In Frankreich formiert sich eine neue Protestbewegung: Bloquons tout – Blockieren wir alles. Auslöser sind jüngste Sparprogramme. Nährboden ist die anhaltende Wut über die Politik von Emmanuel Macron. Anna Rosa Prasser mit Hintergründen und Eindrücken aus Frankreich.
Am 10. September stand Frankreich still – zumindest dort, wo das neue Schlagwort der Protestbewegung auf Resonanz stieß: Bloquons tout – Blockieren wir alles. Hinter dem Slogan verbirgt sich keine Gewerkschaft, keine Partei, kein Verein, sondern eine lose, dezentral organisierte Bewegung. Sie ging im Sommer 2025 aus den Tiefen von Telegram-Gruppen und sozialen Netzwerken hervor – und rückte rasch ins Zentrum der politischen Debatte.
Von der anonymen Parole zum landesweiten Aufruf
Der unmittelbare Auslöser: das Sparprogramm, das Ex-Premier François Bayrou, der am 9. September wegen verlorener Vertrauensfrage zurücktreten musste, vorgestellt hatte. 43,8 Milliarden Euro will die Regierung 2026 einsparen. Sie spricht von einem année blanche; einem eingefrorenen Jahr: Leistungen, Pensionen und Sozialtransfers sollen nicht an die Inflation angepasst werden. Pensionierte Beamt*innen sollen nicht ersetzt, rund 3.000 Stellen im öffentlichen Dienst gestrichen werden. Die Ausgaben vieler Ministerien werden eingefroren – mit Ausnahmen für Verteidigung und Schuldendienst. Kürzungen im Sozial- und Gesundheitsbereich sowie eine geplante Erhöhung des Selbstbehalt für Patient*innen werden von der breiten Öffentlichkeit besonders heftig kritisiert. Den ursprünglichen Plan, zwei Feiertage zu streichen, um die Produktivität zu steigern, hat der neue Premierminister Lecornu wegen lautstarker Proteste bereits aufgegeben.
Für viele in Frankreich lebende Menschen bedeuten die Einsparungen: weniger Kaufkraft, weniger soziale Sicherheit, weniger Zukunftschancen. Schon im Juli kursierten anonyme Aufrufe zum vollständigen Stillstand des Landes in sozialen Netzwerken: arrêt total du pays. Wirkte die Forderung nach einem Generalstreik zunächst wie eine Randnotiz, entfaltete sie binnen weniger Wochen eine ungeahnte Dynamik. Der Hashtag #BloquonsTout verbreitete sich schnell. Bald sprangen linke Parteien und Gewerkschaften – allen voran die Eisenbahner – auf den fahrenden Zug auf.
Demokratische Defizite im Macronismus
Das angekündigte Sparprogramm brachte das Fass nur zum Überlaufen. Eigentlich richtet sich die Wut gegen Präsident Emmanuel Macron selbst. Seit Jahren gilt seine Regierungsführung vielen als undemokratisch: zentrale Entscheidungen – etwa die Pensionsreform oder Haushaltsgesetze – wurden unter Berufung auf Artikel 49.3. der französischen Verfassung und somit ohne Abstimmung im Parlament verabschiedet.
Mit Sébastien Lecornu ernannte Macron nach dem Rücktritt von François Bayrou bereits den siebten Premierminister aus dem eigenen Lager. Dabei war seine Partei bei den Parlamentswahlen im Sommer 2024 auf 21,8 % abgestürzt – weit hinter dem rechtsextremen Rassemblement National (33,4%) und dem linken Front Populaire (28,8%).

Im Protest gegen diese Politik ist für viele klar: Klassische Demonstrationen mögen eine symbolische Kraft haben. Diese Symbolik kommt aber nicht an gegen eine Regierung, die Kritik ignoriert. Die Radikalität von „Bloquons tout“ erklärt sich aus diesem Gefühl der Ohnmacht.
