Zwischen Naturschutz und Bauernbund: Wie kann Renaturierung in Österreich funktionieren?

Die Machtverhältnisse im Bezug auf Umwelt- und Naturschutz müssen auf gesellschaftspolitischer Ebene betrachtet werden. Denn hinter den Entscheidungen welche Flächen geschützt und renaturiert werden, stehen starke Interessengruppen. So auch der Bauernbund, als starke Vorfeld-Organisation der ÖVP.

Das EU-Renaturierungsgesetz sorgte im Juni 2024 für eine Regierungskrise zwischen der ÖVP und den Grünen. Ausschlaggebend dafür war die Zustimmung der damaligen grünen Umweltministerin Leonore Gewessler zum Nature Restoration Law (NRL) im europäischen Ministerrat. Seitens der ÖVP herrschte starker Widerstand gegen das Gesetz. Trotz der Verbreitung von Falschinformationen gegen das NRL durch konservative und rechte Kräfte, sprachen sich einer Umfrage des Markets Institut zufolge 82% der Österreicher*innen für das Gesetz aus. Für die Umsetzung der EU-Verordnung zur Wiederherstellung der Natur (VO-EU-2024/1991) – umgangssprachlich Renaturierungsgesetz– sind die europäischen Mitgliedsstaaten zuständig. Bis September 2026 müssen sie der EU-Kommission einen nationalen Wiederherstellungsplan vorlegen.

Mensch und Natur – eine Entfremdung

In der westlichen, kapitalistisch geprägten Gesellschaft hat sich die Beziehung des Menschen zur Natur tiefgreifend verändert. Natur wird als etwas “zu beherrschendes“ empfunden – etwas, das „da draußen“ existiert, aber wenig Einfluss auf unser tägliches Leben hat. So gibt es wenig Bewusstsein für die fundamentalen Funktionen der Ökosysteme, auf die wir Menschen aber unbedingt angewiesen sind. Die Entfremdung von der natürlichen Umwelt hat gravierende Folgen auf die Existenz natürlicher Lebensräume, die verbaut oder intensiv genutzt werden – aber auch auf die psychische Gesundheit der Menschen.

Eine Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung zeigt, dass bereits ein einstündiger Spaziergang in der Natur die Aktivität in Gehirnregionen reduziert, die mit Stressverarbeitung in Verbindung stehen. Darüber hinaus zeigt eine dänische Studie, dass Kinder, die in grüneren Umgebungen aufwachsen, ein bis zu 55 % geringeres Risiko haben, im späteren Leben psychische Erkrankungen zu entwickeln. Gleichzeitig nimmt die Belastung durch schädliche Lebensbedingungen stetig zu — von schlechter Ernährung über Schadstoffbelastungen bis hin zu den Folgen des Klimawandels. Der Schutz und die Renaturierung von natürlichen Flächen sind deshalb nicht nur ökologische, sondern auch gesellschaftliche und gesundheitliche Aufgaben.

Dringender Handlungsbedarf

In der Alpenrepublik Österreich wird gerne das Bild der intakten Natur vermittelt, in der Bergbäuer*innen nachhaltig die Almenbewirtschaften. Das verschweigt jedoch die Wirklichkeit, dass über 80 Prozent der geschützten Arten und Lebensräume Österreichs in keinem günstigen Erhaltungszustand sind. Das heißt, sie sind teilweise vom Aussterben bedroht oder können ihre Funktionen als Lebensraum nur noch bedingt erfüllen. Um Moore – als riesige Kohlenstoffspeicher unsere Verbündeten im Kampf gegen die Klimakrise – steht es besonders schlimm: über 90 % der ursprünglichen Moorfläche Österreichs ist bereits zerstört worden. Und auch über 50 % der heimischen Flüsse müssten für einen besseren Hochwasserschutz und um ihre natürlichen Funktionen erfüllen zu können renaturiert werden. Daraus ergibt sich eine Dringlichkeit bei der Umsetzung des Renaturierungsgesetz – auch unter Berücksichtigung der hohen Bodenversiegelungsrate und der sich verschärfenden Auswirkungen der Klimakrise.

Einfluss des Bauernbunds

Im österreichischen Naturschutz spielen verschiedene Akteur*innen eine bedeutende Rolle. Besonders große Grundbesitzer wie die katholische Kirche und ehemals adelige Familien, aber auch die Interessen der Landnutzenden. Der Bauernbund mit 236.000 Mitgliedern organisiert den Großteil der Bäuer*innen und hat in Österreich eine enorme Machtposition inne. So ist er neben dem Wirtschaftsbund die stärkste Vorfeld-Organisation der ÖVP, stellt deren Landwirtschaftsminister*innen und hat somit viele Errungenschaften für den Bauernstand geschaffen.

