Nach mehr als fünf Jahren Vorbereitung eröffnet der Mitmach-Supermarkt MILA in Wien-Meidling. mosaik-Redakteurinnen Lucy Perera und Agnes Sieben haben Brigitte Reisenberger zum Interview getroffen. Sie erzählt, warum MILA ein politisches Projekt ist, nicht nur Bio ins Regal kommt und wie es um die Leistbarkeit der Produkte steht.
Am 09. Oktober 2025 herrscht geschäftiges Treiben im MILA-Supermarkt. Es ist der Tag vor der Eröffnung. Überall sind Mitglieder damit beschäftigt, frisch eingetroffene Waren einzuräumen. An einigen Stellen werden noch Regale montiert. Unsere Anwesenheit mit Kaffee in der Hand sorgt für skeptische Blicke – hier zählt jede helfende Hand.
Das Gespräch mit Pressesprecherin Brigitte Reisenberger verlegen wir deshalb in ihr Büro. Neben der 350 Quadratmeter großen Verkaufsfläche verfügt MILA über weitere 400 Quadratmeter für Gemeinschaftsräume, eine Küche, Büros und einen Veranstaltungsraum für Filmabende, Workshops oder Yogakurse. Schnell wird klar: Hier geht es um weit mehr als nur ums Einkaufen. In Österreich kontrollieren die Handelsketten REWE (u.a. Billa), Spar und Hofer rund 85 Prozent des Lebensmittelmarkts. Mit ihrer Marktmacht diktieren sie die Preise – zum Nachteil von Produzent*innen und Konsument*innen –, während sie selbst Milliardengewinne einfahren. Mit MILA eröffnet am Freitag in Wien-Meidling ein genossenschaftlich organisierter Mitmach-Supermarkt, der diesem System etwas entgegensetzen will – mit fairen Preisen, Mitbestimmung und einem Vollsortiment auf über 350 Quadratmetern.
mosaik: Vor ziemlich genau 5 Jahren haben wir von mosaik bereits mit euch ein Interview geführt. Damals existierte vor allem die Idee, nun eröffnet ihr morgen den Mitmach-Supermarkt. Was ist von der Idee geblieben?
Brigitte: Es ist eigentlich alles so eingetreten, wie wir es uns gewünscht haben. Wir mussten nur wenige Kompromisse machen, was unser grundsätzliches Modell angeht: Dass wir eine Genossenschaft sind; dass alle Personen, das gleiche Stimmrecht haben, egal wie viele Genossenschaftsanteile sie zeichnen; und dass sich das Sortiment nach Wünschen der Mitglieder gestaltet; und dass es diese dreistündige Mitmachschicht gibt, die uns überhaupt erst ermöglicht, so günstige Preise anbieten zu können; und die transparente Preisgestaltung; und dass wir jetzt diesen Ort in Meidling haben.

Wien ist voller Supermärkte. Warum braucht es noch einen Supermarkt?
Zu uns kommen viele Leute, die total frustriert sind, wie das Lebensmittelsystem aktuell organisiert ist. Anderen ist es sehr wichtig, möglichst verpackungsarm einkaufen zu können. Wieder andere kommen, weil wir mehr sind als ein Supermarkt, weil es bei uns auch um Gemeinschaft geht. Es geht darum, miteinander ins Gespräch zu kommen, in der Gemeinschaftsküche zu sein, andere kennenzulernen, die man vielleicht sonst niemals kennengelernt hätte. Sie kommen, weil es ein Community-Projekt ist und weil es nicht nur ein anonymer Supermarkt ist, in dem man an der Kasse gestresst wird und wo man merkt, dass die Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter*innen im Supermarkt miserabel sind, sie schlecht bezahlt werden und sie dann auch noch mit grantiger Kundschaft zu tun haben. Manche sehen es als ein sehr politisches Projekt.
Warum ein politisches Projekt? Könnte man nicht auch denken, es geht viel um euren eigenen, privaten Konsum?
In Europa und Österreich können sich immer weniger Menschen wirklich gute Lebensmittel leisten. In Österreich führt die Konzentration im Lebensmitteleinzelhandel einerseits zu hohen Preisen für die Konsument*innen und andererseits geraten die Bäuerinnen und Bauern immer mehr unter Druck. Auch in Umweltfragen gibt es viele Verlierer und nur wenige Profiteure in diesem System. Ich finde es wahnsinnig frustrierend, wenn gesagt wird, man könne durch sein Einkaufsverhalten die Landwirtschaftspolitik beeinflussen. Aber ich kann nicht darüber entscheiden, wie dieser Supermarkt funktioniert, welche Produkte im Regal stehen und unter welchen Bedingungen sie produziert werden.
