Bild von der Podiumsdiskussion zu "Geistige Landesverteidigung"

Geistige Landesverteidigung: Das Militär im Klassenzimmer

Informationsoffiziere, militarisierte Schulbücher und eine Sprache, die Krieg verharmlost. Hanna Braun war beim Dialogforum „Bildung. Militarisierung. Gender“ in Wien und berichtet von kritischen Stimmen zur anhaltenden Aufrüstung des Klassenzimmers.

Unter dem Schlagwort „geistige Landesverteidigung“ tut sich gerade einiges. So wirken etwa Militärs bei der Überarbeitung der österreichischen Lehrpläne für Geschichte und Politik mit. An anderer Stelle wird breit über eine Wehrdienstverlängerung diskutiert – jedoch ohne eine gewichtige Beteiligung der betroffenen Jugendlichen. Das Konzept der „geistigen Landesverteidigung“ wurde ursprünglich geprägt, um die Neutralität Österreichs zu sichern. Jetzt macht es die Politik zum Werkzeug für einen Aufruf zur Kriegstüchtigkeit der Jugend. Der Appell vieler Politiker*innen, allen voran Verteidigungsministerin Claudia Tanner, lautet, Österreichs Widerstandsfähigkeit müsse militärisch gestärkt werden. Er geht jedoch an der Lebensrealität der Schüler*innen und Lehrkräfte im Klassenzimmer vorbei. Kanzler Christian Stocker ruft derweil nach einer Volksbefragung zum Thema Heeresreform und Wehrdienstverlängerung. Zeit für einen Dialog mit den Betroffenen.

Bildung im Zeichen der Landesverteidigung

Was heißt eigentlich „geistige Landesverteidigung“? Und inwiefern ist sie längst Teil des Schulalltags? Diesen und vielen weiteren Fragen wurde am vergangenen Donnerstag (29.1.) im Flucc beim Dialogforum Bildung.Militarisierung.Gender nachgegangen. Eingeladen hatten die Women’s International League for Peace and Freedom (WILPF) und Attac Österreich. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand die Frage, wie Militarisierung heute im Bildungsbereich wirksam wird – und welche Auswirkungen das auf junge Menschen hat.

In zwei Diskussionsrunden kamen Schüler*innen, Lehrende, Lehramtsstudierende, Eltern sowie ein Gewerkschafter zu Wort. Die Diskutant*innen debattierten über persönliche Betroffenheit, die geplante Wehrdienstverlängerung und die zunehmende Präsenz des Militärs im Klassenzimmer. In einem Punkt herrschte weitgehende Einigkeit: Eine weitere Militarisierung an Schulen braucht es nicht. Dass seit vergangenem Jahr zwei Militärangehörige in der Schulbuchkommission sitzen, sei bereits problematisch genug. Doch warum rückt das Thema Bildung und Militarisierung gerade jetzt wieder so stark ins Zentrum?

Die erste Diskussionsrunde im gut besuchten Flucc (Foto: Luiza Puiu/WILPF)

Lehrpläne, Schulbücher und Informationsoffiziere

Das Konzept der „geistigen Landesverteidigung“ wurde während des Kalten Kriegs entwickelt. 1975 beschloss der österreichische Nationalrat einstimmig, es als Teil der umfassenden Landesverteidigung in der Verfassung zu verankern. Der Auftrag: demokratisches Bewusstsein, Staatsverständnis und den Verteidigungswillen der Bevölkerung stärken. Als vierte Säule sollte entsprechende politische Bildung neben den militärischen, wirtschaftlichen und zivilen Bereichen das „geistig-moralische Rückgrat“ der Landesverteidigung sein.

Dieser Zugang erfährt gegenwärtig eine erschreckende Wiederbelebung: Seit dem Schuljahr 2022/23 werden auch die „umfassende Landesverteidigung“ und das „Österreichische Bundesheer“ explizit im Lehrplan für Geschichte und Politische Bildung genannt und in neuen Schulbüchern behandelt. Zusätzlich vermitteln seit 2023 rund 600 Informationsoffiziere des Bundesheeres sicherheitspolitische Inhalte direkt an Schulen.

Sophia Stadler, Bundessekretärin der Aktion kritischer Schüler*innen (AKS), sieht diese Entwicklung als bedenklich an: „Wie soll man das Militär kritisch einordnen, wenn jemand vor der Klasse steht, der aus eigener Erfahrung positiv darüber berichtet?“ Gleichzeitig werde über Alternativen wie den Zivildienst kaum gesprochen. Dabei sei dieser doch essenziell, wenn die Jugendlichen zur Gesellschaft einen Beitrag leisten wollen. Gary Fuchsbauer, unabhängiger Gewerkschafter und Lehrer im Ruhestand, pflichtete ihr bei. Er warnt davor, dass mit der Abschaffung des Freiwilligen Auslandsdienstes eine wichtige Möglichkeit für junge Menschen verloren gehe, sich gesellschaftlich zu engagieren, ohne Teil militärischer Strukturen zu werden.

Zielgruppe Kinder

Wie früh militärische Inhalte mittlerweile vermittelt werden, zeigt ein besonders eindrückliches Beispiel. Elisabeth, Vorständin der WILPF, berichtete von einer Berufsinformationsveranstaltung, an der ihr zwölfjähriger Sohn teilgenommen hatte. Nach dem Ausflug kam er begeistert nach Hause – mit Fotos, auf denen seine Schulklasse am Heldenplatz mit Waffen und Kriegsgerät posierte. Die Mutter war weder vorab informiert, geschweige denn nach ihrem Einverständnis gefragt worden. Dass die Zielgruppe des Bundesheeres immer jünger wird, überrascht im aktuellen Aufrüstungsdiskurs kaum, wirkt aber dennoch verstörend.

