Feminismus und Religion. Geht das zusammen? Arash T. Riahi und Verena Soltiz stellen in ihrer Dokumentation „Girls & Gods“ unbequeme Fragen und öffnen Gesprächsräume. Der Film lässt aber auch problematische Leerstellen.
Kurz wirken die Mitglieder des Councils of Ex-Muslims überrascht. Gerade noch hatten die Frauen über die patriarchale Gewalt gesprochen, die ihnen im Namen des Islam angetan wurde und jetzt erhalten sie von der Leiterin des Councils einen Koran, speziell für Frauen! Schnell aber wird die Verwirrung zu Gelächter. Denn als die Frauen die Bücher öffnen, sehen sie, dass alle Seiten leer sind. Endlich ein wirklich heiliges Buch für Frauen, eines, das ihnen nicht mehr vorschreibt, wie sie zu leben haben! Auch die Leiterin lacht. Sie empfiehlt, den leeren Koran dafür zu nutzen, sich Luft zuzufächern. Es sei wirklich sehr heiß heute.
Der Film „Girls & Gods“ demonstriert, dass Humor auf jeden Fall hilft, sich dem schwierigen Verhältnis von Feminismus und Religion zu nähern. Stigmatisierung, Unterdrückung und Gewalt haben viele FLINTA* dazu gebracht, sich von ihrer Religion loszusagen. Ebenso wie sie die feministische Punkband Pussy Riot dazu gebracht haben, ihre Hymen gegen die russisch-orthodoxe Kirche zu schmettern. All diese kritischen Akteur*innen kommen in der Dokumentation zu Wort, aber nicht nur: Inna Schewtschenko, FEMEN-Aktivistin, Initiatorin und Protagonistin des Films, spricht auf ihrer Reise durch die monotheistischen Religionen (solche, die nur einen Gott kennen) auch mit jenen Frauen, die sowohl Glauben als auch Feminismus leben und so nichts Geringeres versuchen, als die patriarchalen Systeme von innen zu sprengen.
Mit der feministischen Kettensäge
Wer an Inna Schewtschenko und FEMEN denkt, denkt an selbstbewusste Frauen, die sich mit freiem Oberkörper und gereckten Fäusten gegen das Patriarchat erheben. „Girls & Gods“ macht von Beginn an klar, dass Schewtschenko nicht auf Seite der Kirchen, Moscheen und Synagogen steht. In einer wackligen Videoaufnahme von 2012 fällt sie mit einer Kettensäge ein großes Holzkreuz, mitten in Kiew. In ihrer Heimat der Ukraine war Schewtschenko schnell unbeliebt. Feminist*innen weltweit feierten sie dagegen als Ikone.

Selbstbewusst und mit einem leicht spöttischen Grinsen treffen wir die Aktivistin in „Girls & Gods“ wieder. Eine ihrer ersten Besuche macht Schewtschenko in Linz. Sie trifft dort eine Gruppe römisch-katholischer Priesterinnen. Mit strahlenden Gesichtern stehen die Frauen an der Donau, erzählen von Jesus als einem Feministen und lassen sich von Schewtschenko Blumenkränze auf den Kopf setzen, ein Erkennungszeichen von FEMEN. Leicht verunsichert lächeln die älteren Frauen mit ihren edlen weißen Gewändern und Blumenkränzen in die Kamera. Schewtschenko ist ganz Provokateurin und den Zuschauenden ist von Anfang an klar: Die bekennende Atheistin wird sich mit Ausreden nicht einfach zufriedengeben.
Gewalt und Heilige Schrift
Kurz darauf in Berlin: Schewtschenko trifft Khola Maryam Hübsch, eine Journalistin und Mitglied der muslimischen Ahmadiyya-Gemeinschaft. Erst lachen die beiden Frauen und tauschen sich interessiert über die Facetten des Islams aus. Dann aber fragt Schewtschenko bei einer Koranstelle genauer nach: Steht da nicht explizit, dass der Mann die Frau unterwerfen soll? Wie geht das bitte mit einer feministischen Deutung des Islams zusammen? Und nimmt man die Männer nicht aus der Verantwortung, wenn sich die Frauen verschleiern sollen? Was hat das mit der von Hübsch angedeuteten Body Positivity zu tun? Die sachlich argumentierende Journalistin bleibt um Fassung bemüht. Manchmal rutscht sie aus ihrem Englisch aber ins Deutsche. Bald überschlagen sich die Worte der beiden Frauen. Ein lebendiger Diskurs. Am Ende gibt es eine Umarmung.

