Gemeinsam auf sich schauen

Wellness und Selfcare hoch im Trend in den sozialen Medien. Ritualartige Abläufe und immer neue Produkte, um Körper und Geist zu optimieren. Worum geht’s da eigentlich? Was hat das noch mit Care zu tun? Hanna Prutti in der aktuellen Kolumne über die Zuspitzungen eines selbstzerstörerischen Systems.

Ich sitze am Schreibtisch. In einer kurzen Arbeitspause öffne ich Instagram und scrolle durch den Feed. Ich bekomme Werbung für einen Thermenbesuch und für eine Körperseife. Es folgen Tipps, wie man durch Atemübungen Stress abbauen kann. Kurze Zeit später ein Make-up-Tutorial.

Wenn es nach manchen Influencer*innen geht, ist jeder Tag strukturiert: vom Morgenyoga bis zum Journaling vorm Schlafengehen. Alles, um sich zu optimieren – oder doch, um noch zu funktionieren? Wo ist es ein wichtiger Reflexionsprozess und wo wird die Verantwortung für strukturelles Versagen dem Individuum zugeschoben? Systemische Probleme durch Selfcare ertragbar machen oder tragbar machen?

Wo das System versagt, da steht schon die Wellnessindustrie. In unserem derzeitigen Gesundheitssystem, wird man von Arzt zu Arzt geschickt wird, wartet Monate auf Termine oder muss die Privatärzt*innen selbst bezahlen. Da versuche ich doch lieber selbst ein paar Übungen, Ernährung umstellen, eine Saftkur oder Meditation. Und wenn es hilft, dann war ich doch meines Glückes Schmied.

Social Media und Beauty-Standards

Immer wieder stelle ich mir die Fragen: Was macht Social Media mit mir? Wie kritisch kann ich es konsumieren und wo beeinflussen Trends mich doch? Ehrlicherweise kenne ich mich oft gar nicht mehr aus, wie ich hilfreiche von problematischen Tipps unterscheiden kann.

Der perfekte Lifestyle? Scheint doch ganz easy, wenn man durch den Feed scrollt. Vom harmlosen Einschlaftipp bis zur hochproblematischen Clean-Girl-Aesthetic. Minimalistisch und vermeintlich ohne jeden Aufwand sitzt da das Outfit perfekt. Und das Make-up tut, als wäre es nicht da. Inszeniert für Social Media lautet das Motto „Leben im Griff“. Im ersten Moment wirkt es unproblematisch. Doch die (weibliche*) Arbeit, die hinter der Aufrechterhaltung steckt, wird unsichtbar gemacht. Körperbilder sind normschön, die Personen meist weiß und relativ wohlhabend. Zumindest wohlhabend genug, um sich die teuren Beauty-Produkte leisten zu können.

Das bringt uns zurück zu Selfcare und Care-Arbeit. Klar vorgegebenen Beauty-Standards entsprechen zu müssen, hat nichts mit Selbstfürsorge zu tun. Dennoch wird es uns so verkauft. Mehr auf sich schauen, mehr Optimierung, mehr Leistung. Die Arbeit hinter der Aufrechterhaltung von Schönheits- und Fitnessstandards bleibt im schlimmsten Fall unsichtbar oder wird idealisiert – macht doch Spaß, sich um sich zu kümmern.

Die wenige verbleibende Zeit und Energie im stressigen Alltag fließen damit wieder in Konsum und die Erhaltung des kapitalistischen Systems. Denn genau diese Ressourcen fehlen uns dann bei sozialem Austausch, kritischem Hinterfragen und politischer Organisation.

Wellness bringt Profite

Die sogenannte Wellnessbranche ist in den letzten Jahren stark gewachsen. Von Sport über Ernährung, alternativer Medizin bis hin zur Schönheitsindustrie, dem Tourismus und der mentalen Gesundheit. Sie verspricht neben Stressreduktion und erhöhtem Wohlbefinden auch einen positiven Einfluss auf die Umwelt oder gar die Selbstverwirklichung. Alles käuflich – wir müssen nur zuschlagen. Jetzt buchen.

