„Wir dürfen nicht Kompliz*innen bei der Ausbildung von Zombies sein“

Rubia Salgado ist Mitbegründer*in der feministischen Migrant*innenorganisation maiz und des daraus hervorgegangenen kritischen Bildungsorts das kollektiv in Linz. Im Interview mit Nike Kirnbauer spricht Rubia über die Bedeutung von Subjektivität, Poesie und Offenheit für eine widerständige Bildungsarbeit.

das kollektiv ist ein Raum der kritischen Bildungs-, Beratungs- und Kulturarbeit von und für Migrant*innen. Der Name der Organisation steht in Verbindung mit ihrem Ursprung: maiz, ein 1994 in Linz gegründeter autonomer Migrantinnenverein, der seit über 30 Jahren ein zentraler Ort der migrantisch-feministischen Selbstorganisierung ist und der sich immer als Kollektiv verstanden hat. 2015 wurde gemeinsam beschlossen, den Bildungsbereich von maiz aufgrund abrechnungs- und verwaltungstechnischer Anforderungen auszugliedern. Für den neu gegründeten Verein wurde der bedeutsame, die Geschichte von maiz prägender Name das kollektiv gewählt. Damit sollte der Anspruch zum Ausdruck gebracht werden, im Spannungsfeld zwischen geförderter Organisation und politischer Kollektivität feministische und antirassistische Räume für kritische Diskussion, Reflexivität und Solidarität zu schaffen und zu pflegen.

Die Arbeit beider Vereine steht durch Kürzungen unter finanziellem Druck. Beiden Organisationen wurden die Basisfinanzierung seitens des sozialen Ressorts des Landes Oberösterreich zur Gänze gestrichen. Kompromisslosigkeit braucht finanzielle Unterstützung außerhalb von Förderzwängen.

Nike: das kollektiv wurde 2015 als eigenständiger Ort der Bildungsarbeit aus maiz ausgegliedert. Ihr heißt nicht nur so, sondern versteht euch auch als Kollektiv. Wie zeigt sich das?

Rubia: Wir sind ganz klar parteiisch. Es ist ganz offensichtlich, dass wir auf der Seite der Migrant*innen stehen. Eine der wichtigsten Lektionen aus der Arbeit bei maiz ist die Frage, in wessen Interesse wir arbeiten und für wen wir entscheiden. Wir arbeiten hier nicht, um unsere Arbeitsverhältnisse zu sichern. Wir arbeiten hier, weil es diese Frauen* gibt. Und ich glaube, das ist ein großer Unterschied zu anderen großen Bildungseinrichtungen und das spüren die Frauen*.

Dass wir uns für ihre Situation und für die Veränderung ihrer Situation engagieren. Das Umsetzen dieser Haltung ist nur möglich, weil wir uns kontinuierlich um interne Räume der kritischen Auseinandersetzung bemühen – im Bewusstsein des Spannungsverhältnisses zwischen dem Anspruch, eine geförderte Organisation zu sein, und dem Selbstverständnis als Raum der Solidarität und des unbezahlten politischen Engagements.

Nike: Apropos Spannungsverhältnis: Wie ordnet ihr eure Bildungsarbeit im Verhältnis zur Sozialarbeit ein?

Rubia: Der Widerspruch, der sozialer Arbeit inhärent ist, besteht darin, dass sie das derzeitige System erhält. Auch wenn wir immer sehr provokativ, sehr provozierend und sehr störend sind und waren. So haben wir es geschafft, zum Beispiel Diskussionen über das Thema Sexarbeit und Rechte von Sexarbeiterinnen sowie über die Konzepte von Integration und Partizipation kritisch in den Fokus zu bringen. Wir haben erreicht, dass wir frauenspezifische Anliegen mit unserem feministischen Blick problematisieren. Wir haben hier in Oberösterreich und auch darüber hinaus einiges beigetragen. Dabei haben wir die hegemonialen Diskurse und Prozesse, die damals wie heute im Laufen waren, gestört. Um wahrgenommen zu werden, mussten wir stören. Trotzdem bleibt die Sozialarbeit immer widersprüchlich und ambivalent. In dem Sinne, dass durch sie gleichzeitig die Verhältnisse auch stabilisiert werden. Deswegen wurden wir gefördert, nicht weil die Politik unsere radikalen feministischen und antirassistischen Positionen und Forderungen befürwortet hätte.

