Wofür kämpfen, was gibt es zu gewinnen? – Prolog zum strategy summer 2025

Mit dem heutigen Vorspann wird an den vergangenen Sommer angeschlossen und der zweite „Strategy Summer“ auf mosaik eingeläutet. In einem mehrwöchigen Arbeitsprozess stellten sich mosaik-Redakteur*innen die Frage, was die Linke in ihren Kämpfen eigentlich zu gewinnen hat. Dieser Text dient als Grundlage und Ausblick für die kommenden Wochen.

„Wir müssen den Kapitalismus in den nächsten fünf Jahren abschaffen, so der Tenor von Mariana Rodrigues auf der 25-Jahre-Attac-Konferenz. Diesem Thema hat die Portugiesin mit ihrer Gruppe Climáximo ein ganzes Buch gewidmet. Ihre Stimme ist voller (Feuer und) Enthusiasmus. Für sie ist das Ende des Kapitalismus jedoch nur dann möglich, wenn sich alle entsprechend der gesellschaftlichen Krisen verhalten würden. Wir müssten also zunächst unsere Haltung ändern, all in gehen und damit eine global vernetzte und koordinierte Bewegung erschaffen. Wenn man ihr zuhört, wird man von ihrer Stimmung angesteckt, auch wenn die aktuelle (welt-)politische Lage eher ein Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit erzeugt. Es ist ungewohnt, aber schön, einem Menschen zuzuhören, der davon überzeugt ist, dass wir gewinnen können. Mariana trägt den großen Wurf vor: Eine globale Revolution, anders geht es ihrer Ansicht nach nicht in einer global vernetzten Gesellschaft. Auch wir von der mosaik-Redaktion stellen uns im diesjährigen Strategy Summer die Frage nach dem Gewinnen. Was heißt das eigentlich konkret und was brauchen wir dafür? Politische Strukturen, soziale Infrastruktur, neue Beziehungsweisen, den Mut, die Machtfrage zu stellen und, um an Marianas Enthusiasmus anzuschließen, Größenwahn.

Was Gewinnen heißt, ist keine leichte Frage

Gemessen an dem Ziel, Kapitalismus und Patriarchat zu überwinden, ist die Geschichte der Linken, besonders in Österreich, eher eine des Scheiterns. Hanna Eberle brachte dies in ihrer Reaktion auf das Podium zum zehnjährigen Bestehen von mosaik folgendermaßen zum Ausdruck: „Einmal mehr wird mir an diesem Abend allerdings klar, dass die Bewegungslinke in Österreich bei Fragen um Macht und Strategien einer gesellschaftlichen Linken keine Rolle spielt.“ Ihrer Meinung nach hat dies „auch mit fehlendem Selbstvertrauen zu tun und einer völlig falschen Ablehnung, sich Macht zuzuschreiben und sich dadurch zum Teil einer gesellschaftlich wirkmächtigen Linken zu machen.“ Ähnlich wie Mariana betont auch sie, dass wir unsere Einstellung dahingehend ändern müssen, um in den kommenden gesellschaftlichen Kämpfen wieder eine zentralere Rolle zu spielen.

Klingt simpel, ist aber kompliziert, insbesondere, wenn wir auf konkrete Beispiele blicken. Ist es ein Sieg oder eine Niederlage, wenn etwa eine soziale Bewegung Einfluss auf die gesellschaftliche Debatte nimmt und dabei viele Menschen Zugang zum politischen Aktivismus finden? Auch wenn sie keines ihrer direkt formulierten Ziele erreicht? Wenn man mit Genoss*innen in Wien darüber spricht, nennen fast alle die #unibrennt-Proteste 2009, das Refugee Protest Camp 2012 und den Sommer der Migration 2015 als wichtige Momente ihrer Politisierung, auch wenn letztlich jeder dieser Kämpfe auf lange Sicht verloren wurde.

Die Ketten, die wir tragen

Politisch erfolgreich zu sein, hat also stets etwas mit Selbstermächtigung und der Erkenntnis zu tun, dass die Welt um uns herum veränderbar ist, wenn sich Menschen zusammenschließen. Selbstermächtigung kann dabei auf unterschiedlichen Ebenen erfolgen, sei es im Betrieb oder aber auch in kleineren, zum Teil persönlicheren Zusammenhängen und Beziehungsweisen. „Große“ soziale Bewegungen beruhen demnach also immer auch auf unterschiedlichen Formen der gegenseitigen Hilfe sowie Netzwerken der Freund*innenschaft.

