Wohltuend und aufrichtig. In „Love Me Tender, Love Me Queer“ mischen sich persönliche Geschichten, popkulturelle Referenzen und die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Stereotypen zu lebhaften Erzählungen über queeres Leben. mosaik war bei der Premiere im WUK.
Von der Bühnendecke hängen lange, dünne Fäden, halbdurchsichtige Vorhänge. Man kann vorsichtig durchblicken, mit Anlauf durchspringen, sich darin verfangen. Auch Zöpfe werden damit geflochten – meditativ anmutend. Ganz nebenbei flechten die Performer*innen die Fäden und erzählen Geschichten aus der Jugend. Von gesellschaftlichen Erwartungen und der Freiheit, sich ausdrücken zu können und zu finden.
Fluide ist auch der Wechsel der Rollen im Stück – die vier Performer*innen erzählen teils einzeln, dann wieder gemeinsam kleine Ausschnitte aus persönlichen Geschichten der letzten Jahrzehnte. Das Erzählte stammt aus 24 Interviews mit in Wien lebenden queeren Menschen zwischen 21 und 84 Jahren. Die Geschichten wurden von der Blind Date Collaboration zum dokumentarisch-performativen Theater verarbeitet.
Ort der Aufführungen ist das WUK Werkstätten- und Kulturhaus in der Währinger Straße. Eines der größten soziokulturellen Zentren Europas, in dem Kunst, Politik und Soziales aufeinandertreffen. Passend zur Suche nach queerer Identität ist auch das WUK ein Raum zum Lernen, Ausprobieren und Teilhaben – zum sich selbst und seine Community finden. An Vorstellungstagen gibt es im WUK-Foyer außerdem die partizipative, mobile TIN*-Werkstatt. Dort wird an trans, inter und nichtbinäre (tin*) Gruppen, Aktionen, Kämpfe und Feste erinnert und Besucher*innen können selbst Wiener tin* Geschichte mitschreiben.
Geschichten und Gesichter
„Love Me Tender, Love Me Queer“ vermischt persönliche Geschichten mit Performance, Musik und neuen Interpretationen queer ikonischer Musikvideos. Durch den häufigen Rollenwechsel der Performer*innen bei der Erzählung der Geschichten wird eine Austauschbarkeit der Körper vermittelt. Mal wirkt es wie ein Dialog, mal stehen die Geschichten ohne Berührungspuntke nebeneinander und mal wird eine Geschichte von mehreren Performer*innen erzählt.
Damit geht ein Bruch mit heteronormativen Rollen auf mehreren Ebenen einher: Nicht nur die Geschichten sind queer und vielschichtig, auch die Rollen der Performer*innen wechseln ständig. Es ist nicht vorhersehbar, wer welche Geschichte in welcher Rolle erzählt. Es wird so ein gewisser Anspruch zur Allgemeinheit der Situationen – beziehungsweise der Schicksale – verdeutlicht. Nicht bloß das Individuum, sondern vielmehr die gesellschaftliche Stellung selbst, die Verhältnisse an sich kommen zum Ausdruck.
Zuschauer*innen müssen aufmerksam bleiben, den individuellen Geschichten folgen. Zugleich sind die Kämpfe universell, die erfahrene Diskriminierung, die Ängste und auch die schönen und befreienden Momente sind nachempfindbar. Durch die wechselnden Darsteller*innen und ihre Rollen werden die Erzählungen aufgebrochen und es bleibt auch nach der Aufführung ein bunter Mix aus Emotionen zurück.
Queere Spaces und LGBTQIA+ Icons
Zwischen den Erzählungen werden kunstvolle Videos eingeblendet. Come to my window von Melissa Etheridge, die sich 1993 öffentlich auf der Vereidigungsfeier von Bill Clinton als lesbisch bekannte. Im hyperinszenierten Video verschmelzen Melissa Etheridge und die 1998 geborene Chappell Roan, ebenfalls Queer-Pop-Icon. Repräsentation ist heute genauso wichtig wie damals, so die Message. Das Aufbrechen heteronormativer Stereotype findet sich immer wieder im Stück, so blicken sich etwa in der weltbekannten romantischen Titanic-Szene drei Menschen schmachtend an.

