Zur Produktivität des Konflikts – Von der Lust am Streiten und gemeinsam Kämpfen

Sowohl mit Schweigen als auch öffentlichem Diffamieren ist in der politischen Auseinandersetzung niemandem geholfen. Das feministische (Wissenschafts-)Kollektiv „Zwischen Institution und Utopie” möchte Streiten also zu etwas Produktivem machen. Mitbegründerin Melinda Matern erzählt für den sechsten Teil des Strategy Summers von erlebter Sprachlosigkeit und warum Widerstreit in feministischen Gruppen eine Absage an patriarchale Vorstellungen ist.

Wer mag es in feministischen Zusammenhängen in den letzten Jahren nicht erlebt haben. Diese eisige Stille, die entsteht, wenn man sich uneinig ist, nicht das Gleiche denkt und am liebsten schreien möchte, damit das Gegenüber doch endlich versteht. „Hör doch zu!“ flüstert es. Aber niemand horcht auf, und am Ende bleibt nur noch die aufschäumende Wut, der Ärger über die Gedanken der Anderen. Ein Räuspern erfüllt den Raum, die Empörung ist körperlich zu spüren und der kurze Traum von allumfassender Einigkeit hängt am seidenen Faden.

Wir könnten uns doch so gut verstehen, die liebsten Freund*innen sein, uns in den Armen halten und immer füreinander da sein. Wäre da nicht dein Widerwort, deine unerträglichen Ideen und Vorstellungen von der Welt. Dein falsches Verständnis von Geschlechterverhältnissen, dein Wunsch nach Geschlechtslosigkeit, deine bürgerliche Einstellung zu Familie, Ehe und Mutterschaft, deine fragwürdigen Aussagen über Zweigeschlechtlichkeit und den Begriff der „Frau“, dein Lob des Diversitätsmanagements wie auch deine neoliberale Haltung zu kapitalistischer (Selbst-)Ausbeutung. 

Doch anstatt dich lautstark zu konfrontieren, wird mir bei der Vorstellung unbehaglich und es verschlägt mir die Sprache, die zum Streiten notwendig wäre. „Jetzt schweigen wir meistens, wenn wir zusammen sind. Wir schweigen fast immer, weil wir begonnen haben, unsere Gedanken zu begraben in uns selber, tief innen. Wenn wir wieder sprechen beginnen, werden wir nur unnötige Gedanken sagen”, formuliert es die italienische Autorin Natalia Ginzburg in ihrem Roman “Die Stimmen des Abends” treffend.

Das Ende einer Beziehung?

Konflikte müssen jedoch weder das Ende einer Beziehung noch der politischen Zusammenarbeit sein. Sie zu vermeiden oder kleinzureden ist vielmehr das Problem: sich der Diskussion zu entziehen und die Auseinandersetzung zu scheuen. Infolgedessen keine Möglichkeit zum Widerwort zu geben und damit den eigenen Standpunkt nicht auf den Prüfstand stellen zu müssen. Sich in die eigene Blase zurückzuziehen und sich lieber gegenseitig in der Abgrenzung zu anderen feministischen Strömungen und Kontexten zu bekräftigen und damit politische Bündnisse zu verunmöglichen. Lieber übereinander als miteinander zu reden und den Zerfall einer feministischen Bewegung der notwendigen Verständigung vorzuziehen. 

Vor dem Hintergrund dieser Beobachtungen und in Reaktion auf diese Entwicklungen gründete sich im Zeitraum der Pandemie das feministische (Wissenschafts-)Kollektiv „Zwischen Institution und Utopie”. Es versteht sich als autonomer und dezentral organisierter Zusammenschluss von Feminist*innen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz und nimmt eine gesellschafts- und herrschaftskritische Perspektive ein. Seit seiner Gründung widmet sich das Kollektiv der eigens erlebten Sprach- und Streitlosigkeit wie auch der zunehmenden Verinselung in feministischen Zusammenhängen. Langfristiges Ziel ist es, dem Elend des Schweigens und der gegenseitigen Abwertung engagierte Kontroversen und zugewandten Widerstreit, der nicht harmonisiert und unvereinbare Positionen zulässt, entgegenzusetzen. 

Es ist nichts zwischen uns

Als erster Versuch veranstaltete das Kollektiv die Vortragsreihe „Es ist nichts zwischen uns. Über die Produktivität des Konflikts im (inner)feministischen Widerstreit”. Thematischer Schwerpunkt waren Konflikt- und Scheidelinien in der feministischen Geschichte und Gegenwart sowie Theorie und Praxis. Feminist*innen unterschiedlicher Generationen und Strömungen diskutierten über antifaschistische Politik, feministische Erinnerungskultur in Bezug auf den Nationalsozialismus, Mutter- und Elternschaft im Kapitalismus, das Konfliktfeld der Sprache, Fragen der Stadtplanung sowie über Solidarität und Utopien. Insgesamt erhielten die Veranstaltungen großen Zuspruch, vor allem auch deswegen, da sie Ambivalenzen, Widersprüche und (Un-)Vereinbarkeiten produktiv verhandelten. Der von Kollektivmitgliedern erhoffte leidenschaftliche Widerstreit unter Feminist*innen blieb jedoch leider häufig aus. Sei es aus Zustimmung, Respekt, Angst, Unlust oder auch angesichts mangelnder Argumente. Vielleicht fehlte aber auch eine grundsätzlich feministische Streitkultur. 