Und inwiefern ist das bei MILA anders als bei anderen Supermärkten?
Bei MILA kann ich Einfluss nehmen und zeigen, dass ein anderes Wirtschaften möglich ist. Es macht irrsinnig viel Spaß und ist sehr ermächtigend zu sehen, dass man einen Supermarkt eröffnen kann. Diese ganz konkrete verrückte Idee einfach in die Tat umzusetzen, ist großartig. Fünf Jahre später sind wir mit den Leuten, mit denen wir am Anfang die Idee hatten, die Tiefkühlpizza ins Regal am Räumen und die Wände am Streichen. Das ist total verrückt. Wir haben uns angeschaut und gesagt: „Wir haben es wirklich gemacht!” Es ist toll zu sehen, wie groß die Gruppe geworden ist. Am Anfang waren wir eine Handvoll Leute und jetzt sind wir über 1.000 Mitglieder und es werden noch mehr.
Euer Konzept beruht auf der Mitarbeit der Mitglieder. Wie geht ihr damit um, dass freie Zeit unterschiedlich in der Gesellschaft verteilt ist?
Grundsätzlich sollen alle Mitglieder diese drei Arbeitsstunden pro Monat leisten. In der Mitgliederversammlung haben wir jedoch gemeinsam eine Reihe von Befreiungen beschlossen. Das betrifft Personen mit körperlichen Einschränkungen, Betreuungsverpflichtungen oder mit Erreichen eines gewissen Alters. Oder wenn es sonstige Gründe gibt, die es verhindern, dass man die Mitmachschicht macht. In diesen Fällen kann man sich relativ unkompliziert melden. Dann ist man sozusagen befreit und kann trotzdem einkaufen. Aber wichtig ist, dass man sich nicht freikaufen kann.

Die Stimmung in der Gesellschaft war 2020, als die Idee des Supermarktes Gestalt annahm, eine andere als heute, z.B. war die Klima- und Umweltbewegung präsenter. Was bedeutet die aktuelle Stimmung für eure Arbeit und die Mitgliedergewinnung?
Ja, da hat sich die Motivation, warum Leute MILA-Mitglied werden, sicherlich ein bisschen verschoben. Wir merken schon, dass die Frage „Das ist ja schön und gut, aber kann ich mir das überhaupt leisten, bei MILA einzukaufen?” immer häufiger gestellt wird. Deswegen ist es uns wichtig, Produkte in unterschiedlichen Preisklassen anzubieten. Speziell bei Obst, Gemüse oder Trockenware können wir wirklich einen super Preis für Bioprodukte anbieten, weil wir ganz viel direkt beziehen. Manch andere Produkte wie Fleisch, Milch oder Käse werden bei uns nicht billiger als woanders. Deswegen haben wir einen Solitopf eingerichtet.
Wie funktioniert der Solitopf?
Mitglieder und Nichtmitglieder können Geld oder Pfandbons spenden. Diese Spenden werden auf einem eigenen Konto verwaltet. Anschließend wird es an MILA-Mitglieder ausbezahlt, die Unterstützung anfordern oder anmelden. Das funktioniert alles sehr vertraulich und basiert auf der Eigeneinschätzung. Wir haben einen entsprechenden Fragebogen zur Selbsteinschätzung entwickelt. Dann wird den Leuten für sechs Monate monatlich ein Betrag für ihre Mitgliedskarte gutgeschrieben. Uns ist es sehr wichtig, dass dies möglichst ohne Extras oder günstigere Produkte erfolgt. Gerade weil es beispielsweise bei Sozialmärkten oft nur eine begrenzte Auswahl an Produkten gibt. Bei uns soll sich jeder auch mal das geile Kürbiskernpesto gönnen und sich nicht nur von Nudeln mit Tomatensoße ernähren müssen. Jeder soll frei entscheiden können, wofür er das Geld aus dem Solitopf verwendet.
Ist das auch darauf zurückzuführen, dass ihr in Meidling eröffnet habt?
