung eines Großteils des Teams und zur massiven Einschränkung der Medienbildung, erläutert Ulli Weish. Wer das Radio kennt, weiß, was alles darunterfällt.

Aktivismus, Grooves und viele Sprachen

Seit 1998 sendet Radio Orange unter der Frequenz UKW 94.0 in und um Wien. Wer auch nur kurz reinhört, erkennt die knarzige Jingle sofort: „Orange 94.0. Das freie Radio in Wien.“ Frei heißt: Alle können sich einbringen, Radio lernen und Radio machen. Das sagt auch Simon INOU auf der Pressekonferenz – und betont die Mehrsprachigkeit jenseits des weißen Medienmainstreams: „Radio Orange sendet in 22 Sprachen. Wir lassen auch jene zu Wort kommen, die in großen Medien nur als Teil einer Kriminalstatistik auftauchen.“

Im Jahr 2025 gestalteten rund 850 Ehrenamtliche das 24-Stunden-Radioprogramm. Alter, Bildungsgrad und Sprachen variieren und geben ein buntes, breites Bild der Wiener Bevölkerung. Kommerzielle Medien bieten das nicht – und lassen auch die thematische Bandbreite missen. Mal sprechen junge Aktivist*innen der sudanesischen Diaspora über Kunst und Krieg im Sudan, mal sinnieren Volksschüler*innen über das Bett als ihren Lieblingsort. Dazwischen ein DJ-Set oder eine träumerische Melodie auf der Gitarre. Nicht wenige junge Musiker*innen fanden über Radio Orange ein begeistertes Publikum. 2025 waren rund 7300 Personen als Gäste, Kooperationspartner:innen oder Interviewpartner:innen Teil von Radio Orange.

Und dann ist da noch die Bildung, wie auch Helga Schwarzwald vom Verband des Freien Rundfunks Österreichs auf der Pressekonferenz betont. Radio Orange habe einen ausgezeichneten Ruf als Medienkompetenzzentrum – auch international. Margit Wolfsberger, Radiomacherin und Obfrau des Werkstätten- und Kulturhauses WUK, reicht in ihrem Statement gleich den Beleg nach: „Für mich als Trainerin macht es große Freude, Radiointeressierte von jung bis alt in die Kunst des Radiomachens einführen zu können.“ Und das in Zeiten von Insta, TikTok und Co.

Dem Untergang trotzen

Trotz der Plädoyers ist die Stimmung im gut gefüllten Presseclub Concordia gedrückt. Auf einige vorsichtige Nachfragen, wie es weitergehen soll, antworten die Sprecher:innen dennoch mit Zuversicht: „Man kann die Belegschaft von ORANGE 94.0 kündigen, aber den Community-Spirit nicht“, sagt Ulli Weish. Auch Helga Schwarzwald zeigt Kampfgeist: „Wir fordern Wien als Demokratiehauptstadt auf, ihrer Verantwortung nachzukommen!“

Verantwortung ist ein großes Wort und tatsächlich stiftet es an diesem Tag keinen Optimismus. Noch allen steckt der Schock über das wahrscheinliche Ende des Kulturzentrums Amerlinghaus in den Knochen. Auch hier hat MA13 die Kettensäge angesetzt. Und wer sich mit den Menschen beschäftigt, die aus Notlage nach Österreich und Wien geflüchtet sind, hat mitbekommen, dass zum Jahr 2026 die Mindestsicherung für alle subsidiär Schutzberechtigten wegfällt. Schutz, Verantwortung, Kulturförderung – das alles steht im Jahr 2026 auf der Kippe. Zusammenhalten ist also die Devise. Und Kampagnenarbeit: Unter dem Motto „Rettet Radio Orange“ soll es weitergehen. Oder wie Vera Wolf appelliert: „Wir lassen das Radio nicht untergehen. Denn gerade in diesen Zeiten braucht es Medien wie ORANGE 94.0.“

Titelbild: Frank Jödicke / skug

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