Protestzug von GKN

„Aufgeben wollen wir aber nicht“ – Entscheidende Phase bei Ex-GKN

Seit viereinhalb Jahren kämpfen die Arbeiter*innen von Ex-GKN Florenz für den ökologischen Umbau ihrer Fabrik – trotz massiver Widerstände. Wie die Verwirklichung eines Leuchtturmprojekts doch noch gelingen kann, erzählt Ex-GKN-Betriebsrat und Aktivist Dario Salvetti.

Lucia Steinwender: Du gibst dieses Interview von deinem ehemaligen Arbeitsplatz, der GKN Driveline-Fabrik in Florenz. Deine Chefs haben das Gebäude seit viereinhalb Jahren nicht betreten. Du und deine Kolleg*innen führen die längste Fabrikbesetzung in Italiens Geschichte an. Wie hat das alles begonnen?

Dario Salvetti: Zunächst einmal haben wir an diesem Standort seit vielen Jahrzehnten Autoteile produziert – ab 1939 unter Fiat und seit 1994 unter GKN. GKN verkaufte uns 2018 an an den Private-Equity-Fonds Melrose. Dieser beschloss im Jahr 2021, unsere Fabrik zu schließen und an eine Immobilienagentur zu verkaufen – ein klassisches Beispiel von Immobilienspekulation. Am 9. Juli 2021, einem Feiertag, erhielten wir eine E-Mail. In dieser stand, dass wir alle gekündigt worden seien und das Werk nicht mehr betreten dürften. Noch am selben Morgen haben wir uns vor der Fabrik versammelt, die Securities verdrängt und die Fabrik unter unsere Kontrolle gebracht. Wir haben eine dauerhafte Betriebsversammlung gestartet – in Italien ist das eine gesetzlich abgesicherte Methode. Die Versammlung dauert bis heute an. So haben wir verhindert, dass die Fabrik geschlossen und abgerissen wird.

LS: Bis zur Kündigung habt ihr Achswellen für Maserati oder Fiat hergestellt. Nach eurer offiziellen Entlassung habt ihr gemeinsam mit Wissenschaftler*innen einen neuen, ökologischen Produktionsplan entwickelt. Jetzt wollt ihr Lastenräder und Photovoltaikanlagen herstellen. Wie seid ihr auf diese Idee gekommen?

DS: Uns war klar, dass wir diesen Kampf nicht alleine gewinnen können. Zwar waren wir innerhalb der Fabrik unglaublich gut organisiert – während Verhandlungen mit dem Management reichte oft ein Pfiff, damit das ganze Werk die Arbeit niederlegte. Aber ab dem Moment der Kündigung nützte uns das nichts mehr. Was juckt den Arbeitgeber ein Streik, wenn er die Fabrik ohnehin schließen will?

Der gewerkschaftliche Kampf musste an diesem Punkt zu einem sozialen Kampf werden. Also haben wir die Verteidigung der Fabrik in eine Bewegung gewandelt. Als Bewegung fordern wir eine Reindustrialisierung mit einem ökologischen Plan. Und so haben wir relevante Gruppen – wie die Klimabewegung – an Board geholt. Wir haben letztlich Tausende von Menschen dazu gebracht, sich unserem Kampf anzuschließen und ihn zu unterstützen.

LS: Ihr habt wiederholt zehntausende Menschen in Italien auf die Straße gebracht, die eure Forderung nach der Wiedereröffnung unterstützen. Auch international seid ihr mittlerweile bekannt. Wie habt ihr es geschafft, so breite Unterstützung zu mobilisieren?

DS: Ich denke, viele Menschen fühlen die Ausbeutung und die immer härteren Bedingungen an ihrem eigenen Arbeitsplatz. Viele wissen, dass der Kapitalismus schlecht ist; dass wir mitten in der Klimakrise sind und eine wirtschaftliche Katastrophe durchleben. Aber es gibt selten Kämpfe, die konkret sind, eine Alternative aufzeigen und die man gewinnen kann.

Demonstration in Florenz im Herbst 2025
LS: Wie sieht euer Plan, zu gewinnen, aus?

DS: Wir haben einen neuen Produktionsplan entwickelt. Einerseits wollen wir Lastenfahrräder und andererseits Photovoltaikmodule herstellen. Leiten soll die Produktion eine Arbeiter*innengenossenschaft. Auf diese Weise haben wir direkte Demokratie am Arbeitsplatz.

Trotzdem wäre auch diese Kooperative dem Druck des kapitalistischen Marktes ausgesetzt – und liefe Gefahr, sich wie jedes andere kapitalistische Unternehmen auf Profite zu konzentrieren. Deshalb haben wir schon 2023 eine öffentliche Sharheolderkampagne ins Leben gerufen. Durch sie kann die lokale Bevölkerung – aber auch die internationale Unterstützungsbewegung – Anteile kaufen. Das ermöglicht die Beteiligung an Richtungsentscheidungen. Wir wären damit ein Experiment gesellschaftlich kontrollierter Produktion. Gleichzeitig wollen wir durch die öffentliche Kampagne finanzielle Mittel für den Start der Produktion beschaffen, ohne in die Abhängigkeit von Staat oder großen Investoren zu geraten.