Der erste Aktionstag – mehr Symbol als Stillstand
„Le 10 septembre, bloquons tout!“ – der 10. September war als Generalprobe angekündigt. Und tatsächlich: Etliche Schulen und Universitäten blieben geschlossen, Landstraßen und Kreisverkehre wurden zumindest morgens blockiert und in mehreren Städten fanden Massendemonstrationen und Versammlungen statt. Die Blockierenden sind gut organisiert: Feministische Kollektive organisierten Kinderbetreuung, um Eltern den Streik zu ermöglichen, und Freiwillige organisierten gratis Essensstellen für Streikende.
Natürlich kam das Land nicht völlig zum Stillstand. Doch die symbolische Wucht war erheblich: Zum ersten Mal seit Jahren entstand eine Protestwelle jenseits klassischer Gewerkschaftsstrukturen.
Ein Wiederaufleben der Gelbwesten?
Die Medien ziehen oft Parallelen zu den Gelbwesten. Der französische Soziologe Antoine Bristielle vom Meinungsforschungsinstitut der Fondation Jean Jaurès verortet „Bloquons tout“ deutlich links: „70 Prozent der Aktiven würden Mélenchon’s La France Insoumise wählen. 90 Prozent ordnen sich auf einer Links-Rechts-Skala zwischen null und zwei ein.“ Damit unterscheidet sich die Bewegung klar von den Gelbwesten, die 2018/19 aus breiteren, oft prekären Milieus kamen und politisch heterogen blieben.
Bloquons tout ist hingegen jung, gebildet, mit einem klaren Fokus auf soziale Gerechtigkeit. Doch gerade diese ideologische Homogenität könnte die Reichweite beschränken. Umfragen zeigen: Viele Bürger*Innen haben Sympathien – aber nur wenige beteiligen sich aktiv.

Repression statt Dialog
Der 10. September war auch ein Tag massiver Repression. 80.000 Polizist*innen und Gendarm*innen standen hunderttausenden Demonstrierenden gegenüber. Von Paris bis Marseille: Prügelattacken, Wasserwerfer, Tränengas, Verletzte – darunter Minderjährige.
Getroffen hat diese Gewalt eine Bewegung, die überwiegend friedlich agierte: Straßen blockierte, Plätze besetzte, diskutierte. Frankreichs Polizei gilt seit Jahren als eine der brutalsten in Europa – mit einem Waffenarsenal, das dem anderer EU-Staaten deutlich überlegen ist. Schon 2019 hatte die UN-Menschenrechtschefin Michelle Bachelet Frankreichs Polizeigewalt mit Staaten wie Sudan oder Venezuela verglichen. Auch Reporter ohne Grenzen dokumentierte wiederholt Angriffe auf Journalist*innen: trotz Pressewesten eingekesselt, verletzt, Kameras und Mikrofone zerstört.
Während die Medien inzwischen regelmäßig über Polizeigewalt berichten, weigern sich Präsident Emmanuel Macron und sein Innenminister weiterhin, den Begriff überhaupt zu benutzen. „Polizeigewalt ist eine unwürdige Vokabel für einen Rechtsstaat“, erklärte Macron einst – so, als läge das Problem in den Worten, nicht in den Taten.
Wie geht es weiter?
Ob Bloquons tout am Ende nur ein kurzer Aufschrei bleibt oder sich zur nächsten großen Protestwelle auswächst, ist noch offen. Auf den 10. September folgte mit dem 18. September ein zweiter Streiktag, an dem laut Innenministerium 500.000 und laut Gewerkschaften bis zu einer Million Menschen auf die Straße gingen. Die Gewerkschaften und Studierenden sind gut organisiert und gerade dabei, eine enge Zusammenarbeit aufzubauen. Die Frage ist vermutlich weniger, ob Bloquons tout weiter geht – sondern wie weit.
Mehr über die Proteste in Frankreich erfahrt ihr in dieser Videoreportage von BLAST (französisch). Außerdem könnt ihr den Kanälen von Contre Attaque folgen.
Titelbild: Anna Rosa Prasser