„Palästina kann zum Kipppunkt der Menschlichkeit werden“

An der Hilfsflotte, die gerade nach Palästina segelt, ist auch eine Delegation aus Österreich beteiligt. Unterstützt von Aktivistin Marlene Engelhorn und Österreichs bekanntestem Gamer Rafael Eisler. Wir haben mit beiden gesprochen.

mosaik: Marlene, du wolltest bei der Global Sumud Flotilla nach Palästina mitsegeln, bist jetzt aber zurück in Wien – warum?

Marlene: Insgesamt war der Andrang sehr hoch, es haben sich mehr als 30.000 Leute angemeldet, um mitzufahren. Gleichzeitig gibt es aber nicht so viel Platz, auch aus Sicherheitsgründen, damit die Boote, die zur Verfügung stehen, nicht überladen werden. In Sizilien, von wo aus ein Teil der Flotilla startet, haben wir festgestellt, dass viele weiße privilegierte Menschen mit Reichweite an Bord kämen. Also haben wir als österreichische Delegation beschlossen, dass ich zurücktrete, um anderen einen Platz freizumachen und im Ground Support unterstütze. Eine ausgewogene Zusammensetzung ist generell sehr wichtig. Etwa, wer welchen Pass hat: Menschen mit Pässen aus den reichen Ländern Europas, wie Österreich oder Deutschland, oder Parlamentarier:innen “schützen” Leute mit “schwächeren” Pässen.

mosaik: Rafi, auch du unterstützt die Flotilla von Wien aus. Wie?

Rafi: Ich kümmere mich vor allem um die Reichweite und unterstütze die Arbeit auf Social Media.

mosaik: Warum versucht ihr, Gaza über den Seeweg zu erreichen?

Rafi: Im Juni gab es den Global March to Gaza, bei dem Aktivist:innen versucht haben, über den Landweg über Ägypten nach Gaza zu kommen. Dann gab es den Sumud-Konvoi, wo sie versucht haben, aus Tunesien im Konvoi nach Gaza zu kommen. Aber beides hat nicht funktioniert. Deshalb wurde dann entschieden, mit mehr Leuten über den Seeweg nach Gaza aufzubrechen, weil man damit größere Erfolgschancen hat.

Marlene: Deshalb auch der Name Sumud Flotilla – Sumud ist arabisch und steht für Resilienz oder Widerstand. Er drückt aus: Wir geben nicht auf, wir machen weiter. Palästina kann zum Kipppunkt der Menschlichkeit werden.

mosaik: In der Vergangenheit wurden Solidaritäts-Flotten ja bereits vom israelischen Militär aufgehalten und Aktivist:innen festgenommen. Was macht ihr, wenn das israelische Militär euch aufhält?

Marlene: Ich habe auf Sizilien bei einem Sicherheitstraining der Flotilla mitgemacht und alle Aktivist:innen sind gut vorbereitet. Es wird auch an Bord weiter trainiert, zum Beispiel wie wir Schwimmwesten schnell anlegen, auch im Dunkeln. Aber auch, wie wir mit Soldat:innen umgehen, dass man nicht in die Interaktion geht, nicht mit ihnen spricht, sich ruhig verhält. Und wie man signalisiert, dass man gewaltfrei ist. Dafür hält man die Hände hoch, um zu zeigen, dass sie leer sind – das ist ein international anerkanntes Zeichen, quasi wie eine weiße Fahne. Was dabei wichtig ist: Die Flotilla ist legal, sie ist vom Seerecht der Vereinten Nationen gedeckt, wir dürfen in internationalen Gewässern frei segeln. Die israelische Besatzung und die Blockade sind dagegen illegal – das internationale Recht ist also auf unserer Seite. Wenn Aktivist:innen vom Militär mitgenommen werden, ist das eine Entführung.

mosaik: In den letzten Tagen und Wochen gab es ja schon Konfrontationen, in der Nacht auf Mittwoch wurden Schiffe vor der griechischen Küste von Drohnen attackiert und beschädigt. Zuvor  gab es einen Angriff vor der tunesischen Küste, davon habt ihr auch ein Video auf Instagram gepostet. Woher kommen diese Angriffe?

Rafi: Es gibt eine breite Recherche von Expert:innen und Journalist:innen, die die Drohnen, mit denen wir vor der Küste Tunesiens angegriffen wurden, getrackt haben (Anm. d Redaktion: Die Ergebnisse der Recherche liegen der Redaktion vor). Aus der Recherche geht klar hervor, dass die Drohnen in Israel gestartet wurden.

mosaik: Macht euch das Angst?

Marlene: Klar hat man da auch Angst. Der Angriff soll sagen: Wir wissen genau, wo ihr seid, fühlt euch nicht zu sicher, ihr seid für uns angreifbar und wir schrecken auch nicht vor Gewalt zurück. Dabei geht es wahrscheinlich auch darum zu schauen, wie Medien und Öffentlichkeit reagieren. Für uns sind diese Angriffe aber auch kein Grund, dass wir uns beirren lassen. Wir wollen nach Palästina, um den humanitären Korridor zu öffnen, und lassen uns nicht einschüchtern, auch nicht von Gewalt.

mosaik: Marlene, du warst ja auch beim Verladen der Hilfsgüter dabei. Was hat die Flotilla denn dabei?