Dabei gilt, was Marx und Engels schrieben: „Die Proletarier haben nichts zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen.“ Was für eine ermutigende Vorstellung! Gleichzeitig wird es auch hier wieder kompliziert, wenn wir tiefer hineingehen. Denn die Ketten, die es zu verlieren gilt, sind unterschiedlich dick und manche Menschen tragen mehr davon als andere. Das zeigt sich insbesondere dann, wenn wir den Kapitalismus als globales Phänomen betrachten, der auf einer spezifischen imperialen Lebensweise beruht und dabei soziale und ökologische Kosten systematisch auf benachteiligte Gruppen und Regionen abwälzt. Doch besonders wenn wir unseren Blick auf Österreich beschränken, müssen wir anerkennen, dass viele nach Jahrzehnten der Akkumulation von Wohlstand eben doch mehr zu verlieren haben als ihre Ketten , sei es das eigene Erbe oder der gewohnte Konsumstil. Spannend wird es dort, wo Menschen mit unterschiedlich dicken Ketten aufeinandertreffen. Eine Erfahrung, die die Student*innen von unibrennt machten, als die Besetzung der Universität auch zunehmend zum Schlafplatz für wohnungslose Menschen in Wien wurde. Ähnlich war es, als sich 2012 antirassistische Aktivist*innen und Geflüchtete zusammengeschlossen haben, um sowohl für die individuellen Schicksale der direkt betroffenen Geflüchteten als auch für eine grundlegende Änderung des gesamten Asylsystems zu kämpfen.

Grenzkämpfe

Damit sind wir bei der Frage, welche Kämpfe letztlich entscheidend sind, um eine bessere Welt zu gewinnen. Hierfür ist es notwendig, die Perspektive auf den Kapitalismus und die damit verbundenen Unterdrückungsmechanismen zu erweiterten. Wie Nancy Fraser betont, beruhen kapitalistische Gesellschaften nicht allein auf einer alles durchdringenden ökonomischen Logik, sondern sind stets auf entsprechende nicht-ökonomische Hintergrundbedingungen angewiesen – den sogenannten „verborgenen Stätten der Produktion“, wie es bei Marx und Engels heißt. Dazu zählen etwa sozial reproduktive Tätigkeiten im Bereich der Care-Arbeit, die häufig mit einer geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung verbunden sind, ebenso wie (sozial-)politische Rahmenbedingungen, demokratische Teilhabemöglichkeiten und Machtverhältnisse.

Nicht zuletzt zählen auch ökologische Ressourcen dazu, die zum Teil gewaltsam angeeignet und auf nicht-nachhaltige Weise konsumiert werden. Gerade diese nicht-ökonomischen Hintergrundbedingungen, die zugleich die Grenze zwischen kapitalistischer Produktion und gesellschaftlicher Reproduktion markieren, sind in den vergangenen Jahren zum Schauplatz zahlreicher Kämpfe geworden. Neben dem klassischen Konflikt zwischen Arbeit und Kapital rücken also vermehrt ebensolche Grenzkämpfe in den Mittelpunkt – etwa in Bezug auf Geschlecht, Rassismus, Klima, Demokratie, Faschismus, Imperialismus und viele weitere -, an denen verschieden Gruppen von Akteur*innen beteiligt sind und deren „Ketten“ unterschiedlich schwer wiegen.

Wir haben keine Zeit mehr

Aus unseren Erfahrungen wissen wir, dass politische Organisierung viel mit dem Aufbau von Vertrauen sowie dem Kennen und Verstehenlernen der „Ketten der anderen“ zu tun hat. Politisch aktiv zu sein, bedeutet, einen langen Atem und stabile soziale Netzwerke zu haben. Nicht umsonst legt Bini Adamczak den Fokus auf die Beziehungsweisen. Gleichzeitig befinden wir uns aufgrund der Zuspitzung der Klimakrise und des Erstarken des Faschismus in einer Situation, in der schnelles Handeln gefragt ist. Dass die gegenwärtige Form des Kapitalismus und die mit ihm verbundene Weltordnung, wie wir sie seit Jahrzehnten kennen, aktuell im Niedergang sind, ist spürbar – und zeigt sich immer deutlicher in aktuellen Krisen und Kriegen.

Derzeit scheint es, als würden sich autoritäre und faschistische Gesellschaftsentwürfe durchsetzen. Gerade weil der Wunsch nach Veränderung groß ist und das Vertrauen in etablierte Institutionen gering, können faschistische Bewegungen mit ihrem Ziel, das Aktuelle einzureißen und „wieder Ordnung“ zu schaffen, starken Zulauf verzeichnen. Mit ihrem verzerrten Bild von Volk, Solidarität und Sicherheit bedienen sie ein existenzielles Bedürfnis vieler Menschen, das aktuell so von niemandem sonst gedeckt wird. Obwohl linke Parteien und Bewegungen entsprechende Ideen und Angebote in Bezug auf Fragen der Solidarität oder nach Sicherheit, sei es in ökonomischer oder aber sozialer Hinsicht, bereitstellen, scheinen deren Antworten nicht hegemoniefähig zu sein.