Streiten als schöne Zumutung 

Konflikte müssen nicht immer zerstörerisch sein und zu Trennungen und Spaltungen führen. Streit kann auch sehr produktiv sein. Und zwar gerade dann, wenn er sich als ein Beziehungsangebot an das Gegenüber versteht und so zu einem Mittel der Selbstorientierung und Selbstverständigung wird. Andere Feminist*innen ernst zu nehmen, dem Widerstreit nicht auszuweichen und die Standpunkte der Anderen zu akzeptieren,  auch wenn sie nicht den eigenen entsprechen, bedeutet, sich selbst wie auch ihnen Relevanz zuzusprechen und einen Platz in einer männlich dominierten Welt einzuräumen.

Es ist eine Absage an die patriarchale Idee, Frauen* seien aufgrund ihrer Natur weder zur Vernunft noch zur Selbstbeherrschung fähig und ihre Auseinandersetzungen wären lediglich mit „Cat Fights” oder „Stutenbissigkeit” zu vergleichen. Widerstreit im Feminismus, der produktiv, progressiv und emanzipatorisch sein will, ist zugewandt, fokussiert die Inhalte und greift nicht persönlich an. Als kollektive Entdeckungsreise ist er inspirierend, schärft die Sinne und befreit von der Last, im Streit immer recht haben zu müssen. 

(Un)Produktive Konflikte 

Konflikte mit anderen Feminist*innen zu meistern, bedeutet, mit einem gestärkten Selbstbewusstsein hervorzugehen. Gemeinsam Standpunkte zu entwickeln, Bündnisse zu festigen und politisch in Bewegung zu bleiben. Sich produktiv zu widersprechen heißt, eine argumentative Kraft zu entfesseln, die das Gegenüber in einen Bann zieht und zum Zuhören animiert. Es vom Gesagten überzeugt und nicht überredet, manipuliert oder durch Drohgebärden in Angst versetzt. Sich entzündende Kontroversen werden so zu Wegweisern hinsichtlich aktueller Problemlagen, die unbedingt diskutiert werden müssen, um Feminismus als politisches Projekt voranzutreiben, statt bedrohlichen Szenarien. 

Weitaus gefährlicher sind die kontraproduktiven Umgangsweisen, die sich viele Feminist*innen angeeignet haben. So ist nichts für feministische Projekte und Bündnisse gewonnen, wenn sich Feminist*innen gegenseitig zum Schweigen bringen, öffentlich beleidigen und diffamieren. Das ist keine gewinnbringende Konfliktbewältigung, sondern der Versuch, Macht- und Herrschaftspositionen einzunehmen und den feministischen Diskurs zu bestimmen. Aber auch diejenigen, die dem Konflikt ausweichen möchten, sind zu fürchten. Denn wer die Auseinandersetzung scheut und sich der Diskussion entzieht, fordert Stillstand ein, der nicht auf Veränderungen zielt. Und trägt dazu bei, dass die gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnisse letztlich alternativlos erscheinen. 

Eine Frage der Überzeugungskraft  

Und da sitze ich dir plötzlich wieder gegenüber und erinnere mich an Natalia Ginzburgs Worte: „Unser Schweigen war unser Reichtum. Jetzt sind wir beschämt und verzweifelt und kennen das Elend des Schweigens. Wir konnten nie mehr von ihm loskommen.” Doch das muss nicht so sein. Denn die scheinbare Ausweglosigkeit lässt sich auch produktiv wenden und das Schweigen zwischen Feminist*innen brechen, um der Sprach- und Streitlosigkeit etwas entgegenzusetzen. Und plötzlich stimmst du mir zu und schlägst vor, den Umgang mit Konflikten zu üben und streiten zu lernen. Und möglicherweise auch eine Streitkultur zu entwickeln. Sei es in Form von feministischen Debattierclubs oder dafür eigens eingerichteten Streiträumen. Mit dem Ziel, sich Argumentationsstrategien zu erarbeiten, sich politisch und inhaltlich weiterzubilden, rhetorische Fähigkeiten zu erlernen und dabei Diskussionen nicht nur zu gewinnen, sondern auch zu „verlieren”.

Orte, an denen Feminist*innen nicht zwingend zu Freund*innen werden müssen, sich aber vertrauen. An denen sich das zarte Band der Gemeinschaft nicht löst, sobald sich herausstellt, dass die Widerstreitenden unterschiedliche feministische Standpunkte vertreten. Ein Raum, in dem Uneinigkeit nicht hemmt, sondern zum Antrieb leidenschaftlichen Streitens wird. Aber mit Verweis auf Gudrun Axeli-Knapp darf nicht vergessen werden: “Einen Großkonsens zu erwarten war schon immer illusionär und wäre es auch heute, nichtsdestotrotz bedarf es zumindest eines geteilten Grundverständnisses über kritikwürdige Problemlagen und darüber, um was es gehen soll.” 

Unsere Sommerreihe wird mit Bildern von Jlo begleitet. Die Fotografien stammen aus einem Fundus alter DiasSie wurden in den ersten Lockdowns der Corona-Pandemie angeschafft, um zu Hause mit Bezugspersonen Diashows im Stil der Großelterngeneration zu veranstalten, diese mit ausgedachten Geschichten zu untermalen und gemeinsam zu lachen. Durch verschiedene Arten von Schimmel und langem Aussetzen in Feuchtigkeit sind viele der Dias verfremdet wordenHierdurch zersetzen sich die Motive zu spannenden Farbformen. Jlo versucht, diesen Prozess selbst herzustellen und als Kunstprojekt aufzugreifen.

Hier könnt ihr die bisherigen Artikel des Strategy Summer 2025 lesen:

Wofür kämpfen, was gibt es zu gewinnen? – Prolog zum strategy summer 2025


„Und lasst die Erde erzittern zum Gebrüll unserer Freund*innenschaft“


Lässt sich gegen Bodeneigentum langfristig gewinnen? Beobachtungen aus der Comunidad María Auxiliadora

Die zweite Pubertät – Älterwerden in der politischen Organisierung

Organize Global – Organize Local: Internationalistisch gewinnen

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