Weltweit bleibt das Menschenrecht auf Nahrung ein leeres Versprechen. Während Agrarkonzerne Land aufkaufen und ihre Gewinne maximieren, sind Millionen Menschen weiterhin von Hunger betroffen. Die 14. Ausgabe der Filmtage „Hunger.Macht.Profite.” thematisiert, wie industrielle Landwirtschaft Hunger, Arbeitsausbeutung sowie Umweltzerstörung und Klimakrise befeuert, und regt damit die Diskussion um Alternativen an. Julia Kocher von FIAN Österreich beleuchtet die Rolle von Landgrabbing und stellt die Dokumentation „Landgrabbed” von Magdalena Krukowska vor.
Fast 700 Millionen Menschen sind weltweit von Hunger betroffen und über 2 Milliarden Menschen haben keinen ausreichenden Zugang zu gesunder Ernährung. Ein Grund für die ausbleibende Verbesserung trotz des jahrzehntelangen internationalen Kampfes gegen Hunger ist, dass die eigentlichen Gründe nur unzureichend adressiert werden.
Statt strukturelle Veränderungen zu wollen und sich beispielsweise für faire Handelsbedingungen einzusetzen, die auch kleinbäuerliche Strukturen berücksichtigen, versanden Nothilfen, wenn weiterhin auf die Industrialisierung der Landwirtschaft gesetzt wird. Dabei belegt die Entwicklung der letzten Jahrzehnte, dass diese Industrialisierung, die sich ab den 1970er Jahren als vermeintliche Lösung gegen den globalen Hunger durchsetzte, keinesfalls einer Produktion und Verteilung nach Bedarf folgt, sondern der Profitsteigerung einiger Weniger und somit nicht zur Lösung beiträgt. Durch die Liberalisierung und Deregulierung des Welthandels wird in Ländern des Globalen Südens zunehmend für den Export, also für unsere Supermarktregale, angebaut. Auf Flächen, die oftmals zuvor dem kleinbäuerlichen Anbau dienten und die Grundlage lokaler Ernährung waren.
Das Geschäft mit dem Land
Als Landgrabbing wird eine Entwicklung der letzten Jahre bezeichnet, bei der sich internationale Agrarkonzerne, Banken und nationale Eliten Tausende Hektar Land sichern. Seit dem Jahr 2000 haben Konzerne und Investoren schätzungsweise 65 Millionen Hektar Land erworben – eine Fläche, doppelt so groß wie Deutschland. Dieser Landraub hat zu einem starken Ungleichgewicht geführt: Nur ein Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe kontrolliert 70 Prozent der weltweiten Agrarflächen. Während Regierungen und Investoren diese Landnahme als Strategie zur Armutsbekämpfung und Entwicklung darstellen, sieht die bittere Realität für die betroffenen Menschen ganz anders aus: Landgrabbing führt zu massiven Menschenrechtsverletzungen wie brutalen Vertreibungen.
So wurden beispielsweise im Jahr 2001 vier Dörfer im Bezirk Mubende in Uganda vollständig zerstört, weil die ugandische Regierung das Land an die Kaweri Coffee Plantation Ltd. aus Deutschland verpachtet hatte, um eine Kaffeeplantage anzulegen. An den neuen Großplantagen finden zudem viel weniger Menschen Arbeit als in den kleinbäuerlichen Strukturen, was viele Betroffene zur Abwanderung zwingt.
Langer Atem für Gerechtigkeit
Während Investoren und nationale Eliten von Landraub profitieren, wird den lokalen Bevölkerungen buchstäblich der Boden unter den Füßen weggezogen. Dabei schreibt die UN-Erklärung für die Rechte von Kleinbäuer*innen und anderen Personen, die in ländlichen Regionen arbeiten (UNDROP) in Artikel 17 genau jenes Recht auf Land fest. Demnach haben Kleinbäuer*innen und andere Personen, die in ländlichen Regionen leben, ein Recht auf Land, um einen angemessenen Lebensstandard zu erzielen, einen Ort zu haben, an dem sie in Sicherheit, Frieden und Würde leben können, und ihre Kultur zu entfalten. Durch Landgrabbing werden genau diese Rechte auf Land, Nahrung, Wasser und Wohnen verletzt.