Abgesehen von der finanziellen Belastung kann Selfcare auch sozialen Rückzug bedeuten: Rückzug ins Private; meine eigenen Bedürfnisse in den Vordergrund stellen; absagen, weil es doch zu viel ist. Und genauso wichtig, wie es ist, meine Grenzen zu kennen und nicht auszubrennen, ist es auch, Gemeinschaftlichkeit nicht zu verlieren. Es stellt sich also die entscheidende Frage: Wann achte ich tatsächlich auf mich und wann folge ich einer kapitalistischen Individualisierungslogik?

Ein Social-Media-Post, in dem mir erklärt wird, dass ich meinen Freund*innen keine Erklärung schulde, wenn ich absage, bringt mich zum Nachdenken. Für viele, auch für mich, ist Erschöpfung ein vertrautes Gefühl. Die Lösung liegt auf der Hand: mehr Selfcare. Nach den Gründen für unsere Erschöpfung und wie wir als Gesellschaft damit umgehen wollen, wird zu selten gefragt. Auch auf Social Media werden die zugrunde liegenden strukturellen Probleme oft gekonnt – teilweise wahrscheinlich unbewusst – verschleiert. Mal wieder ist das Individuum verantwortlich.

Zugleich wird die staatliche Gesundheitsversorgung immer weiter ausgehöhlt und in die Privatwirtschaft verlagert. Wer dabei verliert, sind wir. Wir, die wir eine gute Gesundheitsversorgung wollen; wir, die wir immer noch demselben Stress ausgesetzt sind; wir, die wir nicht besser bezahlt werden und dann auch noch Geld ausgeben sollen, um weiter Leistung zu bringen und normschön auszusehen.

Selbstfürsorge, aber sozial

Wie kann Selbstfürsorge wirklich funktionieren? Es sollte nicht um Optimierung gehen, sondern um ein Sich-Kümmern. Und das braucht Zeit. Ob regelmäßige Bewegung, gesunde Ernährung, soziale Kontakte oder therapeutische Unterstützung – alles noch weitere To-dos auf einer ohnehin zu langen Liste. Es braucht ein gesellschaftliches System, in dem das Wohlbefinden der Menschen im Vordergrund steht. Nicht, wie viel Profit man aus Stress und Leid herausholen kann.

Social Media kann dabei möglicherweise ein hilfreiches Tool sein, um sich zu informieren und zu vernetzen. Ein Entkommen von Konsum und Kapitalismus kann auf Plattformen wie Instagram aber immer nur illusorisch sein. Ich habe meinen Social-Media-Feed stark kuratiert – ich folge zahlreichen Accounts, die Zusammenhänge aufzeigen und systemische Probleme klar benennen. Schon am Tag nach dem Post zum Absagen von Treffen mit Freund*innen findet sich eine Reaktion darauf in meinen Stories: Wir sollten Beziehungen und Gemeinschaft pflegen, auch wenn es Aufwand ist.

Denn auch Selbstfürsorge kann und sollte sozial sein. Beziehungen und Sozialstrukturen sind genauso wichtig, wie die Zeit für sich selbst. In einem System, das die meisten von uns ausbeutet, ist es schwer, auf sich zu schauen. Selbstfürsorge kann nicht einfach konsumiert werden. Statt Symptombekämpfung sollten wir Care gemeinsam breiter denken. Denn unser Wohlbefinden und unsere Selbstbestimmtheit hängen unweigerlich von der Gesellschaft ab, in der wir leben. Gut klingende Tipps für Selfcare entpuppen sich oft als Mechanismen, die ein System erhalten oder verstärken, das nicht funktioniert. Statt einem Kampf jeder Person für sich sollten auch Selbstfürsorge und Care ein gemeinsamer, gesellschaftlicher Kampf für nachhaltige Veränderung sein.

Illustration: Hannah Krause

Weitere Beiträge aus „Medienrauschen. Die Kolumne“ findet ihr hier.

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