„Girls & Gods“ ist ein Film voller Widersprüche. Nichts anderes sollte man bei diesem Thema erwarten. Religion ist kein Thema, das mit Pro-/Kontra-Listen abgefrühstückt werden kann. Nichts, das man wegumarmen kann. Die unangenehmste Szene im Film zeigt einen sogenannten „March for Life“ in Washington: Abtreibungsgegner*innen protestieren laut- und symbolstark vor dem Kapitol. Eine lächelnde Frau trägt ein T-Shirt, das Vergewaltigung als Weg zur glücklichen Schwangerschaft legitimiert. Ein Mann brüllt biblische Botschaften ins Mikro. Bis Inna Schewtschenko kommt.
Weibliche Föten, unsichtbare Queers
„Von Anfang an haben wir ‚Girls & Gods‘ als einen Debatten-Film bezeichnet – wir verstehen ihn nicht als Film, der Antworten liefert, sondern als einen, der uns veranlasst, die richtigen Fragen zu stellen“, erzählt Schewtschenko in ihrem Presse-Statement. Nicht immer gelingt das. Als Schewtschenko mit zwei Frauen der New Yorker Initiative „Feminists Choosing Life“ diskutiert, trifft sie auf die groteske Behauptung, dass es eine feministische Geste sei, den weiblichen Fötus zu schützen und Abtreibung deshalb zu verhindern. Seltsamerweise hakt Schewtschenko daraufhin nicht weiter nach. Vielleicht fehlen selbst der kampferprobten FEMEN-Aktivistin hier die Worte.
Den weiblichen Fötus schützen. Vielleicht hätten queere Personen heftiger protestiert. Die fehlen in „Gods & Girls“ aber weitgehend. Zwar werden Lebensrealitäten von LGBTIQA+ immer wieder angesprochen, die Trans-Ikone Anohni Hegarty darf auf dem Soundtrack singen und auch der CSD in Berlin in allen Farben leuchten. Trotzdem bleiben queere Akteur*innen als Gesprächspartner*innen außen vor. Eine Ausnahme markiert Schewtschenkos Begegnung mit Abby Stein, einer israelisch-amerikanischen Rabbinerin, Trans-Aktivistin und Autorin. Das Gespräch zeigt erfrischende Einsichten. Anders als Khola Maryam Hübsch versucht Abby Stein sexistische Stellen in der Heiligen Schrift nicht zu rechtfertigen, sondern flucht auf charmante Weise darüber. Gerne hätte man ihr und anderen Queers länger zugehört. Schließlich sind sie das größte Feindbild des religiösen Konservativismus weltweit. Allein der Blick ins katholische Lager eines JD Vance genügt.
Dirty Beats, saubere Ästhetik
Am Anfang war die Vulva. So könnte die Schöpfungsgeschichte aus „Girls & Gods“ lauten. Der Film beginnt mit der beeindruckenden Installation „monstramus – wir zeigen“ von Ina Loitzl. In der Klagenfurter Burgkapelle ist sie zu sehen: eine gigantische, farbenfrohe Vulva, flankiert von kleineren Vulven. Aus der großen heraus schaut uns ein Auge entgegen. Ein Statement gegen leibfeindliche Kirchenräume – ganz im Sinne der körperpositiven Proteste von FEMEN. Auch der Soundtrack des Films lässt aufhören. Zu musikvideotauglichen Kamerafahrten durch Kirchenräume oder graffitiverzierte Städte hören wir die hämmernden Beats von Baby Volcano, die aggressiven Hymen von Pussy Riot und die zarten Songs Anohni Hegartys.

Im Gesamtbild bleiben diese Ausflüge in Kunst und Kultur aber nur Lückenfüller. Den Schwerpunkt bildet die Debatte. Meist schauen wir Menschen in sauber ausgeleuchteten Zimmern beim Diskutieren zu. Das ist denkbar weit von den packenden Punk Prayers von Pussy Riot oder der Kettensäge Inna Schewtschenkos entfernt. Dabei ist Religion mehr als nur Quellencheck und Argumentation. Sie birgt Gefühle und damit Ressentiments, Körper und damit auch Körperfeindlichkeit. „Gods & Girls“ ist dagegen ein Film ohne viel Körper und Performance, ein sauber inszenierter Debattenbeitrag für den Kopf. Eine weitere informative Dokumentation, der hoffentlich radikalere Filme zum Thema folgen werden – oder einfach nur ein neues Musikvideo von Pussy Riot.
„Girls & Gods“ ist ab jetzt in den Kinos zu sehen. mosaik hat zwei Pressetickets für die Vorführung im Rahmen des „Feminist Film Club“ im Stadtkino erhalten.
Titelbild: Golden Girls Film