Doch der Weg zu Gerechtigkeit und Entschädigung für die Betroffenen ist steinig. Im Fall des Landraubs durch die ugandische Regierung und die Kaweri Coffee Plantation Ltd. gab es etwa erst nach 24 Jahren und zahlreichen Verzögerungen der Gerichtsverhandlungen erste Entschädigungen für einen Teil der Betroffenen. Im Bezirk Makeni in Sierra Leone warten die Betroffenen auch 17 Jahre später immer noch auf Gerechtigkeit. 2008 verlor die lokale Bevölkerung für ein Projekt der Schweizer Firma Addax Bioenergy, welches auch von europäischen Entwicklungsbanken finanziert wurde, den Zugang zu ihrem Land. Auf dem Land sollten Zuckerrohrplantagen, eine Ethanolraffinerie und ein Biomassekraftwerk entstehen. Die lokale Bevölkerung hat nun viel weniger Land, zum Beispiel für den Anbau von Nahrungsmitteln, was zu Ernährungsunsicherheit führte.
„Landgrabbed“ – ein Film über Landgrabbing und seine Folgen
Der afrikanische Kontinent ist die am stärksten von großflächigem Landraub betroffene Region im Globalen Süden. Auf diese Region wirft auch der Film „Landgrabbed“ von Magdalena Krukowska seinen Blick. Der Film zeigt die Geschichte zweier Gemeinden in Ghana und der Elfenbeinküste, welche der belgische Konzerns SIAT für Kautschuk- und Palmölplantagen enteignete. Es wird deutlich gemacht, welche Bedeutung der Zugang zu Land für die Menschen hat. Wisdom Koffi, Executive Director von Youth Volunteers for Environment Ghana stellt in dem Film treffend die Frage: „Wenn 80 Prozent der Afrikaner*innen, 80 Prozent der Ghanaer*innen von der Landwirtschaft leben, wie sollen sie leben, wenn sie kein Land haben?“ Die Dokumentation „Landgrabbed“ zeigt eindrucksvoll, wie der lokalen Bevölkerung in den Gemeinden in Ghana und der Elfenbeinküste durch den Raub ihres Landes ihre Lebensgrundlage, ihre Möglichkeit, sich angemessen zu ernähren und ihre Heimat genommen wurde. Und der Film zeigt auch, wie langwierig und schwer der Weg zu Gerechtigkeit für die Betroffenen ist.
Kleinbäuerliche Kämpfe sichtbar machen
Doch kleine Erfolge gegen Unternehmen, die Landgrabbing betreiben, machen Mut: Nachdem 2008 und 2009 rund 3.000 Menschen in Kambodscha für eine Zuckerplantage der Firma Mitr Phol – einem der weltweit größten Zuckerproduzenten – vertrieben worden waren, gingen die betroffenen Familien in der ersten transnationalen Menschenrechtsklage Südostasiens rechtlich gegen den größten Zuckerproduzenten Asiens vor und erreichten eine finanzielle Entschädigung. Im Mai dieses Jahres wurden Zahlungen an die Gemeinden geleistet.
Die 14. Filmtage „Hunger.Macht.Profite.” machen derartige Kämpfe sichtbar. Im Anschluss an die Vorführungen gibt es Diskussionen, in denen lokale Aktivist*innen und NGO-Vertreter*innen zu Wort kommen. So werden lokale und internationale Perspektiven miteinander verbunden und Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt. Die Filmtage zum Recht auf Nahrung zeigen vier kritische Dokumentarfilme und ein Kurzfilm-Special und touren an 24 Spieltagen durch alle neun Bundesländer.
Der Film „Landgrabbed“ wird noch am 22.10. im Filmzentrum im Rechbauerkino in Graz und am 13.11. im Kino Freistadt gezeigt. Nach jeder Filmvorführung gibt es auch die Möglichkeit sich in einem Filmgespräch mit Impulsgeber*innen auszutauschen und über mögliche Handlungsoptionen zu diskutieren. Das gesamte Programm der Filmtage auf www.HungerMachtProfite.at
Foto: Magdalena Krukowska