Nach der Auflösung der Sowjetunion und dem Siegeszug des Neoliberalismus geriet die Vorstellung, den Kapitalismus überwinden zu können, mehr und mehr in die Ferne. Wie etwa Mark Fisher festhielt, war es lange Zeit einfacher, sich das Ende der Welt vorzustellen, als das Ende des Kapitalismus. Im Gegensatz zu seinen Vorläufern schien der neoliberale Kapitalismus nunmehr alle gesellschaftlichen Bereiche – auch seine nicht-ökonomischen Hintergrundbedingungen – zu durchdringen. Einige linke Gegenbewegungen konnten hierauf, wenn auch nur zögerlich, reagieren. Andere wiederum – allen voran die europäische Sozialdemokratie – wechselten die Seiten. Ungeachtet personeller Veränderungen ist eine Rückkehr bis heute nicht in Sicht, die Regierungsbeteiligung von Andreas Babler liefert hierfür mittlerweile zahlreiche Belege. Insbesondere seit dem Scheitern von Syriza im Jahr 2015 scheint sich die europäische Linke von dieser Niederlage nicht mehr erholt zu haben. In Anbetracht dieser Ohnmacht gegenüber autoritär-neoliberalen Kräften gibt es daher nur wenig Vorstellungen davon, wie der Kampf um eine bessere Welt zu gewinnen wäre.

Ein gutes Leben gewinnen: was bedeutet das?

Gleichzeitig sind Dinge angesichts gegenwärtiger multipler Krisen ständig im Fluss. Der Begriff Krise sagt bereits aus, dass sich die starre Gesellschaftsordnung aufweicht und in viele Richtungen offen ist. Eine solche Übergangsphase, in der das Alte stirbt, das Neue aber noch nicht zu Welt gekommen ist, beschreibt die gegenwärtige Lage recht gut. Wer hätte beispielsweise Mitte der 1780er Jahre gedacht, dass am Ende des Jahrzehnts die Französische Revolution ausbrechen würde? Oder wer hätte 1916 während des Ersten Weltkriegs gedacht, dass zwei Jahre später weite Teile der europäischen Monarchien hinweggefegt werden würden?

Um die Ketten abstreifen zu können, braucht es immer auch ein bestimmtes Ziel oder eine Idee, für die es sich zu kämpfen lohnt. Auf unterschiedlichen Ebenen bedarf es des Austauschs über Formen der Organisierung und Strategien, aber auch über die damit verbundenen Beziehungsweisen, damit sich die eigenen Ressourcen nicht allzu schnell erschöpfen. Ein gutes Leben zu gewinnen bedeutet also auch stärker Fragen zu beleuchten, die das eigene (Über-)Leben und die dafür erforderlichen Rahmenbedingungen (Arbeit, Wohnen, Familie, Freundschaft) betreffen. Es bedeutet jedoch auch, die Art und Weise der Kommunikation, der Auseinandersetzung und des Konflikts zu hinterfragen. Diese stellen viele politische Zusammenhänge immer wieder vor Herausforderungen. Ebenso bedeutet es, sich mit aktuellen Geschehnissen wie Krieg oder der zunehmenden Militarisierung – Fragen, die innerhalb der Linken immer wieder zu Spaltungen geführt haben – zu konfrontieren und hier eigene Positionen zu entwickeln. Vor allem benötigt es aber konkrete Vorstellungen davon, was ein gutes Leben für alle bedeutet und wie wir gemeinsam dorthin kommen. Denn eine Linke, die nicht weiß, wofür sie kämpft, ist – weniger überraschend – nicht sonderlich stark.“

Ausblick Sommerreihe und Themen

Innerhalb eines Jahres ist es uns von mosaik gelungen, uns neu zusammenzufinden und eine Vorstellung davon zu entwickeln, warum es sich lohnt, in einem zunehmend von rechten Kräften dominierten Internet- und Medienkosmos weiterzuschreiben und linke Bewegungen sichtbar zu machen. Es gibt diese schönen Momente, in denen man merkt, dass trotz all der Finsternis um einen herum immer wieder etwas entsteht und dass Dinge, die bereits als gescheitert galten, wieder aufgebaut werden können. Vielleicht braucht es nur mehr Selbstbewusstsein, um sich das einzugestehen und weiterzutragen. Das wollen wir diesen Sommer versuchen. In den nächsten sieben Wochen werden wir in unterschiedlichen Artikeln ergründen, was es zu gewinnen gibt: politische Freund*innenschaften, die Bewegung als Netzwerk im Alter, internationale Vernetzungsräume, sichere Wohnorte, neue Formen des Antimilitarismus, eine feministische Streitkultur oder auch die ganze Welt.

Unsere Sommerreihe wird mit Bildern von Jlo begleitet. Die Fotografien stammen aus einem Fundus alter Dias und wurden in den ersten Lockdowns der Corona-Pandemie angeschafft, um zu Hause mit Bezugspersonen Diashows im Stil der Großelterngeneration zu veranstalten, diese mit ausgedachten Geschichten zu untermalen und gemeinsam zu lachen. Durch verschiedene Arten von Schimmel und langem Aussetzen in Feuchtigkeit sind viele der Dias verfremdet worden, wodurch sich die Motive zu spannenden Farbformen zersetzen. Jlo versucht, diesen Prozess selbst herzustellen und als Kunstprojekt aufzugreifen.

Weitere Beiträge

Teilen & Helfen

Spenden & Helfen

Lorem ipsum dolor sit amet, consectetur adipiscing elit. Ut elit tellus, luctus nec ullamcorper mattis, pulvinar dapibus leo.