Wir wollten bewusst in den Bezirk Meidling. Wir wollten nicht in den ersten oder siebten Bezirk. Dort gibt es schon genügend Bio-Supermärkte oder Ähnliches. Wir sehen schon, dass etwa 50 Prozent der neuen Mitglieder, seitdem wir hier sind, aus Meidling kommen. Die anderen sind sehr verteilt. Ungefähr 20 Prozent der Mitglieder nehmen den Sozialanteil in Anspruch, d. h., sie zahlen nicht die 180 €, sondern die 20 € Genossenschaftsanteil. Das sind ungefähr genauso viele Personen, die in Österreich von Armut bedroht oder betroffen sind.

Die Leistbarkeit scheint für euch aktuell ein wichtiges Thema. Wie wollt ihr das über den Solitopf hinaus gewährleisten, wenn ihr die Produzent*innen fair bezahlen wollt?
Bei uns geht es vor allem um die Transparenz. Also wie viel beim Bauern oder der Bäuerin ankommt. Neben der Steuer gibt es einen Aufschlag von 30 Prozent für MILA. Das Geld wird für den laufenden Betrieb, also für Miete, Energie und die Rückzahlung von Krediten verwendet. Die fünf Angestellten sorgen dafür, dass der Laden läuft, und koordinieren alles, sodass die Mitglieder ihre Mitmachschichten absolvieren können. 70 Prozent gehen an die Produzenten oder an die Lieferanten. Das ist für alle Produkte gleich. Jeder kann sich also im Kopf oder mit dem Taschenrechner vor dem Regal stehend, sofort ausrechnen, wie viel beim Bauern ankommt.
Was ist, wenn der Grundpreis für viele schon zu hoch ist?
Wir können uns entweder für einen anderen Lieferanten entscheiden oder Produkte in unterschiedlichen Preiskategorien anbieten. Das Spektrum reicht von günstigen Bio-Nudeln in größeren Mengen bis hin zu handgemachten italienischen Nudeln, die mehr kosten. So gibt es Regale mit dem gleichen Produkt in unterschiedlichen Preiskategorien. So können unsere Mitglieder je nach verfügbarem Budget einkaufen. Es gibt eine Mischung aus Bio- und Nicht-Bio-Ware. Es darf nebeneinander existieren, weil es darum geht, dass sich die Mitglieder das wünschen können, was sie gerne haben wollen, und weil hier niemand mit erhobenem Zeigefinger sagen will: „Was hast du dir denn da gekauft?” Die Leute können sich Produkte wünschen bzw. Vorschläge machen und das Sortiment mitbestimmen. Den Wünschen wird nachgegangen und es wird geschaut, ob wir die Produkte zu einem angemessenen Preis bekommen können. Letztendlich entscheiden die Mitglieder über ihren Einkauf.
Stimmen dann alle Mitglieder über die Vorschläge ab?
Nein, man kann nur positive Vorschläge machen. Man kann nicht sagen, dass man etwas nicht im Regal haben will. Klar werden irgendwann Sachen ausgemistet, wenn kein Platz mehr da ist. Aber der Mitinitiator unseres Vorbild La Louvre in Paris sagt immer, es sei wie in einer öffentliche Bibliothek. Es gibt von allem etwas, vom Comic bis zum Lexikon. Es darf alles da sein. „Wenn du Produkte verbietest, verbietest du Menschen.” Für viele Leute ist es nichts für sie, wenn da groß „Bio” oder Fairtrade draufsteht, oder es wie im Denns aussieht. Wir haben zwar viel Bio, aber wir tragen das nicht so extrem vor uns her. Uns geht es darum, dass wir den Einkaufskorb der Menschen etwas verschieben und ihnen den Zugang zu guten Lebensmitteln ermöglichen, ohne dass sie auf etwas verzichten müssen. Aber Nestlé oder Coca-Cola hat auch noch niemand vorgeschlagen.
Also dann gab’s die Diskussion auch noch nicht?
Nein, aber dafür hatten wir schon eine Avocado-Diskussion.
Wie ist sie ausgegangen?
Dass es Avocados gibt. Aber nicht aus Peru, sondern aus Spanien.
Hinter dir liegen schon Ballons und andere Deko. Worauf freust du dich jetzt am meisten?
Aufs Einkaufen. Auf den ersten richtig fetten Einkauf.

Auch wenn ihr noch kein Genossenschaftsmitglied seid, könnt ihr bei MILA einfach vorbeikommen und einen Schnuppereinkauf machen. Weitere Informationen und Termine für kommende Veranstaltungen sind unter https://www.mila.wien/termine/ zu finden.
Titelbild: MILA/Zoe Opratko
Interview: Lucy Perera, Agnes Sieben