Marlene: Vor allem haltbare Lebensmittel wie Konserven, Mehl, Reis, Nudeln und Linsen, aber auch viel Babynahrung. Neben Lebensmitteln sind auch Medikamente und andere medizinische Güter verladen, beispielsweise Verbandszeug. Wir wissen, dass diese Hilfsgüter in Gaza nicht einmal einen Tag decken können. Hauptsächliches Ziel ist, dass die Blockade geöffnet wird. Während viele Menschen in Gaza hungern, verrotten Lebensmittel an der Grenze zu Gaza in Lagerhallen, das muss aufhören.

Rafi: Die Regierungen müssen sich bewegen und wir wollen mit unserer Aktion Druck für diese Veränderung aufbauen. Die bisherigen Hilfslieferungen per Luftabwurf waren nicht mehr als PR-Gags. Täglich werden in Gaza nach Berechnung von Hilfsorganisationen 12.000 Tonnen Nahrung gebraucht. Die bisherigen Lieferungen konnten das nicht annähernd abdecken, obwohl genug da wäre. Es ist eine bewusste Entscheidung Israels, in Gaza Menschen verhungern zu lassen. Und dann geht es um die Art der Lieferung: Der Abwurf aus der Luft hat nachweislich Menschen getötet, weil sie erschlagen wurden. Deshalb müssen Land- und Seeweg aufgemacht werden.

mosaik: Ihr habt beide keinen palästinensischen Hintergrund, wie hat es sich entwickelt, dass ihr euch so für Palästina einsetzt?

Rafi: Ich habe in meinem Leben viel Glück und viele Privilegien gehabt und gleichzeitig das Gefühl, dass viel schief läuft in der Welt. Seit Ende 2023 nutze ich meine Reichweite als Influencer, um auf die Verbrechen Israels aufzuklären. Über Instagram bin ich dann in Kontakt mit der Palästina-Bewegung gekommen. Die Bewegung ist sehr divers und Leute haben ganz unterschiedliche Bezüge: Manche über Familie, manche über Religion oder weil sie grundsätzlich was ändern wollen in der Welt. Es ist gut, dass die Bewegung breit ist, denn wir haben einen mächtigen Gegner. Nicht nur Israel, sondern alles, was dahinter steht: Kapitalismus und Patriarchat.

Marlene: Dem kann ich mich anschließen. Ich habe zu lange in der Öffentlichkeit zu Gaza geschwiegen. Vor allem weil ich Angst hatte, dass sich meine Position negativ auf die Leute, die mit mir zusammenarbeiten, auswirkt. Besonders die österreichische und deutsche Medienlandschaft ist ja sehr rassistisch und toxisch, sobald es um den Völkermord in Gaza geht und da hat man schnell eine Schmierkampagne. Aber vor ein paar Monaten ist mir dann die Hutschnur gerissen. Seitdem widme ich mich fast nur noch der Situation in Palästina. Auch wenn ich selbst dort keine Familie habe: Ich kann doch nicht zugucken, wie ein Völkermord begangen wird, auch noch unterstützt von Österreich.

Es gibt kein schlimmeres Verbrechen als einen Völkermord und gerade in Österreich und Deutschland sollte man aus der Geschichte gelernt haben. Meine Familie hat über die Firma Böhringer Mannheim mit dem Nazi-Regime kollaboriert. Daraus ergibt sich eine Verantwortung und da ist es das Mindeste, sich gegen das Morden in Gaza zu stellen. Und das Nächste ist: Wenn wir uns nur für die Angelegenheiten oder die Kämpfe einsetzen, die uns persönlich betreffen, dann können wir das mit der Menschlichkeit abhaken. Es wird jeden Tag offensichtlicher, was in Palästina passiert. Die Leute, die diesen Völkermord unterstützen, machen ja keinen Hehl daraus, was sie mit Gaza vorhaben. Die Washington Post hat kürzlich den Great Trust Plan der US-Regierung enthüllt, wonach Gaza unter die Kontrolle der USA gestellt werden soll.

mosaik: Diversität bedeutet meistens auch Spannungsfelder. Wie geht ihr mit unterschiedlichen Positionen um, zum Beispiel zwischen religiös motivierten Aktivist:innen und Leuten, die religionskritisch sind?

Marlene: Die Leute segeln nicht nach Gaza, um ihre politische Kleinkariertheit aneinander abzureagieren. Sie segeln mit, weil sie ein Ziel teilen und weil sie offen sind, einander zu begegnen als Mitstreiter:innen im selben Projekt. Mit allen Differenzen. Es kann auch durchaus sein, dass es Leute gibt, die sich dann manchmal heimlich denken, boah, was mache ich mit denen auf einem Boot oder so. Aber das ist Gesellschaft, das ist das Normalste der Welt, dass man nicht unbedingt sofort mit allen einverstanden ist.

Aber deswegen sind ja gerade solche Räume auch so wichtig, in denen es zum Austausch kommen kann, in denen es zur Begegnung kommen kann. Und ich habe dort als offen queere Person sehr schöne Begegnungen gemacht. Dieses Vorurteil, dass gerade muslimische Menschen so queerfeindlich sind, finde ich sowieso widerlich. Diskriminierungserfahrungen habe ich in meinem Leben vor allem im Kontakt mit christlich sozialisierten Menschen gemacht, so viel zur angeblichen moralischen Überlegenheit des Westens.

Titelbild: Global Sumud Flotilla

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