LS: Mit dieser Shareholderkampagne habt ihr aktuell Investitionszusagen im Wert von 1,5 Millionen Euro gesammelt. 1.500 Personen, Gruppen und Organisationen beteiligen sich bislang. Reicht das aus, um die Produktion zu starten?

DS: Nein. Um unseren gesamten Reindustrialisierungsplan umzusetzen, braucht es 12 Millionen Euro. Der Plan war nie, das gesamte Geld über die Kampagne aufzubringen. Wir haben uns sowohl an die Regionalregierung als auch an ethische Banken auf der ganzen Welt gewandt. Sie sollten zusätzlich in unseren Plan investieren.

Für den Rückkauf des Werksgeländes vom jetzigen Eigentümer forderten wir außerdem die Regionalregierung auf, einzuschreiten. Sie verfügt über die finanziellen und rechtlichen Mittel, das Gelände zu kaufen oder sogar zu enteignen, um die spekulationsgetriebene Deindustrialisierung der Region zu stoppen. Dafür haben wir uns bereits seit Langem für die Einrichtung eines öffentliches Industriekonsortiums eingesetzt.

LS: Ihr habt bereits mit allen Mitteln versucht, Druck auf die Politik auszuüben. Ihr habt das Rathaus und Wahrzeichen von Florenz besetzt, habt eine Volksbefragung organisiert und dabei 16.000 Unterschriften in der lokalen Bevölkerung gesammelt. Ihr hattet den Bürgermeister eurer Gemeinde Campi Bisenzio so weit, eine mögliche Enteignung des Werkes anzukündigen. Wie stellt sich die Situation aktuell dar?

DS: In der Zwischenzeit ist völlig klar geworden, dass Stadt oder Staat kein öffentliches Kapital für die Organisation der Klimawende einsetzen wollen. Die Regionalregierung hat das von uns geforderte Industriekonsortium zwar ins Leben gerufen. Aber das ist eine Farce. Es ist völlig inaktiv. Es besteht schlicht kein Interesse daran, die ökologische Reindustrialisierung von Fabriken zu fördern.

Wir sind nur ein Beispiel für die Finanz- und Rentenspekulation, die derzeit die europäische Industrie zerstört. Das private Kapital hat dieses Vakuum, dieses soziale Massaker in der europäischen Automobilindustrie geschaffen. In den letzten fünf Jahren haben Aktionär*innen sehr hohe Gewinne erzielt und gleichzeitig überall in Europa Arbeitsplätze abgebaut. Weder die privaten Investor*innen noch die Politiker*innen sind daran interessiert, dass wir ein erfolgreiches Gegenbeispiel dazu schaffen. Sie wollen uns davon überzeugen, dass die einzige Lösung, Europas Industrie zu retten, die Rüstungsproduktion ist.

„Festival Working Class“ im April 2025 am Ex-GKN-Gelände
LS: Gibt es unter diesen Umständen überhaupt noch eine Chance, den Kampf trotzdem zu gewinnen?

DS: Uns ist klar, dass wir nicht länger auf Lösungen aus der Politik warten können. Aufgeben wollen wir aber nicht. Deshalb setzen wir nun alles auf die öffentliche Shareholderkampagne. In einer intensiven und vielleicht letzten Phase versuchen wir aktuell, durch das Crowdfunding so viel Geld wie möglich aufzubringen. Konkret wollen wir 2 Millionen Euro sammeln. Wir wären damit selbst der Hauptinvestor unseres ökologischen Reindustrialisierungsplan. Entweder erhöhen dann die Regionalregierung und alle anderen Investoren unser Startkapital oder wir starten unseren Produktionsplan in kleinem Maßstab an einem neuen Ort.

Dann würden wir unseren Reindustrialisierungsplan zwar nicht in vollem, aber zumindest im kleinen Maßstab umsetzen. Ich halte das für entscheidend. Denn so bleiben wir ein konkret greifbares Gegenbeispiel zu den aktuellen politischen Entwicklungen. Ein Beispiel dafür, dass wir unsere Produktion ökologisch umbauen können – und zwar geplant und verwaltet von Arbeiter*innen und Gesellschaft.

LS: Wie können Menschen euren Kampf unterstützen und euch helfen zu gewinnen?

DS: Zunächst einmal, indem sie unsere Geschichte verbreiten, unseren Social-Media-Konten folgen und ihr Umfeld über unseren Kampf informieren. Finanziell gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man erwirbt über Ener2Crowd Anteile an der zukünftigen Genossenschaft oder Unterstützer*innen tragen einfach und direkt zum Crowdfunding auf ARCI bei. Damit wir noch einen Teilsieg davontragen können, zählt jeder Beitrag. Wenn wir, die wir die Fabrik viereinhalb Jahre lang verteidigt haben, diesen Kampf nicht gewinnen können, wer dann?

Weitere Informationen finden sich auch auf dem deutschsprachigen Instagram-Account der Unterstützungsbewegung sowie auf der Website.

Interview: Lucia Steinwender
Bilder: Collettivo Di Fabbrica

Weitere Beiträge

Teilen & Helfen

Spenden & Helfen

Lorem ipsum dolor sit amet, consectetur adipiscing elit. Ut elit tellus, luctus nec ullamcorper mattis, pulvinar dapibus leo.