Auch Bildungsarbeit kann stabilisierend wirken. Ich würde dennoch sagen, dass die Möglichkeiten der Organisierung und einer gelebten Praxis der Veränderung in der Bildungsarbeit viel höher sind als in der Sozialarbeit, also der individuellen Beratungsarbeit. Das liegt unter anderem daran, dass in der Beratungsarbeit das Risiko von Paternalismus oder Klientelismus viel größer ist als in der Bildungsarbeit. Nicht, dass es in der Bildungsarbeit nicht auch passieren kann, aber Bildung – zumindestens wie wir sie verstehen und umsetzen – ist ein kollektiver Prozess der Transformation und man kann etwas anderes aufwecken, organisieren, mobilisieren, um Entwürfe zur Veränderung der gegebenen Verhältnisse zu imaginieren und umzusetzen.

Nike: Wie gestaltet ihr eure Bildungsarbeit mit dem Ziel der Förderung der Imagination?

Rubia: Bereits bei maiz haben wir einen Ansatz verfolgt, bei dem wir Bildungsarbeit sehr stark mit Kulturarbeit verschränkt haben. Wir wollten Grenzen verschieben beziehungsweise durchlässig machen. Es gab damals in maiz sowie heute bei das kollektiv nicht nur Bildungs- und Kulturarbeit, genauso wenig wie ausschließlich Beratungs- und Bildungsarbeit. Vielmehr handelt es sich um eine Praxis in und an den Grenzräumen zwischen diesen Bereichen.

Hier kommen meine Vergangenheit und die Literatur ins Spiel. Ich bin während der Militärdiktatur in Brasilien aufgewachsen. Damals habe ich gelernt, dass es einen Unterschied zwischen Fiktion und Fantasie gibt. Fantasie ist die Kehrseite der Realität, während Fiktion die Entfaltung der Wirklichkeit ist. Geleitet von diesem Gedanken haben wir bei maiz begonnen, unsere Deutschkurse verschränkt mit Kulturarbeit bzw. Kunstvermittlung zu konzipieren und umzusetzen. Außerdem haben wir damals von Feministinnen gelernt, dass wir nur das erreichen können, was wir imaginieren können.

Die Kraft der Imagination und die Potenziale der Fiktion sind demnach wesentlich für politische Arbeit und für die Transformation der Verhältnisse. Immer wenn wir über Feminismus gesprochen haben, haben wir deshalb auch über Räume der Solidarität gesprochen. Was wir im Lauf dieser langen Jahre der Kämpfe auch beobachtet haben, ist, dass wir die angestrebten Veränderungen auf der Makroebene nicht erreichen werden, wenn wir nicht zugleich auf der Mikroebene arbeiten – an den Begehren sowie an den Politiken des Begehrens und der Subjektivierung.

Zwar schwingt eine gewisse Naivität mit, wenn wir sagen, dass der Bildungsbereich als Raum der Imaginierung einer Veränderungspraxis wäre. Aber das sind Ansätze, die es uns ermöglichen, Entwürfe zu entwickeln und letztendlich etwas zu probieren, um angesichts der Krisen und der herausfordernden Realität nicht in Lähmung zu verfallen.

Nike: das kollektiv macht kritische Bildungs-, Beratungs-, Kulturarbeit von und für Migrant*innen. Was genau bedeutet das also?

