Die Gewalt der Erzählung

Inhaltswarnung: In diesem Artikel geht es um sexualisierte Gewalt.

Wie wird Gewalt instrumentalisiert? Wie selektiv sind die Erzählungen darüber? Und warum ist die Wortwahl so wichtig? Hanna Prutti schreibt in unserer Kolumne über die Berichterstattung zu sexualisierter Gewalt und die Reproduktion von Überzeugungen, die Gewalt leugnen, verharmlosen oder rechtfertigen.

Ich muss eine kurze Pause machen. Missbrauchsvorwürfe. Vergewaltigung. Gewalt gegen Frauen, durch meist männliche Täter. Nur so viele Artikel über sexualisierte Gewalt nacheinander kann ich lesen. Einige sind Meldungen mit den wichtigsten Infos – nüchtern und kurz gehalten. Andere sind ausführlicher und zu oft finde ich, wonach ich suche.

Für meine Masterarbeit beschäftige ich mich mit sogenannten Vergewaltigungsmythen. Das sind Überzeugungen, die dazu dienen, sexuelle Gewalt von Männern gegen Frauen zu leugnen, zu verharmlosen oder zu rechtfertigen. Das kann bedeuten, dass der von Gewalt betroffenen Person eine Mitschuld oder sogar die alleinige Schuld gegeben wird: „Sie hat es provoziert“ oder „Sie wollte es ja“, denn sie ist ja mit ihm nach Hause gegangen. „Sie war sexuell aktiv“, „Sie hatte oft wechselnde Partner“ und so weiter. So zugespitzt finden wir diese Formulierungen selten, doch auf subtilere Art geschieht eine Täter-Opfer-Umkehr sehr wohl. Bespielsweise wenn alle Details zu früheren Beziehungen und der Sexualität der Betroffenen ausgerollt werden.

Die Rolle des „Opfers“ und Rechtfertigungen für Täter

Es gibt noch mehr Vergewaltigungsmythen: solche, die Täter entschuldigen. Darunter fallen „Er wollte es ja nicht“ oder „Er konnte nicht anders“. Mann musste seinem Trieb folgen, war betrunken oder auf Drogen, sexuell frustriert oder hatte es eben einfach schwer im Leben.

Wenn zum Beispiel der Kurier die Begründungen eines Täters und seines Anwalts unkritisch zitiert, kommt bei mir die Wut hoch. Depression, Spielsucht, Drogen und Stress sind kein Kuddelmuddel“, in dem eine Beziehung eben mal ausartet“ – und es zu einer Vergewaltigung kommt, weil beide nicht voneinander losgekommen sind“. Auch dass sich die Zeit auf Instagram dafür entscheidet, die Begründung der Anwälte des Täters wiederzugeben, ist mir zuwider. Die Beschreibung der Taten als Nervenkitzel“ und Ventil“, um mal abzuschalten, dürfen nicht so stehen bleiben. Ja, schon klar, das sind Zitate, aber wo ist die Einordnung? So manche*r Journalist*in findet plötzlich die ökonomischen, sozialen und persönlichen Lebensumstände betonenswert. Nicht, um sie mit patriarchalen Strukturen in Verbindung zu bringen, sondern um Täter zu entschuldigen. Finanzielle Schwierigkeiten, Stress im Job oder in der Familie dürfen aber nie als Rechtfertigung für sexualisierte Gewalt genutzt werden. Ebenso wenig psychische Erkrankungen.

Im selben Post der Zeit werden auch die Folgen für die betroffenen Frauen beschrieben. Damit soll wohl gezeigt werden, wie schwerwiegend sexualisierte Gewalt auch Jahre später das Leben Betroffener beeinflussen kann. Nicht selten drängt dies jedoch Betroffene in eine Opferrolle“. Eine Rolle, die über das Leid definiert wird und Personen auf die erlebte Erfahrung reduziert. Zu selten geht es im Diskurs darum, wie Personen weiterleben, wie sie Selbstwirksamkeit (zurück-)erlangen.

Entfremdung und Rassismus

Wenn wir Täter dann auch noch als nicht menschlich oder psychisch krank darstellen, dann nennt sich das Othering. So titelte die Kronen Zeitung Teufel von Avignon“. Der Standard nennt den Gerichtsprozess des Vergewaltigers von Gisèle Pelicot Prozess der Monster“ und spricht vom Täter als XXL-Perverser“. Das schafft Distanz – er ist nicht wie wir“, er ist keiner von uns“. Der Täter ist so abartig, so krank, pervers oder durch und durch böse, dass er kein normaler“ Mensch mehr sein kann. Es ist nicht der Nachbar, der eigene Ehemann, der Lehrer oder Arzt. Genau das ist jedoch falsch: Täter und potenzielle Täter sind Teil der Gesellschaft und das hat auch der Fall Pelicot gezeigt.

Die Verurteilung von Vergewaltigung in der Gesellschaft ist selektiv – da, wo es gerade passt. Erfundene Vorfälle und rassistische Vorurteile wurden in der Geschichte immer wieder als Rechtfertigungen, beispielsweise für Lynchmorde an Schwarzen Männern, genutzt. Außerdem ist sexualisierte Gewalt sehr wohl ein Unrecht, wenn sie instrumentalisiert werden kann, um Asylverschärfungen zu fordern.

Strukturelle Kritik und Verantwortung

Ich will, dass wir sexualisierte Gewalt klar benennen – als Gewaltakt, als Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht der betroffenen Person. Es ist kein Frauenproblem“, sondern ein strukturelles Problem patriarchaler Rollenbilder. Wir leben in einer Kultur der Vergewaltigung – einem sozialen Umfeld, das sexualisierte Gewalt viel zu häufig toleriert und rechtfertigt. Und Medien haben dabei Verantwortung, sind mit schuld!

Ein journalistischer Bericht muss (mutmaßlichen) Tätern keine Plattform bieten, kein Othering betreiben und darf irrelevante Details zu Betroffenen und Tätern einfach weglassen. Sex ohne Konsens ist kein Sex – das ist eine Vergewaltigung. Die Reduzierung von sexualisierter Gewalt auf etwas Sexuelles verdeckt, worum es tatsächlich geht: Macht und Gewalt. Ich will keinen einzigen weiteren sensationalisierten Artikel mit allen Einzelheiten eines Falls lesen – denn es sind keine Einzelfälle. Medien müssen Zusammenhänge herstellen und die patriarchalen Strukturen freilegen. Denn die Erzählung von Gewalt darf keine weitere Gewalt reproduzieren!

Anmerkung: Ich spreche bewusst von Tätern in der männlichen Form, da es sich in der Mehrheit der Fälle um Männer handelt, die sexualisierte Gewalt ausüben und es sich um den Ausdruck eines gesellschaftlichen Machtverhältnisses handelt. Sexualisierte Gewalt kann Personen jedes Geschlechtes betreffen und von Personen jedes Geschlechtes ausgeübt werden. Queere Personen, insbesondere transgender- und intergeschlechtliche Personen, sind nochmals häufiger von Gewalt betroffen.

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