Rückblicke in eine vergangene Zeit – die 80er und 90er; Orte in Wien, an denen man sich traf und Gespräche, die man führte. Darüber, dass Frauen sich erstmals scheiden lassen konnten und wie Johanna Dohnal sich für die Rechte von Frauen einsetzte. Über wehrhafte Frauen, über die HOSI (Homosexuelle Initiative) und die Solidarität lesbischer Frauen während der HIV/AIDS-Krise. Vieles wurde erreicht, vieles liegt scheinbar weit zurück, doch das Stück blickt nicht durch die rosa Brille: „Warum müssen wir das immer noch diskutieren?“ wird an einer Stelle regelrecht gebrüllt.
Immer wieder stoßen die Erzählungen an die Grenzen der Gemeinschaft. Wer gehört dazu? Wer darf dabei sein? Wie muss ich sein, um dazuzugehören? Wie schon im Buch Freundschaft unter Vorbehalt, 1997 erschienen, zeigen sich Barrieren nicht nur nach außen, sondern auch innerhalb der Gemeinschaft. „Lesbisch… oder doch queer?“, wird ganz nebenbei gefragt. Es dürfen die einenden und trennenden Elemente parallel existieren, wenn auch der positive Unterton überwiegt.
Sünde, Scham und Sexualität
Zum weltbekannten Synthiepop-Song It´s a sin aus dem Jahr 1987 wird die Stimmung im Saal gleich ganz anders. Aufgeladen. Katholische Erziehung, Sexualität und Scham treffen hier aufeinander. Kann ich katholisch und queer sein? Und kann ich queer und katholisch sein? Die nächste Grenze, die nächste potentielle Spaltungslinie. Die Aufführung lässt die Ambivalenzen zu, sucht aber die verbindenden Elemente – die Fäden werden zumindest auf der Bühne entwirrt, aber die Antworten bleiben größtenteils offen. Widersprüche müssen ausgehalten werden und gewisse Unschärfen erscheinen bewusst gewählt. Die Theaterperformance blickt auf die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, queer zu lieben. Wer darf wen, wie und wo lieben? Was macht ein Gemälde zweier nackter Frauen mit mir und wie kann ich die Macht über meine Identität und meinen Körper (zurück-)erlangen?

Chosen family als heile Welt?
Ein Aufbauen auf die Errungenschaften der vorherigen Generationen – auf der Bühne werden Stühle langsam wie zu einer Brücke aneinander gereiht. Kann aus der Brücke auch eine Stiege werden? Zwei Stühle lassen sich stapeln, dann wird es doch zu unsicher. Eine gelungene Metapher für die immer wieder kehrenden Kämpfe und die Brüchigkeit der Errungenschaften.
Der Abschluss zeichnet dann doch ein anderes Bild: Rina Sawayamas Song Chosen family und die Aufnahmen glücklicher Menschen beim gemeinsamen Essen lassen das Publikum beschwingt und hoffnungsvoll zurück. So viel ist bereits geschafft und alles wird gut, wenn wir nur zusammenstehen. Ein schönes Gefühl, zumindest im ersten Moment. Im zweiten Moment schleicht sich die Realität herein und es stellt sich die Frage, ob ein positiver Abschluss in dieser Gesellschaft denn überhaupt gelingen kann. Ist freie (queere) Liebe doch eher unmöglich als möglich?
Dabei muss klar werden, dass die Spannungen innerhalb der queeren Community keineswegs losgelöst von den gesellschaftlichen Strukturen sind. Jede erkämpfte Errungenschaft ist ständigen Spaltungsversuchen ausgesetzt und in den Verhältnissen unserer kapitalistischen Gesellschaft stets prekär. Auch wenn das in der Aufführung eher indirekt als direkt klar wird, so liefert sie dennoch wesentlich mehr als nur Unterhaltung. Sie schafft Raum für queere Geschichten, für Erinnerung und ist ein Plädoyer für mehr Zusammenhalt innerhalb der queeren Szene. Die anschließende genau einstündige Party hat den Rest der Welt dann nochmals für eine kurze Weile beiseite geschoben und vielleicht ist das auch okay so.
Titelbild: Rajarshi Sarkar
„Love Me Tender, Love Me Queer“ läuft diese Woche noch an folgenden Terminen im WUK performing arts:
Mi 18. Februar 2026
Do 19. Februar 2026
Fr. 20. Februar 2026
jeweils 19:30 Uhr
Anm. der Redaktion: mosaik hat ein Presseticket für die Premiere am 14.02.2026 erhalten.