Auch die Sozialwissenschaftlerin Claudia Brunner von der Alpen Adria Universität Klagenfurt berichtet von Maßnahmen, die Kinder und Jugendliche vom Militär begeistern sollen. Ein Beispiel ist das Kinderbuch „Mit Adleraugen am Heldenplatz“. Es kann kostenlos über das Verteidigungsministerium bestellt werden. Darin werde „Kameradschaft“ höher bewertet als Freundschaft. Gleichzeitig werde die zentrale Aufgabe des Militärs – das Töten – verharmlost.

Die Irritation im Raum ist spürbar. In der anschließenden Publikumsdiskussion wird deutlich, wie problematisch diese Art der Ansprache ist – insbesondere gegenüber Kindern, Mädchen und jungen Menschen mit Migrationsgeschichte. Zwar gehe es offiziell um mehr „Zugang“ zum Militär, doch Brunner stellte klar: „Inklusion heißt hier nicht Gleichberechtigung. Marginalisierte Gruppen werden als Ressource für das Militär gesehen, während sie gleichzeitig weiterhin diskriminiert werden.“ Auch die Frage, wen oder was das Militär letztlich schütze – etwa unter einer autoritär geführten Regierung – bleibt unbehaglich im Raum stehen.

Das zweite Panel unter Moderation von Rosa Logar von WILPF (Foto: Luiza Puiu/WILPF)

Mitbestimmung statt Militärbesuch

Doch Schüler*innen haben sehr wohl Mitspracherechte. Daran erinnert AKS-Vorsitzende Ello Wachter. Schulen können selbst entscheiden, von wem und wie sie informiert werden. Larissa Zivkovic, Vorsitzende der Sozialistischen Jugend (SJ), kritisiert, dass im Geschichtsunterricht häufig über militärische Siege und Grenzverschiebungen gesprochen werde. Kriegserfahrungen, Leid und Traumata blieben unterbelichtet. Auch das trage zur Verharmlosung von Gewalt bei.

Ilse Rollet, Rektorin des Gymnasiums Rahlgasse, verwies zudem auf die mediale Darstellung von Krieg und Militär. Diese verstärkten dieses verharmlosende Bild weiter und würden zu einer Verrohung der Sprache beitragen. Lehrkräfte sähe sie dennoch klar in der Verantwortung: Friedenspädagogik sei Teil des Lehrplans und müsse auch umgesetzt werden. Gleichzeitig betont sie: „Niemand ist verpflichtet, das Bundesheer an die Schule einzuladen.“

Wehrdienst, Social Media und Widerstand

Auch aktuelle politische Entwicklungen fanden ihren Platz in der Diskussion. Im Sommer 2025 schrieb Verteidigungsministerin Klaudia Tanner einen persönlichen Brief an alle 17-Jährigen – mit der Aufforderung, sich für den Wehrdienst zu entscheiden. Auf Social Media – so berichteten Schüler*innen – werde zunehmend ein Entweder-oder-Denken reproduziert: entweder für das Militär oder dagegen.

Michael, Schülersprecher des Gymnasiums Rahlgasse, sprach in diesem Zusammenhang auch von einem als „unmännlich“ verunglimpften Zivildienst: „Es gibt schon Jungs, die das so sehen. Meine Freund*innen und ich halten da dagegen.“ Hoffnung machten ihm Schüler*innenproteste in Deutschland: „Ich finde das inspirierend und warte darauf, dass das hier auch passiert.“

Bildung oder Aufrüstung?

Angesichts der fortschreitenden Aufrüstung in Europa und Österreich sei es umso wichtiger, einseitigen Darstellungen und der Verharmlosung von Gewalt entgegenzutreten. Österreich sieht mit einem Aufbauplan 2032+ über 12 Milliarden Euro pro Jahr Budgeterhöhung für Verteidigung vor. Das ist mehr als das jährliche Budget für Bildung oder Gesundheit. Die Finanzierung von Bildung in Zeiten massiver Kürzungen darf nicht weiter untergehen. Schon gar nicht, wenn das Budget des Verteidigungsministeriums kontinuierlich wächst.

In den Pausen und nach Ende der Veranstaltung wurde bei Kaffee und Snacks weiterdiskutiert und vernetzt. Was aus diesem Dialogforum konkret erwächst, bleibt offen. Ein erster Schritt in Richtung Austausch und Vernetzung ist jedoch getan. Und wer weiß, vielleicht gibt es auch in Österreich Schüler*innenproteste gegen Militarisierung, wie bereits in Italien und Deutschland. Denn wie auch Larissa Zivkovic (SJ) betonte, sei es zu wenig, wenn die Bundesjugendvertretung ohne Stimmrecht in einer Kommission zur Wehrdienstverlängerung sitzt. „In einem neutralen Land müssen wir öffentlich darüber diskutieren können, wie wir ein Heer gestalten wollen – und warum. Der ökonomische Zweck der Militarisierung reicht dafür nicht aus.“

Mehr über die Attac Österreich Kampagne „Wettrüsten Stoppen – Waffen schaffen Krisen, keinen Frieden“ könnt ihr in diesem Artikel von Antonia Schröter und Max Hollweg sowie auf der Attac-Website erfahren.

Titelbild: Luiza Puiu/WILPF

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