Vertreter*innen des Bauernbunds sitzen in sämtlichen politischen Gremien, oft mit einer Anzahl weit über der prozentualen Repräsentation der Bauernschaft. So stellt die ÖVP rund 70% aller Bürgermeister:innen, wobei davon die Hälfte vom Bauernbund stammt. Im Nationalrat sitzen derzeit 15 Abgeordnete vom Bauernbund, wobei sie eigentlich nur 1,7% der Bevölkerung repräsentieren und damit sehr viel stärker vertreten sind als andere Bevölkerungsgruppen. Norbert Totschnig, seit Mai 2022 Landwirtschaftsminister, war von 2017 bis 2022 Direktor des Bauernbundes. Seit dieser Legislaturperiode fallen Klima- und Naturschutzfragen in sein Ministerium. Auf seiner Agenda steht aber eher das Entkräften von Umweltauflagen oder das Herabstufen des Schutzstatus des Wolfes.

In Österreich arbeiten nur noch 3,1 % der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft, wobei sie 109.000 bäuerliche Betriebe bewirtschaften (Stand 2023). Mehr als die Hälfte sind Nebenerwerbsbetriebe. Kleine Höfe sind oft nicht mehr wirtschaftlich, da Agrarförderungen pro Fläche gezahlt werden und so große Betriebe bevorteilt werden. Wer nicht wächst oder ein innovatives Geschäftsmodell nutzt, muss seine Landwirtschaft aufgeben. Doch im Durchschnitt steigt das Einkommen der Landwirt*innen, denn vor allem die großen Betriebe erhöhen ihre Profite. Konfliktlinien und Interessenunterschiede ziehen sich also auch zwischen klein- und großbäuerlichen Interessen.

Jugend fordert Mitsprache

Ein geeintes Zeichen von Naturschutz und Landwirtschaft möchten zwölf österreichische Jugendorganisationen setzen. Sie sprechen sich für Fairness gegenüber Landnutzer:innen im Kontext der Renaturierung aus. Mit ihrem Jugendstatement zu Renaturierung fordern sie eine stärkere Teilhabe der Jugend in der Umsetzung des Renaturierungsgesetz. Auf Basis einer Umfrage zu Renaturierung unter jungen Menschen in Österreich wurden neun Forderungen formuliert. So benennen sie die flächendeckende Schaffung von fachlicher, finanzieller und personeller Unterstützung für Landwirt*innen in der Umsetzung freiwilliger Renaturierungs-Maßnahmen als einen ersten wichtigen Schritt. Ebenso sollten Unterstützungsmöglichkeiten wie ein Kleinprojekte-Fördertopf oder eine bundesweite Informations- und Koordinationsstelle für eigenständige Renaturierungs-Projekte geschaffen werden.

Erste Ansätze in der Renaturierung

An vielen Ecken wird diese große Aufgabe bereits bearbeitet: Das Life AMooRe Projekt soll bis 2033 auf einer Fläche von 1400 Hektar Moore in Österreich renaturieren. Das mit 44 Millionen Euro dotierte EU-Projekt beteiligt alle 9 Bundesländer und das Bundesministerium für Landwirtschaft, um den Moorschutz in Österreich zu fördern. Das Projekt “Einfach gut” verfolgt den Ansatz, durch Kommunikation zwischen Landwirt*innen mit einfachen effektiven Maßnahmen die Biodiversität auf landwirtschaftlich genutzten Flächen zu steigern. Zum Beispiel werden Nisthilfen für Wildbienen durch das Bohren von Löchern in Weidepfosten geschaffen. Die Österreichische Berg- und Kleinbäuer_innen Vereinigung ÖBV, Teil der Via Campesina bietet für Landwirt*innen eine Alternative zur Organisierung im Bauernbund.

Ohne gesunde Böden, sauberes Wasser und ein funktionierendes Ökosystem ist eine nachhaltige Landwirtschaft langfristig nicht möglich. Der heraufbeschworene Konflikt zwischen Naturschutz und Landwirtschaft darf daher nicht als Gegensatz gedacht werden, sondern muss als komplexe, wechselseitige Beziehung verstanden werden. Naturschutz darf nicht als Bedrohung, sondern muss als Investition in Landwirtschaft und Ernährungssicherheit gesehen werden.

Foto: GYBN Austria

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