Rubia: Ein Merkmal unserer Arbeit ist, dass wir den Mitarbeiter- und Teilnehmer*innen Zugang zu theoretischen Inhalten ermöglichen. Wir arbeiten vermittelnd, produzieren gemeinsam Wissen und betrachten zum Beispiel Deutschkurse als Räume der kritischen Wissensproduktion. Das ist ein großer Anspruch, aber für uns ein zentraler feministischer und emanzipatorischer Anspruch. Es bildet also eine wesentliche „Seele“ unserer Arbeit, dass wir hier ein bestimmtes Wissen produzieren.

Aber wer sind die Akteur*innen, wer sind hier die Denker*innen, welches Wissen produzieren wir? Es ist komplex, es ist ein facettenreiches Wissen. Es beginnt damit, dass wir nicht über die Migrant*innen sprechen können. Wir wissen, dass das sehr verallgemeinernd und sehr homogenisierend ist. Die Teilnehmer*innen verfügen über enorm viel Wissen, aber dieses Wissen ist genauso widersprüchlich wie unseres. Es ist durchkreuzt von so vielen Ideologien. Deswegen denken wir, sprechen wir und lernen wir viel über Wissensproduktion und über Subjektivierungsprozesse.

Wie können wir Räume schaffen, um anderes Wissen herzustellen beziehungsweise um anders zu denken und darüber hinaus die dominanten Formen der Subjektivierung zu destabilisieren? Das heißt, wie können wir durch und in unserer Arbeit in die Prozesse der Hervorbringung von Subjektweisen (die Art und Weise, wie wir zu bestimmten Subjekten werden) intervenieren, aber auch wie können wir diese Weisen überschreiten und neu erfinden? Wie können wir aus diesem instabilen Ort, die die Welt heute ist, eine andere Welt hervorbringen? Es braucht eine andere Erzählung über die Welt, über uns, über das Lernen, über die Zukunft und über die Gegenwart.

Nur von hier aus können wir sprechen und etwas anderes für die Welt entwerfen. Wir müssen intersektional denken, können nicht nur als Migrant*innen sprechen, brauchen eine Gleichzeitigkeit verschiedener Perspektiven und Erlebnisse, um etwas Neues in die Welt zu bringen. Etwas, das noch nicht da war.

Nike: Was bedeutet Widerstand für dich?

Rubia: Sich nicht zu verkaufen. Kollektive Räume und Kontexte zu schaffen, diese zu erhalten, zu gestalten, und dabei kollektiv Kritik, radikale Kritik und Selbstkritik auszuüben und darauf zu achten, nicht korrumpiert zu werden. Wir in das kollektiv wollen moralisch, politisch und ethisch nicht korrumpiert werden. Auf diese Weise wollen wir uns der Verwertungslogiken nicht unterwerfen und der Ökonomisierung unserer Affekte nicht passiv zuschauen. Wir arbeiten für das Leben, für seine vitale und schöpferische Kraft, nicht für dessen Verunmöglichung und Unterbrechung.

Dass wir die Frage stellen, die ich am Anfang schon gestellt habe: In wessen Interessen arbeite ich? Wofür bin ich auf dieser Welt? Und warum bin ich da? Warum mache ich diese Arbeit? Das würde ich als Widerstand verstehen. Und selbstverständlich diese Erkenntnisse, Ansätze, Ansprüche in die Praxis umsetzen. In der Praxis bedeutet es auch, in Konfrontation zu gehen. Kollektiv riskieren. Reflektiert, strategisch für das Leben riskieren.

Nike: Was können wir tun, um für eine bessere Welt zu kämpfen?

