Massenmedien beeinflussen tagtäglich unser Denken und Handeln indem sie uns mit Nachrichten zuschütten. Sie haben die demokratische Gesellschaft nachhaltig verändert – und fragil gemacht. Luca Niederdorfer teilt seine Gedanken in der neuesten Ausgabe unserer Kolumne.
Ich hasse Nachrichten. Ich lese sie oft, aber eher aus einem Zwangsgefühl heraus. Und ich versuche, mich von diesem Zwang zu lösen. Einerseits liegt meine Abneigung zu Nachrichten in der Tatsache, was sie kurzfristig mit uns machen. Bei all den Entwicklungen der letzten Jahre ist es schwer, Nachrichten zu konsumieren und nicht zu verzweifeln. Schlechte Nachrichten bringen auch einfach mehr Aufmerksamkeit. Doch darauf will ich hier gar nicht den Fokus legen. Mein eigentlicher Frust mit Nachrichten liegt darin, was sie langfristig mit uns machen – mit uns als Einzelpersonen und mit uns als Gesellschaft.
Zu viel Information, zu wenig Wissen
Der Duden definiert eine Nachricht als „Mitteilung, die jemandem in Bezug auf jemanden oder etwas Wichtiges die Kenntnis des neuesten Sachverhalts vermittelt“. Doch was bringt uns diese Kenntnis tatsächlich? Wir bekommen eine Information vermittelt, doch wir verlieren zunehmend die Kapazitäten, um diese Information zu verarbeiten. Eigentlich haben wir sie weniger verloren, als dass Nachrichten sie uns genommen haben. Wir werden tagein tagaus mit Informationen zugeschüttet – und kaum haben wir die eine aufgenommen, kommt bereits die nächste. Dabei bleibt uns gar keine Zeit, das Aufgenommene zu verarbeiten, einzuordnen und mit bereits vorhandenen Informationen zu verknüpfen.
Uns bleibt keine Zeit – denn das ist auch nicht der Zweck von Nachrichten. Der südkoreanisch-deutsche Philosoph und Autor Byung-Chul Han schreibt in seinem Essay Infokratie: „Es ist nicht möglich, bei Informationen zu verweilen. So versetzen sie das kognitive System in Unruhe. Der Beschleunigungszwang, der Informationen innewohnt, verdrängt zeitintensive, kognitive Praktiken wie Wissen, Erfahrung und Erkenntnis.“ Nachrichten sollen uns Kenntnis über die Welt vermitteln und nehmen uns gleichzeitig die Möglichkeit, Wissen über sie zu erlangen. Die jüngsten Entwicklungen um soziale Medien und künstliche Intelligenz haben diese Prozesse dabei nicht losgetreten, sondern nur beschleunigt.
Der Preis der Geschwindigkeit
Traditionelle Massenmedien kämpfen seit Jahrzehnten um Nachrichten – und darum, wer sie zuerst hat. Damit haben sie einen perfekten Nährboden für Fake News geschaffen, die sie nun so gerne beklagen. Das Gefühl, ständig am neuesten Stand sein und Informationen weitergeben, teilen zu müssen, raubt die Zeit für journalistische Sorgfalt. Die Massenmedien tragen Mitschuld daran, dass Menschen Informationen nicht kritisch hinterfragen und in ein größeres, logisches Weltbild einordnen – denn sie tun es selbst nicht. Sie ordnen sich stattdessen der produktivitäts- und konkurrenzgetriebenen Logik des Kapitalismus unter – ganz nach dem Motto „Zeit ist Geld“. Und Nachrichten sind die Währung.
Diese Entwicklung ist gefährlich für die Demokratie – oder zumindest das, was von ihr übrig ist. Mit dem Verlust unserer Fähigkeit, innezuhalten und über neue Informationen nachzudenken, haben wir auch die Fähigkeit verloren, einen gesunden Diskurs zu führen. Um es noch einmal in Byung-Chul Hans Worten zu sagen: „Dem Diskurs wohnt eine Zeitlichkeit inne, die sich nicht mit der beschleunigten, fragmentierten Kommunikation verträgt. Er ist eine zeitintensive Praxis.“ Wir tun es den Massenmedien gleich und werfen uns Informationen um die Ohren, anstatt uns die Zeit zu nehmen, dem Gegenüber wirklich zuzuhören.
Entschleunigung als Praxis
Ich versuche, mir wieder mehr Zeit zu nehmen. Wir alle müssen das wieder lernen – in dieser beschleunigten Welt ist das umso wichtiger. Dazu gehört auch, zu hinterfragen, wie wir Medien konsumieren. Statt von einem Info-Reel zum nächsten zu scrollen oder von einer Podcast-Folge zur nächsten zu springen, sollten wir dazwischen innehalten und nachdenken. Statt zehn Slides hintereinander durchzuswipen, wieder einmal einen Text in einem Magazin lesen. Statt in einer Diskussion direkt zu antworten, das Gesagte wiederholen und versuchen, es wirklich zu verstehen.
Die kapitalistische Logik der Massenmedien beeinflusst uns alle – wir sind schließlich damit aufgewachsen. Wir dürfen uns aber nicht von ihr treiben lassen, denn sie macht uns krank. Nicht auf einmal, sondern Schritt für Schritt, Reel für Reel. Wir können uns aber genau so Schritt für Schritt davon lösen. Es braucht einen bewussteren Umgang mit und einen reduzierten Konsum von Medien. Es braucht Zeit, um über Dinge reflektieren zu können – und darüber, wie wir leben wollen. Denn nur wenn wir uns diese Zeit nehmen, können wir an der Vorstellung einer besseren Zukunft arbeiten. Oder um es mit den Worten einer weisen – mir sehr wichtigen – Schildkröte zu beenden: „Je langsamer, desto schneller.“
Illustration: Hannah Krause
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