Person in Hängematte

Asozial ist nur die Lohnarbeit

Die Debatte um Teilzeit-Lohnarbeit erlebt erneut ein Hoch. Konservative wiederholen einmal mehr die immer gleichen Argumente. Dabei müsste die Debatte endlich umgedreht werden, wie mosaik-Redakteur Raphael Deindl in der neuesten Ausgabe der Kolumne schreibt.

Ein Blick in die deutsch-österreichische Medienlandschaft verheißt selten Gutes. Ein Dauerthema, das mir beim Durchstöbern der Nachrichten nun schon seit einiger Zeit begegnet, ist die Debatte um die sogenannte „Lifestyle-Teilzeit“, die Konservative von Berlin bis Wien nicht loslässt. Als Soziologe im Wissenschaftsbetrieb arbeite ich selbst in Teilzeit. Von daher fühle ich mich natürlich angesprochen. Der angebliche Lifestyle meiner Teilzeit sieht in der Realität wie folgt aus: unbezhalte Überstunden, Wochenendarbeit, ständige Verfügbarkeit, Wettbewerb und Leistungsdruck, prekäre Beschäftigung aufgrund von Befristung – um nur einen kleinen Einblick zu geben.

Alles Themen, über die kaum berichtet wird. Stattdessen lese ich, dass CDU‑Chef Friedrich Merz den Rechtsanspruch auf Teilzeit abschaffen möchte, weil die Menschen dadurch zu wenig arbeiten. Auch Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmansdorfer (ÖVP) moniert, dass Teilzeitarbeit zu mangelndem Fleiß und Leistungsbereitschaft führe. Und die niederösterreichische Landeshauptfrau Johanna Mikl‑Leitner (ÖVP) findet Teilzeit nur unter gewissen Umständen akzeptabel – nicht aber „wenn es ein gesunder Mann ist oder eine gesunde Frau, denn das ist asozial“.

Wessen Lifestyle eigentlich?

Die Botschaft dahinter ist klar: Dieses vermeintlich „asoziale“ Verhalten könne nicht länger geduldet werden. All jene, die in Vollzeit arbeiten können, sollen dies also gefälligst auch tun. Außerdem kratzt die Teilzeitquote von mittlerweile über 30 Prozent am politisch-konservativen Image Österreichs als Land – nein, als Festung – der Leistung und der lebenslangen Vollzeit-Arbeit. So lautet die alte Leier. Allerdings frage ich mich: dreht diese Debatte nicht die Realität um? Ist nicht gerade die Lohnarbeit, um die es hier geht, aber mit keinem Wort erwähnt wird, an sich „asozial“? Nämlich gerade deswegen, weil sie den Takt des Lebens diktiert, ohne die individuellen Lebensumstände der Menschen zu berücksichtigen.

Die Frage nach Teil- oder Vollzeit lenkt vom Kern ab: Lohnarbeit unter kapitalistischen Bedingungen – der Verkauf der eigenen Arbeitskraft gegen Lohn im Rahmen eines Arbeitsvertrags. Tätigkeiten und Stundenausmaß legen hier primär die Arbeitgeber*innen fest. Wer hat je eine Job-Ausschreibung gesehen, in der Aufgabenprofil und Stundenmaß frei wählbar sind? Lifestyle-Teilzeit ist daher kein frei gewählter, sondern ein von oben aufgezwungener Lebensstil, mit dem sich Menschen abfinden müssen.

Leben jenseits von Leistung

Es gibt viele Gründen, warum Menschen nicht Vollzeit arbeiten können, geschweige denn wollen. Denn zum Leben gehört mehr als Lohn: Sorgearbeit, Bildung, Erholung, gesellschaftliches Engagement und vieles mehr – Tätigkeiten, die außerhalb der Lohnarbeit stattfinden, für das soziale Leben jedoch unverzichtbar sind. Besonders deutlich wird dies bei der unbezahlten Sorgearbeit, die überwiegend Frauen leisten. Gerade hierin zeigt sich die „asoziale“ Seite der Lohnarbeit. Denn wie Johannes Agnoli in seinem Text „Der Staat des Kapitals“ schreibt: „Das Kapital ist zwar an der eigenen Reproduktion und an der Wiedereinsetzbarkeit der Arbeitskraft interessiert, aber es kümmert sich nicht um die Reproduktion der vereinzelten Arbeiter als konkrete Individuen.“

Genauso verhält es sich auch in den Debatten zur Lifestyle-Teilzeit, in denen gerne ein „Comeback von Leistung und Wettbewerb“ propagiert wird. Vollzeit gilt hier als sozial erwünscht, während Teilzeit als individuelle Entscheidung dargestellt, moralisch aufgeladen und abgewertet wird. Denn wer weniger arbeitet, habe zu viel Freizeit und gefährde dadurch angeblich Produktivität, Steueraufkommen, Pensionssystem und Wettbewerbsfähigkeit – so die immergleichen Phrasen. Dieses auf Lohnarbeit fixierte Leistungsnarrativ wird so auch in den Medien unkritisch übernommen. Sorge-Verpflichtungen, gesundheitliche Gründe, prekäre Arbeitsmärkte oder schlicht der Wunsch nach Zeitautonomie blieben hier weitestgehend ausgeblednet. Wen kümmert schon die Reproduktion der vereinzelten Arbeiter:innen als konkrete Individuen?  

Die alte Leier

Auf jeden Fall nicht die selbsternannten Teilzeitexpert*innen von Berlin bis Wien, für die nur lebenslange Vollzeitarbeit sozial akzeptabel ist. Ihre immergleichen Phrasen werden mir wohl auch weiterhin in den Medien begegnen – vielleicht mit neuen Rechenkunststücken oder in Form von populistisch anmutenden Leitartikeln, Appellen an Eigenverantwortung und der altbekannten Moralisierung, die aus komplexen Lebenslagen simple Willensfragen macht.

Die Realität der lohnarbeitenden Bevölkerung wird dabei jedenfalls keine Rolle spielen. Dies verrät schon ein kurzer Blick auf Friedrich Merz Publikationsliste, die mit Buchtiteln wie „Nur wer sich ändert, kann bestehen“ oder „Mehr Kapitalismus wagen – Wege zu einer gerechteren Gesellschaft“ aufwartet. Mehr vom Immergleichen und das auf hunderten von Seiten. Für mich bleibt die Pointe dieselbe: Nicht die scheinbare Lifestyle-Teilzeit ist das Problem, sondern die Lohnarbeit, die das Leben und die Zeit im Kapitalismus diktiert.

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