Rubia: Imaginieren. Widerstand ohne die Imagination einer besseren Zukunft ist sinnlos. Er ist überhaupt nicht möglich, würde ich sogar sagen. Es geht aber nicht um etwas fertig Ausgedachtes, das wir zu erreichen hätten. Das wäre Totalitarismus. Es braucht die Poesie, das Uneindeutige, das Offene, das Erstaunen, das Erwägen, das Mutmaßen und das Solidarische im kollektiven Bewegen. Es gibt sehr viele Ansätze, die zusammengeführt werden könnten. Vor allem glaube ich, dass physische Räume wesentlich sind. Natürlich ist das Virtuelle nicht nur eine große Gefahr, sondern auch eine große Hilfe, aber ich finde die physischen Räume des Miteinanders sehr wichtig, dort, wo wir uns riechen können. Und wie können wir trotz allem, trotz des ganzen Stresses, der unser Leben im Neoliberalismus bestimmt, Zeit neu denken und neu schaffen? Und wie können wir in dieser herausfordernden Zeit das Begehren nach der Imagination einer besseren Welt mit weniger Gewalt fördern?

Wenn ich auf all die über 30 Jahre zurückblicke, dann ist die Kollektivität und das Pflegen der Imagination und der Empörung – also die Fähigkeit, sich zu empören – absolut wichtig. Einige Leute sagen, dass eine Faschisierung unserer Gesellschaft nur möglich ist, wenn ein Prozess der Desensibilisierung stattfindet, also eine Ökonomisierung unserer Affekte. Wir müssen in unserer Arbeit über und mit Affekten denken. Wir dürfen keine Zombies werden und wir dürfen nicht Kompliz:innen bei der Ausbildung von Zombies sein. Zombies können sich keine andere, keine bessere Welt erdenken.

Nike: Also geht es auch darum, die Grenzen des Denk- und Fühlbaren zu verschieben?

Rubia: Über das Denkbare hinaus zu agieren und zu fühlen. Die Poesie als Raum und Weise. Wir wissen, was Subjektivierung ist, dass wir unterworfen sind und sich alles im Wandel zu mehr Gewalt und zur Verunmöglichung des Lebens als schöpferische Kraft befindet. Aber wir wissen auch, dass wir die Möglichkeit haben, die Gewaltverhältnisse nicht nur zu reproduzieren. Wir müssen schauen, wo die Spalten und Risse sind, wodurch die Flüsse fließen. Und dann müssen ihnen folgen und die Spalten erweitern. Und andere Räume und Risse erfinden. Flüsse werden.

Wir wissen, dass das riskant ist und dass es uns nicht immer gelingt. Das ist klar. Wir wissen auch, dass wir keine Bewegung geworden sind. Aber wo ist in Österreich schon eine Bewegung entstanden? In den letzten 30, 40 Jahren. Was ist in Österreich passiert? Aber maiz gibt es immer noch, das kollektiv gibt es noch, das ist eine riesige Errungenschaft. Wir sind sogar größer geworden, dennoch: wie lange es uns noch gibt, wissen wir nicht, gerade schaut es ziemlich schlecht aus. Aber wir sind noch da. Noch duftet die Nelke, hat Rose Ausländer mal geschrieben, noch können wir uns Wörter verschenken.

Und es gibt viele andere widerständige Räume und Kontexte in Österreich! Wir sind in verschiedenen Kämpfen aktiv, und jetzt mit mehr Wissen, mit anderem Wissen, Erfahrungen, Ideen und Entscheidungen. Mit der Erarbeitung des Ansatzes der poetischen Haltung versuchen wir zum Beispiel seit 2019 bei das kollektiv einen Kontrapunkt zur Ökonomisierung der Bildung und der Affekte zu erarbeiten. In der Überzeugung, dass alle nicht nur das Recht auf Obdach, auf gesundes Essen, auf medizinische Versorgung usw., sondern auch auf Poesie haben, entschieden wir uns nämlich für sie, für die Poesie, um mit Audre Lorde „dem Namenlosen einen Namen zu geben, damit es gedacht werden kann“. Das ist Widerstand. Auch.

das kollektiv und maiz sind aufgrund von akuten Kürzungen auf Unterstützung und Spenden angewiesen. Wenn ihr die Arbeit finanziell unterstützen wollt, spendet hier: https://www.das-kollektiv.at/ oder hier https://www.maiz.at/de

Foto: das kollektiv

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